{"id":46695,"date":"2023-03-17T00:01:02","date_gmt":"2023-03-16T23:01:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46695"},"modified":"2022-02-25T13:17:08","modified_gmt":"2022-02-25T12:17:08","slug":"monolog-im-leserstrahl-oder-eine-pistole-fuer-den-schattenmann-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/03\/17\/monolog-im-leserstrahl-oder-eine-pistole-fuer-den-schattenmann-2\/","title":{"rendered":"Monolog im Leserstrahl oder Eine Pistole f\u00fcr den Schattenmann"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich gebe es rundheraus zu: Seit einiger Zeit hege ich den vagen Verdacht, dass ich mein Leben nicht mehr selbst in der Hand habe. <em>Meine Realit\u00e4t, <\/em>dachte ich bisher, sei allein meine Sache, &#8211; und da lag schon der Fehler, sie als \u201eSache\u201c zu bezeichnen. An der Struktur dieser Form des Daseins, die wir Realit\u00e4t nennen, die ich seit 3, 4 oder 5 Jahrzehnten gef\u00fcgt und gebaut habe,\u00a0 zweifle ich l\u00e4ngst.\u00a0 Wie auch\u00a0 an der Wirkung, die mein Dasein auf das aus\u00fcbt, was ich <em>meine Realit\u00e4t<\/em> nenne. Ich frage mich ein paar Mal am Tag: <em>Gibt es mich \u00fcberhaupt noch? <\/em>Nein, ich beschw\u00f6re mit dieser simpel anmutenden Frage, mit der viele Literaturen sich philosophisch tarnen,\u00a0 nicht den Verlust eines Idealbildes vom Ichsein herauf. Noch sinne ich wehleidig\u00a0 dem Verbleib <em>meiner x-beliebigen Identit\u00e4t<\/em> nach. <em>X-beliebig f\u00fcr wen?<\/em> F\u00fcr einen einzigen, sage ich, f\u00fcr einen einzigen, der ein Niemand ist, ich, niemand, der Andere, <em>Mannomann, alter Hut f\u00fcr geschulte Geister, nicht wahr?<\/em> Ich verspreche allen, dass sich die Frage, diese dr\u00e4ngende Frage, in ihrer ganzen gleich zu schildernden Entfaltung nicht\u00a0 am Konsens professioneller Fragesteller orientieren wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hab mich, wenn es um mich ging, aus der bildlichen Sprache herausgehalten, ich finde Sinnbilder, Beispiele und Symbole f\u00fcr etwas so Eindeutiges, wie es der Mensch und dann noch der Mann darstellt, l\u00e4cherlich, belanglos und peinlich. Oh, ich pflege Umgang mit einigen sehr unterschiedlichen Charakteren, die erstaunlicherweise jedoch alle eines gemeinsam haben: <em>Sie sehen mich nicht<\/em>. Darauf bestehe ich, das exakt so zu sagen: <em>Sie sehen mich nicht<\/em>. Nur so kann ich weitersprechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Seit einiger Zeit nimmt niemand mehr ausdr\u00fccklich Bezug auf mich, obwohl ich immer noch regelm\u00e4\u00dfig Besuche erhalte und selbst oft und gerne \u00dcberraschungsbesuche abstatte. Ich b i n\u00a0 ein SACHVERHALT, zu dem man\u00a0 sich auf fatale Weise verh\u00e4lt. Sieht man mich an, sieht man an meinem Ich vorbei, h\u00f6rt man mir zu, h\u00f6rt man nur <em>die <\/em>Worte und S\u00e4tze, pariert darauf, aber nicht auf meine S\u00e4tze. Meine Anwesenheit \u2013 mit anderen zusammen in einem Raum \u2013 ist Fl\u00e4che \u2013 Schablone, ein St\u00fcck M\u00f6bel, das man zwischen sich schiebt, um einander besser wahrnehmen zu k\u00f6nnen im Reiz der Abst\u00e4ndigkeit, ich bin Hindurchgang, Anschub und Vorlauf, Transit. Fatal, sage ich und wei\u00df doch, dass dies mein Wort der Hilflosigkeit ist&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Fatal<\/em>, ist das ein Wort f\u00fcr mich? Schon jetzt ertappe ich mich dabei, dass ich mich aus Sentimentalit\u00e4t immer noch der ALTEN Sprache bediene,\u00a0 als ob sich f\u00fcr jemanden in meiner Lage noch ein pers\u00f6nliches Schicksal bereithielte &#8230; ! Immerhin wird mir niemand meinen <em>Verdacht <\/em>verdenken, wenn er sich best\u00e4tigen wird zum Ende meiner Erz\u00e4hlung. Aber ich beklage mich jetzt nicht, und selbst wenn man mir die folgenden Schilderungen als wehleidig auslegen sollte, werde ich mich nicht beleidigt zur\u00fcckziehen. Ich werde alles, was mir noch bleibt, auf die Karte der Ver\u00e4chtlichkeit setzen und meine Unteilbarkeit weiterleben!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend ich meinen Verdacht zu <em>entdecken<\/em>\u00a0 und zu erh\u00e4rten suche, um ihn auf schriftlichem Wege aus mir hinaus zu bergen, hinauszur\u00e4umen, hinauszuschaffen, hinauszudr\u00e4ngen, zu pressen, weg, nur hinaus, bitte, <em>pardon<\/em>,\u00a0 habe ich gleichzeitig eine Kriminalgeschichte \u00fcber den als reaktion\u00e4r eingestuften Ethnologen <em>Vierkandt<\/em> im Kopf, dessen gedankliche Anstrengungen sich einstmals ins Tragische verkehrten, als er als <em>grundlegendes Kennzeichen der Gemeinschaft<\/em> die Ausweitung, Ausdehnung des Ich \u00fcber die unmittelbaren Bed\u00fcrfnisse und Belange der eigenen Person hinaus erkannte, f\u00fcr sich formulierte und f\u00fcr die Nachwelt niederschrieb. Recherchieren Sie zwischendurch, was man alles wissen muss, um biografische Eckpunkte ganz zu verstehen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Grenze des Ich ist der Andere! Was f\u00fcr ein naiver Satz!\u00a0 Traumt\u00e4nzersatz! Wo ende ich denn und wo beginnt der Andere, mutma\u00dflich andere? Wer beweist mir denn, dass der Andere, an den ich sto\u00dfe oder an dem ich mich sto\u00dfe,\u00a0 nicht <em>noch<\/em>, immer noch Ich ist, <em>mein <\/em>Ich, versteht sich!?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was meinen Verdacht des von fremden, unberechenbaren M\u00e4chten Gehandeltwerdens angeht, so ist er (in seiner geradezu tr\u00fcgerischen Unbeschwertheit) ja gar nicht von so weit hergeholt, wird er doch t\u00e4glich von allen Medien hinausposaunt, von allen Wissenschaften in alle Richtungen hin und zur\u00fcck verrissen und bewiesen und am Ende doch wieder unter Pseudonym in gebundenen Machwerken zusammengest\u00fcckelt, und man raunt ihn sich schamlos in meiner beruflichen und privaten Nachbarschaft zu wie einen bedeutungslos gewordenen Code. Ich betone: Das betrifft die <em>Allgemeine Lage<\/em>, sie schlie\u00dft uns alle sozusagen ungewollt solidarisch zusammen. Wir haben Grund genug, anzunehmen, dass <em>Unser Verdacht<\/em> sich zu einer robusten, h\u00f6chst bedrohlichen Zukunftstatsache auswachsen wird, deren Erkenntnisfundus uns schlie\u00dflich aus Kopf und H\u00e4nden gleiten wird, noch ehe wir alles aufschreiben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sich selbst nicht mehr in der Hand haben, gehandelt werden, hin- und hergeschoben, Spielball fremder Bed\u00fcrfnisse sein! Doch ist dies heute nicht die Stunde und der Ort f\u00fcr solche Scheinenth\u00fcllungen von Statuen der Kunstlust, denen die europ\u00e4ische Kreativit\u00e4t nach Jahrhunderte lang erfolgreich bewerkstelligter Blo\u00dfstellung schlie\u00dflich doch wieder eine Verkleidung, Maskierung anh\u00e4ngen will?