{"id":46419,"date":"2019-05-01T00:01:29","date_gmt":"2019-04-30T22:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46419"},"modified":"2019-09-03T14:50:10","modified_gmt":"2019-09-03T12:50:10","slug":"worueber-reden-wir-wenn-wir-ueber-kunst-reden-teil-1","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/05\/01\/worueber-reden-wir-wenn-wir-ueber-kunst-reden-teil-1\/","title":{"rendered":"Wor\u00fcber reden wir, wenn wir \u00fcber Kunst reden?"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><span style=\"color: #999999;\">Vorbemerkung der Redaktion:<\/span> Um es vorweg zu sagen: Auch KUNO wei\u00df nicht, wor\u00fcber wir reden, wenn wir \u00fcber Kunst reden. Stefan Oehm wei\u00df allerdings, dass ein gro\u00dfer Teil derer, die \u00fcber Kunst reden, einige grundlegende Erkenntnisse au\u00dfer acht l\u00e4sst. Und \u00fcber genau die m\u00f6chte er reden:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>\u201eErst durch die Handlung des Betrachters entsteht ein Werk.\u201c<br \/>\n<\/em>Franz Erhard Walther<\/span><\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\">\n<li><strong> Einleitung<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch wenn viel dar\u00fcber gestritten wird, ob nun das eine oder andere Werk aus welchem k\u00fcnstlerischen Bereich auch immer nun wahre Kunst ist oder doch eher ziemlicher Kappes \u2013 man bekommt trotz aller unterschiedlicher Meinungen erstens den Eindruck vermittelt, dass alle Teilnehmer des Diskurses, vom Stammtisch bis zur Alma Mater, wissen, wor\u00fcber sie reden, wenn sie \u00fcber Kunst reden. Und zweitens, dass alle, wenn sie \u00fcber Kunst reden, \u00fcber das gleiche reden. Mich beschleicht allerdings in beiden F\u00e4llen das ungute Gef\u00fchl, dass dem nicht so ist und auch noch nie so war. Ziel dieses Essays ist der Versuch, eben diesem Eindruck Ausdruck zu verleihen. Ein Versuch, der auf folgende These hinausl\u00e4uft:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(1) Sowohl die Etablierung der Gebrauchsweise des sprachlichen Ausdrucks \u201aKunst\u2019<br \/>\n(2) und die Zuschreibung innerhalb einer Gemeinschaft, welches Werk als Kunst-Werk gilt,<br \/>\n(3) als auch die Etablierung des Verst\u00e4ndnisses von Kunst in einer Epoche und einer Kultur sind Resultate des Prozesses der unsichtbaren Hand, Ph\u00e4nomene der dritten Art, weder nat\u00fcrlich gegeben noch k\u00fcnstlich erschaffen. Alles ist, wie alle soziokulturellen Ph\u00e4nomene, eine stets fluide kollektive, weder intendierte noch geplante <em>\u201ekausale Konsequenz einer Vielzahl individueller intentionaler Handlungen, die mindestens partiell \u00e4hnlichen Intentionen dienen\u201c <\/em>(Keller 2014: 93)<sup>1<\/sup>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Modell ist kein sonderlich neues. Bernard de Mandeville hatte es bereits vor \u00fcber 300 Jahren in seiner bitterb\u00f6sen Schrift \u201aDie Bienenfabel\u2019, sie erschien erstmals 1705 als Sixpenny-Brosch\u00fcre in London, in seinen Grundz\u00fcgen formuliert. Die schottische Schule der Moralphilosophie, allen voran der Begr\u00fcnder der klassischen National\u00f6konomie, Adam Smith, sowie Adam Ferguson und Dugald Stewart, hat es im Laufe des 18. Jahrhunderts aufgegriffen und zu einer zentralen S\u00e4ule ihres Konzeptes gemacht. Bei dem \u00d6konomen Carl Menger ist es ebenso zu finden wie bei Friedrich August von Hayek und Robert Nozick. Und auch Rainer Hank bem\u00fchte es zuletzt in der F.A.S., ohne das Kind beim Namen zu nennen, als er \u00fcber \u201aMoral<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hazard\u2019 schrieb, das unmoralische Verhalten der Banken, die Verantwortung f\u00fcr ihr riskantes Verhalten an andere zu delegieren: <em>\u201eAllemal klaffen individuelle und <\/em><em>kollektive Rationalit\u00e4t auseinander: Die individuelle Logik des Handelns bewirkt <\/em><em>negative externe Effekte f\u00fcr andere, verletzt somit die kollektive Vernunft und <\/em><em>schadet dem Gemeinwohl\u201c <\/em>(Hank 2017: 51).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die unser abendl\u00e4ndisches Denken pr\u00e4gende Dichotomie von \u201aphysei\u2019 und \u201athesei\u2019, von nat\u00fcrlich und k\u00fcnstlich, wurde uns, so von Hayek, <em>\u201ezu einer so festen Tradition<\/em><em>\u00a0(\u2026), dass sie sich wie ein Gef\u00e4ngnis auswirkte, aus dem heraus erst Mandeville einen Ausweg zeigte\u201c<\/em> (von Hayek 1969: 131). Ein Gef\u00e4ngnis, aus dem wir ausbrechen m\u00fcssen, wenn wir die Prozesse <em>\u201eder kulturellen Evolution, der die moralischen Traditionen hervorbringt\u201c<\/em> (von Hayek 1983: 170), angemessen verstehen wollen. Der Sprachwissenschaftler Rudi Keller, der sich von Hayeks Diktum zu Herzen nahm und seine Theorie des Sprachwandels ausgehend von Mandevilles Paradoxon sowie der sich daran anschlie\u00dfenden Tradition konzipierte, verweist auf die generelle G\u00fcltigkeit der Grundstruktur dieses Modells f\u00fcr soziokulturelle Ph\u00e4nomene: <em>\u201eMan kann, was Kultur ist, was soziokulturelle Ph\u00e4nomene sind, in entscheidenden Aspekten nicht begreifen, wenn man sie nicht als Ph\u00e4nomene der dritten Art sieht. (\u2026) Sprachwandel ist ein Spezialfall soziokulturellen Wandels\u201c<\/em> (Keller 2014: 208).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Warum nun aber dieses Modell nach wie vor nicht konsequent und durchg\u00e4ngig \u00fcber alle Fakult\u00e4tsgrenzen hinweg zur sachgerechten Erkl\u00e4rung soziokultureller Ph\u00e4nomene herangezogen wird, ist angesichts seiner offensichtlichen Plausibilit\u00e4t nicht recht erkl\u00e4rlich.<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"2\">\n<li><strong> Einige grunds\u00e4tzliche \u00dcberlegungen<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.1 Sprachwandel: Sch\u00f6pfung oder Genese, Artefakt oder Naturph\u00e4nomen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nat\u00fcrliche Sprachen wandeln sich. Permanent. Obgleich nicht ersichtlich ist, warum sie das eigentlich tun. Aber sie tun es. Alle. Und sie tun es zumeist von den Sprechern der Sprachen unbemerkt. Genauer gesagt: Wenn die Sprecher einmal Ver\u00e4nderungen wahrnehmen, nehmen sie sie <em>\u201enicht als permanente Wandlungsprozesse wahr\u201c<\/em> (Keller 2014: 22). Prozesse angemessen wahrzunehmen und sie ebenso angemessen zu beschreiben, bereitet uns offensichtlich gewisse Schwierigkeiten. Wie habe ich mir diese Prozesse vorzustellen? Wie wandelt sich eine Sprache? Ist es \u00fcberhaupt die Sprache, die sich wandelt? Oder wer oder was wandelt sie? Und warum?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir greifen bei dem Versuch, diese und \u00e4hnliche Fragen zu beantworten, schnell zu altbekannten Mustern. Zu Denkmodellen, die sowohl unsere Alltagssprache, aber durchaus auch die Wissenschaftssprache pr\u00e4gen: Termini technici, h\u00f6chst sinnvolle \u201e<em>Abk\u00fcrzungen komplexer Sachverhalte\u201c<\/em>, werden in ihrem Gebrauch nur selten und noch seltener grunds\u00e4tzlich in Frage gestellt: Der unreflektierte Gebrauch der Worte wird schlicht perpetuiert, seine Verwender werden weiter <em>\u201ein ihrem \u201aSprachpanzer\u2019 hausen und durch Wortdunst ihre handwerklichen Fehler verschleiern\u201c<\/em>, so der Germanist Steffen Martus in einem Beitrag in der FAZ. Ein Ph\u00e4nomen, das, wie Martus betont, vor keiner Branche haltmacht<em>: \u201eDas ist bei \u00c4rzten, Heizungsbauern oder Juristen nicht anders.\u201c <\/em>Und auch bei Kunst- und Kulturwissenschaftlern nicht, m\u00f6chte man hinzuf\u00fcgen<sup>2<\/sup>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eWir haben einen Wortschatz der Sch\u00f6pfung und einen des Wachstums\u201c <\/em>zur Verf\u00fcgung, so Keller (Keller 2014: 22), wenn wir das Werden, also prozessuale Ereignisse, beschreiben wollen. Beim ersten Modell handelt es sich um ein mechanistisches Konzept, bei dem der sch\u00f6pfende Gott und, etwas profaner, der erschaffende Handwerker Pate stand, wobei Letzterer uns damit auch gleichzeitig ein alltagstaugliches Muster der Entstehung nicht nat\u00fcrlicher, mithin also kultureller Artefakte liefert. Beim zweiten Modell stand der Organismus Pate: Es ist dies das ontogenetische Konzept des individuellen Werdens. In beiden F\u00e4llen, sowohl im mechanistischen als auch im ontogenetischen Konzept, denken wir jeweils in den Kategorien zielgerichteter Prozesse des Werdens und Entstehens, bei dem <em>\u201edie Idee des Produkts vor seiner Vollendung existiert\u201c<\/em> (Keller 2014: 22). Auch wenn diese teleologische Dimension, gerade in der modernen Naturwissenschaft, nat\u00fcrlich vehement bestritten wird \u2013 wir kommen aus der Haut der Sprache nicht raus: Der Begriff \u201aEvolution\u2019 geht auf das lateinische \u201aevolvere\u2019 zur\u00fcck, das \u201aherausrollen\u2019, \u201aauswickeln\u2019, \u201aentwickeln\u2019 bedeutet. Und etwas kann nun mal nur dann herausgerollt, aus- oder entwickelt werden, wenn es zuvor bereits im Keim enthalten ist: Hier lauert in der Sprache ein zielgerichtetes Denkmodell, dem zudem ein Moment absichtsvollen Handelns inh\u00e4rent ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir verfallen, wenn wir nicht best\u00e4ndig unseren eigenen Sprachgebrauch kritisch hinterfragen, immer wieder in klassische Muster. Ganz besonders deutlich wird dies bei unserem Hang zu Hypostasierungen und Anthropomorphisierungen. Unsere Sprache wimmelt geradezu davon (Keller 2014: 24). Da klettert der Dax schon mal<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">und Hochs und Tiefs wandern fr\u00f6hlich \u00fcbers Land, als w\u00e4ren sie allesamt Mitglieder im Alpenverein. Die Elektrizit\u00e4t flie\u00dft. Der Staat greift ein. Der Markt reguliert sich selbst. Das Geld muss arbeiten und regiert ganz nebenbei noch die Welt. Da wird von der Kunst erwartet, dass sie Br\u00fccken in die Gesellschaft baut, unsere Wahrnehmung sch\u00e4rft und Ver\u00e4nderungen aufzeigt. Und die Sprache? Sie wandelt sich. Das alles klingt ganz so, als g\u00e4be es belebte Dinge namens Dax, Hoch, Tief, Elektrizit\u00e4t, Staat, Markt, Geld, Kunst oder Sprache.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Vitalisierung und Anthropomorphisierung, die der Verdinglichung auf dem Fu\u00df folgt, ist, so Keller, gerade bei der Sprache evident. Sie wird zum Subjekt des Handelns: <em>\u201eDie Sprache lebt. In ihr \u201awirken\u2019 Kr\u00e4fte, sie \u201aw\u00e4chst\u2019, \u201aaltert\u2019 und \u201astirbt\u2019.\u201c <\/em>(Keller 2014: 24) Und verf\u00fchrt \u2013 und in dieser verf\u00fchrerischen Sprache waltet dann und wann auch schon mal ein ewiger Geist. Kein Wunder, dass wir dann ganz selbstverst\u00e4ndlich davon sprechen, dass sich die Sprache wandelt. So als sei sie ein<em>\u00a0\u201eanimal rationale mit allerhand wundersamen F\u00e4higkeiten\u201c<\/em> (Keller 2014: 24). Insbesondere, das m\u00f6chte man hinzuf\u00fcgen, mit der F\u00e4higkeit zu absichtsvollem Handeln, das im Rahmen des Konzepts der Zielgerichtetheit, ihrer teleologischen Dimension, im positiven Sinne der Vollendung entgegenstrebt, im negativen Sinne dem Verfall.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.2 Objektivierung und Hypostasierung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unser Drang zur Hypostasierung, Vitalisierung und Anthropomorphisierung ist beinahe so alt wie die Menschheit selber. Er wurde in Zeiten der Mythologie virulent, die <em>\u201eden endlosen Prozess der Aufkl\u00e4rung ins Spiel gesetzt\u201c<\/em> hat (Horkheimer\/Adorno 1980: 14). Ein Prozess der Welterkenntnis, die in der urspr\u00fcnglichen Trennung von Subjekt und Objekt, von Betrachter und Betrachtetem ihre conditio sine qua non fand. Diese <em>\u201eDistanz des Subjekts zum Objekt\u201c <\/em>ist die <em>\u201eVoraussetzung der Abstraktion\u201c<\/em>, die <em>\u201ein der Distanz zur Sache\u201c <\/em>gr\u00fcndet, <em>\u201edie der Herr durch den Beherrschten gewinnt\u201c<\/em> (Horkheimer\/Adorno 1980: 16). Mit dieser Abstraktion war nicht allein die unaussprechliche, pr\u00e4animistische Macht des alles in Eins setzenden Naturzustands gebrochen: Sie schuf mit der Dichotomie die denkstrukturelle Voraussetzung f\u00fcr die Initiation des menschlichen Prozesses der Kultivierung \u2013 der Bearbeitung, Pflege, Bebauung und des Anbaus, der Ausbildung und Veredelung, lat. <em>cultura<\/em>, der Kultivierung der B\u00f6den, der Pflanzen und der Tiere (Domestizierung) wie auch der Sitten, Gebr\u00e4uche, Traditionen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der vormythischen paradiesischen Zeit erging an den Menschen, noch bevor er zur Erkenntnis von Gut und B\u00f6se bef\u00e4higt war, Gottes Auftrag, sich die Welt untertan zu machen. Der Mensch tat es, indem er die Dinge benannte, in Namen bannte. Mit dem adamitischen S\u00fcndenfall brach dann das Zeitalter der Aufkl\u00e4rung an: Es konstituierte sich die Trennung von Subjekt und Objekt, vom Ich und dem Anderen, von Betrachter und Gegenstand der Betrachtung und entwickelte sich die Dichotomie von Natur und Kultur, von physei und thesei. Und die paradiesische Namensgebung der Welt, ihre sprachliche und damit rationale Aneignung, \u00fcbersetzte der hinausgeworfene Mensch<sup>3<\/sup>, nunmehr zum erkennenden, erkl\u00e4renden, aufkl\u00e4renden Subjekt geworden, so konsequent wie undifferenziert in Kategorien, die ihm am n\u00e4chsten lagen, ihm so die Aneignung der Welt erleichterten: Egal, ob es sich um physische Entit\u00e4ten, Universalien oder Sachverhalte handelte \u2013 die ganze Welt, sinnlich erfahrbare wie gedanklich abstrahierte, hat der Mensch sprachlich hypostasiert, vitalisiert und anthropomorphisiert, in eine visuell, insbesondere aber taktil gepr\u00e4gte Metaphorik<sup>4<\/sup>, in Metaphern der f\u00fcr den gegenst\u00e4ndlich orientierten, ackerbauenden Menschen wesentlichen Sinne getaucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Metaphorik beherrscht seitdem unsere Sprache der Weltaneignung. Die Dinge wurden f\u00fcr uns mit einem Mal \u201afass-bar\u2019, \u201agreif-bar\u2019, \u201aerkenn-bar\u2019, wurden zum \u201aGegenstand\u2019 der \u201aBetrachtung\u2019, den ich \u201awahr-nehme\u2019, \u201abe-greife\u2019, \u201aver-stehe\u2019 oder \u201aein-sehe\u2019, von dem ich mir eine \u201aVor-stellung\u2019 \u201abilde\u2019 (dazu auch: Riedel 1990: 7) \u2013 selbst so etwas \u201aunbe-greifliches\u2019, \u00e4therisches wie Seele und Geist, aber auch Tugenden, Transzendentalien, Kategorien oder Werte wurden so zum \u201aGegenstand\u2019 (der \u201aBetrachtung\u2019) verdinglicht. Was bei den Vertretern des Realismus im Universalienstreit, ausgehend von Platons Ideenlehre, dazu f\u00fchrte, dass sie eine durchg\u00e4ngig hypostasierte Vorstellung vom Sein und den Entit\u00e4ten entwickelten: Die ontologische\u00a0Existenz, die sie selbst den Universalien<sup>5<\/sup> zugestanden, ist eine sprachlich gegenst\u00e4ndlich formulierte. Und da Sprache unsere Denkstruktur nun einmal ganz wesentlich bestimmt, nehmen wir sprachliche Bezeichnungen gerne f\u00fcr bare M\u00fcnze. Bis heute.