{"id":46961,"date":"2018-10-11T00:01:10","date_gmt":"2018-10-10T22:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46961"},"modified":"2022-03-01T16:25:09","modified_gmt":"2022-03-01T15:25:09","slug":"hingabe-an-die-musikalitaet-der-sprache","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/10\/11\/hingabe-an-die-musikalitaet-der-sprache\/","title":{"rendered":"Hingabe an die Musikalit\u00e4t der Sprache"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der 1962 im ostgeorgischen Araschenda geborene Autor studierte Geologie an der Universit\u00e4t Tiflis, arbeitete in seinem Beruf solange, bis 1990 das Institut f\u00fcr Geowissenschaften geschlossen wurde. Seit dieser Zeit bet\u00e4tigte er sich als erfolgreicher Verfasser von Romanen und B\u00fchnenwerken, sowie als Journalist und als \u00dcbersetzer aus dem Russischen. Diese n\u00fcchternen Fakten, die sein \u00dcbersetzer, Joachim Britze, im Nachwort zu dem vorliegenden Erz\u00e4hlband zusammengetragen hat, erweitert Mossulischwili durch eine Reihe von intimen Bekenntnissen \u00fcber seine Kindheitserlebnisse und seine schriftstellerischen Vorlieben. Beide Erkenntnisstr\u00e4nge schlagen sich in seinen eigenwilligen Erz\u00e4hlweisen nieder. Es ist dies eine aus seiner Kindheit herr\u00fchrende Manie, alle Frauen, denen er begegnete, aufzufordern, ihre Kopft\u00fccher abzunehmen, weil die Sch\u00f6nheit von Frauen nur ohne Kopftuch ersichtlich sei. Ein anderes Merkmal betrifft in seinem literarischen Schaffen die Hingabe an die Musikalit\u00e4t der Sprache, die er bei seinen Lieblingsautoren Hermann Hesse, Fjodor Dostojewski, Ryunosuke Akutagawa und Wascha Pschawela entdeckte und deren melodisch-rhythmische Klangmuster er auf die Werke von Bach, Mozart und Chopin zur\u00fcckf\u00fchrte. Deren eigenwillige Klangmuster vergleicht er mit der \u201eeinschmeichelnden Beweglichkeit\u201c von Katzen, die nicht nur als Ph\u00e4notypen den Hunden gegen\u00fcberstehen. Hermann Hesse zum Beispiel gleiche in seiner Schreibweise einer Katze, Thomas Mann hingegen \u00e4hnele in seinen stilistischen und rhythmischen Figurationen einem Hund. Und seit er in einem orientalischen Kalender entdeckt habe, dass er (weil er 1962 geboren wurde) ein Tiger sei, habe er eine intensive Vorliebe f\u00fcr Katzen-Komponisten. Und noch ein intimes Bekenntnis ist es, was Micho Mossuwischwili vor seinen Lesern ausbreitet: Was sei denn \u00fcberhaupt sein eigener Stil, wenn er einerseits von seinem georgischen Vorbild Wascha Paschawela herkomme, andererseits von der japanischen Zen-Technik beeinflusst sei. Was f\u00fcr ein eigenst\u00e4ndiger Stil k\u00f6nne sich bei solchen Voraussetzungen entwickeln? Seine Antwort ist verbl\u00fcffend. Miniaturen seien es, \u201eIn denen bestimmte Erscheinungen ausgedr\u00fcckt werden, so wie kurze Schl\u00fcsselszenen im gro\u00dfen Kino wahrgenommen werden sollen, das hei\u00dft Geschichten und Charaktere sollen in diesen Miniaturen mit den Methoden der filmischen Darstellung sichtbar gemacht werden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine solche Verkn\u00fcpfung von dichterischen und filmischen Mitteln erfordert beim Lesen h\u00f6chste Aufmerksamkeit. Also aufgepasst, liebe Leser\/innen, wenn ihr mit den Schw\u00e4nen im Schnee, den Frauen mit den Katzenaugen, den Fischen und V\u00f6geln oder den Eseln des Herrn und den leuchtenden Engeln in den vorliegenden Miniaturen in Phantasiewelten abtaucht. Immer sch\u00f6n auf die rhythmischen Strukturen des Textes achten, auf den schleichenden Gang von Katzen oder auf die eher gradlinig-zackigen Bewegungen von Hunden. Es geht schlie\u00dflich darum, so wie Micho Mossulischwili es in seinem Leitmotiv ank\u00fcndigt: das Unsichtbare sehen! Und in der Titelerz\u00e4hlung \u201eSchw\u00e4ne im Schnee\u201c erl\u00e4utert er es am Beispiel der Albatrosse, die er auf Fotografien erst nach langen Recherchen entdeckt, weil diese V\u00f6gel in riesigen Schw\u00e4rmen, gut getarnt und gut vor der K\u00e4lte gesch\u00fctzt, auf der japanischen Insel Hokkaido unter dem Schnee \u00fcberwintern. Von dieser sekund\u00e4ren Beobachtung gleitet er hin\u00fcber zu Shakespeare, den seine Zeitgenossen \u201eThe Swan of Avon\u201c genannt h\u00e4tten. Und dann folgt der Geistessprung: \u201eVielleicht sind unsere vielgelesenen guten Schriftsteller wie Shakespeare, Rabelais, Goethe, Rustaweli oder Cervantes wie diese Schw\u00e4ne in wei\u00dfen Bl\u00e4ttern versteckt und warten wie das Morgenlicht auf den Leser, um dann auf den gefahrvollen Wegen seines Bewusstseins loszufliegen und herumzutollen?