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich entscheide mich f\u00fcr ein <em>Sprachtransportunternehmen<\/em>, das es ein wenig anders wei\u00df, weil die zur Verf\u00fcgung stehenden Worte daf\u00fcr entweder viel zu sch\u00f6n oder viel zu schrecklich sind. Die Worte, ach, die muss man sich erst wieder neu ausdenken!\u00a0 Das Virtuelle ihrer Ausdehnungen hat sie l\u00e4ngst angel\u00f6st, abgel\u00f6st, erl\u00f6st! Nein, aufgel\u00f6st. Das Phantastische braucht neue Fl\u00fcgel, um die Fl\u00e4chen und Folien voller mutwilliger und gleichg\u00fcltiger Verbrauchsspuren zu fliehen!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das <em>Phantastische<\/em> setzt sich (beim unredlichsten Berufsliteraten und\u00a0 gegen den edelst und ehrlichst bezahlten Auftrag) zum Gl\u00fcck immer noch durch, wer aber bemerkt das noch? Und die vielversprechende, vielbejammerte <em>Verd\u00e4mmerung der Fiction (sprich Fikschn) <\/em>bei den\u00a0 digital beflissenen Berufsworttransporteuren tr\u00f6stet jene, die jetzt noch davon \u00fcberzeugt sind, sich geistig in der Hand zu haben, \u00fcber das unwiderlegbare Morgengrauenhafte unserer anfangslos dahinpl\u00e4tschernden Tage hinweg. Fiction \u00fcberzieht jede in die N\u00fcchternheit wieder zur\u00fcck gezwungene Erscheinung mit dem faden Anhauch eines Geheimnisses. Fiction, das ist weder Garantie f\u00fcr Qualit\u00e4t noch f\u00fcr Kreativit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Geheimnisse sind umso sch\u00f6ner, je l\u00e4nger man mit ihrer Entdeckung, Erkl\u00e4rung, Aufkl\u00e4rung wartet, zuwartet, aufwartet. Solche koketten Geheimnisse verweisen oft genug dann gn\u00e4dig auf eine oder mehrere noch unbekannte Pers\u00f6nlichkeiten, die es besser wissen, besser noch: die es wissen, wissen m\u00fcssen. Zu schildern in einer Sprache, die f\u00fcr die Erkl\u00e4rung unseres Allgemeinen Verdachtes noch in den Anf\u00e4ngen ihrer Entwicklung dahink\u00fcmmert. Sie orientiert\u00a0 sich noch allzu gl\u00e4ubig an den konventionellen Grenzen der BESCHREIBUNG. Zaghaft spekuliert sie auf eine gelungene schriftliche lnstallierung von Gef\u00fchlen, Endzeit\u00e4ngsten, die durch erstaunlich einfache Techniken zu bew\u00e4ltigen w\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Vertraue Dir!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Heile dich selbst!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Wehre dich!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Sei aufrichtig!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Manno!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Yeah!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich traue der exotisch anmutenden, kurzlebigen Suggestion solcher Worte nicht, die mit ihrer baldigen pers\u00f6nlichen Verderblichkeit und schlie\u00dflich Verelendung wie Verendung auch die Menschheit untergehen lassen wollen, untergehen lassen werden, <em>untergehen lassen werden m\u00fcssen<\/em>! Jetzt ist es heraus<em>. <\/em>Aber Menschheit beiseite<em>! <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Angesichts dieser, &#8211; eigentlich doch recht anspruchslosen &#8211;\u00a0 Perspektive besitzt m e i n Verdacht, der Selbstbestimmung allm\u00e4hlich entbunden oder <em>entbunden worden<\/em> zu sein, einen eher dekorativen Charakter. Da es keine Ideologien mehr gibt, denen man zustimmen oder denen man widersagen kann, ist jedes ans Menschenw\u00fcrdige grenzende Grenzgef\u00fchl medientauglich, sprich: <em>dekorativ<\/em>. Ich wehre mich in meinem Unbehagen, <em>nicht mehr allein ich selbst zu sein<\/em>, nicht dagegen, mit solchen Gedanken als wichtigtuerischer Besserwisser (nur aufgrund zunehmend intellektuell st\u00e4rker empfundener Langeweile) zu gelten. Dieser Gedankensatz, buchstabiere ich ihn mir inhaltlich noch einmal nach, ist schon ein Relikt\u00a0 jenes Unbehagens. Wie kann man solche S\u00e4tze formulieren, wer soll sie verstehen, auch, wenn sie sachlich mit dem \u00fcbereinstimmen, was man mir \u2013 als Gemeintes \u2013 unterstellen k\u00f6nnte?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Noch sollen mir Philosophie und Sprache zum Ausdruck meines Verdachts verhelfen. In den Augen einer gesellschaftlich anerkannten T\u00e4terschaft aller \u2013 was immer &#8211; Besitzenden genie\u00dft jeder schriftlich ge\u00e4u\u00dferte Gedanke eines besitzlosen Opfers \u00fcber die Rettung seines nackten Lebens hinaus schlie\u00dflich einen eher kunstgewerblichen Ruf. (Um jetzt das Dekorative zu umkreisen.) Aber auch das Dekorative ist ja nicht blo\u00dfer Zusatz, sch\u00f6nsinniges Gepl\u00e4nkel in den <em>todernsten Pausen des Daseinskampfes<\/em>, kein allein nur gespr\u00e4chiges Zufallsprodukt einer versachlichten Einstellung zur Welt &#8211;\u00a0 \u00f6ffentlich gemacht vor aller Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sag es mit Literatur: Ein paar helle K\u00f6pfe; zum Teil in bl\u00fchender Unkenntnis des Ernstes ihrer Lage von stets unauff\u00e4lligen Dunkelm\u00e4nnern unterst\u00fctzt, berufen das offenbar Zweckfreie, das lebenslogisch Abwegige, in die Notwendigkeit ihrer Existenz, sie locken es auf eine, nicht nur ihre, auf <em>die<\/em> <em>Lebensleitlinie<\/em>!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">MEIN Verdacht gestaltet sich weitaus unkomplizierter, solange ich glaube, mein Leben selbst nicht mehr in der Hand zu haben. Ich bin kein, wie man in der Schule einstmals in den 60ern lernte, manipulierter Mensch! <em>Manisch poliert<\/em>, das vielleicht, w\u00fcrde jene Stimme in mir sagen, die zu einem sarkastischen <em>Selbsthumor<\/em> neigt. Dieses winzige Gebiet meines einstmals pers\u00f6nlichen Daseins kann mir niemand entrei\u00dfen, es ist ein <em>ver\u00f6detes St\u00fcck Niemandsland<\/em>, und dieser Verdacht, \u201cgehandelt zu werden\u201c, gar von mir selbst, ist wie eine Brache, f\u00fcr die sich niemand interessiert und auf der niemand etwas bauen kann. Ich sch\u00e4me mich verdammt noch mal f\u00fcr dieses Bild.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin ohnm\u00e4chtig, kann mich nicht st\u00fctzen auf das, was uns alle erwartet, kann mich nicht ausreichend orientieren an den zweifellos zunehmenden Beschr\u00e4nkungen &#8222;von oben&#8220;, wo immer dieses Oben auch anzusiedeln ist.\u00a0 Nein, diese Empfindung von der vergleichbaren Ausdehnung <em>und <\/em>dauernden Wirkung eines akupunktuell kalkulierten Nadelstichs (wohin) befiehlt keine Handlungen, w\u00fcnscht und verw\u00fcnscht keine Konsequenzen im weiten Gebiet meiner Lebensgegend.