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.3 Vom Relativismus zu Absolutismus<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit der Abstraktion, Voraussetzung jeder Erkenntnism\u00f6glichkeit, und zunehmenden Rationalisierung ging eine Objektivierung, Versachlichung einher, die im abendl\u00e4ndischen Denken seit Descartes an Fahrt gewonnen hat. Die bis dahin beschr\u00e4nkt menschlich-relative Weltsicht weicht seitdem mehr und mehr dem Anspruch auf Absolutheit. War der Logos bis dato fest in Gottes Hand, w\u00e4hnen wir uns heute positivistisch erhaben: Gott ist tot<sup>6<\/sup>. Und wir als seine legitimen Nachfolgertreten seine Herrschaft an, ausgestattet mit den Insignien seiner Macht. Wir ma\u00dfen uns die F\u00e4higkeit zur Erkenntnis des Seins an sich an, der nicht menschlich gebundenen, grundlegenden, ewigen Wahrheiten und Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten, Strukturen und Mechanismen, losgel\u00f6st vom zeitlichen Sein und unserem Dasein. Der Mensch meint sich in einem Anflug ma\u00dfloser Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung seiner Perspektivit\u00e4t entheben zu k\u00f6nnen und setzt sich, seine Erkenntnisse und Erkenntnisf\u00e4higkeit absolut: <em>\u201eNur wo man hoffen kann, dass man nicht menschlich Gebundenes erf\u00e4hrt, dort ist Wahrheit gegeben und gleichsam \u00fcbermenschlich ist allein die ratio im Menschen\u201c<\/em> (Mannheim 1980: 169).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese \u00fcbermenschliche, mithin un-menschliche, ent-anthropomorphisierende Tendenz der Ratio, dieser mathematisch-funktionale, berechnende, kalkulierende Modus der Weltaneignung, strebt <em>\u201enach einer Vergesellschaftung der Erkenntnis\u201c<\/em> (Mannheim 1980: 169). Diese Entpers\u00f6nlichung der Erkenntnis zielt auf die <em>\u201eeigent\u00fcmliche Verkopplung zwischen Allgemeing\u00fcltigkeit und Wahrheit\u201c<\/em> (Mannheim 1980: 170). Objektiv g\u00fcltig ist allein, was f\u00fcr alle gilt: <em>\u201eEs vollzieht sich hier vorbildlich in der Mathematisierung der Prozess, das gruppengebundene Subjekt, das konkret-geschichtliche Subjekt zu \u00fcberwinden, um auf das abstrakt allgemein Menschliche zu rekurrieren\u201c<\/em> (Mannheim 1980: 170). Diese Denkstruktur trachtet danach, <em>\u201edie Welt berechenbar zu machen\u201c<\/em> \u2013 und \u00fcbersieht dabei ganz, dass sie <em>\u201evon vornherein von ihr nur soviel erkennen wollte, als von ihr berechenbar zu machen ist\u201c<\/em> (Mannheim 1980: 170). Davon abgesehen, dass diese Welt, die Husserl die <em>\u201emathematisch <\/em><em>substruierte Welt der Idealit\u00e4ten\u201c <\/em>nannte<em>, <\/em>die eben nicht<em> \u201edie einzig wirkliche, die wirklich wahrnehmungsm\u00e4\u00dfig gegebene, die je erfahrene und erfahrbare Welt\u201c <\/em>darstellt (Husserl 2012: 52). Die ihr innewohnende Denkstruktur \u00fcbersieht dabei v\u00f6llig, <em>\u201edass es auch andere Wege des Erfahrens und Erkennens gibt\u201c <\/em>(Mannheim 1980: 170), <em>\u201ejene durch die naturwissenschaftliche Denkweise zur\u00fcckgedr\u00e4ngte Denkmethode\u201c <\/em>(Mannheim 1980: 170):<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch die nunmehr mathematisch grundierte, vom menschlichen Dasein durch den Menschen selbst vermeintlich abstrahierte Welt, in der alles in Zahlen gegossen, mithin berechnet werden kann, wird weiterhin in unserer tradierten vitalisierenden und anthropomorphisierenden Sprachweise formuliert, die sich an unserer real vorfindlichen Welt orientiert. Wir versuchen also diese <em>\u201emathematisch substruierte <\/em><em>Welt der Idealit\u00e4ten\u201c<\/em> und die vermeintlich ent-anthropomorphisierten, nicht menschlich gebundenen und mit dem Anspruch auf Allgemeing\u00fcltigkeit versehenen, zeitlos g\u00fcltigen und so als wahr behaupteten Erkenntnisse der Naturwissenschaft mit untauglichen, weil anthropomorphisierenden und vitalisierenden Begrifflichkeiten zu beschreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedwede Form der Hermeneutik, von der allt\u00e4glichen, profanen Welterkl\u00e4rung bis hin zur philosophischen Exegese, bedient sich eines metaphorischen Sprachgebrauchs, gie\u00dft ihre Erkenntnisse in eine gegenst\u00e4ndliche, r\u00e4umliche, taktile und visuelle Begrifflichkeit. Darin, und in der damit untrennbar verbundenen Denkstruktur, zeigt sich unser bis heute andauerndes Erbe, unsere Gefangenheit und Begrenztheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So spricht Aristoteles im ersten Buch der Schriftensammlung \u201aOrganon\u2019, <em>Peri hermeneias<\/em> (\u201aLehre vom Satz\u2019) von den \u201aVorstellungen\u2019, <em>\u201e<\/em><em>deren unmittelbare Zeichen die Worte sind\u201c<\/em> und diese \u201aVorstellungen\u2019 <em>\u201esind bei allen Menschen dieselben und ebenso sind die Gegenst\u00e4nde \u00fcberall dieselben, von welchen diese Vorstellungen die Abbilder sind\u201c<\/em> (F\u00fcr welche Vorstellung steht das Zeichen \u201aVorstellung\u2018 stellvertretend? Von welchem Gegenstand ist die Vorstellung Abbild, dessen unmittelbares Zeichen das Wort \u201aVorstellung\u2018 ist? (zur Stellvertretertheorie der Zeichen cf. Keller 2018: 79; nach Tugendhat 1979: 476 ff.)). Nach seiner semiotischen Trias gibt erstens Gegenst\u00e4nde (was auch mit unserer sprachlichen Allzweckwaffe \u201aDinge\u2019<sup>7<\/sup> \u00fcbersetzt wird). Von diesen gibt es nun zweitens \u201aAbbilder\u2019 in unseren Seelen, eben jene <em>\u201a<\/em>Vorstellungen\u2019. Und, drittens, ist das gesprochene Wort ein Laut und damit Zeichen eben dieser Vorstellungen. Nachrangig sind demgegen\u00fcber die geschriebenen Worte, da diese nur Zeichen der Zeichen, der Laute, sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.4 Sprachwandel als kollektiver Prozess<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Steckt hinter dieser Redeweise ein Denkmodell von der Sprache als eines selbstt\u00e4tig agierenden Handlungssubjekt, so steckt hinter jenem Denkmodell vom Sprecher, der eigeninitiativ Bedeutungen setzt und Sprache ver\u00e4ndert, ein mechanistisches. Hier wird unterstellt, der Sprecher w\u00fcrde absichtsvoll, geplant und willentlich die Sprache, die er spricht, wandeln. Ganz so, <em>\u201eals sei die Sprache ein von Menschen gemachtes Artefakt.\u201c <\/em>(Keller 2014: 25) Und ganz so, als w\u00e4re es ihm jederzeit m\u00f6glich, nach eigenem Gutd\u00fcnken \u00e4ndernd einzugreifen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beiden sprachtheoretischen Modellen des Werdens sind nach Keller drei Wesensz\u00fcge gemeinsam:<br \/>\n1. Sie sind zielgerichtet.<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"2\">\n<li>Sie haben ein Ende.<\/li>\n<li>Sie sind individuelle Prozesse.<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die nat\u00fcrlichen Sprachen unterliegen einem permanenten Wandel. Von diesem anzunehmen, er sei zielgerichtet, ist eine These, die aus heutiger Sicht recht befremdlich anmutet. Was sollte Ziel der Sprache sein? Wer sollte es als Keim angelegt, wer es formuliert haben? Und warum sollte es ein Ziel geben? Ein Ende des Wandels kann es, solange es Sprecher gibt, die die Sprache aktiv sprechen, nicht geben: Ihr Werden und Wandel ist <em>\u201eeine potentiell unendliche Geschichte\u201c<\/em> (Keller 2014: 25). Und da Sprache der kommunikative, interaktive und interdependente Prozess eines Kollektivs ist, l\u00e4sst sich auch Punkt 3. negieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Sprach- und mit ihm Bedeutungswandel (und auch die Etablierung von Bedeutung als logische Voraussetzung daf\u00fcr, dass sich Bedeutung wandeln kann) nun aber weder durch ein ontogenetisches noch durch ein mechanistisches Modell erkl\u00e4rt werden kann \u2013 wie dann? Sprachentwicklung ist nicht zielgerichtet, sie istpotentiell unendlich und ein kollektives Ph\u00e4nomen. Sie ist ein permanenter Prozess, an dem t\u00e4glich Millionen Menschen teilhaben (in der synchronen Zeitachse). Und das \u00fcber Generationen hinweg (in der diachronen Zeitachse). Die Sprache, so formulierte es Humboldt pr\u00e4gnant, <em>\u201ein ihrem Wesen aufgefa\u00dft, ist etwas best\u00e4ndig und in jedem Augenblicke Vor\u00fcbergehendes (\u2026) Sie selbst ist<\/em> <em>kein Werk (Ergon), sondern eine <\/em><em>T\u00e4tigkeit (Energeia)\u201c<\/em> (Humboldt 2008: 324). Darum liegt auch \u201e<em>die eigentliche Sprache in dem Acte ihres wirklichen Hervorbringens \u201c<\/em> (Humboldt 2008: 325). Sprache ist Sprache im Moment des Gebrauchs<sup>8<\/sup>. Der Verwendung. Sie existiert nicht an einem geheimen Ort au\u00dferhalb der Menschheit, sondern nur in und durch uns: den Sprechern der nat\u00fcrlichen Sprachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.5 Nicht vors\u00e4tzlich, nicht bewusst, nicht geplant<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dass Sprache der Verst\u00e4ndigung dient, sagt uns unser gesunder Menschenverstand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und schl\u00e4gt uns damit, wohl nicht zum ersten und auch nicht zum letzten Mal, ein Schnippchen. Denn um Verst\u00e4ndigung geht es, betrachtet man den Sachverhalt etwas genauer, nur recht selten. Da geht es eher um etwas Anderes: Ich l\u00fcge und betr\u00fcge. Flirte. F\u00fchre hinters Licht. Halte Small-Talk, schwinge Reden, treibe Werbung, feuere meine Mannschaft leidenschaftlich an oder frage als Standesbeamter, ob er oder sie sie oder ihn zu Mann oder Frau nehmen will. In all diesen F\u00e4llen kann man schwerlich davon sprechen, dass es bei ihnen vorrangig um Verst\u00e4ndigung geht: Stets will ich, in welcher Form auch immer, Einfluss auf andere nehmen. Diese Beeinflussung scheint das durchgehende Merkmal der Sprachverwendung zu sein. Vielleicht ist es sogar der eigentliche Zweck der Sprachhandlung respektive die Absicht des Sprechers: X will Y dazu bringen, z zu tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Intention der Handlung und des Handelnden ist es, den anderen zu etwas Bestimmten zu bewegen. So kann ich, wenn ich gro\u00dfe Reden schwinge, den Vorsatz haben, den anderen dazu zu bringen zu glauben, ich sei mit Esprit und \u00fcberbordender Intelligenz gesegnet. Dieser Vorsatz ist ein Plan, eine <em>\u201eAbsicht, <u>etwas<\/u> zu tun\u201c<\/em> (Keller 2014: 27). Die Schritte, die ich unternehme, um diesen Vorsatz in die Tat umzusetzen, sind ebenfalls absichtsvoll bzw. intentional. Aber in einer anderen Hinsicht: Wenn ich den Vorsatz habe, mit dem Auto von A nach B zu fahren, so impliziert die Umsetzung meines Vorhabens zahllose Handlungen, die allesamt zwar intentional, aber weder geplant noch bewusst oder gar vors\u00e4tzlich sind: Kuppeln, Schalten, Gas geben, Lenken u.v.a.m. Diese Handlungen verfolgen einen Zweck, sie entsprechen damit der <em>\u201eAbsicht, <u>in der etwas<\/u> getan wird\u201c<\/em> (Keller 2014: 27). Dies bedeutet: <em>\u201eIntentional und planvoll sind keine Synonyme; intentional und unbewusst sind keine Gegens\u00e4tze\u201c<\/em> (Keller 2014: 29).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die nat\u00fcrliche Sprache ist nur durch ihre Sprecher, eine andere Daseinsform als in dem Gebrauch durch sie hat sie nicht. Da es also kein Subjekt des Handelns namens Sprache gibt, das sich quasi selbstt\u00e4tig \u00e4ndert, m\u00fcssen es demnach die Sprecher selbst sein, die die Sprache \u00e4ndern. Allerdings tun sie das, insbesondere in der alltagssprachlichen Kommunikation, nur h\u00f6chst selten \u2013 und noch h\u00f6chstseltener erfolgreich \u2013 mit Vorsatzabsicht<sup>9<\/sup>. Sie verfolgen beim Sprechen Zweckabsichten, Intentionen ganz \u00e4hnlich denen, die sie auch beim Autofahren verfolgen \u2013 und keine dieser Intentionen verfolgt das Ziel, die Sprache zu wandeln oder Bedeutungen zu etablieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sprecher wandeln Sprache nicht nach Art der Handwerker, also nicht sch\u00f6pferisch- mechanistisch, und auch nicht in einem ontogenetischen Prozess: Sprachwandel (ebenso wie die Etablierung von Bedeutung) ist ein wie auch immer gearteter kollektiver Prozess, der individuelle Handlungen involviert, zudem nicht zielgerichtet und potentiell endlos ist. Es stellt sich also die Frage: Wie ver\u00e4ndern wir dann die Sprache, wenn die g\u00e4ngigen Modelle nicht greifen? Wenn wir, bis auf einige wenige Ausnahmef\u00e4lle, nicht dazu imstande sind, vors\u00e4tzlich, bewusst und planvoll den Sprachwandel und die Etablierung von Bedeutung voranzutreiben \u2013 wie soll es dann geschehen? Nicht durch Setzung, nicht durch Ontogenese \u2013 wir erzeugen durch das \u201e<em>t\u00e4gliche millionenfache Benutzen unserer Sprache (\u2026) eine permanente Ver\u00e4nderung unserer Sprache\u201c<\/em> (Keller 2014: 29).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.6 Ungeplante Resultate<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sprache ist ein soziokulturelles Ph\u00e4nomen. Solchen Ph\u00e4nomenen ist zu eigen, dass sie <em>\u201espontane Ordnungen\u201c<\/em> (Keller 2014: 32) bilden. Also Ordnungen, in denen zwar bestimmte Zweckabsichten der Akteure walten, die aber im Kollektiv ohne Ziel, ohne Plan, ohne Vorsatzabsicht, ohne Verabredung und unbewusst entstehen. Und die bisweilen recht <em>\u201eparadoxe Z\u00fcge\u201c<\/em> (Keller 1990: 51) annehmen. So zum Beispiel bei den Gr\u00fcnden f\u00fcr den Wohlstand eines Landes, der zumeist leider <em>\u201enicht Ergebnis der Tugenden seiner B\u00fcrger, sondern ihrer Untugenden und Laster\u201c <\/em>(Keller 1990: 55) ist:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u201eVon Lastern frei zu sein, wird nie<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Was andres sein als Utopie.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Stolz, Luxus und Betr\u00fcgerei<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Mu\u00df sein, damit ein Volk gedeih.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>(\u2026)<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Genauso uns das Laster nutzt,<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>Wenn das Gesetz es kappt und nutzt.