{"id":46515,"date":"2018-07-27T00:01:45","date_gmt":"2018-07-26T22:01:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46515"},"modified":"2018-02-20T07:00:16","modified_gmt":"2018-02-20T06:00:16","slug":"in-bayern-gehen-die-uhren-anders","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/07\/27\/in-bayern-gehen-die-uhren-anders\/","title":{"rendered":"In Bayern gehen die Uhren anders\u2026"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">Wenn der Physiker Eduard Heisenthal 2018 in M\u00fcnchen in den Zug steigt und nach einigen Stunden im Bayerischen Wald ankommt, dann hat seine Reise 112 Jahre gedauert und zwar in r\u00fcckw\u00e4rtiger Zeitrechnung, denn in Walbach schreiben wir das Jahr 1906. Nat\u00fcrlich ist es keine normale Bahnreise, doch eigentlich vollzieht sich die Fahrt durch Bayern wenig spektakul\u00e4r, bei der Zeitreise in diesem Lokal-Science Fiction geht es lediglich darum, die aufeinander wartenden Z\u00fcge zu besteigen, vorausgesetzt Eduard hat bei der Anfahrt zum M\u00fcnchener Hauptbahnhof mit seinem PKW die S\u00e4ule in seiner Tiefgarage einmal umrundet. Denn nur mit diesem Einstieg gelingt der Weg durch das \u201eMausloch\u201c, eine Art Raum-Zeit-Tunnel, dessen Name am \u201egro\u00dfen Bruder\u201c Wurmloch orientiert ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Soweit die gut verst\u00e4ndlichen Fakten f\u00fcr den Nicht-Science Fiction Kenner. Die Story, die nun folgt, spiegelt das interessante Zusammentreffen zweier Bayerischer Gesellschaften wieder, n\u00e4mlich die der konservativen Dorfgemeinde in Walbach im Jahr 1906 und die des hypermodernen M\u00fcnchen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">In Walbach trifft Eduard auf die alleinstehende und gehbehinderte B\u00e4uerin Kreszentia Haberstroh und die beiden entdecken sehr schnell beim gemeinsamen Schachspiel auf dem Hof die gegenseitige Zuneigung f\u00fcr einander. Kreszentia ist eine ungew\u00f6hnlich aufgeweckte und intelligente junge Frau, deren Lebensumst\u00e4nde sie geistig und k\u00fcnstlerisch unterfordern, deren k\u00f6rperliche Anspr\u00fcche sie aufgrund ihrer Gehbehinderung andererseits nicht gewachsen ist. Zeit f\u00fcr eine Einladung nach M\u00fcnchen, die die ahnungslose Frau gerne annimmt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Es macht Spa\u00df zu lesen, wie Kreszentia\u00a0 auf die Neuerungen der modernen Technik reagiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><em>Jede Verkehrsampel, jede farbige Gl\u00fchbirne, jedes Reklameplakat und jede achtlos weggeworfene Bierdose war f\u00fcr sie etwas nie dagewesenes. Am faszinierendsten aber fand sie die Menschen, diese ungeheuer verschiedenen Menschen! Zum ersten Mal in ihrem Leben sah Kreszentia M\u00e4nner und Frauen mit schwarzer Hautfarbeoder mit asiatischen Gesichtsz\u00fcgen. Zum ersten Mal sah sie M\u00e4dchen und Frauen, die Hosen trugen, rauchten oder am Steuer eines Autos sa\u00dfen. Zum ersten Mal sah sie, dass sich zwei Menschen auf offener Stra\u00dfe k\u00fcssten oder das sich zwei M\u00e4nner an den H\u00e4nden hielten. F\u00f6rmlich geschockt war sie von der gro\u00dfen Zahl der \u00dcbergewichtigen jeden Alters. <\/em>S. 98<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Der Geldautomat hat es ihr besonders angetan, w\u00e4hrend Autos und Computer mit erstaunlicher Gelassenheit betrachtet werden. Schon nach wenigen Tagen ist Kreszentia auch mental in M\u00fcnchen angekommen und kann mit Hilfe von Eduard die Errungenschaften der neuen Zeit nutzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Eine H\u00fcft-OP kuriert ihren Gehschaden, ein Implantat den fehlenden Schneidezahn und schon bald wird aus der humpelnden B\u00e4uerin eine attraktive und moderne Frau. Gelungen sind die mundartlichen Formulierungen, mit denen sie die jeweiligen Situationen kommentiert und so gewinnt sie nicht nur das Herz der Leser, sondern nat\u00fcrlich auch das von Eduard. Doch der f\u00fchlt sich von der technisch weitgehend unbeleckten Welt\u00a0 der vorletzten Jahrhundertwende angezogen und m\u00f6chte per Mausloch ganz nach Walbach \u00fcbersiedeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Wie sollen sich die Liebenden entscheiden und wer soll seine angestammte Zeit verlassen? Fragen die zum Nachdenken anregen &#8211; die L\u00f6sung des Problems kommt sehr unvorhergesehen und gem\u00e4\u00df guter SF. Auch wenn die Zeitreise der beiden Protagonisten fiktiv ist, so sind die Herleitungen \u00a0wissenschaftlich gut begr\u00fcndet, so k\u00f6nnte es sein. Daneben gelingt Herbert Becker ein lebendiges Bild des Dorflebens in Walbach im Jahr 1906 und die unverstellte Sicht auf unsere Zeit aus einer ganz anderen Perspektive.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=46515&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Cover.jpg\" alt=\"\" width=\"176\" height=\"266\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Die erstaunliche Reise der Kreszentia Haberstroh<\/strong>, Lokal-Science Fiction\u00a0von\u00a0Herbert\u00a0Becker.\u00a0S\u00fcdOst Verlag im Heimat battenberg gietl Verlag, 2017<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn der Physiker Eduard Heisenthal 2018 in M\u00fcnchen in den Zug steigt und nach einigen Stunden im Bayerischen Wald ankommt, dann hat seine Reise 112 Jahre gedauert und zwar in r\u00fcckw\u00e4rtiger Zeitrechnung, denn in Walbach schreiben wir das Jahr 1906.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/07\/27\/in-bayern-gehen-die-uhren-anders\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":142,"featured_media":46518,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1682],"class_list":["post-46515","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ellen-norten"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/46515","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/142"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=46515"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/46515\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=46515"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=46515"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=46515"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}