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ja, ich h\u00e4tte diese Empfindung vielleicht gar nicht ausmachen k\u00f6nnen, griffe nicht etwas zweites, weitaus Sp\u00fcrbareres in diese winzige Ver\u00f6dung, Verk\u00fcmmerung, woraufhin <em>es<\/em> irgendwo in mir, im verdichteten Raum meines K\u00f6rpers,\u00a0 anf\u00e4ngt, sich Unwohlsein zu bereiten und sich auszubreiten \u00fcber Blutbahnen in Gewebe, Haut und Knochen: \u00e4hnlich wie zu Beginn einer Grippe.\u00a0 Nichts besonders Schmerzliches,-\u00a0 du sagst Dir: <em>Sichtbarkeit, Ansprechbarkeit<\/em>, verzichte drauf, &#8211; der Mangel daran begegnet einem ja alle Tage. Gute wie ungute Dichter n\u00e4hren sich davon.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich litt nicht einmal, es fiel mir bei dem Besuch einer Kultur-Veranstaltung mit Freunden zum ersten Mal auf, oder darf ich sagen, es fiel auf mich? Eine Ersch\u00fctterung? Nein, wenn, dann habe ich sie nicht wahrgenommen, kein Aufprall, keine Intrige, nichts von OBEN inszeniert. Ich will ein paar Begriffe gebrauchen, die man gegeneinander setzen k\u00f6nnte, wenn man den Regeln und ihren wahrheitsergebenen Reflexen treu bleiben will.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und so w\u00e4hle ich auf dieser Kirmes der Selbstbezichtigung die billigste Schie\u00dfbude f\u00fcr meine unb\u00e4ndig von mir besitzergreifende Zerstreuungswut. Ja, so will ich mich an die Einkreisung meiner zunehmenden Passivit\u00e4t heranmachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es gibt in dieser Bude vier ziemlich farblose Figuren: 2 Paare,\u00a0 die man <em>beschie\u00dfen<\/em> muss. Oh, es geht auch noch einfacher: Man nimmt eine kleine Bleikugel in den Mund, versammelt den verf\u00fcgbaren Speichel daherum und spuckt die 4 Figuren gezielt an. Ich denke da an die 4 symbolischen Figuren <em>Wahlfreiheit, Vers\u00e4umnis,\u00a0 Erinnerung und Melancholie<\/em>. Sie alle haben in der Geschichte k\u00fcnstlerischer Darstellungen eine passable Fig\u00fcrlichkeit, darin etwas Statuarisches angenommen.\u00a0 Alle 4 sind klassische Einheiten des Menschendaseins, Befindlichkeiten, und irgendwo zeigten sie f\u00fcr mich immer ein bisschen Prostitutionsbereitschaft, egal, zu welcher Geschichte sie sich verhielten. Schlie\u00dflich will ich sie <em>haben, will sie mir nehmen<\/em> und sie nicht brav entdecken. Ich will sie haben, die zwei Paare will ich haben. Sie sind aneinandergekettet, triffst du eines, hast du das andere mitgetroffen. mitgewonnen. Mitgefangen. Das erste Paar <em>Wahlfreiheit und Vers\u00e4umnis<\/em> verbietet sich sentimentale Vor- und R\u00fcckblicke auf Dauer, ich treffe es\u00a0 beim zweiten Mal mit meiner Bleikugelspucke wie ein Paar Pl\u00fcschtiere. Niemand protestiert, dass sie erstmal nebeneinander\u00a0 weiter in der Schie\u00dfbude stehenbleiben sollen, denn ohne sie macht das Schie\u00dfen keinen Sinn mehr, t\u00f6nt der Schie\u00dfbudenmann.\u00a0 Ich aber widerspreche: Die beiden sind zu allgemein und als solche schnell in der Vorstellung des Schie\u00dfenden reproduzierbar. Also her damit und weitergezielt!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das andere Paar <em>Erinnerung und Melancholie<\/em> entbehrt nicht jener Sensibilit\u00e4t, die sogar den angeblich durchblickenden Menschen auszeichnet, der sich den Sinn f\u00fcr Formulierungen von Unstimmigkeiten, Unentschiedenheiten, Vagheiten und\u00a0 Indifferenzen bewahrt hat. Als Einzel-Figuren geben sie von sich aus irritierende T\u00f6ne ab. T\u00f6ne zu einer schon bekannten Melodie aus schillerndem Farbenspiel, was man im Allgemeinen kitschig oder deja vu nennt. Sowas greift das Herz an, das nichts Sch\u00f6neres kennt, au\u00dfer sein rhythmisches, oh so ersehnt gesundes Schlagen. Lass ich sie mit \u00e4u\u00dferstem Vorbehalt aneinander\u00a0 klingen, geben sie falsche T\u00f6ne ab. Indem ich mich f\u00fcr das zweite Paar, Erinnerung und Melancholie,\u00a0 starkmache, n\u00e4here ich mich, verfolgt vom Vers\u00e4umnis (die treueste Figur in dem Spiel) und angef\u00fchrt von der Wahlfreiheit (sie legt es darauf an, einem st\u00e4ndig etwas auszuwischen) diesem eigent\u00fcmlich blassen <em>Kreis meiner Passivit\u00e4t<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und da schleicht sich der Verdacht ausgerechnet so heran, dass nur ich ihn wahrzunehmen vermag, denn f\u00fcr die Anderen bin ich einer, der ich immer war, ohne, dass es jemand in Zweifel ziehen k\u00f6nnte, da niemand mich kennt: Im Zentrum dieser l\u00e4hmenden Schau agiert <em>noch jemand<\/em>. Aber ich will ihn nicht sehen, ich will ihn nicht ansprechen. Ich kann ihn nicht anfassen. Er ist Ich. Ich bin er. Er ist grau und schw\u00e4chlich. Deshalb nehmen wir einander kaum wahr. Deshalb kann die Geschichte beginnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein riesiger Raum, einstiger Festsaal irgendeines Vereins oder einer untergegangenen Partei, menschenleer die ansteigende Zuschauertrib\u00fcne. Geruch von kaltem Rauch, feuchtem Holz, saurem Schwei\u00df, Pfefferminzkaugummi, nasser Wolle, nassem Tierfell (woher).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Abend Ende September, heftige Regenschauer peitschen das gew\u00f6lbte Holzdach mit der aufgenagelten Dachpappe. Zwischen den mobilen h\u00f6lzernen Sitzb\u00e4nken, wie man sie von Bierfesten kennt, ist der unebene Holzboden mit Abf\u00e4llen bedeckt.\u00a0 Noch speichern die Sitze K\u00f6rperw\u00e4rme und Geruchsmarken von Hunderten, die kurz zuvor gesessen, gelacht, geklatscht und geschrien, sich unterhalten, geraucht, ja gegessen, getrunken, gesungen und geweint haben. Ein sehr feiner Nebel steht \u00fcber den unordentlich verr\u00fcckten h\u00f6lzernen Sitzreihen, was ihnen etwas Personelles zu verleihen scheint, es ist die immer noch lesbare Handschrift der Masse. Zusammengekn\u00fcllte Chipst\u00fcten dehnen sich knisternd aus, mit einem heftigen Windzug durch die Ritzen scheppert eine Coladose eine ausgetretene Holzstufe hinab. Bier- und Limonadenrinnsale treffen sich in kleinen B\u00e4chen, m\u00fcnden ich gr\u00f6\u00dferen, s\u00fc\u00dflich d\u00fcnstenden Pf\u00fctzen, vermischt mit jenem undefinierbaren Stoff, den der Sprachverliebte hilflos <em>Schmutz zu <\/em>nennen gezwungen ist. Irgendwo weit hinten geht ein \u00fcbervoller Abfallbeh\u00e4lter sekundenkurz in Flammen auf. Das Feuer erlischt schnell \u2013 die Atmosph\u00e4re ist zu feucht f\u00fcr einen Brand. Jetzt riecht es anders, dieser Brandgeruch hat die Menschenausd\u00fcnstungen geschluckt. Der Blickweg vom Perron zu dieser Person ist kurz, umschweifelos. Und da ist er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der <em>Mann ohne Aussehen<\/em>, ohne Alter, ohne ein erinnerbares Gesicht, ohne eine unnachahmbare Stimme, noch ohne einen Ichgeruch, ohne Bewegungen, die ihn auch von hinten wiedererkennbar machen, der das Podium leichtf\u00fc\u00dfig hinabgestiegen ist, um einen Ausgang zu suchen, vor dem er sich verabredet hat. Dieser Mann, der Spiegel, Schatten, Duplikat, <em>alter ego <\/em>und ein <em>Clown<\/em> ist, steht\u00a0 im Lichtkreis des einzigen, jetzt noch eingeschalteten Scheinwerfers. Dieser Mensch ist so unauff\u00e4llig in seiner kleinen Clownhaftigkeit, dass ein Beobachter sich anstrengen m\u00fcsste, nicht durch das Eigenleben des Saales unabl\u00e4ssig von ihm abgelenkt zu werden. Dieser Mann kann nicht gef\u00e4hrlich, nicht bemitleidenswert sein.