{"id":46718,"date":"2023-04-14T00:01:58","date_gmt":"2023-04-13T22:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46718"},"modified":"2023-04-04T12:31:16","modified_gmt":"2023-04-04T10:31:16","slug":"monolog-im-leserstrahl-3-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/04\/14\/monolog-im-leserstrahl-3-2\/","title":{"rendered":"Monolog im Leserstrahl 3"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der winterlich kalte\u00a0 Septemberwind bl\u00e4ttert die Empfindlichkeit der Umgebung auf und legt Spuren, die er schon bald wieder verwischen wird. Er, der Mitwisser,\u00a0 k\u00fc\u00dft fl\u00fcchtig\u00a0 verf\u00fchrerische Passagen der Gegend mit Schneeflocken; <em>danach<\/em> wird niemals mehr <em>irgendetwas<\/em> nachvollziehbar sein. Die liegende Gestalt beschreibt im Scheinwerferlicht des S\u00fcdeingangs einen eigent\u00fcmlichen blauen Schatten: Von der Taille aufw\u00e4rts lehnt eine Riesensilhouette an der verwitterten Fassade des Saalbaus. Fest daran haftender Schnee, den der Wind dagegen gepre\u00dft hat,\u00a0 gibt ihr an manchen Stellen ein plastisches Aussehen. Auf der Stirn des Riesenschattens erscheint in wei\u00dfgespr\u00fchter Schrift das ungelenke Wort DETERMINATION.\u00a0 Es ist die Reclame f\u00fcr ein erfolglos gebliebenes, nach Petroleum riechendes\u00a0 M\u00e4nnerdeo.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeder ein wenig erfahrene Kriminalist w\u00fcrde sich peinlich ber\u00fcht von diesem Bild abwenden und sich unschl\u00fcssig fragen, ob er die Ausschaltung des Scheinwerfers oder das Beiseiteschaffen des Originals veranlassen sollte<em>.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bis zum Eintreffen der Polizei, wei\u00df der Himmel, wer sie gerufen hat, bleibt ein Foto in der Aktenmappe aufgeschlagen. <em>Wer hat den Wind pr\u00e4pariert?<\/em>\u00a0 Es ist die Reproduktion eines Gem\u00e4ldes von Tizian &#8222;Der Zinsgroschen&#8220; Darauf offeriert Jesus dem Verr\u00e4terku\u00df die feinsinnigste Hand der Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darunter die Bildunterschrift:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">AM NAMEN ERKENNST DU IHN NICHT UND NICHT AN DEM, WAS ER TUT, UM NICHT AUFZUFALLEN. ER ZEIGT ANTEILNAHME UND BESITZT VERSCHIEDENE ANTEILE AN MENTALITAET. WENN ER SINGT, SINGT ER NICHT RICHTIG. MAN ERKENNT IHN AN SEINER STIMME.\u00a0 SOBALD MAN DARAUF ACHTET WAS ER SINGT, ERKENNT MAN IHN NICHT MEHR. ER IST DIE VORBEREITETE FORM F\u00dcR EINEN ABGUSS&#8230; F\u00dcR &#8230; ETWAS ANDERES,\u00a0 WAS ER NICHT IST. BEWEGT ER SICH WIE ALLE, IST DAS H\u00d6CHST UND ZUTIEFST VERD\u00c4CHTIG! DENN ER IST EIN LUXUSGESCH\u00d6PF, DAS NICHTS AUS -UND NICHTS EINL\u00d6SEN DARF. WENIGER ZU SEIN ALS EIN M\u00d6GLICHES BEISPIEL IST PRAKTISCH EINMALIG UND INDIFFERENT NUTZLOS. DAS SUGGERIERT SCHUTZLOSIGKEIT, VORSICHT! <em>SOWAS <\/em>HAT DER SIMULANT ABZUKNALLEN, ZUMINDEST TEILWEISE, UM DIE V0RBERECHNETE FEHLERHAFTIGKEIT ZU GEF\u00c4HRDEN. BEDINGUNG: ZUR\u00dcCKHALTUNG BIS KURZ VORHER. WIEDERHOLUNG ERW\u00dcNSCHT .<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die schwere h\u00f6lzerne Fl\u00fcgelt\u00fcr des Saales h\u00e4lt noch Stand gegen den winterlich anmutenden Sturm. F\u00fcr Momente ist sie unbewegt in ihrer Fassung. Der Himmel ist absolut schwarz,\u00a0 aus dem der Schnee wie unter unsichtbarem Druck auf die ver\u00f6dete Landschaft am Stadtrand in dichten Sch\u00fcttungen herabst\u00fcrzt. Dann rei\u00dfen die Fl\u00fcgel auf. Wer sie sp\u00e4ter schlie\u00dft, ist der Verr\u00e4ter dieser Geschichte. Ein Gesch\u00f6pf unter Verdacht auf Weltlosigkeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ohne Sirene, nur mit leisem Blaulicht, trifft die Polizei ein, gefolgt von dem ebenfalls lautlosen Unfallwagen. Aus beiden Autos winden sich betont lautlos insgesamt vier betont unauff\u00e4llige M\u00e4nner in Zivil. Sie gruppieren sich um den auf dem Boden liegenden Mann mit den vermutlich\u00a0 zerschossenen Beinen, dessen Schatten an der Wand, lehnt und sie sehen sich gegenseitig an. Ihre Allerweltsgesichter sind sowas von ausdruckslos! Ihre Routiniertheit erscheint dem Liegenden, der ein wenig blinzelt, nahezu