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">(Bernard de Mandeville, Die Bienenfabel, 2012: 92)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bernard de Mandeville entwarf in seiner Bienenfabel ein wenig erfreuliches, daf\u00fcr aber umso realistischeres Bild der Realit\u00e4t: Moralisch verwerfliche Intentionen k\u00f6nnen \u00e4u\u00dferst fruchtbare Auswirkungen haben. Bei ihnen werden wir wie <em>\u201evon einer unsichtbaren Hand geleitet, einen Zweck zu f\u00f6rdern, den (wir) in keiner Weise beabsichtigt\u201c <\/em>haben (Smith 1978: 371) Hier ist das omin\u00f6se Mandeville\u2018sche Paradox am Werk: Wer <em>\u201edas eigene Interesse verfolgt, f\u00f6rdert (\u2026) h\u00e4ufig das der Gesellschaft nachhaltiger, als wenn er wirklich beabsichtigt, es zu tun\u201c <\/em>(Smith 1978: 371). Und, so f\u00fcgt Smith hinzu, ohne sich \u00fcber die Natur des Menschen irgendwelche Illusionen zu machen: <em>\u201eAlle, die jemals vorgaben, ihre Gesch\u00e4fte dienten dem Wohl der Allgemeinheit, haben meines Wissens niemals etwas Gutes getan\u201c <\/em>(Smith 1978: 371).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es waltet mephistophelisch \u201e<em>ein Teil von jener Kraft, die stets das B\u00f6se will und stets das Gute schafft\u201c <\/em>(Goethe 1979: 43). G\u00e4be es nur gute Menschen, die nie l\u00fcgen, betr\u00fcgen, nie hintergehen, nie rauben, morden oder Steuern hinterziehen, dann br\u00e4uchten wir kein Rechtssystem. Heerscharen von Juristen, Sozialarbeitern und Politikern w\u00e4ren arbeitslos. Das Milit\u00e4r w\u00e4re obsolet, ja: Staaten w\u00e4ren Geschichte \u2013 und damit auch alle Berufssoldaten und s\u00e4mtliche Staatsbediensteten. Und eine Wirtschaft ausschlie\u00dflich altruistisch ausgerichteter Unternehmen, gef\u00fchrt von g\u00e4nzlich uneitlen Managern, die sich nur am Allgemeinwohl orientieren, nur solche Produkte herstellen, die f\u00fcr alle erschwinglich und zudem ihren Preis wert sind, die ewig halten und auch wirklich ben\u00f6tigt werden? Eine m\u00e4rchenhafte Vorstellung, die Welt w\u00e4re um einiges besser. Nur: Wie viele Jobs w\u00fcrde ein Arbeitsmarkt in einer solchen traumhaften Gesellschaft den Menschen bieten k\u00f6nnen? Wenige. Zu wenige. Jedoch: Es gibt sie nun mal, diese h\u00f6chst unangenehmen Untugenden Eitelkeit, Egoismus und Prahlerei. Und ausgerechnet sie und ihre nicht weniger unangenehmen Vettern sind es, die, so Mandeville, ganz unbeabsichtigt f\u00fcr Wohlstand sorgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der amerikanische Soziologe Robert K. Merton zeigte, ausgehend von Mandevilles Paradoxon, wie nicht nur b\u00f6se Handlungen gute Strukturen erzeugen k\u00f6nnen, sondern auch, wie tugendhafte Intentionen Konsequenzen zeitigen k\u00f6nnen, die bestehenden guten Absichten vollends zuwiderlaufen \u2013 er nannte dies das \u201aGesetz der unbeabsichtigten Folgen\u2019. Verallgemeinert man das Paradoxon f\u00fcr soziokulturelle Ph\u00e4nomene, so bedeutet das in der Konsequenz, hier zitiert Rudi Keller den deutschen Soziologen und \u00d6konomen Viktor Vanberg, <em>\u201edass die Frage nach den Motiven individuellen Handelns ausdr\u00fccklich getrennt (werden muss) von der Frage nach den sozialen Auswirkungen dieses Handelns\u201c<\/em> (Keller 2014: 57). Oder wie es der schottische Moralphilosoph Adam Ferguson bereits im 18. Jahrhundert pr\u00e4gnant formulierte: Soziokulturelle Ph\u00e4nomene sind <em>\u201eEinrichtungen, die in der Tat das Ergebnis menschlichen Handelns sind, nicht die Durchf\u00fchrung eines menschlichen Plans\u201c <\/em>(Keller 2014: 58) \u2013 sie sind von eben jener unsichtbaren Hand geleitet, von der Adam Smith in Anlehnung an Mandevilles bitterb\u00f6se Fabel sprach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.7 Lebenswelt und konjunktives Denken<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Ph\u00e4nomen waltet auch bei der Etablierung von Bedeutung (cf. Kap. 2.11 und 2.12) sowie dem Sprach- respektive Bedeutungswandel: Sie alle haben prozessualen Charakter, sind emergent, also eine spontane Bildung auf Basis des Zusammenwirkens der Teilnehmer am Prozess, und zudem stets fluid. Das hei\u00dft, Sprache und Bedeutung wandeln sich fortlaufend jederzeit \u00fcberall: Ein asynchroner Prozess in der synchronen Zeitachse, an der Abermillionen in Millionen parallel stattfindenden Sprachspielen teilnehmen, die sich in der diachronen Zeitachse \u00fcber Generationen fortsetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unser Gebrauch der Sprache wird zudem ganz wesentlich durch unsere Eingebundenheit in die <em>\u201eblo\u00df subjektiv-relative Lebenswelt\u201c<\/em> (Husserl 2012: 141), also <em>\u201eder in unserem konkreten Weltleben uns st\u00e4ndig als wirklich gegebenen Welt\u201c<\/em> (Husserl 2012: 55) beeinflusst. Diese <em>\u201eallt\u00e4gliche Lebenswelt\u201c<\/em> ist, so der Philosoph Edmund Husserl, im Gegensatz zu \u201e<em>der mathematisch substruierten Welt der Idealit\u00e4ten (\u2026) die einzig wirkliche, die wirklich wahrnehmungsm\u00e4\u00dfig gegebene, die je erfahrene und erfahrbare Welt\u201c <\/em>(Husserl 2012: 52).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erfahren und Erkennen k\u00f6nnen wir diese Welt nur durch unsere immer gegebene Gerichtetheit auf etwas in unseren Wissensvorg\u00e4ngen (Kettler, Meja, Stehr in: Mannheim 1980: 22; in diesem Konzept scheint der von Franz Brentano eingef\u00fchrte Begriff der Intentionalit\u00e4t auf, der sp\u00e4ter zur zentralen Kategorie der Ph\u00e4nomenologie Husserls werden sollte). <em>\u201eDas, was uns begegnet, bietet sich uns in einer bestimmten Perspektive dar<\/em>\u201c (Kettler, Meja, Stehr in: Mannheim 1980: 22). Auf dieser Ebene der Erkenntnisentwicklung findet eine noch nicht reflexive, sondern urspr\u00fcngliche, <em>\u201ekonjunktive Begegnung mit einer Wirklichkeit\u201c<\/em> statt, so <em>\u201ewie wir sie antreffen, wenn wir nach dem mit einer Gemeinschaft geteilten Willen handeln\u201c<\/em> (Kettler, Meja, Stehr in: Mannheim 1980: 23). Diese urspr\u00fcngliche Erkenntnisf\u00e4higkeit, die der Wissens- und Kultursoziologe Karl Mannheim \u201e<em>konjunktives Denken\u201c <\/em>(Mannheim 1980: 157 ff.) nannte, bildet die Basis f\u00fcr unsere Orientierung in der Welt, die uns umgibt. Es ist dies aber nicht als eine Erkenntnisf\u00e4higkeit zu denken, die ein universales menschliches Verm\u00f6gen oder einem einzelnen Individuum zukommende Eigenschaft darstellt \u2013 <em>\u201ekonjunktives Denken geh\u00f6rt zu Gemeinschaften, bildet Gemeinschaften, wird erzeugt durch Gemeinschaften\u201c<\/em> (Kettler, Meja, Stehr in: Mannheim 1980: 22).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch diese Eingebundenheit in die Welt, durch die perspektivisch grundierten, intersubjektiv geteilten, ausgetauschten und letztlich so auch konstituierten und etablierten Welterfahrungen, verf\u00fcgen wir \u00fcber ein implizites Erfahrungswissen, das unsere t\u00e4glichen Handlungen unbewusst und unbemerkt anleitet. So meinen wir im allt\u00e4glichen Gebrauch der Sprache zwar zu wissen, was wir meinen, wenn wir etwas sagen. Aber ohne dass wir um dieses Erfahrungswissen wissen, bleibt es nur ein frommer Wunsch: Ein Gro\u00dfteil dieses Wissens l\u00e4sst sich von uns nicht oder nur h\u00f6chst unzureichend explizieren. Es ist reflexiv f\u00fcr uns praktisch nicht verf\u00fcgbar, seine Relevanz f\u00fcr den Gebrauch, den wir von Worten machen, kaum darstellbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Demgegen\u00fcber gibt es, so Mannheim, ein \u201e<em>kommunikatives Denken<\/em>\u201c, das zumindest theoretisch reflexiv verf\u00fcgbar und explizierbar ist. Von der M\u00f6glichkeit, es zu explizieren, machen wir jedoch nur selten Gebrauch \u2013 wir machen es uns, schon aus Gr\u00fcnden der Sprach\u00f6konomie, nun mal gerne einfach. Und setzen im Rahmen dieses Wissens den Bestand einer Bedeutungsschnittmenge stillschweigend als gegeben voraus, die uns suggeriert, dass wir, wenn wir \u00fcber etwas reden, auch \u00fcber das gleiche reden (weiterf\u00fchrend dazu auch Wittgenstein 1977: 139 (PU 241):<em> \u201eIn der Sprache stimmen die Menschen \u00fcberein. Dies ist keine \u00dcbereinstimmung der Meinungen, sondern der Lebensform.\u201c<\/em>). Wobei es v\u00f6llig irrelevant ist, ob es diese Schnittmenge tats\u00e4chlich gibt. Hinreichend ist, dass alle Beteiligten annehmen, dass dem so ist. Allein diese Annahme vermittelt schon den Eindruck einer gelungenen Kommunikation, unabh\u00e4ngig davon, ob der Eindruck auch nur ansatzweise der Realit\u00e4t entspricht: Gelungen ist, was mir als gelungen erscheint.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eine lebenspraktisch durchaus sinnvolle Einstellung. Denn zwei Menschen k\u00f6nnen niemals ein deckungsgleiches Verst\u00e4ndnis von etwas besitzen: Spreche ich zum Beispiel mit jemandem \u00fcber Kunst, so muss ich nicht nur um das Sprachspiel wissen, in dem der Begriff Kunst zu verstehen ist. Ich sollte auch, damit wir nicht gleich von Beginn an v\u00f6llig aneinander vorbeireden, wissen, ob das Sprachspiel, in dem ich den Begriff verstehe, auch das Sprachspiel ist, in dem ihn mein Gegen\u00fcber versteht. Und ob es nicht vielleicht verschiedene Sprachspiele innerhalb einer Kultur geben kann, in der dieser Begriff zu verstehen ist. Ob es nicht von Kultur zu Kultur, von Epoche zu Epoche, von Lebenswelt zu Lebenswelt ein anderes Verst\u00e4ndnis gibt und wenn ja, welches. Ob mein konjunktives Wissen dem meines Gegen\u00fcbers entspricht (wie kann dies verifiziert werden?). Ob ich und mein Gegen\u00fcber den Begriff immer gleich verwende und verstehe oder nicht von Verwendung zu Verwendung, von Tag zu Tag, von Befindlichkeit zu Befindlichkeit, von aktueller Stimmung zu aktueller Stimmung, zwischen verschiedenen Sprachspielen changierend, immer wieder ein wenig anders verwende und verstehe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.8 Subjekt: Der Unterworfene, der unterwerfen will<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeder Mensch ist Kind seines Kontextes. Er ist in die Zeit und die Welt geworfen. In ein Da-Sein genauso wie in ein So-Sein. In ein komplexes Geflecht aus kulturellen Bedingungen, gesellschaftlichen, religi\u00f6sen, ethischen Normen, in einen je individuellen M\u00f6glichkeitsrahmen: in eine ihm zugeh\u00f6rige, spezifische Variante der vorfindlichen Lebenswelt, die ihrerseits eingebunden ist in ein weltumspannendes Geflecht unz\u00e4hliger Lebenswelten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als sei das noch nicht genug, sind all diese Lebenswelten und, in uns, alle lebensweltliche Individuationen nie konstant, sondern im steten Fluss. Sie \u00e4ndern sich best\u00e4ndig, nie gleichzeitig in gleicher Weise, sondern immer und \u00fcberall asynchron und bei jedem Einzelnen anders. Und sei es auch nur zart nuanciert. Zudem \u00e4ndern sich die Auspr\u00e4gungen der Lebenswelten laufend in jeder Zeitachse, sowohl in der diachronen als auch der synchronen. Und auch hier wieder, heruntergebrochen auf jeden Einzelnen, nie konstant, nie in gleicher Weise, ja: gegebenenfalls sogar von Tag zu Tag anders, abh\u00e4ngig von jedem Ereignis oder individueller physischer und psychischer Tagesverfassung, vom spezifischen Kontext oder sozialen Umfeld.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So gesehen ist der Einzelne dem Sein, der Zeit, der Welt, seinen intersubjektiven Verh\u00e4ltnissen, Konstellationen und nicht zuletzt seinen sprachlichen M\u00f6glichkeiten \u201aunterworfen\u2019, lat. <em>subicere<\/em>. Er ist damit \u201aSubjekt\u2019 \u2013 aber eben nicht das Subjekt<sup>10<\/sup>, das er seit Descartes meint zu sein und das bereits in Gottes Auftrag an uns, uns die Welt in der Benennung begreifbar und sie sich untertan zu machen, sie also mithin zu unterwerfen, angelegt war. Das Subjekt, das sich einerseits die Welt unterwirft, ist ihr immer schon selbst unterworfen. Es ist nie frei von Abh\u00e4ngigkeiten, nie frei in seinen Handlungen, immer zur gleichen Zeit Herr und Beherrschter. Als Herr f\u00fchlt sich das Subjekt, weil es meint, die Welt berechnen, sich von der relativen Sicht des Menschen entbinden zu k\u00f6nnen und zur vom profanen menschlichen Dasein losgel\u00f6sten, lat. <em>\u201aab-solvere\u2019<\/em>, also ent-menschlichten, ent-anthropomorphisierten, ewigen und objektiven Erkenntnis der absoluten Wahrheit emporzusteigen. Eine Erkenntnisf\u00e4higkeit, die ihn dazu verleitet anzunehmen, als Subjekt sich selbst objektiv als Objekt sehen zu k\u00f6nnen. In dieser vermeintlichen F\u00e4higkeit zur Ent-Subjektivierung steckt die ganze Hybris der Menschheit: Das Subjekt ist selbstvergessen \u2013 es vergisst, dass er, der Herr zu sein meint, Beherrschter ist, dem Da-Sein im So-Sein unterworfen und stets relativ ist, nie absolut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier kollidieren unvereinbare Denkstrukturen: Auf der einen Seite die unseres mythologischen, naturphilosophischen Erbes, von dem wir uns nicht zu l\u00f6sen verm\u00f6gen \u2013 es zeigt sich in unserer relativen, anthropomorphisierenden, vitalisierenden und hypostasierenden Sprache mit der ihre innenwohnenden Denkstruktur. Auf der anderen Seite steht der unbedingte Wille zur absoluten Herrschaft \u00fcber die Dinge, zur Entbindung vom Menschlichen, die sukzessive Entanthropomorphisierung, Versachlichung, Objektivierung, Mathematisierung, Codierung und Algorithmisierung der Welt<sup>11<\/sup>, die eine g\u00e4nzlich andere, berechnende Denkstruktur erfordert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was passiert, wenn nun der unbeherrschte Herr begreift, dass er a priori unf\u00e4hig zu der ersehnten entmenschlichten Denkstruktur ist, er ein auf ewig beherrschter Herr ist, der in die anthropomorphisierende Sprache und der ihre innenwohnenden Denkstruktur eingewoben ist? Wird er sich beherrschen k\u00f6nnen, damit aus dem beherrschten Herrn ein beherrschter Herr werden kann?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.9 Verst\u00e4ndnis als Unterstellung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Laufe der individuellen Sozialisation, der Eingebundenheit in eine subjektiv-relative Lebenswelt, erwerbe ich ein spezifisches Kulturwissen, das, trotz der intersubjektiv geteilten, ausgetauschten und so etablierten Welterfahrungen, die eine Gemeinschaft konstituieren, so einzigartig ist wie mein Fingerabdruck. All meine Erlebnisse und Erfahrungen gehen als Teil in die Bedeutung mit ein, die, zum Beispiel, Kunst f\u00fcr mich pers\u00f6nlich hat, ungeachtet des Sprachspiels, in dem der Begriff zu verstehen ist. Es schwingen singul\u00e4re, manchmal t\u00e4glich andere, emotional grundierte individuelle Konnotationen mit, aber auch solche, die der Begriff in unserer Kultur als Resultat eines kollektiven Prozesses mit sich bringt. Wie sollen angesichts dessen zwei Menschen dieser asynchronen Kommunikation entkommen, sie auch nur ein ansatzweise gleiches Verst\u00e4ndnis einer Sache haben? Oder je imstande sein festzustellen, ob dies der Fall ist oder nicht? Dass ein solch intersubjektives Verst\u00e4ndnis, das eine fl\u00fcssige Kommunikation sichert, tats\u00e4chlich gegeben ist, kann, trotz aller konstituierenden kollektiven Prozesse, immer <em>\u201enur wechselseitig unterstellt werden\u201c<\/em> <sup>12<\/sup> (Liedtke 2016: 40).