{"id":46871,"date":"2018-04-07T00:01:23","date_gmt":"2018-04-06T22:01:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46871"},"modified":"2018-03-06T07:26:20","modified_gmt":"2018-03-06T06:26:20","slug":"miguel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/04\/07\/miguel\/","title":{"rendered":"Miguel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Er hatte nach etlichem Suchen in seinem verw\u00fchlten Papierkram die Adresse von Miguels Eltern gefunden und beschlossen, vorbeizuschauen, um Miguel zu treffen und ihn auszunutzen als kostenlosen Reisef\u00fchrer Festivit\u00e4tseinlader und Dolmetscher f\u00fcr die verwirrende Nachrevolutionsszenerie. Sie fragten einige Rentner, die tatterig tratschend sich um einen ausgetrockneten Brunnen herum versammelt hatten, nach dem Weg. Miguel Hernandez, ein Freund eines Freundes, der, als er \u00fcber diesen Freund von Jean-Pierres Reise- oder Auswanderungspl\u00e4nen h\u00f6rte,\u00a0 speziell aus Marseille angereist war, ohne sich lange anzuk\u00fcndigen. Er, der immerhin Miguels Namen kannte und wu\u00dfte, da\u00df es ihn gab, steckte noch in der Universit\u00e4t, und als er endlich auf der Bildfl\u00e4che erscheint, da sitzt ein Halbwei\u00dfer Halbindio mit\u00a0 Kupferhaut einem schwarzen\u00a0 Haarzopf einem indigenen Folklorekost\u00fcm mit aufgestickten Imitatperlen und dunkelblauen Rautenmustern mit einem grauen Hut mit breitem schwarzem Hutband in seiner K\u00fcche, hat sich l\u00e4ngst bekanntgemacht mit seiner Frau und palavert fr\u00f6hlich mit ihr, l\u00e4\u00dft sich mit Jasmintee und Spritzgeb\u00e4ck traktieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u00dcberhaupt wurde Jean-Pierre nicht klar, was Miguel eigentlich\u00a0 bewogen\u00a0 hatte zu kommen, ob es nur\u00a0 Langeweile in der Provinz und Sehnsucht nach dem gro\u00dfen Paris war oder das selbstlose Angebot aus sekund\u00e4rer Freundschaft, <em>ich helfe dir wo immer du mich brauchst. <\/em>Oder war es eine bestimmte Kalkulation, \u00fcber die man nicht sprechen\u00a0 konnte und auch besser nicht sprach. Jedenfalls hatte Miguel ihm, als sie einen Augenblick allein waren, gesagt, er werde im November f\u00fcr einige Monate nach Hause zur\u00fcckkehren, Jean-Pierre solle ihn doch besuchen, man werde zusammen eine gute Zeit haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Miguel stammte aus einer eher reichen Familie, trotz seines volkst\u00fcmlichen Auftretens und seiner Unterversorgung mit wei\u00dfen Pigmenten. Er hatte sich sehr fr\u00fch schon, noch in der Heimat, einer revolution\u00e4ren Gruppe angeschlossen, war mit Fonseca befreundet gewesen, aber nach dessen Tod mit seinen trotzkistischen Radikalismen und seiner grenzenlosen Chinabegeisterung in Widerspruch geraten zu den Ortegas und dem sandinistischen\u00a0 Apparat. Nach dem Abendessen hatte Miguel sich in dubiosen Andeutungen ergangen, er f\u00fchle sich verfolgt und f\u00fcrchte um sein Leben, hier in Europa schon und vielleicht noch mehr, wenn er erst zur\u00fcckgekehrt sei. Andere h\u00e4tten es besser verstanden, sich dem Gang der Dinge anzupassen und die korrekte Linie einzuhalten, vor allem der <em>Alem\u00e1n,<\/em> Sohn deutscher Eltern, ein Ingenieur, exzellenter Fachmann f\u00fcr Zentrismus und Schwenkberechnung, dem eine gro\u00dfe N\u00e4he zu den zuk\u00fcnftig wichtigen Leuten nachgesagt wurde, eine hohe Effektivit\u00e4t, er sollte Polizeipr\u00e4sident der Hauptstadt werden oder Minister f\u00fcr Kommunikation. Miguel, der sich von ihm verd\u00e4chtigt und ins Aus gedr\u00e4ngt f\u00fchlte, hatte zeitweise die Organisation verlassen gehabt, war dann nach entschiedener, aber vielleicht doch nicht ausreichender Selbstkritik wieder aufgenommen worden mit einem provisorischen Bew\u00e4hrungsstatus. Miguel \u00e4u\u00dferte sich so, als solle seine Angelegenheit abschlie\u00dfend geregelt werden, wenn er wieder zuhause sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Haus, an dem sie klingelten, war kein ganz schlechtes, eine ausladende Treppe, eine gr\u00fcngestrichene Veranda.