\u00a0 An jeder seiner Bewegungen fehlt die Entschiedenheit, aber es fehlt ihm auch an Vorsicht, jener Vorsicht, f\u00fcr die man sich in der Regel entschuldigt, wenn man wei\u00df, dass man auf Dauer f\u00fcr jeden Anderen kein Fremder bleiben wird. Daf\u00fcr zeigt er eine gewisse \u00fcberraschende, <em>normelle<\/em> sprich gew\u00f6hnliche Selbstgef\u00e4lligkeit, aufgrund derer sich wohl fast jeder in einer gewissen Anspannung f\u00fcr unansprechbar h\u00e4lt. Ein Spie\u00dfertyp von der Sorte der Selbstherrlichen jedoch ist er nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Vorhandensein dieses Mannes scheint den Zufall ohne Berechnung auszuschalten. Seine wie nat\u00fcrlich wirkende Unentschiedenheit passt sich den unbedeutenden, nie enden wollenden kleinen Vorkommnissen im Saal an. Um das herauszufinden muss man seinen eigenen Blick fast vergewaltigen.\u00a0 Damit er an ihm, dem Unentschiedenen, der seine Pr\u00e4senz wortlos <em>behauptet<\/em>, haften bleibt. <em>Wessen <\/em>Blick <em>\u00fcbrigens<\/em>?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Kameraauge, das sich langsam, unerbittlich\u00a0 sein Objekt heranholt. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hat man ihn, oder hat vielleicht <em>er<\/em> sich in Trance versetzt? Vielleicht l\u00f6st er sich jeden Moment ebenso unentschieden wie selbstgef\u00e4llig wieder auf? Vielleicht aber hab ich zu sp\u00e4t angefangen, ihn ins Auge zu fassen, da muss ich Geduld haben, Geduld, Geduld, mein Lieber, bis es zu sp\u00e4t ist. Der das alles sieht <em>oder <\/em>liest, muss den Kerl einfach ignorieren, gewisserma\u00dfen mit ihm im Augenwinkel weiter existieren, weiter denken, weiter tun,\u00a0 bevor der d\u00e4monische Z\u00fcge annimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>Hervorbringung des Besonderen<\/em> an diesem Menschen besorgt endlich das Licht, das pl\u00f6tzlich, pl\u00f6tzlich, pl\u00f6tzlich, aus gro\u00dfer H\u00f6he auf ihn herab f\u00e4llt! Der Lichtstrahl, Laserstrahl, Lichtschwall, Lichtkreis, Lichtkegel konzentriert sich auf die obere K\u00f6rperpartie, ungef\u00e4hr bis zur H\u00fcfte, je nachdem, von wo aus man ihn ab jetzt, (mein Leserlein, mein Leserchen, pardon, <em>Laserlein, Laserchen)<\/em>,\u00a0 beobachten will. Der Mittelpunkt des Lichtes, der \u00fcbersensible Kern, ruht auf dem Allerwelts- und Zickzackscheitel des Mannes. Jedes Haar, jede Schuppe lebt auf diesen Biotop menschlicher Um- und Mitexistenzen ganz f\u00fcr sich &#8211; <em>eine unverbl\u00fcmte Abst\u00e4ndigkeit<\/em>, schreibt ein Prosaiker sp\u00e4ter zu einem \u00e4hnlichen Bild. Warum hat er sich mit dem Begriff so abgequ\u00e4lt? Wir wollen es in einer anderen Geschichte, die wir unter Einfluss der Bakterien dieser Geschichte noch ein wenig g\u00e4ren lassen wollen,\u00a0 genauestens erfahren. Wenn wir wollen. Aber wir wollen nicht. Wir werden niemals etwas so Niedertr\u00e4chtiges wollen. Wer <em>wir<\/em>? Die Grenze des Beschreibbaren unterliegt dem Ja oder Nein dessen, f\u00fcr den wir diese Beschreibung anstrengen wollen. Aber wer ist gemeint? Jemandes Geschichte, die sie immer wieder in den Anf\u00e4ngen erstickt. Und die sich dann von selbst zu Ende erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von der Taille abw\u00e4rts knickt der Schatten des Mannes, knickt ein menschlicher, m\u00e4nnlicher Schatten im rechten Winkel ab. Der pl\u00f6tzlich abgek\u00e4mpft wirkende Mensch scheint seinen armen Schatten hinter sich herzuziehen wie der tragische Clown im fr\u00fchen Stummfilm, er zieht ihn, je n\u00e4her er zu den ersten B\u00e4nken kommt, immer l\u00e4nger. Er zieht ihn nadeld\u00fcnn, zieht ihn nach Unendlich, zieht ihn ins Unsichtbare. Obwohl er kleine Schritte nach vorn macht, verl\u00e4sst der Mann den Mittelpunkt des Lichtkreises nicht. Es gelingt ihm einfach nicht. <em>Da wei\u00df er, dass noch jemand da ist. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst traut er seinem Geh\u00f6r nicht, aber unverkennbar ert\u00f6nt hoch \u00fcber ihm eine leise Mitternachtsmusik, amerikanischer Verschnitt, ein eher trister Sound aus den f\u00fcnfziger Jahren, doch Ohrwurm. Gleichm\u00fctig einschl\u00e4fernd flie\u00dfende Melodie, die man einschaltet und nie mehr vergisst: Stimmungsbegleitung, wenn etwas nicht einmal einschneidend Unangenehmes zu Ende geht. Wenn man in gedanklichen Vorbereitungen zum Aufbruch wartend im Nirgendwo steht. Wenn man, wei\u00df der Himmel wohin, schon unterwegs ist. Das Unterwegsgef\u00fchl und diese tr\u00fcgerisch beliebige Musik geh\u00f6ren am Ende zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mann lauscht diesen mal angestrengt flotten, mal seichten, den wegen schlechter Wiedergabe kr\u00e4chzenden Kl\u00e4ngen und Klanganimosit\u00e4ten gern. Noch wei\u00df er nicht, was <em>er<\/em> als das wenige Nichts, als das er sich einsch\u00e4tzt, nennt und kennt, soeben vollendet hat, wei\u00df nicht, wohin er aufbrechen will oder seit wann er \u2013 vielleicht immer schon ? &#8211;\u00a0 unterwegs ist. (Wir wissen es, m\u00fcssen es wissen, als Laser\/Leserschaft, Laser\/Leserschaftsschaffer, als jene Beleuchtung, die das, was nun geschehen soll, erst sichtbar, lesbar, erinnerbar macht.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und zum ersten Mal denkt er, der Clown, oder sollten wir besser schreiben, lesen, denken, uns vorstellen: der, den <em>sie<\/em> (wer sie?) verdoppelt haben.