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das gilt in erster Line f\u00fcr unseren allt\u00e4glichen Gebrauch der Worte, auch f\u00fcr den geisteswissenschaftlichen Kontext, weniger jedoch f\u00fcr den naturwissenschaftlich-mathematischen. Also dort, wo die Bedeutung eines Wortes oftmals nicht sein Gebrauch in der Sprache, sondern per definitionem gesetzt und von den anderen Teilnehmern des Sprachspiels akzeptiert ist (wobei Husserl dem wohl entgegnen w\u00fcrde, dass dies nur Schein ist: <em>\u201eGleich mit Galilei beginnt (\u2026) die Unterschiebung <\/em><em>der idealisierten Natur f\u00fcr die vorwissenschaftlich anschauliche Natur\u201c<\/em> (Husserl 2012: 53). Hier ist die Bandbreite der Bedeutung des Wortes eingeschr\u00e4nkt und ihrer individuellen lebensweltlichen Variationsbreite, ihrer Konnotationen und Implikationen k\u00fcnstlich enthoben. Es wird in gewisser Weise eine relative Bedeutung absolut gesetzt und aus Gr\u00fcnden der effektiven Kommunikation bis auf Weiteres einvernehmlich ideologisiert. Wird diese Bedeutung jedoch nicht best\u00e4ndig reflektiert, sondern unreflektiert perpetuiert, so besteht die Gefahr, dass sich ein nachl\u00e4ssiger Gebrauch einschleicht: Wissenschaftliche Sprachspiele sind daf\u00fcr, da man sich hier gerne mit Autorit\u00e4ten schm\u00fcckt und lieber auf die Schultern von Riesen steigt statt deren Begriffsgebrauch zu hinterfragen, sehr empf\u00e4nglich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.10 Ausbruch aus dem Gef\u00e4ngnis der Dichotomie<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gemeinsam ist soziokulturellen Ph\u00e4nomenen, so von Hayek, dass <em>\u201eaus Regelm\u00e4\u00dfigkeiten individuellen Verhaltens (der) Charakter der daraus resultierenden Ordnung\u201c<\/em> rekonstruiert werden kann, (Keller 2014: 62). Dumm nur, dass wir <em>\u201ein einer von Dichotomien gepr\u00e4gten Kultur\u201c<\/em> (Keller 2014: 63) leben, die keinen rechten Sinn f\u00fcr prozessual definierte Erkl\u00e4rungsmuster hat. Da gibt es eben die von der Natur aus gegebenen Dinge auf der einen und die k\u00fcnstlichen, von Menschen geschaffenen Artefakte auf der anderen Seite. Basta. Nehmen wir das so hin, haben wir gr\u00f6\u00dfte Schwierigkeiten, die einfachsten Dinge des allt\u00e4glichen Lebens und Miteinanders auch nur ansatzweise angemessen zu beschreiben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ob Br\u00e4uche, Traditionen oder wissenschaftliche Diskurse \u2013 ich folge ihnen nicht aufgrund meines Verstandes oder meiner Vernunft, auch nicht aufgrund meines Gef\u00fchls oder meiner Instinkte. <em>\u201eIch folge sozialen Regeln\u201c <\/em>(Keller 2014: 64). Und <em>\u201ewenn ich der Regel folge, w\u00e4hle ich nicht. Ich folge der Regel blind\u201c<\/em> (Wittgenstein 1977: 134 (PU 219)). Einer Regel folge ich also nicht bewusst, ich reflektiere sie nicht oder stelle sie in Frage. Ich folge ihr ganz automatisch, weil sie Teil der Lebenswelt ist, in die ich hineingeboren wurde. <em>\u201eSoziale Regeln werden gleichsam zu unserer zweiten Natur. Sie sind ein Teil meines Ich\u201c<\/em> (Keller 2014: 65). Sie sind weder nat\u00fcrlich gegeben noch k\u00fcnstlich geschaffen. Eine Sprache zu sprechen hei\u00dft also, gewissen nicht verabredeten, nicht durch \u00dcbereinkunft erzielten oder von einer supranationalen Normungsorganisation gesetzten sozialen Regeln zu folgen. Ihre Befolgung<sup>13 <\/sup>erfolgt nicht bewusst, nicht geplant und nicht vors\u00e4tzlich. Und ihre Befolgung dient, wie gesagt, in erster Linie nicht der Verst\u00e4ndigung, sondern der Beeinflussung: Ich will jemanden dazu bringen, <em>\u201eetwas Bestimmtes zu tun bzw. zu glauben\u201c<\/em> (Keller 2014: 65).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Platons Dialog \u201aKratylos\u2019, Nukleus abendl\u00e4ndischer Sprachphilosophie, stehen sich zwei Positionen diametral gegen\u00fcber. Die des namensgebenden Kratylos, der behauptet, dass allem, was es an Benennbarem gibt, von Natur aus eine objektiv richtige Benennung zukommt (\u201a<em>physei\u2019<\/em>). Sein Kontrahent Hermogenes hingegen vertritt die recht modern anmutende Auffassung, dass die Verbindung von Bedeutung und Ding vom Menschen gemacht wird. Wortbedeutungen werden demnach willk\u00fcrlich festgelegt und beruhen auf Konvention, also \u00dcbereinkunft und Gewohnheit (\u201a<em>thesei\u2019<\/em>) (Platon 1980: 124 ff.). Grunds\u00e4tzlich k\u00f6nnen sie, so Hermogenes, von jedem ge\u00e4ndert werden. Ja, jeder ist jederzeit imstande, seine eigene Privatsprache zu schaffen und einem Wort die Bedeutung eines anderen Wortes zu geben, wodurch die neue Benennung g\u00fcltig und richtig wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um dem Gef\u00e4ngnis der Dichotomie von physei vs. thesei, von nat\u00fcrlich vs. k\u00fcnstlich zu entkommen, hinterfragt Keller die mechanistische Variante der gegens\u00e4tzlichen Erkl\u00e4rungsmodelle: Was hei\u00dft das nun genau, etwas sei k\u00fcnstlich, also \u201avon Menschen gemacht\u2019? Ein Gegenstand, der von Menschen gemacht wurde, kann, so Keller, (A) ein <em>\u201eErgebnis menschlicher Handlungen\u201c<\/em> sein oder (B) <em>\u201eaufgrund menschlicher Intentionen entstanden\u201c<\/em> sein. <em>\u201eNun impliziert zwar B A, aber A impliziert nicht B\u201c <\/em>(Keller 2014: 83). Das, was aufgrund menschlicher Intentionen entstanden ist (B), ist auch das Ergebnis menschlicher Handlungen (A), aber Ergebnisse menschlichen Handelns (A) m\u00fcssen nicht zwingend intendiert (B) sein. Darauf wies schon Mephisto hin, der ja, zumindest nach eigener Aussage, stets das B\u00f6se will und stets das Gute schafft. Solche Resultate sind dann <em>\u201eErgebnisse menschlicher <\/em><em>Handlungen, nicht aber Ziel ihrer Intentionen\u201c<\/em> (Keller 2014: 84). Damit passt das Erkl\u00e4rungsmuster nicht mehr in die klassische Dichotomie \u2013 Resultate dieser Art sind zwar, wie Artefakte, k\u00fcnstlich, aber eben nicht wie diese gezielt, geplant und vors\u00e4tzlich geschaffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle Ph\u00e4nomene, <em>\u201ewhich are indeed the results of human action, but not the execution of any human design\u201c<\/em> (Keller 2014: 85; zitiert nach Adam Ferguson 1767: 187) geh\u00f6ren in diese dritte Kategorie \u2013 neben den Kategorien \u201anat\u00fcrlich\u2019 und \u201ak\u00fcnstlich\u2019. Keller nennt diese soziokulturellen Ph\u00e4nomene darum <em>\u201ePh\u00e4nomene der dritten Art\u201c<\/em> (Keller 2014: 85): Sie sind nicht intendierte kollektive Folgen zum Teil millionenfacher gleichgerichteter intentionaler individueller Handlungen. Folgen eben jenes Wirkens der unsichtbaren Hand, das Adam Smith beschrieb. Dazu geh\u00f6rt die Entstehung der Inflation ebenso wie die des Trampelpfads auf dem Universit\u00e4ts-Campus, des Staus aus dem Nichts oder eben der Sprach- bzw. Bedeutungswandel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.11 Intendieren, Meinen, Bedeuten <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um eine angemessene Erkl\u00e4rung soziokultureller Ph\u00e4nomene wie das des Sprachwandels oder, ihm logisch vorausgehend, der Etablierung von Bedeutung liefern zu k\u00f6nnen, kann man nicht bei bestehenden Strukturen beginnen, sondern muss methodologisch eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr liefern, wie diese Strukturen entstehen: <em>\u201eAusgangspunkt der Erkl\u00e4rung sind handelnde Individuen\u201c<\/em> (Keller 2014: 164). Diese <em>\u201enominalistische Strategie\u201c,<\/em> wie sie der Linguist Frank Liedtke im Rekurs auf den britischen Sprachphilosophen Jonathan Bennett nennt, ist alternativlos: <em>\u201eJede andere Strategie w\u00e4re hoffnungslos zirkul\u00e4r\u201c<\/em> (Liedtke 2016: 43).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage, wie sich Bedeutung systematisch etablieren kann, geht mit der Frage einher, wie sich bei anderen das Verst\u00e4ndnis eben dieser Bedeutung systematisch etablieren kann. Denn auf der Handlungsebene, auf der sich der Mensch Zeit seines Lebens de facto bewegt, ist er immer in soziale Kontexte eingebunden (es sei denn, wir reden hier \u00fcber einen ewigen Robinson Crusoe ohne Chance auf einen Freitag). Das hei\u00dft, es muss gezeigt werden, was es bedeutet, wenn ein singul\u00e4res Sprachverhalten von einem anderen \u201averstanden\u2019 wird. Und wie im Zuge der <em>\u201esozialen Kristallisation\u201c<\/em> (de Saussure 2013: 16), die als soziokulturelles Ph\u00e4nomen auch ein Prozess der unsichtbaren Hand ist, also nicht geplant, nicht gezielt, nicht vors\u00e4tzlich, nicht bewusst abl\u00e4uft und potentiell endlos, also nie abgeschlossen ist, eine singul\u00e4re <em>\u201eSprecher-Bedeutung\u201c<\/em> (H. Paul Grice) \u00fcber den Weg der etablierten Bedeutung zur konventionellen Bedeutung eines \u00c4u\u00dferungstyps werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bedeutungskonstitution ist nie eine einseitige Angelegenheit. Wenn ich etwas sage und niemand ist da, dem ich es sage, dann gibt es auch niemanden, dem das, was ich sage, etwas sagt. Mithin l\u00e4uft in dieser Konstellation meine Intention ins Leere, ist das, was ich sage, bedeutungslos. Es bedarf also immer eines Gegen\u00fcbers (idealer Weise eines Menschen, nicht Alexa), der die Grundbedingungen daf\u00fcr erf\u00fcllt, dass er das, was ich ihm sage, in der Lage ist zu erfassen. Wenn ich diesem Gegen\u00fcber etwas sage, was nicht durch schn\u00f6den R\u00fcckgriff auf den konventionellen Sprachgebrauch verst\u00e4ndlich ist, so muss dieser Gegen\u00fcber, damit er wei\u00df, was ich mit dieser \u00c4u\u00dferung meine, meine Intention erkennen, mit der ich meine \u00c4u\u00dferung gemacht hat: \u201aDie T\u00fcr ist offen\u2019. Verf\u00fcgt mein Gegen\u00fcber \u00fcber ein ausreichendes Kontextwissen, so wird er hoffentlich erkennen, dass es sich hier z.B. um eine Aufforderung handelt, endlich die T\u00fcr zu schlie\u00dfen, weil es wie Hechtsuppe zieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zu wissen, <em>\u201ewas jemand mit einer \u00c4u\u00dferung meint\u201c<\/em> (Liedtke 2016: 35), bedeutet, die Intention des Sprechers zu erkennen. Diese kommunikative Intention oder <em>\u201eSprecher-Intention\u201c<\/em> (H. Paul Grice) ist die Bedeutung der \u00c4u\u00dferung: die <em>\u201eSprecher-Bedeutung\u201c<\/em> (H. Paul Grice) \u2013 damit stehen wir strukturell gesehen am Anfang der Bedeutungsetablierung. Bedeutung konstituiert sich nur in Ausnahmef\u00e4llen als ein Akt der Setzung, in der Regel resultiert sie aus einer dialogisch strukturierten Situation, in der der Angesprochene die <em>\u201ereflexive Intention\u201c<\/em> (Liedtke 2016: 37) erkennen muss, um zu wissen, was der Sprecher meint (also die \u201eSprecher-Intention\u201c resp. Sprecher-Bedeutung\u201c erkennen).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der britische Sprachphilosoph Herbert Paul Grice hat f\u00fcr den Fall des Meinens (und damit mein Verstehen dessen) ein handlungstheoretisches Grundmodell entwickelt:<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\">\n<li>Ich intendiere, dass du erkennst, dass ich mit meiner \u00c4u\u00dferung a beabsichtige.<\/li>\n<li>Ich intendiere, dass du meine Intention (i.) erkennst.<\/li>\n<\/ol>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Ich intendiere, dass du erkennst, was ich mit meiner \u00c4u\u00dferung a beabsichtige, indem du meine Intention (ii.) erkennst.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Angesprochene muss also eine reflexive, interpretative Leistung erbringen, um den Gehalt der kommunikativen Intention (die Sprecher-Intention), also das mit der \u00c4u\u00dferung Gemeinte, die intendierte Wirkung (die Sprecher-Bedeutung) verstehen zu k\u00f6nnen. Um eine realistische Chance zu haben, diese Leistung erbringen zu k\u00f6nnen, muss er \u00fcber relevantes Kontextwissen verf\u00fcgen. Diese Informationen <em>\u201eumfassen allgemeines Weltwissen, also physikalische Gesetze oder kulturelle Praktiken, au\u00dferdem Einsch\u00e4tzungen der aktuellen Situation und schlie\u00dflich das, was im Diskurs vorher gesagt oder im Text vorher geschrieben wurde\u201c<\/em> (Liedtke 2016: 38). Dazu geh\u00f6rt auch das von Karl Mannheim beschriebene konjunktive Denken, das mit einem ebensolchen Wissen korrespondiert. Bei diesem Wissen handelt es sich um akkumulierte geteilte, ausgetauschte Erfahrungen, intersubjektiv konstituiert durch Gemeinschaft (und so Gemeinschaften bildend). Und doch ist dieses nie zur G\u00e4nze explizierbar, obwohl es doch zur <em>\u201eOrientierung in und Gestaltung und Interpretation von einer Welt beitr\u00e4gt, in der wir zuhause sind\u201c<\/em> (Kettler, Meja, Stehr in: Mannheim 1980: 22).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lassen wir an dieser Stelle Mannheims grunds\u00e4tzlichen Zweifel an der M\u00f6glichkeit der reflexiven Vergegenw\u00e4rtigung gemeinschaftskonstituierenden Wissens einmal beiseite: Bei sprachlichen \u00c4u\u00dferungen vom einfachen Typ wie \u201aDie T\u00fcr ist offen\u2019 sind die genannten Aspekte gewiss von nachrangiger Bedeutung, wenn es um das Erkennen der Sprecher-Bedeutung geht. Aber es sind komplexere \u00c4u\u00dferungen denkbar, in denen ein etwas umfangreicheres Welt- und Kontextwissen erforderlich ist. So bei einem Satz wie: \u201e<em>Eine Kunst, die im Grunde keine Kunst mehr sein will, sondern Belehrung, endet rasch in solchen Fallen der Bigotterie\u201c<\/em> (Rauterberg 2017: 37).