hitchcockm\u00e4\u00dfig bewegend. Durch die Liderschlitze hindurch sieht er, dass sich etwas um ihn dreht, was doch l\u00e4ngst ausgestanden ist. F\u00fcr immer. So deutlich wie vor einer halben Stunde im Schutz seines w\u00e4rmenden Unterhemdes. Ihn \u00fcberkommt eine irre Lust, in dieser Lage einfach drauflos daherzuschwatzen. Ihm f\u00e4llt alles Denkbare ein, was seine grunds\u00e4tzliche Willigkeit, der Wirklichkeit zu vertrauen,\u00a0 beweisen k\u00f6nnte. Aber er schweigt, weil sich in seinem Mund eine z\u00e4he, metallisch schmeckende\u00a0 Fl\u00fcssigkeit sammelt, die er weder ausspucken, noch hinunterschlucken will. Einer der M\u00e4nner kniet, Betroffenheit\u00a0 durch verzerrte Gesichtsz\u00fcge vort\u00e4uschend,\u00a0 vor dem Verletzten nieder. Dieser blickt durch die geschlossenen Lider hindurch dem scheinheiligen Kerl gerade in die Augen. Dessen Kopf aber n\u00e4hert sich langsam der Brust des Verletzten, dann zerrt seine linke Hand das Unterhemd unter dem Jackett\u00a0 hervor, das unf\u00f6rmig und schmuddelig \u00fcberhaupt nicht zum \u00fcbrigen Outfit passt. Er riecht daran.\u00a0 Das ist wie bei Katern, wenn sie die Katzenminze oder Baldrian riechen. Er, der Beamte,\u00a0 will unbedingt mit dem Kopf da unter das Hemd des Verletzten hineinfahren, was nat\u00fcrlich nicht geht. Dabei schn\u00fcffelt er aus tiefster Seele am Oberk\u00f6rper des Verletzten herum. Mancher f\u00fchlt sich eben zum ersten Mal als ich, nachdem er den anderen gerochen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beherbergt mein Verdacht, gelenkt zu werden, als Ich in diesem Geschehen nicht allein\u00a0 geblieben zu sein,\u00a0 einen Anspruch auf\u00a0 Wahrheit? Ich gleite mit meinen Gedanken wie in einem Aufzug abw\u00e4rts. Dort ist es dunkel, modrig, kalt, unbehaust, dort d\u00e4mmere ich dahin, oh,\u00a0 ich bin vor \u00fcberdr\u00fcssiger Wut verdammt gleichm\u00fctig geworden, das ist erst der Anfang von Wahnsinn der die vor sich selber nicht zugegebene Melancholie exotisch stempelt nur noch f\u00fcr die Nachwelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Abw\u00e4rts ins Unterscho\u00df meines, eines, seines, deines Daseins! Dunkle R\u00e4ume ohne Fenster, keine Orientierung, t\u00f6lpelhaftes Herumtappen steht auf der Quasitagesordnung meiner Pflichtk\u00fcr. Oh ja, das Milieu dort im Dunkeln k\u00f6nnte \u00fcberall sein auf der Welt. Wir tauschen unsere Atemluft gegen Erstickungsluft aus, bis alles verbraucht ist. Gibt es dar\u00fcber hinaus Vermittlung untereinander? Aber ja. Manchmal ein Kichern aus dem Stockwerk dar\u00fcber, Briefschlitze, Tastaturen, vierundzwanzig L\u00f6cher in der H\u00f6rmuschel des Telefons. Kann ich mir diese vage Adresse <em>hier<\/em> \u00fcberhaupt noch leisten?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h5><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-97863\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Angelika-Janz.jpg\" alt=\"\" width=\"299\" height=\"253\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Angelika-Janz.jpg 299w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Angelika-Janz-160x135.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 299px) 100vw, 299px\" \/>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36409\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a>, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz \u00fcber den Zyklus <em>fern, fern<\/em> gef\u00fchrt hat. Vertiefend ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber ihre interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin<\/em>. Ebenfalls im KUNO-Archiv: Jan Kuhlbrodt mit einer <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/asthetische-prothetik\/\">Ann\u00e4herung<\/a> an die visuellen Arbeiten von Angelika Janz. Und nicht zuletzt, Michael Gratz \u00fcber Angelika Janz\u2018<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/11\/05\/freiraum\/\"> tEXt bILd<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Der winterlich kalte\u00a0 Septemberwind bl\u00e4ttert die Empfindlichkeit der Umgebung auf und legt Spuren, die er schon bald wieder verwischen wird. 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