\u00a0 Denkt er bewusst an einen <em>Anderen<\/em>, den er gar nicht kennt? Er stellt sich vor, wie ein anderer Mann da oben, ein technischer Angestellter, ein Beleuchter vielleicht, unter einer kleinen flackernden Gl\u00fchbirne eine abgegriffene Ledertasche verschlie\u00dft. In dieser Tasche liegen ein Schraubenzieher, ein Pr\u00fcfstab f\u00fcr elektrische Angelegenheiten, ein Reservebeutel mit trockenem Zigarettentabak (der frische befindet sich in der Hosentasche), ein St\u00fcck sorgf\u00e4ltig zusammengelegte Alufolie und: in einer Streichholzschachtel ein kleines K\u00fcgelchen Alufolie. Als der Mann seiner Vorstellung nichts mehr hinzuzuf\u00fcgen wei\u00df, erschrickt er. Warum f\u00fchlt er sich so uns\u00e4glich angestrengt, ausgelaugt, m\u00fcde? Sein k\u00f6rperlicher Zustand befremdet ihn, als er sicher ist, dass der Fremde dort oben sehr langsame Bewegungen (ein Ritual) vollzieht, um <em>eine<\/em> Ersch\u00f6pfung zu rechtfertigen, vor ihm, vor wem?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>S\u00fcdseite der Halle, s\u00fcdlicher Ausgang<\/em>, h\u00e4mmert es in seinem Gehirn, dann wirst du es wissen. Er findet die unz\u00e4hlbaren leeren und unordentlich verlassenen Zuschauerreihen unertr\u00e4glich, und er blickt nach oben, in ein kompliziertes Ger\u00fcst aus Metallst\u00fctzen- und Pfeilern, Holzverstrebungen und provisorisch aufmontierten Wegen aus Brettern, und da noch feiner hineingewebt ein verwirrendes Gespinst aus elektrischen Leitungen, Kabeln, Dr\u00e4hten, die zu Scheinwerfern f\u00fchren und zu mannsgro\u00dfen Lautsprechern. Sie blockieren den Durchblick bis unters Dach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dort oben existiert eine andere Welt, sie ist von der dort unten v\u00f6llig verschieden. Ein Kameraschwenk in halbklassigen Krimis zeigt gerne ein solches Milieu, und die berechenbarsten Verfolgungsfilme spielen fast immer in solchem Ambiente, weil es gen\u00fcgend Orte dieser Pr\u00e4gung gibt, die man nicht bauen, nicht herstellen, nicht gestalten und arrangieren muss. F\u00fcr Albtr\u00e4ume dekorierte mietbare Orte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man k\u00f6nnte den Saal einfach auf den Kopf stellen,- die eigene Situation erschiene wirklicher, nachsichtiger, ja, vertrauter. Solange der Befremdete, der <em>Nichtsmensch<\/em>, der Unterwegsmensch, der Lichtkreismensch, den Kopf weit nach hinten gebeugt, die H\u00e4nde gegen die H\u00fcfte gestemmt, sich anstrengt, die Wege der Kabel und Ger\u00fcste auseinanderzuhalten, wei\u00df er es wieder, wei\u00df er es ganz genau, dass diese bedr\u00fcckende Lautlosigkeit, in der die <em>Mitternachtsmusik<\/em> zu ersticken droht, nur deshalb da ist, weil vorher ein unbeschreiblicher L\u00e4rm diese Halle erf\u00fcllt haben musste. Die leise, l\u00e4cherlich einschmeichelnde Musik ist eingeschmolzen in eine riesige, gepresste L\u00e4rmkugel aus tausenden von Kl\u00e4ngen und Stimmen, ist in eine H\u00fclle der stumpfen Nachkl\u00e4nge gepresst, die, d\u00fcnn wie die Fl\u00fcgel der Insekten, in kleinste Zwischenr\u00e4ume dringt. Ist er dabei gewesen? Ja? Nein? War er der Akteur? Ein Zuschauer, Pressemann,\u00a0 B\u00fchnenarbeiter?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus seinem halbge\u00f6ffneten Hemd steigt ihm Schwei\u00dfgeruch in die Nase, befremdend erreicht ihn dieser fast bei\u00dfende Geruch eines Mannes, der innerhalb k\u00fcrzester Zeit sehr viel Energie verloren hat.\u00a0 Er senkt den Kopf, taumelt ein wenig in leichtem Schwindel, er kn\u00f6pft sein Hemd unter dem grauen Sakko ganz auf, zieht sich \u2013 kindisch und gespielt animalisch &#8211;\u00a0 das Unterhemd \u00fcber die Nase, schnuppert, atmet tief, heftig, gierig den eigenen Geruch ein, den er als seltsam, erschreckend, ordin\u00e4r fremd, und wieder als \u00e4u\u00dferst exotisch, erotisch, anregend wahrnimmt. Er zieht das Hemd noch h\u00f6her, \u00fcber die Augen, die Stirn, sein Kopf verschwindet fast darin. Er bandagiert sich mit dem Hemd, dem Hemdgeruch, dem Ichgeruch dessen, der zu sein und sich darin auszudehnen, auszuleben er vorher nie gewagt h\u00e4tte.\u00a0 Er gibt eine komische, kopflose Figur ab, mit ein paar fransigen, Haarb\u00fcscheln die aus der Hemd\u00f6ffnung wachsen. Er sieht sich vor seinem inwendigen Blick als Karikatur eines anderen. Er sieht sich mit den vertrauten Augen eines Fremden, den fremden Augen eines Vertrauten. Die Schultern h\u00e4ngen schlapp, mit leicht vom K\u00f6rper abgewinkelten Armen hinunter. Dem Mann gef\u00e4llt es sehr, so in sich, <em>im eigenen Hemd zu stehen<\/em>, es ist sogar erleuchtet <em>drinnen<\/em>:\u00a0 der Scheinwerfer ist so stark, dass er durch das Hemd hindurch sogar die Konturen der Saaleinrichtung erkennen kann. Er selbst f\u00fchlt sich gewisserma\u00dfen erleuchtet. Sein Gesicht gl\u00fcht, Schwei\u00df rinnt ihm \u00fcber Wangen und Kinn auf die nackte Brust hinunter bis zum Bauch, was ihn schaudern l\u00e4sst. Langsam dreht er sich einmal um die eigene Achse. Er will sich an etwas erinnern, denn er lacht durch die Stoffschichten hindurch auf einmal dumpf auf, dann wiederholt er das Lachen, wiederholt es nochmal, und nochmal. Als imitiere er sich selbst, wieder und wieder, bis aus dem Lachen ein Wimmern, ein Weinen wird, filmreif.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als sein Kopf aus der Hemd\u00f6ffnung hervor taucht, sind die typisierten Konturen seines Gesichtes ausgel\u00f6scht. Ein durchdringender, erstickter Schrei von oben, ein Poltern, etwas Metallisches st\u00fcrzt scheppernd in die Tiefe, schl\u00e4gt auf die Kante einer Holzbank, die splittert, alles in einem unberechenbaren Sekundenspiel, f\u00fcr das der Begriff Kettenreaktion nicht ausreicht, weil etwas Zwingendes und Zwanghaftes die Geschehnisse lenkte.\u00a0 Der Mann im <em>Leserstrah<\/em>l,\u00a0 steht noch immer da, in unordentlicher, aufgebauschter Kleidung. Ein Windzug streift das erhitzte Gesicht. Er f\u00fchlt sich sehr krank, aber \u2013 er sp\u00fcrt es an der Entspannung seiner Glieder &#8211;\u00a0 auch irgendwie geborgen, \u00fcber das Schlimmste hinweggetragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er geht langsam auf den metallischen Gegenstand zu.\u00a0 Der von unsichtbarer Hand gelenkte <em>Scheinwerfer<\/em> begleitet ihn. Das metallische\u00a0 Ding liegt in einer Bierlache, es ist dunkel, schwarz, kompakt, handklein, rechtwinklig gebogen wie die Miniatur seines eigenen Schattens, erzeugt Herzklopfen bei dem, der langsam erkennt, worin sich Gefahr definiert.\u00a0 Es ist eine <em>Pistole<\/em>. Schwer und klebrig liegt sie ihm auch schon in der Hand. Er selbst ist noch einmal beschwert um sein eigenes Gewicht. Noch nie f\u00fchlte er etwas \u00e4hnliches. Er rennt nicht davon, nicht zum S\u00fcdausgang und zu der Verabredung.\u00a0 Er wundert sich nicht im geringsten.