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ob die Interpretation des Gemeinten durch den Angesprochenen mit der von mir intendierten Interpretation \u00fcbereinstimmt, kann, so Liedtke, <em>\u201enur wechselseitig unterstellt werden\u201c<\/em> (Liedtke 2016: 40). Im Gespr\u00e4ch kann ich dies vielleicht noch durch eine simple Nachfrage in Erfahrung bringen. Bei der Lekt\u00fcre des Artikels von Hanno Rauterberg wird das schon schwieriger. Angenommen, diesem Satz (bzw. den darin gebrauchten Worten, insbesondere dem Begriff \u201aKunst\u2019) kommt hier eine singul\u00e4re Sprecher-Bedeutung zu: Wie soll ich, wenn es aus dem Kontext nicht eindeutig ersichtlich ist, herausfinden, ob meine Hypothese der Sprecher-Bedeutung richtig ist, ob also Herr Rauterberg und ich <em>\u201e\u00fcbereinstimmende Interpretationen der Situation haben oder nicht\u201c<\/em> (Liedtke 2016: 40)? Um gerade in F\u00e4llen wie diesen eine halbwegs realistische Chance auf eine fl\u00fcssige Kommunikation zu haben, m\u00fcssen wir <em>\u201eauf eine g\u00e4ngige Bedeutung der ge\u00e4u\u00dferten Ausdr\u00fccke zur\u00fcckgreifen\u201c<\/em> (Liedtke 2016: 41) k\u00f6nnen (Liedtke ist der Ansicht, dass Sprecher_innen wie Adressat_innen eben dies auch st\u00e4ndig tun, es also in der Regel eine solche g\u00e4ngige Bedeutung gibt (was zu beweisen w\u00e4re). Aber reicht nicht schon die Suggestion einer g\u00e4ngigen Bedeutung, um die fl\u00fcssige Kommunikation aufrecht zu erhalten? Dies scheint mir im allt\u00e4glichen Gebrauch der Sprache der Normalfall zu sein).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.12 Von der singul\u00e4ren zur konventionellen Bedeutung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die etablierte Bedeutung eines Ausdrucks ist, wie gesehen, weder etwas, was \u201aphysei\u2019 ist, also nat\u00fcrlich gegeben, noch etwas, was \u201athesei\u2019 ist, also durch Gewohnheit und \u00dcbereinkunft erzielt. Sie ergibt sich in der Regel als Resultat menschlicher Handlungen, nicht aber als Ergebnis eines menschlichen Plans \u2013 <em>\u201esie entsteht letztlich aus singul\u00e4ren sprachlichen \u00c4u\u00dferungen und ihrer Intentionszuschreibung\u201c<\/em> (Liedtke 2016: 41). Es sind daran immer Sprechende beteiligt, die bestimmte Intentionen haben, sowie Mitsprechende, die diesen Ausdr\u00fccken und \u00c4u\u00dferungen in aktuellen Situationen bestimmte Intentionen zuschreiben. Aus dem millionenfachen Vollzug solcher Handlungen entstehen ungeplante, nicht vors\u00e4tzliche, kollektive kausale Resultate \u2013 idealiter die etablierten Bedeutungen. Und, in letzter Konsequenz, <em>\u201eallm\u00e4hlich eine Einzelsprache als Durchschnitt der Verwendungen vieler Sprecher\u201c<\/em> (Liedtke 2016: 41) so wie sich ganz \u00e4hnlich aus solchen Einzelf\u00e4llen <em>\u201eauch andere etablierte Formen der menschlichen Interaktion oder auch der menschlichen Kultur\u201c<\/em> (Liedtke 2016: 41) in einem Prozess der unsichtbaren Hand entwickeln.<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\">\n<li>Paul Grice hat ein idealtypisches Modell entwickelt, wie wir uns eine solche systematische prozessuale Entwicklung innerhalb einer Sprachgemeinschaft von der singul\u00e4ren Situationsbedeutung hin zur konventionellen Bedeutung vorzustellen haben:<\/li>\n<li>Situationsbedeutung: <em>\u201esie gilt nur in der spezifischen Verwendungssituation\u201c<\/em> (Liedtke 2016: 42). Die ge\u00e4u\u00dferten S\u00e4tze und Worte ergeben sich in diesem Fall ausschlie\u00dflich aus dem konkreten Kontext der \u00c4u\u00dferung.<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Bedeutung differenziert Grice in die<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">a.1 Situationsbedeutung eines Ausdrucks sowie<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">a.2 Situationsbedeutung eines Sprechers<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Letztere (a.2) ist hier von vorrangigem Interesse: Anhand des reflexiv angelegten Grice\u2018schen Grundmodells<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\">\n<li>Ich intendiere, dass du erkennst, dass ich mit meiner \u00c4u\u00dferung a beabsichtige.<\/li>\n<li>Ich intendiere, dass du meine Intention (i.) erkennst.<\/li>\n<\/ol>\n<ul style=\"text-align: justify;\">\n<li>Ich intendiere, dass du erkennst, was ich mit meiner \u00c4u\u00dferung a beabsichtige, indem du meine Intention (ii.) erkennst.<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\">erschlie\u00dft sich die jeweilige Intention des Sprechers. Aus dieser Sprecher-Intention ist die singul\u00e4re Bedeutung des Sprechers, seine Situationsbedeutung, zu ersehen. Sie ist, sprachlogisch gesehen, die erste, urspr\u00fcnglichste Form der Sprecher-Bedeutung. Und damit der Anfang des Prozesses zur Bedeutungsetablierung, an dessen Ende erst die etablierte und dann die konventionelle Bedeutung steht \u2013 hier handelt es sich um <em>\u201edie Ableitung der Bedeutung sprachlicher Ausdr\u00fccke aus dem Begriff der (reflexiven) Sprecher-Intention\u201c<\/em> (Liedtke 2016: 43).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die zweite hier relevante Art der Bedeutung ist die<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\">\n<li>zeitunabh\u00e4ngige Bedeutung: <em>\u201edie etablierte Bedeutung, die einem Ausdruck (sei es ein Wort oder ein Satz) unabh\u00e4ngig von einer bestimmten Verwendungssituation, also zeitunabh\u00e4ngig, zukommt\u201c<\/em> (Liedtke 2016: 42)<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da nun viele Ausdr\u00fccke, so auch \u201aKunst\u2019, mehrdeutig sind, <em>\u201egeht aus dem Verwendungskontext hervor, welche von den M\u00f6glichkeiten im Bedeutungsspektrum realisiert wird\u201c<\/em><sup> 14<\/sup> (Liedtke 2016: 43). Diese im Kontext verwendete Variation der etablierten Bedeutung nennt Grice die <em>\u201eangewandte zeitunabh\u00e4ngige Bedeutung\u201c<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Um die aktuelle Bedeutung zu erkennen, muss erstens herausgefunden werden, ob es sich um eine angewandte zeitunabh\u00e4ngige Bedeutung (b.) oder aber um eine Situationsbedeutung (a.) handelt und zweitens, wenn es sich um (b.) handelt, welche der M\u00f6glichkeiten im Bedeutungsspektrum dann hier Anwendung findet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Frage ist nun, <em>\u201ewie sich die zeitunabh\u00e4ngige Bedeutung aus der Situationsbedeutung ableiten l\u00e4sst\u201c<\/em> (Liedtke 2016: 43). Dazu muss man in dem Erkl\u00e4rungsmodell den erstmaligen Gebrauch einer Bedeutung durch einen Sprecher annehmen \u2013 die erw\u00e4hnte Sprecher-Intention als singul\u00e4re Bedeutung des Sprechers. Erkennt der Angesprochene die reflexive Intention, so versteht er sie als die Situationsbedeutung des Sprechers. L\u00e4sst nun der Sprecher diese offensichtlich recht verst\u00e4ndliche Verwendungsweise zur Gewohnheit werden, die von weiteren Angesprochenen erkannt wird, so unterstellen diese ihm, dass er mit dem Gesagten auch in der neuen Situation meint, was er zuvor erstmalig gemeint hat \u2013 dass er<em> \u201eein bestimmtes Verfahren in seinem Repertoire\u201c<\/em> hat (Liedtke 2016: 44).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn nun andere zuk\u00fcnftig <em>\u201emit dieser Verwendung in dieser Art von Situation\u201c<\/em> (Liedtke 2016: 44) rechnen, ist aus der Sprecher-Bedeutung die etablierte Ideolekt-Bedeutung eines Ausdruckstyps geworden. Erweitert sich dieser nun so etablierte Sprachgebrauch einer Person kontinuierlich (aber ungeplant, ungezielt, nicht vors\u00e4tzlich oder gar bewusst), indem verschiedene Sprecher einer Gruppe seine Verwendungsweise \u00fcbernehmen und erweitert sich die Gruppe dann sukzessive um immer weitere Gruppen, wird sie \u201e<em>zur zeitunabh\u00e4ngigen Bedeutung des \u00c4u\u00dferungstyps\u201c<\/em> (Liedtke 2016: 44). Und, als das kollektive, ungeplante und nicht intendierte Resultat all dieser ungez\u00e4hlten individuellen intentionalen Handlungen, zur etablierten und schlie\u00dflich zur konventionellen Bedeutung eines Ausdruckstyps \u2013 bei diesem kollektiven Resultat handelt es sich um eben jene <em>\u201esoziale Kristallisation\u201c<\/em>, von der der schweizerische Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure<sup>15<\/sup> gesprochen hat: <em>\u201eZwischen allen Individuen, die so durch die menschliche Rede <\/em><em>verkn\u00fcpft sind, bildet sich eine Art Durchschnitt heraus: alle reproduzieren \u2013 allerdings nicht genau, aber ann\u00e4hernd \u2013 dieselben Zeichen, an die dieselben Vorstellungen gekn\u00fcpft sind\u201c<\/em> (de Saussure 2013: 15).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Muss ich bei einem singul\u00e4ren Sprachgebrauch, der Sprecher-Intention, noch diese reflexive Intention erkennen, um zu verstehen, was gemeint ist, wird sie <em>\u201eab einer\u00a0 <\/em><em>bestimmten Konventionalisierungsstufe (\u2026) obsolet\u201c<\/em> \u2013 sie <em>\u201eergibt sich aus der <\/em><em>Verwendung eines etablierten Sprachmittels\u201c<\/em> (Liedtke 2016: 44). Damit ist systematisch der Prozess beschrieben, der <em>\u201evon der individuellen Gewohnheit eines Ausdrucksgebrauchs hin zu einer kollektiven Praxis\u201c<\/em> f\u00fchrt (Liedtke 2016: 44). In diesem intersubjektiv konstituierten Sprachspiel korreliert die etablierte Verwendungsweise mit einer entsprechenden Verst\u00e4ndnisweise, die eine fl\u00fcssige und gelungene Kommunikation sicherstellt. Idealiter.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.13 Die soziale Welt \u2013 ein Trampelpfad<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eDas Wesen der menschlichen Kultur im Allgemeinen und das der Sprache im <\/em><em>Besonderen\u201c<\/em> (Keller 2014: 87) erweist sich weder als ein Naturph\u00e4nomen noch als ein Artefakt \u2013 es ist ein Ph\u00e4nomen der dritten Art. Unser Problem, dies angemessen zu beschreiben, liegt darin begr\u00fcndet, dass wir zwar um eine solch <em>\u201etrichotome Unterscheidung\u201c<\/em> (Keller 2014: 89) wissen, sie aber in <em>\u201edichotomer Terminologie\u201c<\/em> (Keller 2014: 89) treffen m\u00fcssen. Unser sprachliches Handicap zeigt sich plakativ an folgendem Beispiel, das Keller gibt: Wir unterscheiden nicht allein nat\u00fcrliche von k\u00fcnstlichen Blumen, wir unterscheiden auch nat\u00fcrliche Zahlungsmittel (Geld) von k\u00fcnstlichen Zahlungsmitteln (Geldsurrogate) (Keller 2014: 88). Und das, obwohl nat\u00fcrlich jeder wei\u00df, dass nat\u00fcrliche Zahlungsmittel nicht nat\u00fcrlich sind, sondern k\u00fcnstlich (von Menschen geschaffen).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In Ermangelung eines passenden Adjektivs verwenden wir <em>\u201eumgangssprachlich das Adjektiv \u201anat\u00fcrlich\u2019 zweideutig\u201c<\/em> (Keller 2014: 89). So tragen wir selbst \u2013 unbewusst, ungewollt, ungeplant, unbeabsichtigt \u2013 zur Verwirrung und Verstetigung des dichotomen Sprachgebrauchs bei. Ganz so, wie ich als Autofahrer dazu beitrage, dass sich ein Stau aus dem Nichts entwickelt. Oder als Fu\u00dfg\u00e4nger, dass ein Trampelpfad entsteht:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">A ist sp\u00e4t dran und will auf dem schnellsten und k\u00fcrzesten Weg zu B. Er stellt sein Auto auf dem Parkplatz ab und \u00fcberquert eilig den Rasen. A<sub>1<\/sub>, A<sub>2<\/sub> und A<sub>n <\/sub>parken ebenfalls dort, der eine oder andere ist vielleicht auch sp\u00e4t dran. Allen gemeinsam jedoch ist ein ausgepr\u00e4gter Hang zur Faulheit. Weshalb auch sie nicht den eigentlich vorgesehenen, aber verdammt langen Fu\u00dfweg nehmen. Sondern die Abk\u00fcrzung \u00fcber den Rasen. Und nach einigen Wochen oder Monaten kommt es, wie es kommen muss: Es ist ein Trampelpfad entstanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weder der Stau noch der Trampelpfad geh\u00f6rte \u201e<em>zu den Intentionen der einzelnen Handelnden\u201c <\/em>(Keller 2014: 90), beides ist aber das kollektive Resultat gleichartiger Handlungen aller am Prozess Beteiligten \u2013 es sind dies kollektive Epiph\u00e4nomene individueller intentionaler Handlungen. Jeder Einzelne tr\u00e4gt dabei im Kollektiv Verantwortung f\u00fcr etwas, wof\u00fcr er als Einzelner nicht verantwortlich ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">A will auf dem k\u00fcrzesten Weg zu B. Schafft A das, so ist die Handlung \u201agelungen\u2019, das \u201aErgebnis\u2019 eingetreten <em>(\u201eprim\u00e4re Intention\u201c<\/em>, Keller 2014: 91). Das angestrebte Ziel dieser prim\u00e4ren Intention ist, dass ich p\u00fcnktlich zu meiner Verabredung komme \u2013 dies ist die \u201aFolge\u2019 meiner Handlung (<em>\u201esekund\u00e4re Intention\u201c<\/em>, Keller 2014: 92). Tritt sie ein, ist die Handlung nicht nur \u201agelungen\u2019, sondern auch \u201aerfolgreich\u2019. Tritt sie nicht ein, weil A trotz aller Bem\u00fchungen zu sp\u00e4t kommt, w\u00e4re die Handlung zwar \u201agelungen\u2019, aber nicht \u201aerfolgreich\u2019. Was ist aber nun der Trampelpfad \u2013 Ergebnis oder Folge der Handlungen von A?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nichts von beidem. Denn zum einen beabsichtigt A ja nicht, einen Trampelpfad anzulegen \u2013 A will nur p\u00fcnktlich sein, weshalb er den k\u00fcrzesten Weg w\u00e4hlt. Zum anderen w\u00fcrde es A, selbst wenn er es wollte, beim besten Willen nicht schaffen, einen Trampelpfad durch seinen Gang \u00fcber den Rasen anzulegen. Das klappt nur im Verbund mit anderen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Trampelpfad ist ein kollektives, nicht intendiertes Resultat intentional zumindest partiell gleichgerichteter individueller Handlungen \u2013 bei Ph\u00e4nomenen dieser Art handelt sich <em>\u201eum kausale Konsequenzen der Ergebnisse der sie erzeugenden Handlungen\u201c<\/em> (Keller 2014: 92).