\u201c Gibt es eine \u00e4hnliche Metapher, die uns in unbekannte Welten lockt, auf der Suche nach dem Unsichtbaren?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die folgenden 53 Miniaturen zeichnen sich durch geschickt montierte Episoden aus, die \u00fcber Freunde, Bekannte berichten, manchmal nach der Art von Reportagen aufgebaut sind, manchmal auf konkrete Ereignisse verweisen. Und weil es sich oft um bekannte Pers\u00f6nlichkeiten der georgischen Geschichte handelt, findet der Leser auch in Fu\u00dfnoten bio-bibliografische Angaben. Auf diese Weise entsteht eine spannende Mischung aus fiktiven und authentischen Elementen, die im Erz\u00e4hlfluss oft in einer Anekdote endet. Und weil sich in einem verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig kleinen Land das intellektuelle Leben haupts\u00e4chlich in der Hauptstadt Tiflis (russ. Tbilissi) konzentriert, h\u00e4ufen sich auch die Pers\u00f6nlichkeiten des kulturellen Lebens in den Miniaturen von Mossulischwili. Was dazu f\u00fchrt, dass der Leser nicht nur mit den Merkmalen des \u00f6ffentlichen Lebens in der georgischen Republik nach-der sowjetischen \u00c4ra vertraut gemacht wird, sondern auch noch die restlichen Ph\u00e4nomene des alten Regimes kennenlernt, wie in der grotesken Episode \u201eLebendig begraben\u201c (vgl. S. 104f). Der hundertj\u00e4hrige, im Ruhestand befindliche KGB-Oberst Giwi Wassilitsch, ist so schwer erkrankt, dass ihn zwei Verwandte in die Wohnung einer eben Verstorbenen im Nachbarhaus transportieren. Was auf diesem Weg passiert und warum der Oberst pl\u00f6tzlich aus seinem D\u00e4mmerzustand erwacht, ist ein k\u00f6stliches Beispiel f\u00fcr den derb-subtilen Humor in der zeitgen\u00f6ssischen georgischen Literatur. Und von solchen mit spitzer Feder entstandenen Alltagsgeschichten wimmelt es in diesem witzigen Paperback-Band! Wer sich also einen Einblick in das turbulente Leben eines Landes am Fu\u00dfe des Kaukasus verschaffen will, in dem das \u00dcberleben tagt\u00e4glich mit Humor und \u00e4tzendem Witz ge\u00fcbt wird, dem ist dieses Buch unbedingt zu empfehlen!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=46961&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/schwaene-im-schnee_9783863561703_295.jpg\" alt=\"\" width=\"186\" height=\"266\" \/><\/a><strong>Schw\u00e4ne im Schnee<\/strong>, von Micho Mossulischwili. \u00dcbersetzung aus dem Georgischen von Irma Schiolaschwili und Joachim Britze. Ludwigsburg (Pop Verlag) 2017.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der 1962 im ostgeorgischen Araschenda geborene Autor studierte Geologie an der Universit\u00e4t Tiflis, arbeitete in seinem Beruf solange, bis 1990 das Institut f\u00fcr Geowissenschaften geschlossen wurde. Seit dieser Zeit bet\u00e4tigte er sich als erfolgreicher Verfasser von Romanen und B\u00fchnenwerken,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/10\/11\/hingabe-an-die-musikalitaet-der-sprache\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2122,1158],"class_list":["post-46961","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-micho-mossulischwili","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/46961","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=46961"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/46961\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101382,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/46961\/revisions\/101382"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=46961"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=46961"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=46961"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}