\u00a0 Er wei\u00df ja gar nicht, was hier gespielt wird. Vorsichtig legt er die Pistole wieder in die Bierpf\u00fctze zur\u00fcck und f\u00fchlt sich leichter. Darin blitzt sie kurz auf, als wolle sie signalisieren: Du hast mich vers\u00e4umt, hast mich f\u00fcr immer verloren!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann streift sein Blick \u00fcber die Abf\u00e4lle auf den B\u00e4nken. Er ignoriert das leise St\u00f6hnen \u00fcber ihm auf dem Ger\u00fcst, das zweifellos und gewollt echt, also unecht klingt,- dort oben hat sich einer verschanzt, der Mist gebaut hat, denkt er. Wie kann man so etwas denken? Was f\u00fcr ein Mensch ist einer, der in einer solchen Situation, hier angekommen in einer Geschichte mit offenem Ende, <em>so <\/em>denkt? Wo bin ich, aus der Zeit, als es noch um mich ging, wessen Lenkung ist meine L\u00e4hmung ausgeliefert? Wenn Zeit sich von den Dingen scheidet, zerbricht ihr Klang in Nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Augenblicklich streicht <em>er<\/em> in Gedanken die abgegriffene Aktentasche aus hellbraunem Leder samt Inhalt erstmal durch, Alltagsutensil, das jahrelang viel Raum in seinem Affairen eingenommen hatte. Er platziert an ihre Stelle einen polierten Metallkoffer mit Holzbeschl\u00e4gen und mit zwei Sicherheitsschl\u00f6ssern. Darin\u00a0 kann er doch noch seine alte\u00a0 Aktenmappe mit einer Menge unordentlich aufgeklebter Fotos in einem Kunstlederalbum, einen Beutel mit sp\u00e4ter zu beschreibendem Inhalt\u00a0 und seine Sofortbildcamera unterbringen. Mit knappen Bildunterschriften sind die Fotos versehen: &#8222;<em>Beim St\u00f6hnen rei\u00dft man den Mund zu zwei Dritteln auf, zieht die Luft mit geringem Ger\u00e4uschaufwand sehr lange nach innen und st\u00f6\u00dft sie heftig, doch unter monotoner Ton- und Lautbegleitung, wieder hinaus. Wiederholung bis Wirkung eintritt.&#8220;<\/em> Dieser Wortlaut zum Halbportrait eines typisierten (gut gek\u00e4mmten) m\u00e4nnlichen Modells im wei\u00dfen Oberhemd mit zu zwei Dritteln ge\u00f6ffnetem Mund und verzerrtem Gesichtsausdruck. Wie jemand, der sich nach einem epileptischen Anfall der Wirkung einer starken Spritze \u00fcberl\u00e4sst. Gespielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann wundert sich der Mann zum ersten Mal in dieser Nacht: Seine Wahrnehmung hat sich versch\u00e4rft, <em>Blicktotale<\/em>. Statt des fahrig wahrgenommenen\u00a0 M\u00fclls liegt tats\u00e4chlich allerlei kleintechnisches Ger\u00e4t verstreut auf und unter den Sitzb\u00e4nken herum. Kleine Mikrofone, winzige Stenoretten, Polaroidcameras, Opern- und Ferngl\u00e4ser verschiedener Qualit\u00e4t. Eine gl\u00e4serne Spr\u00fchflasche mit der rei\u00dferischen Aufschrift &#8212;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Damit Sie alles<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">bekommen,<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">was lhnen zusteht &#8212;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">erregt seine Aufmerksamkeit. Die M\u00fcdigkeit scheint von ihm genommen, ein Tuch, von einer Statue gerissen, um sie einzuweihen, zu feiern. Der Mann f\u00fchlt sich stimmig, rund und klug.\u00a0 Er spr\u00fcht sich das Zeug, das Erfolg garantieren soll,\u00a0 nirgendwohin. Aber er richtet einen kr\u00e4ftigen Strahl nach oben, gegen das St\u00f6hnen dort oben, und er springt dann schnell zur Seite, um von den herabspr\u00fchenden Partikeln nicht selbst erreicht zu werden, weil er parf\u00fcmierte Ger\u00fcche an sich\u00a0 selbst verabscheut. Eine Minute lang atmet er vorsichtig durch sein Taschentuch weiter, betrachtet die Vielfalt der gl\u00e4nzenden kleinen technischen Teile und Utensilien, genie\u00dft seine gesch\u00e4rften Sinne, w\u00e4hrend oben der Andere weiter leise st\u00f6hnt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drau\u00dfen zerrt der Sturm w\u00fctend an den klapprigen T\u00fcren der Ein- und Ausg\u00e4nge.\u00a0 Schnee schickt er zu den Ritzen herein. Ein sch\u00f6ner Teppichkranz aus leuchtendem Schnee breitet sich an den R\u00e4ndern des Saales aus. Und feine St\u00e4ubchen einer alten Stille verharren in den lichten Bildern unseres Tuns. &#8222;Schnee&#8220;, denkt der Mann fast\u00a0 wehm\u00fctig, &#8222;Schnee im September &#8230; &#8220; Und ohne \u00dcbergang: &#8222;Das muss man gleich wieder kaputtmachen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf diese Weise enth\u00fcllt er einen unsympathischen Wesenszug. Beim Anblick des Schnees haucht er sich im Reflex auf seine gl\u00fchenden H\u00e4nde, er h\u00fcpft ein paar mal auf der Stelle wie gegen die K\u00e4lte ank\u00e4mpfend, schl\u00e4gt sich mit \u00fcberkreuzten Armen auf die Schultern. &#8222;Haha!&#8220; lacht er, &#8211; und von oben kommt zwischen dem St\u00f6hnen eben dieses gleiche HAHA h\u00e4misch zur\u00fcck. Er starrt hinauf, einen Augenblick glaubt er, im Dunkeln zu stehen, der Scheinwerfer ist f\u00fcr Sekundenbruchteile dort oben in schwindelnder H\u00f6he auf einen Mann gerichtet, der \u00fcber dem Abgrund auf einer Holzbohle sitzend mit den Beinen baumelt und sich ebenfalls auf die beschriebene Weise auf die Schultern klopft. &#8222;Schnee!&#8220;, ruft der Mann unten trotzig und wie nicht ganz gegenw\u00e4rtig, aber ein gewisser, abwartender Unterton lauert doch in seiner Stimme. &#8222;Schnee!&#8220; kommt es trotzig zur\u00fcck. &#8222;Wer sind Sie!&#8220; ruft er unwillig von unten herauf,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;&#8218;Wer sind Sie&#8220;, ruft <em>der oben<\/em> unwillig zur\u00fcck. Und betont nicht etwa das letzte Wort, um die Antwort als Gegenfrage zu formulieren. Unten wie oben werden Schritte gemacht. Blitzschnell zieht der Mann unten jetzt ein schwarzes Foto aus der \u00d6ffnung einer Polaroidcamera, die er, ohne, dass wir es bemerkt haben, aus Metallkoffer oder Aktenmappe hervorgeholt hat. Er zieht mit grausamer Langsamkeit die Entwicklerfolie ab. Ohne das Ergebnis abzuwarten, wendet er sich dem S\u00fcdausgang zu. Dabei \u00fcberlegt er :&#8220;Mit wem war ich verabredet ?- und was soll dieses phantastische Echospielen wie in billigen Filmen ?