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Solch kollektive Konsequenzen individueller Handlungen sind, wie gesagt, weder Artefakte noch Naturph\u00e4nomene, es sind \u201aPh\u00e4nomene der dritten Art\u2019. Zu ihnen geh\u00f6ren aber nicht nur so scheinbar banale Dinge wie der Trampelpfad oder der Stau aus dem Nichts \u2013 dazu geh\u00f6ren alle soziokulturellen Ereignisse, also alle sozialen Institutionen wie Sprache, Recht, Geld, M\u00e4rkte, Religion, Geschmack, ja: die Kultur selber. Sie etablieren sich strukturell analog der nominalistischen Strategie, die prototypisch bei der geschilderten Etablierung singul\u00e4rer Wortbedeutungen (sie fordern ein Erkennen und damit Verstehen reflexiver Intentionen, also dessen, was ein Sprecher meint) und konsequenterweise auch bei der Etablierung verschiedener <em>\u201eM\u00f6glichkeiten im Bedeutungsspektrum\u201c<\/em> (Liedtke 2016: 43) (wie es zum Beispiel bei dem Begriff \u201aKunst\u2019 der Fall ist) zur Anwendung kommt: vom Einzelnen zum Ganzen, vom singul\u00e4ren zur konventionellen Gebrauch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.14 Mikroebene \u2013 Makroebene <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ph\u00e4nomene dieser dritten Art werden mittels der Theorie der unsichtbaren Hand erkl\u00e4rt, die Adam Smith (cf. Kap.1) in die Moralphilosophie und \u00d6konomie eingef\u00fchrt hat. Sie erscheinen, hier zitiert Keller den amerikanischen Philosophen Robert Nozick, <em>\u201ewie das Ergebnis eines absichtsvollen Planes eines Menschen\u201c<\/em>, allerdings <em>\u201eauf eine Weise, die nichts mit irgendwelchen Absichten zu tun hat\u201c <\/em>(Keller 2014: 97). Damit ist die Unterscheidung einer Mikroebene von einer Makroebene angesprochen: Die Ebene der individuellen Handlungen und ihrer perspektivisch gebundenen Sichtweise sowie die der <em>\u201eBetrachtung der Makroebene der sozialen Institutionen\u201c<\/em> (Keller 2014: 97), also gewisserma\u00dfen die Perspektive der kollektiven Konsequenzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Betrachtung der Makroebene ist dabei zwar <em>\u201eprinzipiell unabh\u00e4ngig von der Mikroebene der sie erzeugenden individuellen Handlungsweisen\u201c<\/em> (Keller 2014: 97). Aber leite ich nicht die Makroebene anhand einer Invisible-hand-Theorie (wie es die die Etablierung der Bedeutung eine ist) systematisch aus der Mikroebene her, so beschreibe ich die Makroebene bestenfalls, aber ich erkl\u00e4re sie nicht. So wie es bei dem Ph\u00e4nomen des Staus aus dem Nichts, des Trampelpfads und auch der Inflation ist, so ist es auch bei der Sprache, dem Sprach- und Bedeutungswandel und der Kultur im Allgemeinen: Sie alle sind Resultat <em>\u201edes sozialen Handelns der Individuen\u201c<\/em> (Keller 2014: 98). Aber dabei nicht zielgerichtet oder vors\u00e4tzlich entstanden, nicht geplant, nicht intendiert, nicht gewollt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Allerdings sind diese Resultate keine Resultate in dem Sinne, dass sie finale Stadien des Prozesses ihrer Genese bezeichnen, sondern <em>\u201eEpisoden in Prozessen kultureller Evolution, die weder einen benennbaren Beginn noch ein benennbares Ende haben\u201c<\/em> (Keller 2014: 99). So sind denn auch die Ver\u00e4nderungen von morgen <em>als \u201edie kollektiven Konsequenzen unserer kommunikativen (resp. sozialen, S.O.) Handelns von heute\u201c<\/em> (Keller 2014: 105) \u2013 und die Ver\u00e4nderungen von \u00fcbermorgen als die Konsequenzen von morgen zu verstehen. Ad infinitum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sind diese kollektiven Konsequenzen das kausale Momentum der Erkl\u00e4rung, etwas, was eigentlich <em>\u201ef\u00fcr Naturph\u00e4nomenerkl\u00e4rungen kennzeichnend ist\u201c<\/em> (Keller 2014: 101), so stellen die intentionalen kommunikativen resp. sozialen Handlungen das finale Momentum dar. So <em>\u201ewie es f\u00fcr Artefakterkl\u00e4rungen kennzeichnend ist\u201c<\/em> (Keller 2014: 101). Dieses Zusammenspiel entgegengesetzter Faktoren ist f\u00fcr soziokulturelle Ph\u00e4nomene charakteristisch \u2013 finale resp. intentionale Handlungen zeitigen kausale Konsequenzen, der freie Wille hat notwendige Auswirkungen. Die Konsequenzen m\u00fcssen jedoch, wie beschrieben, aus intentionalen Handlungen ableitbar sein, vice versa m\u00fcssen <em>\u201ekollektivistische Begriffe (\u2026) reduzierbar sein auf individualistische Begriffe, sonst sind sie ohne Erkl\u00e4rungswert\u201c<\/em> (Keller 2014: 121):<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eWenn zu kommunizieren vorteilhaft f\u00fcr die Gesellschaft w\u00e4re, ohne auch vorteilhaft f\u00fcr die Individuen zu sein, w\u00e4re es schwierig zu erkl\u00e4ren, wie sich dieser Brauch h\u00e4tte etablieren k\u00f6nnen\u201c<\/em> (Keller 2014: 121\/122).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.15 Kultur \u2013 eine fl\u00fcchtige Episode <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eMan kann, was Kultur ist, was soziokulturelle Ph\u00e4nomene sind, in entscheidenden Aspekten nicht begreifen, wenn man sie nicht als Ph\u00e4nomen der dritten Art sieht\u201c<\/em> (Keller 2014: 208). Wie alle sozialen Institutionen ist die Kultur weder nat\u00fcrlich gegeben noch ein Artefakt: Sie ist das Resultat eines Invisible-hand-Prozesses. Und der zeichnet sich nun einmal dadurch aus, dass er kollektive, kausale sowie nicht intendierte, nicht zielgerichtete, potentiell endlose Ergebnisse millionenfacher individueller intentionaler Handlungen zeitigt. Kultur als dieses Ergebnis ist also kein Ergebnis im Sinne eines zumindest tempor\u00e4r fixierten End-Produktes: Ihr Seinszustand ist der einer fl\u00fcchtigen Episode (auf der synchronen Zeitachse) in einem zeitlichen Kontinuum (der diachronen Zeitachse).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was nicht bedeutet, dass sich die Bedeutungszuschreibungen, also das, was von einer einzelnen Person, einer bestimmten Gruppe oder auch einer ganzen Gesellschaft unter \u201aKultur\u2019 verstanden wird (und auch das Verst\u00e4ndnis kann von Person zu Person, von Gruppe zu Gruppe, von Gesellschaft zu Gesellschaft zu gleichen Zeit so weit divergieren, dass es zwischen ihnen kaum eine Schnittmenge gibt), von einem Tag auf den anderen wandeln: \u00c4hnlich, wie es innerhalb einer bestimmten Gruppe ein kommunikatives Mindestma\u00df an Kontinuit\u00e4t im Gebrauch bestimmter \u00c4u\u00dferungstypen, also eine Stabilit\u00e4t in der <em>\u201eArt der diachronischen Identit\u00e4t\u201c<\/em> (cf. Kap. 2.15, Keller 2014: 132) zur Verst\u00e4ndnissicherung geben muss, so muss es auch innerhalb einer bestimmten Gruppe ein soziales Mindestma\u00df an Kontinuit\u00e4t bestimmter Werte auf der diachronen Zeitachse geben: eben die \u201adiachronische Identit\u00e4t\u2019.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es leben in der Regel drei, maximal vier Generationen zur gleichen Zeit. Somit besteht die Notwendigkeit einer Verst\u00e4ndnissicherung qua Kontinuit\u00e4t und Stabilit\u00e4t erst einmal nur f\u00fcr eben jene drei, maximal vier parallel lebenden und miteinander kommunizierenden Generationen. Von der ersten zur f\u00fcnften besteht sie aus verst\u00e4ndlichen Gr\u00fcnden jedoch kaum noch, hier begegnet der Kulturwandel dem Sprachwandel: Die Kultur als Ph\u00e4nomen hat sich in einem Generationen \u00fcbergreifenden Invisible-hand-Prozess gewandelt, ohne dass es die daran Beteiligten bemerken bzw. bemerkt haben. Ebenso hat sich der Bedeutungsgehalt des Begriffs \u201aKultur\u2019, der als Signifikant jedoch gleichgeblieben ist, in einem ebensolchen Prozess gewandelt, ohne dass es die daran Beteiligten bemerken bzw. bemerkt haben. Das hei\u00dft: Von Generation zu Generation wird sich in einem Prozess stetiger Erneuerung und Wandlung durch die einzelnen Mitglieder der jeweils nachfolgenden Generation der Anteil des urspr\u00fcnglichen Verst\u00e4ndnisses so weit reduzieren, dass die erste Generation, w\u00fcrde sie in die f\u00fcnfte Generation katapultiert werden, gro\u00dfe Schwierigkeiten haben d\u00fcrfte, das nun vorherrschende Verst\u00e4ndnis von Kultur als das ihre zu identifizieren (\u00e4hnlich verh\u00e4lt es sich beim Verst\u00e4ndnis der Kunst). Und das, obwohl so mancher aus dieser f\u00fcnften Generation steif und fest behaupten d\u00fcrfte, dass es sich bei der gegenw\u00e4rtigen Kultur (und dem gegenw\u00e4rtigen Verst\u00e4ndnis von Kultur) um nichts Anderes handelt als eben diese tradierte Kultur (und das tradierte Verst\u00e4ndnis von Kultur).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wom\u00f6glich sind dies sogar dieselben, die den prozessualen Charakter der Kultur ignorieren oder gar ganz generell bestreiten, weil sie ein Verst\u00e4ndnis von Kultur im Sinn haben, welches sie interessegeleitet k\u00fcnstlich setzen wollen, um einen bestimmten Zustand als verbindlich zu definieren \u2013 wobei sie nat\u00fcrlich in solchen F\u00e4llen zumeist die Deutungshoheit beanspruchen. So etwa, wenn die puristischen Wahhabiten f\u00fcr sich in Anspruch nehmen, die authentische Lehre des Islam zu vertreten, eine Weiterentwicklung des Koranverst\u00e4ndnisses rigoros ablehnen, stattdessen interessegeleitet eine bedingungslose R\u00fcckbesinnung auf die Zeit des Propheten Mohammed verlangen und in der Scharia die einzig wahre, ewig g\u00fcltige und f\u00fcr alle verbindliche Rechtsform sehen. Bei ihrem Bem\u00fchen um eine entzeitlichte, absolut gesetzte Fixierung des Verst\u00e4ndnisses, die strukturell einer k\u00fcnstlichen Setzung als Artefakt, d.h. als End-Produkt gleichkommt, ist ihnen nun sprachlich und damit denkstrukturell ein Ph\u00e4nomen behilflich, von dem wir schon eingangs sprachen: unser Hang zur Hypostasierung, der mit der Vitalisierung und Anthropomorphisierung korreliert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Strukturell \u00e4hnliches passiert, wenn auch nicht ansatzweise in solch extremer Auspr\u00e4gung, bei der aktuellen Debatte um die \u201adeutsche Leitkultur\u2019: Hier wird (1.) die Existenz von etwas behauptet, das es in <em>dieser<\/em> Form nicht gibt und gar nicht geben kann \u2013 die Kultur als ein zumindest tempor\u00e4r der Zeit enthobenes, fixiertes Ph\u00e4nomen und nicht als prozessuale Episode. Und (2.) wird die Kultur, die so bereits artefaktisch, also wie ein End-Produkt konstituiert ist, hypostasiert, vitalisiert und anthropomorphisiert. Wie die Elektrizit\u00e4t, die Sprache, der Markt oder der Dax, so auch die Kultur resp. die Leitkultur: <em>\u201eSie werden zu Akteuren stilisiert\u201c <\/em>(Keller 2014: 199; cf. Kap. 2.1). Ein sch\u00f6nes, geradezu prototypisches Beispiel daf\u00fcr hat der Soziologe und vormalige Bundestagspr\u00e4sident Norbert Lammert in einem Vortrag in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar Anfang 2016 geliefert:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>\u201e<\/em><em>Jede\u00a0<\/em><\/span><em><span style=\"color: #999999;\">aufgekl\u00e4rte Kultur wird sich selbst nicht f\u00fcr die einzige, einzig m\u00f6gliche, allen anderen \u00fcberlegene halten. Leitkultur beansprucht nicht, \u00fcberall in der Welt f\u00fcr alle zu gelten, sondern nur, aber nat\u00fcrlich, f\u00fcr die jeweils\u00a0eigene\u00a0Gesellschaft und ihre Mitglieder. Jede Kultur,\u00a0die sich selbst ernst nimmt, ist insoweit eine Leitkultur.\u201c<\/span> <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier ist es wieder, dieses sagenhafte animal rationale, von dem Keller sprach: \u201aKultur nimmt sich ernst\u2019, \u201aLeitkultur beansprucht Geltung\u2019, \u201aAufgekl\u00e4rte Kultur h\u00e4lt sich nicht f\u00fcr \u00fcberlegen\u2019. Dabei zitiert Lammert den Schriftsteller Adolf Muschg, der auf die Frage \u201aBrauchen wir eine Leitkultur?\u2019 antwortete: <em>\u201eDer Westen braucht keine Leitkultur, er ist eine\u201c<\/em> \u2013 hier wird sprachlich sowohl der \u201aWesten\u2019 als auch die zur Diskussion stehende \u201aLeitkultur\u2019 als ein vergegenst\u00e4ndlichtes Etwas apostrophiert. Aber Kultur wird nicht gesehen und verstanden als das, was sie ist: eine prozessuale Episode.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was Muschg recht ist, ist Thomas de Maizi\u00e8re billig. In einem Gastbeitrag f\u00fcr die ZEIT, in dem er seine Grunds\u00e4tze f\u00fcr eine &#8222;deutsche Leitkultur&#8220; vorlegte, hypostasierte auch er die (Leit-)Kultur und beschreibt sie als ein der Zeit enthobenes, fixiertes Ph\u00e4nomen und nicht als prozessuale Episode:<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>\u201eEs gibt so etwas wie eine \u201aLeit\u00adkul\u00adtur f\u00fcr Deutsch\u00adland\u2019 (\u2026) Wir haben in un\u00adse\u00adrem Land eine Zi\u00advil\u00adkul\u00adtur bei der Re\u00adge\u00adlung von Kon\u00adflik\u00adten (\u2026) Wenn wir aber dar\u00adauf ach\u00adten, dass wir uns un\u00adse\u00adrer Leit\u00adkul\u00adtur be\u00adwusst sind und sie vor\u00adle\u00adben, dann wis\u00adsen wir um die St\u00e4r\u00adke die\u00adser Leit\u00adkul\u00adtur, k\u00f6n\u00adnen ei\u00adni\u00adges aus\u00adhal\u00adten und m\u00fcs\u00adsen we\u00adni\u00adger aus\u00adhal\u00adten, je \u00fcber\u00adzeu\u00adgen\u00adder un\u00adse\u00adre Leit\u00adkul\u00adtur wirkt. Wenn wir uns klar dar\u00ad\u00fcber sind, was uns aus\u00admacht, was un\u00adse\u00adre Leit\u00adkul\u00adtur ist, wer wir sind und wer wir sein wol\u00adlen, wird der Zu\u00adsam\u00admen\u00adhalt sta\u00adbil blei\u00adben, dann wird auch In\u00adte\u00adgra\u00adti\u00adon ge\u00adlin\u00adgen \u2013 heute und in Zu\u00adkunft.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lammert, Muschg und de Maizi\u00e8re lassen sich, wie nahezu alle, die diese Diskussion begleiten, von der Sprache verf\u00fchren (dieser hypostasierende Ausrei\u00dfer sei mir erlaubt): Es gibt keine Kultur. Zumindest keine in dem Sinne, in dem von ihr gesprochen wird. Sowohl bei der Kultur als Ph\u00e4nomen als auch bei dem Bedeutungsgehalt des Begriffs \u201aKultur\u2019 (und damit bei unserem Verst\u00e4ndnis) sichert allein die diachronische Identit\u00e4t eine generationen\u00fcbergreifende Kontinuit\u00e4t und Stabilit\u00e4t. Kultur und unser Verst\u00e4ndnis von \u201aKultur\u2019 k\u00f6nnen sich aber, wie gesehen, schleichend und von den Beteiligten, obgleich ein (kollektives) Resultat ihrer individuellen intentionalen Handlungen, unbemerkt wandeln. So wie <em>\u201ekaum ein mittelalterlicher Mensch angenommen haben (d\u00fcrfte), Gl\u00fcck sei aktueller Besitz, weil Gl\u00fcck im Mittelalter als ein zuk\u00fcnftiger Zustand galt, der \u00fcber gegenw\u00e4rtiges Leiden erreicht wurde\u201c <\/em>(Eco 1990: 286)<sup>16<\/sup>, so war in der Renaissance, im R\u00fcckgriff auf Cicero, f\u00fcr die Vorstellung von der Menschlichkeit nicht die Achtung vor den Menschen und damit ihre \u201amenschliche\u2019 Behandlung zentral, sondern die Geistesbildung, die im Mittelalter erloschene <em>studia humanitatis<\/em>. Doch was ist mit unserer modernen Vorstellung von Menschlichkeit<sup>17 <\/sup>als Mitmenschlichkeit, Gerechtigkeit, Milde, von Toleranz, Respekt und Wohlwollen \u2013 ist sie tats\u00e4chlich so universell, wie manche glauben? Wird sie in den USA, von Montgomery\/Alabama bis nach San Francisco, gleich verstanden und gleich gelebt? Und ist sie in Vorpommern die Gleiche wie in Serbien, Syrien, im Tschad, in China oder in Nord-Korea? Konnte die Bergpredigt seinerzeit so verstanden wurde, wie wir sie heute verstehen oder verstehen wir sie falsch, weil aus unserer heutigen Perspektive betrachtet?