{"id":47807,"date":"1990-11-03T00:01:47","date_gmt":"1990-11-02T23:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=47807"},"modified":"2021-08-04T16:47:35","modified_gmt":"2021-08-04T14:47:35","slug":"die-siegessaeule","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1990\/11\/03\/die-siegessaeule\/","title":{"rendered":"Die Siegess\u00e4ule"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">O braungebackne Siegess\u00e4ule<\/span><br \/>\n<span style=\"color: #999999;\">mit Winterzucker aus den Kindertagen.<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie stand auf dem weiten Platz wie das rote Datum auf dem Abrei\u00dfkalender. Mit dem letzten Sedantag h\u00e4tte man sie abrei\u00dfen sollen. Als ich klein war, konnte man aber ein Jahr ohne Sedantag sich nicht vorstellen. Nach Sedan blieben nur Paraden \u00fcbrig. Als darum neunzehnhundertzwei Ohm Kr\u00fcger nach dem verlorenen Burenkrieg die Tauentzienstra\u00dfe entlanggefahren kam, da stand auch ich mit meiner Gouvernante in der Reihe. Denn unausdenkbar, einen Herrn nicht zu bestaunen, der im Zylinder in den Polstern lehnte und \u00bbeinen Krieg gef\u00fchrt hatte\u00ab. So sagte man. Mir aber schien das pr\u00e4chtig und zugleich nicht ganz manierlich; so wie wenn der Mann ein Nashorn oder Dromedar \u00bbgef\u00fchrt\u00ab h\u00e4tte und damit so ber\u00fchmt geworden w\u00e4re. Was konnte denn nach Sedan kommen? Mit der Niederlage der Franzosen schien die Weltgeschichte in ihr glorreiches Grab gesunken, \u00fcber dem diese S\u00e4ule die Stele war und auf das die Siegesallee m\u00fcndete. Als Quartaner beschritt ich die breiten Stufen, die zu ihren marmornen Herrschern f\u00fchrten, nicht ohne dunkel vorher zu f\u00fchlen, wie mancher privilegierte Aufgang sich sp\u00e4ter mir gleich diesen Freitreppchen erschlie\u00dfen werde, und dann wandte ich mich zu den beiden Vasallen, die zur Rechten und Linken die R\u00fcckwand kr\u00f6nten, teils weil sie niedriger als ihre Herrscher und bequem in Augenschein zu nehmen waren, teils weil die Gewi\u00dfheit mich erf\u00fcllte, meine Eltern von den gegenw\u00e4rtigen Machthabern nicht soviel weiter entfernt zu wissen als diese W\u00fcrdentr\u00e4ger von den ehemaligen. Ich liebte aber unter ihnen am meisten den, der die unerme\u00dfliche Kluft zwischen Sch\u00fcler und Staatsperson auf seine eigene Weise \u00fcberbr\u00fcckte. Das war ein Bischof, welcher in der Hand den Dom hielt, der ihm unterstellt und hier so klein war, da\u00df ich ihn mit dem Ankersteinbaukasten h\u00e4tte bauen k\u00f6nnen. Seitdem bin ich auf keine Heilige Katharina gesto\u00dfen, ohne nach ihrem Rad, auf keine Heilige Barbara, ohne nach ihrem Turm mich umzusehen. Man hatte nicht vers\u00e4umt, mir zu erkl\u00e4ren, woher der Schmuck der Siegess\u00e4ule stammt. Ich hatte aber nicht genau erfa\u00dft, was es mit den Kanonenrohren, die ihn bilden, auf sich hatte: ob die Franzosen mit goldenen in den Krieg gezogen waren oder ob das Gold, welches wir ihnen abgenommen hatten, von uns erst zu Kanonen war gegossen worden. Es ging mir damit wie mit meinem Prachtwerk, der illustrierten Chronik dieses Krieges, die so schwer auf mir lag, weil ich sie nie beendete. Sie interessierte mich; ich kannte mich gut auf den Pl\u00e4nen ihrer Schlachten aus; und dennoch wuchs die Unlust, die f\u00fcr mich von ihrem goldgepre\u00dften Deckel ausging. Noch weniger glimpflich aber d\u00e4mmerte das Gold vom Freskenzyklus des Umgangs, der <a id=\"page242\" title=\"JohannN\/Rudith\" name=\"page242\"><\/a> den unteren Teil der Siegess\u00e4ule verkleidete. Ich habe diesen Raum, den ein ged\u00e4mpftes, von seiner R\u00fcckwand reflektiertes Licht erf\u00fcllte, nie betreten; ich f\u00fcrchtete, dort Schilderungen in der Art derjenigen zu finden, die ich nie ohne Entsetzen in den Stahlstichen Dor\u00e9s zu Dantes \u00bbH\u00f6lle\u00ab aufgeschlagen hatte. Es schienen mir die Helden, deren Taten dort in der S\u00e4ulenhalle d\u00e4mmerten, im stillen ebenso verrufen wie die Scharen, die von Wirbelwinden gepeitscht, in blutende Baumst\u00fcmpfe eingefleischt, in Gletscherbl\u00f6cken vereist im finsteren Trichter schmachteten. So war denn dieser Umgang das Inferno, das rechte Widerspiel des Gnadenkreises, der oben um die strahlende Viktoria lief. An manchen Tagen standen Leute droben. Vorm Himmel schienen sie mir schwarz umrandet wie die Figurinen der Klebebilderbogen. Nahm ich nicht Schere oder Leimtopf nur zur Hand, um, nach getaner Arbeit, solche P\u00fcppchen vor den Portalen, hinter B\u00fcschen, zwischen Pfeilern, und wo es sonst mich lockte, zu verteilen? Gesch\u00f6pfe solcher seligen Willk\u00fcr waren droben im Licht die Leute. Ewiger Sonntag war um sie. Oder war es nicht ein ewiger Sedantag?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><strong>B<\/strong><b>erliner Kindheit um neunzehnhundert<\/b> ist eine Sammlung autobiografischer Skizzen. Die einzelnen Texte verbinden sich nicht zu einer zusammenh\u00e4ngenden Erz\u00e4hlung, sondern geben eher einzelne Bilder und Erinnerungs-Bruchst\u00fccke wieder, etwa das Schlittschuhlaufen auf einem zugefrorenen Teich oder den N\u00e4hkasten seiner Mutter. Dabei versucht Walter Benjamin, sich in die noch unwissende, staunende Haltung des Kindes zur\u00fcckzuversetzen und dessen Weltsicht in kunstvollen sprachlichen Bildern und Vergleichen wiederzugeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>O braungebackne Siegess\u00e4ule mit Winterzucker aus den Kindertagen. Sie stand auf dem weiten Platz wie das rote Datum auf dem Abrei\u00dfkalender. Mit dem letzten Sedantag h\u00e4tte man sie abrei\u00dfen sollen. 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