&#8220; , und irgendwie geh\u00f6ren diese beiden Fragen f\u00fcr ihn zusammen. Vor dem S\u00fcdausgang verteilt und zertrampelt er den sch\u00f6nen Schneerand solange , bis er mit den Zigarettenstummeln und Papierabf\u00e4llen eine matschigbraune Verbindung eingeht. &#8222;Das <em>war<\/em> Schnee&#8220;, murmelt er befriedigt ein paarmal vor sich hin, und auch da ganz oben <em>echot<\/em> jemand unaufh\u00f6rlich Ger\u00e4usche, Atemz\u00fcge und Worte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sicheren Schrittes kehrt er zur Spr\u00fchdose zur\u00fcck. W\u00e4hrend er mit angehaltenem Atem den Rest aus der Flasche nach oben hin verspr\u00fcht, setzt das St\u00f6hnen wieder ein, er sagt &#8222;Aha&#8220; und kein Aha kommt mehr zur\u00fcck, nur das St\u00f6hnen begleitet die leise Musik weiter. Er k\u00f6nnte sich jetzt f\u00fchlen wie in einem Theaterst\u00fcck, in dem die Schauspieler ihr Darstellungsbed\u00fcrfnis auf ein Minimum reduzieren m\u00fcssen. Aber er ist erleichtert, er wei\u00df nicht, warum eigentlich. Hat er nicht ein l\u00e4stiges Monster &#8211; Insekt unsch\u00e4dlich gemacht? Ohne die Wirkung abzuwarten, l\u00e4uft er eilig zu den B\u00e4nken zur\u00fcck. Dass er sich mit der idiotischen Spr\u00fcherei seine Verabredung verscherzt hat, und dass er diesen Ausgang wird nicht mehr benutzen k\u00f6nnen, ist ihm klar. Er f\u00fchlt sich trotzdem frisch und tatendurstig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er w\u00fcrde jetzt gerne mit Menschen zusammenkommen, mit einem Dutzend mindestens in gem\u00fctlicher Atmosph\u00e4re angeregt plaudern, dazugeh\u00f6ren wollen. Ihm gen\u00fcgt allein der Gedanke daran, und der versetzt ihn in eine unverletzbar heitere Stimmung. Man braucht erinnerbare Orte, um Gef\u00fchle in sich wiederzubeleben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er wird seinen Aufenthalt hier so lange wie m\u00f6glich hinausz\u00f6gern. Bald wird ohnehin eine Aufsicht mit dem Schl\u00fcssel kommen, eine Putzkolonne. Solange der Scheinwerfer brennt und der Kerl dort oben nicht aufh\u00f6rt, zu st\u00f6hnen, ist seine Situation f\u00fcr uns nicht eindeutig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Foto! Er hatte es ganz vergessen. Oder sollte ich sagen: \u201eIch hatte&#8230;\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hatte es achtlos in die Jackentasche gesteckt. Das Foto ist in ausgezeichneter, technischer wie k\u00fcnstlerischer Qualit\u00e4t. Was es zeigt, versetzt ihn in sofortige Panik, und er sucht in den Jackentaschen nach einem zweiten Foto, das exakt das darstellt, was er, mutma\u00dflich, soeben fotografiert hat.\u00a0 Dieses jedoch zeigt jetzt einen r\u00fcckw\u00e4rtigen Ausschnitt aus einer Menschenmenge, vermutlich in einer Gro\u00dfveranstaltung, man sitzt dicht beieinander. Die Gruppe zeigt ausnahmslos Hinterkopf. Im Zentrum gibt es ein R\u00fcckenportrait von <em>ihm<\/em>, ja, von ihm leibhaftig, wie er da mit seinem Kopf im Unterhemd steckt, eingekeilt zwischen zwei bunt behemdeten Gestalten. \u00dcber der Menschenmenge in H\u00f6he einer Kinoleinwand ist ein riesiger Spiegel (oder doch eine Leinwand?) angebracht, auf dem er noch einmal von vorne zu sehen ist, ein Menschenb\u00fcndel Verzweiflung, in sich ertrinkend, zwanghaft vollkommen auf sich bezogen. Einige der R\u00fcckenfronten haben eine Camera, ein Fernglas auf ihn gerichtet, einige halten Mikrofone in seine Richtung (was gab es dabei zu h\u00f6ren?), einige rauchen (Profil), f\u00fchren weichbraune W\u00fcrstchen und metallische Coladosen zum Mund (Profil). gestochen scharf wie auf einem guten Bildschirm erkennt er jedes Detail. Und sich.\u00a0 \u201eDas soll ich sein!\u201c Es schreit sich der Satz aus ihm hinaus und nach oben, hin zu den Kabeln, zu der Welt dort oben hinauf. Er lacht \u00fcber seine eigenen Worte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Ach was,&#8220; beruhigt er sich so laut, als schreie er sich selbst in die Ohren und habe das St\u00f6hnen und das Pfeifen des Windes zu \u00fcbert\u00f6nen: Er stemmt die H\u00e4nde in die H\u00fcften und richtet seine S\u00e4tze an den irgendwo versteckten Kerl da oben zwischen den Kabeln: &#8222;Dieses verdorbene Pack ist gar nicht mehr in der Lage, irgendwas <em>im Original <\/em>aufzunehmen. Die k\u00f6nnen doch nur auf die Scheibe starren, oder auch eine Scheibe abh\u00f6ren, immer wieder nur Scheiben, um hinterher behaupten zu k\u00f6nnen, dass sie dabei gewesen sind.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Die Augen haben sich schon an die Fl\u00e4che, die Zweidimensionalit\u00e4t\u00a0 gew\u00f6hnt, die Bewegungen und alle nur vorstellbaren Erscheinungen in reproduzierter Forman ihre Oberfl\u00e4che presst, ja, so sehr sind die ver\u00f6deten Sinne daran gew\u00f6hnt, da\u00df sie jede Art von Geschehen nur noch im \u00fcbertragenen, reproduzierten Sinne erfassen k\u00f6nnen!&#8220; h\u00f6rt er eine sachliche M\u00e4nnerstimme von oben. Er bellt erschrocken zur\u00fcck: &#8222;Erscheinungen?&#8220; Und er wirft das Foto angewidert in die Bierlache zu der Pistole. &#8222;Simulant!&#8220;, br\u00fcllt er hinauf ins Ungewisse, &#8222;Ich befehle dir: Komm sofort herunter!&#8220; Aufgebracht, mit im R\u00fccken verschr\u00e4nkten Armen, gefolgt von seinem Knickschatten, geht der Mann im Scheinwerferlicht kurze Schritte hin und her, und der Schatten beginnt sich zu vervielf\u00e4ltigen, er kann sich nach der Gefa\u00dftheit der letzten Minuten so schnell nicht an neue Orte auf grell erleuchteten Fl\u00e4chen gew\u00f6hnen, verharrt also, aber sein Original rei\u00dft sich noch los, wirft einen neuen Schatten.\u00a0 Es umgibt, umringt sich mit seinen immer gleichen Schatten. Das Original l\u00e4uft so lange hin und her, bis alle hellen Zwischenr\u00e4ume ausgef\u00fcllt sind und es, als eine selbst\u00a0 voll strahlende Erscheinung, vom eigenen Dunkel ganz umgeben ist. So jedenfalls w\u00fcnscht sich einer zu agieren, den die Geisteskr\u00e4fte zu verlassen beginnen, w\u00e4hrend die physischen noch funktionieren.\u00a0 Eilig, nein, hurtig klettert der <em>Simulant<\/em> genannte von einer Strickleiter oder Notleiter herab. Der Schattenwerfer sieht, wie der Andere sich beeilt, und er denkt: \u201eHurtig, warum?\u201c Hurtig ist ein schlechtes Wort f\u00fcr die Weise schnellen Handelns, man spricht es mit dem s\u00fc\u00dflich-sadistischen Unterton kinderlos gebliebener Tanten aus, denen es nicht zusteht, mit H\u00e4nden zu schlagen, sondern nur mit Worten. Der von seinen eigenen Schatten umdr\u00e4ngte\u00a0 Mann findet dieses Wort passend.\u00a0 \u201eIn Extremsituationen bew\u00e4hrt sich mit dem Wort \u201ehurtig\u201c ein feines Sprachgef\u00fchl.\u201c, f\u00fcgt er rechtfertigend hinzu.