\u00a0 Es dauerte ewig und erforderte ein zweites und drittes Gebimmel,\u00a0 bis jemand kam, ein versch\u00fcchtert und verheult wirkendes M\u00e4dchen, vielleicht ein Dienstm\u00e4dchen, vielleicht eine Schwester oder eine Nichte. Jean-Pierre verbeugte sich gravit\u00e4tisch und fragte nach\u00a0 Miguel. Das M\u00e4dchen schwieg, er wiederholte seine Frage, noch ein bi\u00dfchen langsamer und um korrektes <em>Castellano<\/em> bem\u00fcht.\u00a0 Er erkl\u00e4rte umst\u00e4ndlich, er sei ein Freund von Miguel oder besser gesagt der Freund eines Freundes, von Monsieur Thuil aus Marseille, <em>vielleicht kennen Sie ihn auch.<\/em> Miguel habe ihn eingeladen, ihn hier zu besuchen. Das M\u00e4dchen antwortete immer noch nicht, sondern wandte sich an Katrin, um sie zu fragen, ob sie auch wegen Se\u00f1or Miguel k\u00e4me. Katrin sch\u00fcttelte den Kopf: \u201eIch bin nicht aus Frankreich\u201c. Das M\u00e4dchen nickte, als ob sie etwas Bedeutsames erfahren habe. Sie blickte starr zur Seite, an diesem Franzosen vorbei: \u201eSe\u00f1or Miguel ist nicht da.\u201c \u201eWann wird er wiederkommen, wo ist er?\u201c \u201eEr ist in Managua, aber ich wei\u00df nicht wo. Niemand wei\u00df, wann er wiederkommen wird. Was soll ich ihm sagen, falls er wiederkommt?\u201c \u201eSagen Sie, da\u00df ich hier war. Ich hei\u00dfe Jean-Pierre. Und sagen Sie, entweder schaue ich hier noch einmal in ein oder zwei Wochen vorbei oder wir sehen uns in Frankreich wieder, wenn ich dorthin zur\u00fcckkehre und wenn er dorthin zur\u00fcckkehrt.\u201c \u201eIch werde es ihm sagen.\u201c Ohne weitere Zeremonien, ohne die mindeste Einladung zu Kaffee und Kuchen, schlo\u00df sie die T\u00fcr. Er trat zwei Schritte zur\u00fcck, an den Rand der Stra\u00dfe: \u201eSeltsame So\u00dfe.\u201c Nach einigen Schritten setzte er hinzu: \u201eVielleicht wollte er uns nicht sehen. Vielleicht ist er eingesammelt worden. Hier wird jetzt niemand spurlos verschwinden. Es wird immer eine Nachricht geben, man m\u00fc\u00dfte nur die Zeit haben, um zu warten.\u201c Das war es, die Zeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>WOLFSSEKUNDEN. Kurze Prosa 1995-2010. WERKE Band 1\u201c<\/strong>, mit einem Nachwort von <strong>Nikolaus Gatter<\/strong> (367 Seiten, fester Einband, 22 x 17 cm, 24,90 \u20ac, ISBN 9783746092430).<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=46871&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/WolfssekundenxTitelseitex2neu.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 194px) 100vw, 194px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/WolfssekundenxTitelseitex2neu.jpg 315w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/WolfssekundenxTitelseitex2neu-218x300.jpg 218w\" alt=\"\" width=\"194\" height=\"266\" \/><\/a><em>Wolfssekunden<\/em> ist nach <em>Der Unvermiderte (<\/em>1991 bei Dipa in Frankfurt am Main), <em>Der Abschiednehmer<\/em> (2003 im Verlag Freiburger Echo in Freiburg im Breisgau) und <em>Gwalt<\/em> (2010 im KIDEMUS Verlag, K\u00f6ln) Rolf Stolz vierter erz\u00e4hlender und prosaischer Band. Es sind einfache Geschichten \u00fcber Menschen und ihre Schicksale, meist zwischen 1900 und 1999, zwischen Deutschland und der Nirgendwo-Welt angesiedelt. Diese Prosa bewegt sich zwischen Traumphantasien, (auto)-biographischen Fragmenten, Kurzkrimis, Parodien, Historien und Legenden bewegen sich diese Texte durch Zeit und Raum.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er hatte nach etlichem Suchen in seinem verw\u00fchlten Papierkram die Adresse von Miguels Eltern gefunden und beschlossen, vorbeizuschauen, um Miguel zu treffen und ihn auszunutzen als kostenlosen Reisef\u00fchrer Festivit\u00e4tseinlader und Dolmetscher f\u00fcr die verwirrende Nachrevolutionsszenerie. 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