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wenn Universalien, also Allgemeinbegriffe, hypostasiert oder gar vitalisiert und anthropomorphisiert werden, werden sie, wie Keller hinsichtlich der Betrachtung des soziokulturellen Ph\u00e4nomens \u201aSprache\u2019 feststellt, oftmals <em>\u201evom Sprecher abstrahierend als (relativ) autonomes Gebilde\u201c<\/em> (Keller 2014: 171) gesehen. Sprache erscheint in diesem Moment, um mit Wilhelm von Humboldt zu sprechen, als \u201aErgon\u2019, nicht als \u201aEnergeia\u2019. Also als Werk, nicht als T\u00e4tigkeit. Diese Erkenntnis wird allerdings, so zitiert Keller den Sprachwissenschaftler Eugenio Coseriu, <em>\u201eoft zitiert, in den meisten F\u00e4llen jedoch, um sie rasch wieder zu vergessen und sich in die\u00a0<\/em><em>Sprache als ergon zu fl\u00fcchten\u201c<\/em> (Keller 2014: 171). Was folgt, ist die Betrachtung der Sprache als das, was sie nicht ist. Ein Umstand, bei dem es sich f\u00fcr Keller aber nicht um eine Flucht, <em>\u201esondern um ein vom Arbeitsziel gebotenes Erfordernis\u201c <\/em>(Keller 2014: 171) handelt. Dem kann sicherlich zugestimmt werden. Allerdings mit zwei Einschr\u00e4nkungen:<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\">\n<li>Der Mensch hat, sei es am Stammtisch oder in der Alma Mater, die Neigung, es sich wie im Leben so auch im Denken einfach zu machen. Was im wissenschaftlichen Diskurs dazu f\u00fchren kann, dass man, wenn man aufgrund gebotener Erfordernisse ein Ph\u00e4nomen (wie die Sprache oder die Kultur) quasi in einem anderen Aggregatzustand betrachten muss, als es faktisch gegeben ist, diese grundlegende Erkenntnis bei der Betrachtung des Ph\u00e4nomens nicht einschr\u00e4nkend im Hinterkopf beh\u00e4lt, sondern sie, genau darauf weist Coseriu hin, schlicht vergisst. Ob das nun aus Tr\u00e4gheit, Laxheit, Unachtsamkeit, Gewohnheit oder was f\u00fcr Gr\u00fcnden auch immer geschieht \u2013 es f\u00fchrt oftmals zu einem perpetuierten, unreflektierten Gebrauch der Worte (und die Sprache nimmt nun mal ganz wesentlichen Einfluss auf unser Denken). Und deren Verwender werden dann, so der Germanist Steffen Martus (cf. Kap. 2.1), weiter <em>\u201ein ihrem \u201aSprachpanzer\u2019 hausen und durch Wortdunst ihre handwerklichen Fehler verschleiern\u201c<\/em>.<\/li>\n<\/ol>\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"2\">\n<li>Zu sagen, dass die Sprache in der praktischen Linguistik, trotz Humboldts Einsicht, in der Regel nicht so betrachtet wird, wie sie gegeben ist, sei <em>\u201eein vom Arbeitsziel gebotenes Erfordernis\u201c<\/em>, ist f\u00fcr viele Beteiligten leider nur ein willkommenes, billiges Argument, um sich von vornherein aus der Aff\u00e4re und intellektuellen Verantwortung zu ziehen: Sie machen nicht einmal den Versuch, die<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dinge systematisch so zu betrachten und zu beschreiben, wie sie sind. Heidegger (wie auch in anderer Weise Wittgenstein, cf. Riedel 1990: 7) hat einen solchen Versuch unternommen. Hat versucht, einen Fluchtweg aus dem Gef\u00e4ngnis der Sprache zu finden, sich aus dem \u201aSprachpanzer\u2019 zu l\u00f6sen und unvorbelastete Begrifflichkeiten zu kreieren, um die Ph\u00e4nomene angemessener beschreiben zu k\u00f6nnen. Ein Ding der Unm\u00f6glichkeit, sicherlich. Aber lieber an der Unm\u00f6glichkeit ehrenvoll scheitern als sich wohlig in einer dauerhaft perpetuierten sprachlichen (und damit denkstrukturellen) Unangemessenheit intellektuell einzurichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>2.16 Gegenl\u00e4ufige Handlungsmaximen <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Einen Invisible-hand-Prozess in Gang zu setzen, kann durchaus ein geplantes Unterfangen sein. So, wenn sich bekennende Homosexuelle offensiv als \u201aSchwule\u2019 bezeichnen, um dem Begriff \u201aschwul\u2019 seine stigmatisierende und diskriminierende Funktion zu nehmen (Keller 2014: 129). Eine \u00e4hnliche Strategie wurde in den USA Anfang des 20. Jahrhunderts von den African Americans verfolgt, als es gang und g\u00e4be war, sie als \u201anegro\u2019 zu diskreditieren, indem sie sich<em> \u201edas Wort aneigneten und positiv besetzten\u201c <\/em>und<em> \u201edie Schreibweise \u201aNegro\u2019 (mit einem gro\u00dfen \u201aN\u2019) statt \u201anegro\u2019 verwendeten\u201c <\/em>(Niedermeier 2014: Einleitung, o.S.).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber eine Planung bewirkt noch nicht den Vollzug. Den bewirken erst die, die sich dem entdiskriminierenden Gebrauch anschlie\u00dfen. Kaum anzunehmen, dass im Laufe des diachronen Prozesses der Verwendung die einzelnen Sprecher dabei nun einen Bedeutungswandel zu initiieren beabsichtigen \u2013 <em>\u201eaber faktisch bewirken sie ihn\u201c<\/em> (Keller 2014: 129). Ganz \u00e4hnliches passiert, wenn der eine oder andere Kunsthistoriker eine singul\u00e4re Sprecher-Bedeutung (cf. Kap. 2.11 und 2.12) des Begriffs \u201aKunst\u2019 verwendet: Will er eine Chance haben, dass sie einmal zu einer etablierten oder gar konventionellen Bedeutung dieses Begriffs wird, also zu einer der verschiedenen \u201aM\u00f6glichkeiten im Bedeutungsspektrum\u2019 (Liedtke), so muss diese Begriffsverwendung nach Ma\u00dfgabe des methodologischen Individualismus <em>\u201eden langen Marsch durch das Handeln der Individuen\u201c<\/em> (Keller 2014: 129) antreten \u2013 und <em>\u201emuss durch ihn erkl\u00e4rt werden\u201c<\/em> (Keller 2014: 129).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei hat diese singul\u00e4re Sprecher-Bedeutung realistischer Weise nur dann eine Chance auf Etablierung, wenn sie wenigstens zum Teil mit der tradierten Bedeutung (oder einer ihrer M\u00f6glichkeiten im Bedeutungsspektrum) \u00fcbereinstimmt. Wenn also keine gewisse Kontinuit\u00e4t im Gebrauch besteht, keine Stabilit\u00e4t in der <em>\u201eArt der diachronischen Identit\u00e4t\u201c<\/em> (Keller 2014: 132) gegeben ist, so ist die Chance, dass die reflexiven Sprecher-Intentionen von anderen verstanden werden, recht gering \u2013 man verst\u00f6\u00dft in diesem Fall geradezu prototypisch gegen eine der fundamentalsten Handlungsmaximen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eRede so, dass du verstanden wirst.\u201c<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Maxime zielt auf einen Zustand der Homogenit\u00e4t in der Sprachverwendung, der nicht nur die M\u00f6glichkeit einer fl\u00fcssigen Kommunikation sicherstellt, sondern eine solche Kommunikation \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glicht. Und weil Kommunikation nie eine einseitige Sache ist, sondern immer eine dialogisch angelegte, l\u00e4sst sich diese Maxime in eine klassisch reziproke Kommunikationsstrategie \u00fcbersetzen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eRede so, wie du denkst, dass der andere reden w\u00fcrde, wenn er an deiner statt w\u00e4re.\u201c <\/em>(Keller 2014: 137)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Strategie wirkt stabilisierend. Und wird zum Beispiel als Anpassungsstrategie eingesetzt, um seine Gruppenzugeh\u00f6rigkeit zu dokumentieren und zu zementieren:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eRede so wie die anderen.\u201c<\/em> (Keller 2014: 138)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie ist nicht nur bei Stra\u00dfengangs oder Fu\u00dfballfans beliebt, sondern auch bei ausgewiesenen und vermeintlichen Kunstexperten, wenn sie mal wieder in ihren arttypischen Art-Talk verfallen \u2013 Keller nennt sie <em>\u201estatische Maximen\u201c<\/em> (Keller 2014: 139). Demgegen\u00fcber gibt es jedoch widerstrebende, destabilisierende Sprach- und Verhaltensmuster \u2013 Keller nennt sie <em>\u201edynamische Maximen\u201c<\/em> (Keller 2014: 139). Eine solche ist zum Beispiel:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eRede so, dass du beachtest wirst.\u201c<\/em> (Keller 2014: 139)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Befolge ich diese Maxime, will ich originell und innovativ sein. Diese Strategie darf ich aber nicht \u00fcberstrapazieren. Denn wenn ich zu originell, zu innovativ werde, also zu wenig R\u00fccksicht auf einen Minimalkonsens in puncto Verst\u00e4ndlichkeit nehme, gef\u00e4hrde ich eben diese \u2013 und damit den Erfolg meiner Absichten: <em>\u201eJede Innovation riskiert das Verst\u00e4ndnis\u201c<\/em> (Keller 2014: 140). Wenn ich nun <em>\u201eauffallen, aber doch verstanden werden\u201c<\/em> will (Keller 2014: 141), muss ich beide Typen von Maximen, statische wie auch dynamische, gleichzeitig befolgen. Und einen Kompromiss finden, der beiden gerecht wird \u2013 schlie\u00dflich lautet <em>\u201edie Hypermaxime unseres Kommunizierens\u201c<\/em> (Keller 2014: 142):<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201eRede so, dass du die Ziele, die du mit deiner kommunikativen Unternehmung verfolgst, am ehesten erreichst.\u201c<\/em> (Keller 2014: 142)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201aVerstehen\u2019 hei\u00dft im Kontext der Grice\u2018schen Theorie, <em>\u201ealle [offenen] Intentionen des Sprechers erkennen\u201c<\/em> (Keller 2014: 133). \u201aNicht verstehen\u2019 bedeutet, <em>\u201enicht alle offenen Intentionen erkennen\u201c <\/em>(Keller 2014: 133). Und \u201amissverstehen\u2019, dass <em>\u201cdem Sprecher Intentionen unterstellt (werden), die dieser nicht gehabt hat\u201c <\/em>(Keller 2014: 133). Nun ist es aber so, dass wir durchaus nicht alle <em>\u201eIntentionen, die wir beim Kommunizieren verfolgen, (auch) kommunizieren\u201c <\/em>(Keller 2014: 134). Ja, manchmal beabsichtigen wir sogar geradezu, dass unsere Absicht, <em>\u201eauf die es beim Vollzug einer \u00c4u\u00dferung besonders ankommt\u201c<\/em> (Keller 2014: 135), gerade nicht erkannt resp. verstanden werden. Was in der Konsequenz allerdings bedeutet, dass, im Gegensatz zum landl\u00e4ufigen Verst\u00e4ndnis, Verst\u00e4ndigung gerade <em>\u201enicht \u201ader Zweck\u2019 der Sprache\u201c <\/em>ist \u2013 <em>\u201eallenfalls einer unter vielen\u201c<\/em> (Keller 2014: 135). Es kann andere, vorrangige Ziele einer Kommunikation geben. So zum Beispiel, andere von mir zu begeistern, eine gelungene Verst\u00e4ndigung nur vorzugaukeln, jemanden zu t\u00e4uschen, einzusch\u00fcchtern, mir gewogen zu machen oder auch schlicht f\u00fcr ein \u201avery stable genius\u2019 gehalten zu werden. Letzteres ist ein beliebtes Ziel des amtierenden amerikanischen Pr\u00e4sidenten, in moderater Form kommt es aber durchaus auch in der breiten Bev\u00f6lkerung vor. Und selbst bei ausgewiesenen Kunstexperten soll ein solches Verhaltensmuster, so h\u00f6rt man, schon dann und wann aufgetreten sein.<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\" start=\"3\">\n<li><strong> Ein historischer Abriss<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3.1 kunst und techn\u00e9 <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wor\u00fcber reden wir, wenn wir \u00fcber Kunst reden? Wir reden zun\u00e4chst einmal \u00fcber ein K\u00f6nnen. Denn in der Tat ist das althochdeutsche \u201akunst\u2019 ein Verbalabstraktum zu \u201ak\u00f6nnen\u2019 und bedeutete urspr\u00fcnglich \u201aWissen, Verstehen\u2019. Es ist eine Lehnbedeutung, die sich aus der \u00dcbersetzung des lateinischen <em>ars<\/em> und griechischen <em>techn\u00e9<\/em> herleitet. Letzteres bezeichnete einst das handwerkliche K\u00f6nnen, erweiterte seinen Bedeutungshorizont aber schon in der Fr\u00fchzeit der griechischen Antike auf alle Arten von T\u00e4tigkeiten. Damit verbunden war die Vorstellung eines praktischen Wissens, das ein planvolles und intentionales Handeln erm\u00f6glichte und als endlicher Prozess auf ein Ziel, <em>t\u00e9los<\/em>, ein Werk, <em>ergon<\/em>, ausgerichtet war \u2013 in dieser artefaktischen Konzeption pr\u00e4gt <em>techn\u00e9<\/em> als Gegensatz zur <em>physis<\/em> unsere abendl\u00e4ndische Denkstruktur bis heute: in Form der Dichotomie von k\u00fcnstlich vs. nat\u00fcrlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Umfasste <em>techn\u00e9<\/em> nun einerseits von der Leichenbestattung bis zur Dichtung alle m\u00f6glichen T\u00e4tigkeiten, so differenzierte man andererseits die verschiedenen T\u00e4tigkeiten nach ihrem sozialen Status. Niedere K\u00fcnste, also solche, die Schmiede, K\u00f6che oder eben Leichenbestatter aus\u00fcbten, wurden von den h\u00f6heren K\u00fcnsten unterschieden, denen Redner, Dichter oder Musiker nachgingen. Hatte f\u00fcr die Sophisten die Kunst der Rede, also die Strukturierung von Wissen und dessen Weitergabe, den h\u00f6chsten Stellenwert, so n\u00e4herte sich die <em>techn\u00e9<\/em> bei Platon unserem heutigen Begriff der Wissenschaft an: F\u00fcr ihn stand nicht das blo\u00dfe handwerkliche K\u00f6nnen im Zentrum \u2013 er betonte so sehr die <em>epist\u00e9me<\/em>, das Wissen um die Objekte der jeweiligen <em>techn\u00e9<\/em>, sowie das Wissen um die mit den T\u00e4tigkeiten verbundenen Zielen und Zwecke, dass <em>epist\u00e9me <\/em>und<em> techn\u00e9 <\/em>f\u00fcr ihn fast zu Synonymen wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aristoteles sah demgegen\u00fcber in der <em>\u201esch\u00f6pferischen T\u00e4tigkeit, die sich in der Kunst darstellt\u201c<\/em> (Windelband\/Heimsoeth 1976: 131), die <em>\u201epraktische Vernunftbet\u00e4tigung\u201c<\/em>, zu der er das Handeln, <em>praxis<\/em>, sowie das Schaffen, <em>poiesis<\/em>, z\u00e4hlte. Dabei verstand er die<em> techn\u00e9<\/em> eher als praktisches, zweckgerichtetes, anwendungsbezogenes K\u00f6nnen und trennte sie deutlich von dem methodischen, theoretischen Wissen, der <em>epist\u00e9me \u2013 <\/em>darin zeichnete sich bereits die neuzeitliche Trennung von Kunst und Technik wie auch von Kunst und Wissenschaft ab. F\u00fcr Aristoteles ist<em> \u201eKunst (\u2026) nachahmende Erzeugung\u201c<\/em>, ihr Zweck \u201e<em>ist ein ethischer\u201c <\/em>(Windelband\/Heimsoeth 1976: 131) \u2013 sie dient der Reinigung der Seele, der <em>katharsis<sup>18<\/sup><\/em>: <em>\u201eDie Erziehung hat den Menschen aus seinem rohen Naturzustande mit Hilfe der edlen K\u00fcnste zu sittlicher und intellektueller Bildung heranzuf\u00fchren\u201c<\/em> (Windelband\/Heimsoeth 1976: 130).