\u00a0 Fremde Sprachen beherrscht er nur unzureichend, aber heute wei\u00df er genau, was diese <em>hurt<\/em>igen Schritte hinab zu ihm in ihm verursachen k\u00f6nnen: Sie <em>verletzen<\/em> ihn,\u00a0 je n\u00e4her sie\u00a0 ihm kommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der <em>Simulant<\/em> ist ein Gespenst von einem Menschen. Von den letzten Leitersprossen l\u00e4sst er sich einfach fallen und zwar direkt auf den Metallkoffer. Ein durchscheinendes, M\u00e4nnchen rappelt sich mit verqu\u00e4lten Bewegungen auf, um auf die Erscheinung zuzukriechen, die vollkommen im Dunkeln steht. &#8222;Ist das dein Musterkoffer&#8220;, fragt der <em>Simulant<\/em> kl\u00e4glich und deutet mit seinem \u00fcberlang wirkenden Zeigefinger auf den durch seinen Sturz zerbeulten Koffer, zeigt l\u00e4nger darauf, als seine Frage dauert und zeigt damit seine rhetorische Unterlegenheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Erlebnisraum ist nun ganz klein geworden, eine winzige Stelle in den Ausma\u00dfen des ehemaligen Scheinwerferkreises, vier Schritt Strahlung nach allen Seiten. Der Septembersturm wirft sich immer noch unnachgiebig gegen die Architektur. J\u00e4mmerlich und flehend blickt der <em>Simulant<\/em> zu dem Mann, den wir einmal Clown genannt haben,\u00a0 von unten zu ihm\u00a0 herauf. &#8222;Es liegt wieder Schnee vor dem S\u00fcdausgang&#8220;, singt er jedoch \u00fcberraschend diesen halblyrischen Satz. Der <em>gespenstisch wirkende Simulant<\/em> rappelt sich gespielt m\u00fchselig hoch, das Original st\u00f6\u00dft in das tr\u00fcbe Auge des Kleineren seinen s\u00e4uerlichen Atem und schn\u00fcffelt an ihm.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Der Kerl riecht nach <em>Determination<\/em>, hm.&#8220;\u00a0 Er rei\u00dft sich zusammen, kann aber nicht an sich halten und herrscht den vermutlich Schw\u00e4chern an:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Und!? Die Fotos, ha! Die Mikros, ha!? Die\u00a0 Ferngl\u00e4ser, die Stummel, W\u00fcrstchen, ha?!- Die Pistole! Die Pistole!&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Sie sind <em>der Boss<\/em>&#8222;, fl\u00fcstert der <em>Simulant<\/em> ergeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Was sagst du zu der Pistole?! Schie\u00df los, du <em>Fax<\/em>!&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Simulant meidet das Gesicht des Anderen, in dem ohnehin nichts geschrieben steht, was er schon kennt und blickt auf die Hosenbeine des Anderen. Er sieht\u00a0 im Nachbild des Gesichtes nur die zwei lichtlosen zusammengekniffenen Pupillenl\u00f6cher nebeneinander und ein viel gr\u00f6\u00dferes, klaffend darunter, schlechte D\u00e4mpfe verstr\u00f6mend,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Sie haben heute Abend ne Show abgerissen. Jetzt ist niemand mehr da, aber <em>Sie<\/em> sind immer noch da.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Aus gutem Grund&#8220;, sagt der schm\u00e4chtige Mann vage, aber er kriegt sich wieder in die Hand. <em>Wer sich in der Hand hat, hat sich noch lange nicht im Griff<\/em>, denkt der Andere, der sp\u00fcrt, was abgeht.\u00a0 Richtig hinterh\u00e4ltig blickt der <em>Simulant <\/em>auf die Stelle, wo einmal die F\u00fc\u00dfe des Gegen\u00fcbers gestanden sind, Schrittattrappen in Fu\u00dfbeh\u00e4ltern, die sich noch nie entscheiden konnten, wei\u00df er. &#8222;Wenn Sie laufen, merkt man nicht, dass Sie \u00fcberhaupt ein Gesicht haben, ich meine, man muss immer auf Ihre F\u00fc\u00dfe sehen&#8220;, bemerkt der Simulant, irgendwie unentschieden, aber mutig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Meine F\u00fc\u00dfe weisen auf mein Gesicht,&#8220; antwortet ihm selbstgef\u00e4llig der, an den wir uns als <em>das Original <\/em>gew\u00f6hnt haben.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWie bei einem Clown mit spitzen Schuhen.\u201c, pariert der <em>Simulant<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eBei\u00a0 einem, der immer die Wahrheit sagt\u201c, f\u00fcgt <em>der Originale<\/em> unn\u00f6tigerweise noch hinzu. Wie \u00fcberhaupt dieser Dialog so redundant ununterhaltsam bleibt wie einer in staatlich gef\u00f6rderten Filmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8222;Nein, nein&#8230;&#8220; sagt der Simulant sehr ruhig und bestimmt, dann l\u00e4sst er sich einfach wieder fallen und st\u00f6hnt sein vertrautes St\u00f6hnen. Diesmal klingt es, <em>Tatsache<\/em>,\u00a0 echt. &#8222;Gut, gut, von mir aus. Ich geh jetzt los und du w\u00fcnschst dir dein Teil &#8230;. Es ist mir unangenehm.\u201c\u00a0 Mit \u00fcbertriebener Gestik schreitet der von seinen Schatten hofierte <em>Originale<\/em> auf den S\u00fcdausgang zu, er genie\u00dft seine Darbietung. &#8222;Darbietung?&#8220; denkt er erstaunt, &#8222;Wie kann ich mich daf\u00fcr hergeben?&#8216; Der <em>Simulant<\/em> kniet schon in der Bierlache. Blitzschnell greift er sich die Pistole, zielt, st\u00f6hnt, dr\u00fcckt ab, jeweils gleich zwei mal, und: trifft.<\/p>\n<h4><\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Angelika-Janz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-19507\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2014\/02\/Angelika-Janz.jpg\" alt=\"\" width=\"299\" height=\"253\" \/><\/a><\/p>\n<h5>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=36409\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a>, das A.J. Weigoni mit Angelika Janz \u00fcber den Zyklus <em>fern, fern<\/em> gef\u00fchrt hat. Vertiefend ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=22835\">Portr\u00e4t <\/a>\u00fcber ihre interdisziplin\u00e4re T\u00e4tigkeit, sowie einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=29450\">Essay<\/a> der <em>Fragmenttexterin.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Ich gebe es rundheraus zu: Seit einiger Zeit hege ich den vagen Verdacht, dass ich mein Leben nicht mehr selbst in der Hand habe. Meine Realit\u00e4t, dachte ich bisher, sei allein meine Sache, &#8211; und da lag schon der&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/03\/17\/monolog-im-leserstrahl-oder-eine-pistole-fuer-den-schattenmann-2\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":53,"featured_media":97863,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[918],"class_list":["post-46695","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-angelika-janz"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/46695","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/53"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=46695"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/46695\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":100494,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/46695\/revisions\/100494"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/97863"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=46695"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=46695"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=46695"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}