{"id":47887,"date":"1989-11-29T00:01:50","date_gmt":"1989-11-28T23:01:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47887"},"modified":"2021-08-01T07:38:00","modified_gmt":"2021-08-01T05:38:00","slug":"berliner-kindheit-um-neunzehnhundert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/11\/29\/berliner-kindheit-um-neunzehnhundert\/","title":{"rendered":"Berliner Kindheit um Neunzehnhundert"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sich in einer Stadt nicht zurechtfinden hei\u00dft nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einem Walde sich verirrt, braucht Schulung. Da m\u00fcssen Stra\u00dfennamen zu dem Irrenden so sprechen wie das Knacken trockner Reiser und kleine Stra\u00dfen im Stadtinnern ihm die Tageszeiten so deutlich wie eine Bergmulde widerspiegeln. Diese Kunst habe ich sp\u00e4t erlernt; sie hat den Traum erf\u00fcllt, von dem die ersten Spuren Labyrinthe auf den L\u00f6schbl\u00e4ttern meiner Hefte waren. Nein, nicht die ersten, denn vor ihnen war das eine, welches sie \u00fcberdauert hat. Der Weg in dieses Labyrinth, dem seine Ariadne nicht gefehlt hat, f\u00fchrte \u00fcber die Bendlerbr\u00fccke, deren linde W\u00f6lbung die erste H\u00fcgelflanke f\u00fcr mich wurde. Unweit von ihrem Fu\u00dfe lag das Ziel: der Friedrich Wilhelm und die K\u00f6nigin Luise. Auf ihren runden Sockeln ragten sie aus den Beeten wie gebannt von magischen Kurven, die ein Wasserlauf vor ihnen in den Sand schrieb. Lieber als an die Herrscher wandte ich mich aber an ihre Sockel, weil, was darauf vorging, wenn auch undeutlich im Zusammenhange n\u00e4her im Raum war. Da\u00df es mit diesem Irrgang etwas auf sich hat, erkannte ich seit jeher an dem breiten, banalen Vorplatz, der durch nichts verriet, da\u00df hier, nur wenige Schritte von dem Korso der Droschken und Karossen abgelegen, der sonderbarste Teil des Parkes schl\u00e4ft. Davon empfing ich schon sehr fr\u00fch ein Zeichen. Hier n\u00e4mlich oder unweit mu\u00df ihr Lager jene Ariadne abgehalten haben, in deren N\u00e4he ich zum ersten Male, und um es nie mehr zu vergessen, das begriff, was mir als Wort erst sp\u00e4ter zufiel: Liebe. Doch gleich an seiner Quelle taucht das \u00bbFr\u00e4ulein\u00ab auf, das sich als kalter Schatten auf sie legte. Und so war dieser Park, der wie kein anderer den Kindern offen scheint, auch sonst f\u00fcr mich mit Schwierigem, Undurchf\u00fchrbarem verstellt. Wie selten unterschied ich die Fische im Goldfischteich. Wie viel versprach die Hofj\u00e4gerallee mit ihrem Namen und wie wenig hielt sie. Wie oft suchte ich das Geb\u00fcsch umsonst, in dem mit roten, wei\u00dfen, blauen T\u00fcrmchen ein Kiosk im Stil der Ankersteinbauk\u00e4sten stand. Wie hoffnungslos kehrt mit jedem Fr\u00fchling meine Liebe zum Prinzen Louis Ferdinand zur\u00fcck, zu dessen F\u00fc\u00dfen die ersten Krokus und Narzissen standen. Ein Wasserlauf, der mich von ihnen trennte, machte sie mir so unber\u00fchrbar, als wenn sie unter einem Glassturz gestanden h\u00e4tten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So kalt im Sch\u00f6nen mu\u00dfte fu\u00dfen, was f\u00fcrstlich ist, und ich begriff, warum Luise von Landau, mit der ich im Zirkel sa\u00df, bis sie gestorben war, am L\u00fctzowufer schr\u00e4g gegen\u00fcber von der kleinen Wildnis hatte wohnen m\u00fcssen, die ihre Bl\u00fcten von den Wassern des Kanals betreuen l\u00e4\u00dft. Sp\u00e4ter entdeckte ich neue Winkel; \u00fcber andere habe ich zugelernt. Jedoch kein M\u00e4dchen, kein Erlebnis und kein Buch konnte mir \u00fcber diesen Neues sagen. Als darum drei\u00dfig Jahr danach ein Landeskundiger, ein Bauer von Berlin, sich meiner annahm, um nach langer gemeinsamer Entfernung aus der Stadt mit mir zur\u00fcckzukehren, durchfurchten seine Pfade diesen Garten, in welchen er die Saat des Schweigens s\u00e4te. Er ging die Steige voran, und ein jeder war ihm absch\u00fcssig. Sie f\u00fchrten hinab, wenn schon nicht zu den M\u00fcttern allen Seins, gewi\u00df zu denen dieses Gartens. Im Asphalt, \u00fcber den er hinging, weckten seine Schritte ein Echo. Das Gas, welches auf unser Pflaster schien, warf ein zweideutiges Licht auf diesen Boden. Die kleinen Treppen, die s\u00e4ulengetragenen Vorhallen, die Friese und Architrave der Tiergartenvillen \u2013 von uns zum ersten Male wurden sie beim Wort genommen. Vor allem aber die Treppenh\u00e4user, die mit ihren Scheiben die alten waren, wenn sich auch im Innern, das man bewohnte, viel ge\u00e4ndert hatte. Die Verse wei\u00df ich noch, die nach der Schule die Intervalle meines Herzschlags f\u00fcllten, wenn ich im Treppensteigen innehielt. Sie d\u00e4mmerten mir von der Scheibe, wo ein Weib, schwebend wie die Sixtinische Madonna, einen Kranz in H\u00e4nden haltend, aus der Nische trat. Die Riemen meiner Mappe mit den Daumen auf meinen Schultern l\u00fcftend, las ich ab: \u00bbArbeit ist des B\u00fcrgers Zierde \/ Segen ist der M\u00fche Preis.\u00ab Die Haust\u00fcr unten sank mit einem Seufzen, wie ein Gespenst ins Grab, zur\u00fcck ins Schlo\u00df. Drau\u00dfen regnete es vielleicht. Eine der bunten Scheiben stand offen, und beim Takte der Tropfen ging es weiter die Treppe herauf. Unter den Karyatiden und Atlanten, den Putten und Pomonen aber, die mich damals angesehen hatten, waren mir nun die liebsten jene angestaubten aus dem Geschlecht der Schwellenkundigen, die den Schritt ins Dasein oder in ein Haus beh\u00fcten. Denn sie verstanden sich aufs Warten. Und so war es ihnen eins, ob sie auf einen Fremden warteten, die Wiederkehr der alten G\u00f6tter oder auf das Kind, das sich vor drei\u00dfig Jahren mit der Mappe an ihrem Fu\u00df vorbeigeschoben hat. In ihrem Zeichen wurde der alte Westen zum antiken, aus dem die westlichen Winde den Schiffern kommen, die ihren Kahn mit den \u00c4pfeln der Hesperiden langsam den Landwehrkanal herauffl\u00f6\u00dfen, um bei der Br\u00fccke des Herakles anzulegen. Und wieder hatten, wie in meiner Kindheit, die Hydra und der Nemeische L\u00f6we Platz in der Wildnis um den Gro\u00dfen Stern.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><b>Berliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Sich in einer Stadt nicht zurechtfinden hei\u00dft nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einem Walde sich verirrt, braucht Schulung. 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