{"id":47890,"date":"1991-11-02T00:01:33","date_gmt":"1991-11-01T23:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47890"},"modified":"2025-11-03T16:36:28","modified_gmt":"2025-11-03T15:36:28","slug":"kaiserpanorama","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1991\/11\/02\/kaiserpanorama\/","title":{"rendered":"Kaiserpanorama"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war ein gro\u00dfer Reiz der Reisebilder, die man im Kaiserpanorama fand, da\u00df gleichviel galt, bei welchem man die Runde anfing. Denn weil die Schauwand mit den Sitzgelegenheiten davor im Kreis verlief, passierte jedes s\u00e4mtliche Stationen, von denen man durch je ein Fensterpaar in seine schwachget\u00f6nte Ferne sah. Platz fand man immer. Und besonders gegen das Ende meiner Kindheit, als die Mode den Kaiserpanoramen schon den R\u00fccken kehrte, gew\u00f6hnte man sich, im halbleeren Zimmer rundzureisen. Musik, die sp\u00e4ter Reisen mit dem Film erschlaffend machte, weil durch sie das Bild, an dem die Phantasie sich n\u00e4hren k\u00f6nnte, sich zersetzt \u2013 Musik gab es im Kaiserpanorama nicht. Mir aber scheint ein kleiner, eigentlich st\u00f6render Effekt all dem verlogenen Zauber \u00fcberlegen, den um Oasen Pastorales oder um Mauerreste Trauerm\u00e4rsche weben. Das war ein Klingeln, welches wenige Sekunden, eh das Bild ruckweise abzog, um erst eine L\u00fccke und dann das n\u00e4chste freizugeben, anschlug. Und jedesmal, wenn es erklang, durchtr\u00e4nkten die Berge bis auf ihren Fu\u00df, die St\u00e4dte in allen ihren spiegelblanken Fenstern, die fernen, malerischen Eingeborenen, die Bahnh\u00f6fe mit ihrem gelben Qualm, die Rebenh\u00fcgel bis ins kleinste Blatt sich tief mit wehmutsvoller Abschiedsstimmung. Zum zweitenmal kam ich zur \u00dcberzeugung \u2013 denn vorher brachte sie fast regelm\u00e4\u00dfig der Anblick schon des ersten Bildes auf \u2013 da\u00df es unm\u00f6glich sei, die Herrlichkeiten in dieser einen Sitzung auszusch\u00f6pfen. Und dann entstand der \u2013 nie befolgte \u2013 Vorsatz, am n\u00e4chsten Tage nochmals herzukommen. Doch ehe ich mir v\u00f6llig schl\u00fcssig war, erbebte der ganze Bau, von dem mich nur die Holzverschalung trennte; das Bild in seinem kleinen Rahmen wankte, um alsbald nach links vor meinen Blicken sich davonzumachen. Die K\u00fcnste, die hier \u00fcberdauerten, sind mit dem neunzehnten Jahrhundert aufgestanden. Nicht eben fr\u00fche, aber doch zur Zeit, um noch das Biedermeier zu begr\u00fc\u00dfen. Im Jahre 1822 hatte Daguerre sein Panorama in Paris er\u00f6ffnet. Seitdem sind diese klaren, schimmernden Kassetten, die Aquarien der Ferne und Vergangenheit, auf allen modischen Korsos und Promenaden heimisch. Und hier wie in Passagen und Kiosken haben sie Snobs und K\u00fcnstler gern besch\u00e4ftigt, ehe sie die Kammer wurden, wo im Innern die Kinder mit dem Erdball Freundschaft schlossen, von dessen Kreisen der erfreulichste \u2013 der sch\u00f6nste, bilderreichste Meridian \u2013 sich durch das Kaiserpanorama zog. Als ich zum erstenmal dort eintrat, war die Zeit der zierlichsten Veduten l\u00e4ngst vorbei. Der Zauber aber, dessen letztes Publikum die Kinder waren, hatte nichts verloren. So wollte er mich eines Nachmittags vorm Transparent des St\u00e4dtchens Aix bereden, ich h\u00e4tte in dem olivenfarbenen Lichte, das durch die Platanenbl\u00e4tter auf den breiten Cours Mirabeau herabstr\u00f6mt, schon einmal zu einer Zeit gespielt, die freilich nichts mit andern Zeiten meines Lebens teilte. Denn dies war an den Reisen sonderbar: da\u00df ihre ferne Welt nicht immer fremd und da\u00df die Sehnsucht, die sie in mir weckte, nicht immer eine lockende ins Unbekannte, vielmehr bisweilen jene lindere nach einer R\u00fcckkehr ins Zuhause war. Das aber ist vielleicht das Werk des Gaslichts gewesen, das so sanft auf alles fiel. Und wenn es regnete, so brauchte ich mich nicht bei den Affichen aufzuhalten, auf welchen alle f\u00fcnfzig Bilder p\u00fcnktlich, in zwei Kolonnen, eingetragen waren \u2013 ich trat ins Innere und fand nun dort in Fjorden und auf Kokospalmen dasselbe Licht, das abends bei den Schularbeiten mir das Pult erhellte. Es sei denn, ein Defekt in der Beleuchtung erzeugte pl\u00f6tzlich jene seltene D\u00e4mmerung, in der die Farbe aus der Landschaft schwand. Dann lag sie unter einem Aschenhimmel verschwiegen da; es war, als h\u00e4tte ich noch eben Wind und Glocken h\u00f6ren k\u00f6nnen, wenn ich nur besser achtgegeben h\u00e4tte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<div style=\"width: 276px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=48828&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Kaiserpanorama_Prater.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 266px) 100vw, 266px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Kaiserpanorama_Prater.jpg 444w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/Kaiserpanorama_Prater-300x216.jpg 300w\" alt=\"\" width=\"266\" height=\"192\" \/><\/a><p class=\"wp-caption-text\">Ein Stereoskop im Wiener Praterkino &#8222;Kaiserpanorama&#8220; um 1900. Originalfoto im Besitz des Filmarchiv Austria<\/p><\/div>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als Kaiserpanorama bezeichnet man ein um die Wende zum 20. Jahrhundert popul\u00e4res Massenmedium, das es bis zu 25 Personen gleichzeitig erm\u00f6glichte, stereoskopische Bilderserien durch ein Guckloch zu betrachten. Gezeigt wurden haupts\u00e4chlich exotische und f\u00fcr den Normalb\u00fcrger unerschwingliche Reiseziele und Landschaften. Ein Umlauf der hinter einer zylindrischen Holzvert\u00e4felung automatisch im Kreis transportierten Bildserien dauerte eine halbe Stunde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Es war ein gro\u00dfer Reiz der Reisebilder, die man im Kaiserpanorama fand, da\u00df gleichviel galt, bei welchem man die Runde anfing. 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