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3.2 K\u00fcnste \u00fcber K\u00fcnste<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sokrates\u2019 philosophische Methode wurde \u201aHebammenkunst\u2018 genannt. Die Sophisten \u00fcbten sich in der Kunst der freien Rede. F\u00fcr Platon waren Kunst und Wissen, <em>epist\u00e9me <\/em>und<em> techn\u00e9<\/em>, praktisch austauschbare Begriffe. <em>septem artes liberales<\/em>, die Sieben Freien K\u00fcnste, bildeten in der Antike den wissenschaftlichen Kanon: Grammatik, Rhetorik, Logik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie. Wobei die freie Kunst von damals nicht die freie Kunst von heute war \u2013 sie beschrieb F\u00e4higkeiten und Fertigkeiten, die nur dem freien Mann zugestanden wurden, nicht aber dem Sklaven. Kunst war Baukunst, Heilkunst, Kochkunst, bisweilen sogar Schwarze Kunst. Casanova beherrschte gleich zwei K\u00fcnste \u2013 die Kunst des Lebens und, nat\u00fcrlich, die der Verf\u00fchrung. Kunst war, noch bis Kant, auch das Handwerk, das heute bestenfalls noch Kunsthandwerk ist. Kunst war nachahmende Erzeugung. Gegenpol zur Natur, k\u00fcnstlich vs. nat\u00fcrlich. Kunst ist: angewandte, sch\u00f6ne, bildende, darstellende, freie Kunst. Musik geh\u00f6rt, wie auch Tanz, Theater und Film als darstellende K\u00fcnste, zu den sch\u00f6nen K\u00fcnsten \u2013 aber studieren kann man sie nicht an einer Kunstakademie. Da wird nur Malerei, Grafik, Bildhauerei, Fotografie oder Video gelehrt. Auch der Kunsthistoriker besch\u00e4ftigt sich eher selten mit Musik oder Dichtung. Und ein Kunstmuseum muss sich heute immer noch erkl\u00e4ren, wenn dort Tanz oder Theater aufgef\u00fchrt wird. Kunst ist oftmals Konzept, von manueller Fertigung und technischer Fertigkeit entkoppelt. Produkt des modernen emanzipierten, autonomen Subjekts. Resultat kreativer Prozesse. Oder der Prozess selber. Kunst wird aber auch genannt, was in vormythologischer Zeit des Jungpal\u00e4olithikums vor ca. 20.000 bis 40.000 Jahren der anatomisch moderne Mensch geschaffen hat. Um nur einige wenige Beispiele der \u00fcblichen (oder ehemals \u00fcblichen) Gebrauchsweisen des Begriffs \u201aKunst\u2019 zu nennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Vielfalt der Gebrauchsweisen und seine Zuschreibung auf inkoh\u00e4rente Ph\u00e4nomene macht deutlich, dass vielleicht das Zeichen gleich blieb, mit ihm \u00fcber die Jahrhunderte kaum Gleiches gemeint sein konnte. Die \u201adiachronische Identit\u00e4t\u2019<sup>19 <\/sup>(Keller), also das gewisse Mindestma\u00df an Kontinuit\u00e4t im Gebrauch eines durch \u201asoziale Kristallisation\u2019 (de Saussure) entstandenen \u00c4u\u00dferungstyps, sichert \u00fcber einen bestimmten Zeitraum ein generationen\u00fcbergreifendes Verst\u00e4ndnis. Aber besitzt die etablierte Bedeutung (die regelhafte Gebrauchsweise), die der \u00c4u\u00dferungstyp als Episode zu einem bestimmten Zeitpunkt in dem jeweiligen diachronen Kontinuum hatte, sei es in der Antike, der Renaissance oder der Aufkl\u00e4rung, eine signifikante Schnittmenge mit den Bedeutungsvarianten heutiger Pr\u00e4gung? Es hat sich hier kaum eine Art Durchschnitt herausgebildet, alle reproduzieren nicht einmal ann\u00e4hernd dieselben Vorstellungen bei denselben Zeichen \u2013 um an dieser Stelle einmal de Saussure zu paraphrasieren<sup>20<\/sup>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dabei ist mit dieser beschriebenen Vielfalt noch nicht mal ansatzweise die faktische Vielfalt der uns v\u00f6llig unbekannten singul\u00e4ren Sprecher-Intentionen erfasst, der Ideolekt-Bedeutungen, der gruppenspezifisch etablierten Bedeutungen bis hin zu der Vielfalt der konventionellen Bedeutungen, von denen die Menschen \u00fcber die Jahrhunderte insbesondere im allt\u00e4glichen Gebrauch der Sprache (welche schlie\u00dflich die h\u00e4ufigste Form der Sprachverwendung ist \u2013 nur spricht man von ihr am seltensten) im Rahmen ihrer individuellen \u00c4u\u00dferungen Gebrauch gemacht haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese beschriebene Vielfalt erfasst nur die Gebrauchsweisen derjenigen, von denen die Geschichtsschreibung f\u00fcr gew\u00f6hnlich berichtet. Also die der Geistesgr\u00f6\u00dfen des antiken Griechenlands. Der r\u00f6mischen Philosophen und Dichter. Der gro\u00dfen Namen des Mittelalters, der Renaissance, der Aufkl\u00e4rung, Neuzeit und Moderne. Aber nicht der zahllosen ungenannten Zuschauer der griechischen oder r\u00f6mischen Trag\u00f6dien und Kom\u00f6dien. Der begeisterten Zuh\u00f6rer der Trobadore und Minnes\u00e4nger. Der aufmerksamen Leser literarischer Werke. Der v\u00f6llig hingerissenen Betrachter der Bilder, Skulpturen, der Videoarbeiten, Installationen und Performance. Also die gro\u00dfe Masse derer, die als singul\u00e4re Personen g\u00e4nzlich unbewusst ihren ungeplanten, ungezielten, nicht intentionalen, aber entscheidenden Beitrag zur kollektiven Bedeutungskonstitution des Begriffs \u201aKunst\u2018 innerhalb einer bestimmten Episode im diachronen Zeitkontinuum beigetragen haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3.3 Funktion des Theaters<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diente das Theater im antiken Griechenland zun\u00e4chst rein kultischen Zwecken, so \u00fcbernahm es sp\u00e4ter eine wichtige Funktion bei der Entwicklung der <em>p\u00f3lis<\/em>, der attischen Demokratie und ihres Selbstverst\u00e4ndnisses: Es war das Theater der freien B\u00fcrger, das sogar den Frauen offenstand. Dessen Besuch war nicht allein demokratisches Recht, es war geradezu religi\u00f6s-moralische Pflicht, ge- und erlebte politische Partizipation. Der Handlungsverlauf der Auff\u00fchrungen war weitgehend reglementiert, die Dichter bezogen sich in ihren St\u00fccken auf Themen, Handlungen, Personen, G\u00f6tter und Strukturen, die bei den Zuschauern als bekannt vorausgesetzt werden konnten. Eine Deutung der derart etablierten Gebrauchsweisen musste also nicht dem Gesagten gelten, sondern bestenfalls dem Mitgesagten, Implizierten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Dichter, obgleich als Autor hoch geehrt, allen bekannt und von der <em>p\u00f3lis<\/em> oftmals sogar bezahlt, trat hier nicht als emanzipiertes, autonomes biographisches Individuum in Erscheinung, dessen St\u00fccke des Verst\u00e4ndnisses der singul\u00e4ren, quasi erstinstanzlichen Sprecher- oder Autor-Intentionen oder des k\u00fcnstlerischen Ideolekts bedurft h\u00e4tten. Denn der Dichter war nur insofern Individuum, als er Teil des gesellschaftlichen Systems war. Gebunden an Strukturen, Rituale und Regeln, an Konventionen, Kanonisierungen\u00a0 und Kodifizierungen besa\u00df er weder die Freiheit <em>\u201ein ihrem negativen Sinne als \u201aFreiheit von etwas\u2018\u201c<\/em> noch <em>\u201ein ihrem positiven Sinne als \u201aFreiheit zu etwas\u2018\u201c<\/em> (Fromm 2016: 30). Und damit besa\u00df er auch <em>\u201enicht die Freiheit <\/em><em>zur Selbstbestimmung, seine Individualit\u00e4t zu realisieren\u201c<sup>21<\/sup> <\/em>(Fromm 2016: 31). Rom \u00fcbernahm die wesentlichen Formen und Strukturen des griechischen Theatersund baute sie zu einem massenwirksamen Instrument der Unterhaltung aus, die derpolitischen Machtrepr\u00e4sentation diente: das Theater als antikes Ph\u00e4nomen staatstragender und damit den Staat stabilisierender Popul\u00e4rkultur. Mit der formalen Etablierung des Christentums als Staatsreligion 380 n.Chr<sup>22<\/sup>. durch das Dreikaiseredikt <em>cunctos populos<\/em>, sp\u00e4testens aber mit dem Untergang des Westr\u00f6mischen Reiches, ging im Westen auch eine Kultur unter, in der die Kunst eine staatstragende Funktion besa\u00df und ein Spektakel f\u00fcr die Massen, also eine \u00f6ffentliche Angelegenheit war \u2013 \u00f6ffentlich zumindest f\u00fcr die \u201afreien B\u00fcrger\u2018. Die christliche Lehre lehnte das sp\u00e4tr\u00f6mische Theaterkonzept mit seinem Verst\u00e4ndnisvon \u00d6ffentlichkeit und \u00f6ffentlichen Vergn\u00fcgungen, das auch die Vorf\u00fchrung der Autorit\u00e4ten beinhaltete, rundweg ab. So kam es, dass die B\u00fchne durch kirchliche Theaterverbote \u00fcber das Mittelalter hinaus weitgehend aus dem \u00f6ffentlichen Leben verbannt wurde \u2013 Verbote, die zum Teil noch bis ins 18. Jahrhundert aufrecht erhalten wurden. Zudem begriff sich das (westr\u00f6mische) Christentum in platonischer Tradition als eine Religion des <em>logos<\/em>, nicht des <em>eik\u00f3n<\/em>, des Wortes, nicht des Bildes. Es sollte geschrieben und gesagt, nicht aber gezeigt werden. Ideale Voraussetzungen also f\u00fcr den Anspruch des Klerus auf Deutungs- und Tradierungshoheit, der seinerzeit, wie praktisch, die einzige geschlossene Bev\u00f6lkerungsgruppe darstellte, die lesen und schreiben konnte. So wurde nur das weitergegeben, was in seinem Interesse war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Parallel dazu verlief die Entwertung des Individuums als Sch\u00f6pfer der Werke: Sie endete im Mittelalter in dessen Anonymit\u00e4t. Der Autor starb, in Gottes Gnaden, einen leisen Tod<sup>23<\/sup>. Sein Name wurde kaum noch genannt, bekannt oder tradiert, Signaturen der Werke verschwanden fast v\u00f6llig. Der Staat fiel sowohl als Auftrag gebende Instanz als auch als Zweckbestimmung aus. An seine Stelle trat die Kirche. Und mit ihr wandelte sich die Zielrichtung k\u00fcnstlerischen Schaffens: Die Werke hatten nun im Wesentlichen der Verherrlichung der Sch\u00f6pfung Gottes zu dienen, die den profanen Sch\u00f6pfern dieser Werke keinen Platz mehr lie\u00df. Sie wurden aus dem tradierten Bewusstsein eliminiert. Eine Deutung der Bedeutung ihrer Werke er\u00fcbrigte sich, waren diese doch als Werke un-bedeutend: Der Klerus als Auftraggeber und zumeist alleiniger Betrachter (resp. Leser) kanonisierte die Aussagen der k\u00fcnstlerischen Werke, setzte die Bedeutung des Gezeigten \u2013 und setzte damit der Bedeutung klare Grenzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Adel als Auftraggeber trat erst ab dem 12. und 13. Jahrhundert nennenswert in Erscheinung, insbesondere in der franz\u00f6sischen und franz\u00f6sisch inspirierten Hofkultur. Die h\u00f6fisch-okzitanische Trobador-Lyrik, und in ihrem Gefolge der Minnesang, gelangte dabei zur h\u00f6chsten Bl\u00fcte. Es fanden nun auch andere Themen neben der Verherrlichung der Sch\u00f6pfung Eingang in die Literatur. So die Poetisierung von <em>sippe<\/em> und <em>minne<\/em>, die Ideale der Ritterlichkeit mit ihrer strengen geschlechtsspezifischen Kodifizierung, der Gedanke des Tugendadels, der auch Nichtadligen eine adlige, ritterliche und damit moralisch edle Gesinnung zusprach. Dabei wurde die intensive Besch\u00e4ftigung mit dieser Literatur oberste h\u00f6fische Pflicht, ja: moralischer Auftrag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber: Es blieb in weiten Teilen ein h\u00f6fisches Spektakel, das Volk hatte nur sporadischen Anteil am offiziellen Geschehen. Die Masse ging, anders als im antiken Hellas und Rom, wieder in der Masse unter, von und zu ihr sprach man nicht. Und auch f\u00fcr die Autoren galt das, was Bertolt Brecht in den \u201aFragen eines lesenden Arbeiters\u2018 evozierte: <em>\u201eWer baute das siebentorige Theben? In den B\u00fcchern stehen die Namen von K\u00f6nigen.\u201c<\/em> Aber nicht die Namen derjenigen, die die Felsbrocken schleppten. So bleibt der Nibelungenlied-Dichter ungenannt, seine literarische Verantwortlichkeit gegen\u00fcber dem m\u00fcndlich tradierten Erz\u00e4hlstoff war nach damaligen Verst\u00e4ndnis obsolet. Generell gibt nur sehr wenige biographische, au\u00dferliterarische Spuren. Kaum einer der volkssprachigen Dichter des 12. und 13. Jahrhunderts ist greifbar, sei er auch noch so namhaft: Gottfried von Stra\u00dfburg, Heinrich von Veldeke, Wolfram von Eschenbach, Hartmann von Aue, Walther von der Vogelweide \u2013 in zeitgen\u00f6ssischen Berichten oder urkundlichen Aufzeichnungen sucht man Hinweise auf sie zumeist vergebens.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3.4 Anzeichen des Wandels <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quell der mittelalterlichen Liebesdichtung war die unerf\u00fcllte Liebe zu einer als Ideal verehrten Frauenfigur, deren wahre Identit\u00e4t von den Dichtern kunstvoll zu verschleiern war. In dieser Tradition stand mit einem Bein Dante Aligheri, dessen Beatrice sein Leben bestimmten sollte, ebenso noch wie nach ihm Francesco Petrarca, der seine Laura hymnisch preiste. Mit dem anderen Bein aber standen beide bereits an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter: der Renaissance und des Humanismus. Dante, der mit seiner Dichtung \u201aDivina Commedia\u2018 das Italienische zu einer Literatursprache entwickelte, und mehr noch Petrarca befreiten sich von den Fesseln der mittelalterlichen Ordnung mit ihren strengen Regeln, Zw\u00e4ngen und Konventionen. Dabei war es insbesondere Petrarca, der eine neue Komponente in der Literatur etablierte: die radikale Subjektivit\u00e4t. Die Besteigung des Mont Ventoux 1336, gemeinsam mit seinem Bruder, stellte f\u00fcr ihn ein Erweckungserlebnis dar, das sein Leben grundlegend ver\u00e4ndern sollte: Beim Blick von diesem unwirtlich kahlen Gipfel auf die bl\u00fchende Landschaft der Provence erlebte er die Welt in ihrer ganzen Diesseitigkeit. Von nun an war sie ihm nicht mehr beschwerliche Durchgangsstation, ein Leben zum Tod. Von nun an besa\u00df sie f\u00fcr ihn einen eigenen Wert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Petrarcas ver\u00e4nderte Sichtweise war Ausdruck einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Ver\u00e4nderung, die vor allem von den oberitalienischen Stadtrepubliken mit ihren reichen Handelsh\u00e4usern ausging. Hier entwickelte sich ab dem 14. Jahrhundert ein selbstbewusstes B\u00fcrgertum, das sich zunehmend seiner tragenden Rolle in der Feudalgesellschaft bewusst wurde. Die tradierten Sozialstrukturen brachen auf, der Geldadel machte seinen Anspruch gegen\u00fcber Adel und Klerus geltend. In Zuge des Zivilisationsprozesses von der h\u00f6fischen Gesellschaft hin zur modernen Leistungsgesellschaft wandelten sich mit den Sozialstrukturen auch die Pers\u00f6nlichkeitsstrukturen der am Prozess Beteiligten, insbesondere die des B\u00fcrgertums \u2013 und mit ihnen auch deren Sichtweise, Pr\u00e4ferenzen und Priorit\u00e4ten. Als Ausdruck seines erwachenden Selbstbewusstseins eiferte das B\u00fcrgertum Adel und Klerus nach, stellte seine \u00f6konomische Macht prunkvoll zur Schau. Dabei waren Inhalte, Themen und Sujets k\u00fcnstlerischer Produktion nicht mehr nur religi\u00f6ser Natur, sie erwuchsen mehr und mehr der profanen Lebenswelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese \u00c4nderung der Pers\u00f6nlichkeitsstrukturen machte auch vor den K\u00fcnstlern nicht halt. Jetzt, wo sie nicht mehr auf Gedeih und Verderb an kirchliche und adlige Auftraggeber und damit an deren Kanon und Konventionen, an die Darstellung von Glaubensinhalten und die Verherrlichung f\u00fcrstlicher Macht, gebunden waren, begannen sie sich zunehmend als selbstst\u00e4ndig Handelnde zu begreifen. Als selbstbewusste Subjekte des Geschehens und autonome, eigenverantwortliche Individuen, die ein Leben vor dem Tod hatten. Die eigene Biographien besa\u00dfen, die es wert waren, in das Werk Eingang und in individueller, unverwechselbarer Handschrift Ausdruck zu finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihren literarischen Reflex erlebte die Entwicklung mit dem Aufkommen der K\u00fcnstlerbiographien. Bis dahin wurden allein Herrscher, Feldherrn, Philosophen und Heilige mit Biographien heroisch gew\u00fcrdigt, alle anderen waren B\u00fcrger zweiter Klasse, bestenfalls eine historische Randnotiz. Aber nun, Mitte des 16. Jahrhunderts, wurden erstmals auch K\u00fcnstler einer solchen Biographie f\u00fcr w\u00fcrdig befunden, wurden sie aus der breiten Masse hervorgehoben, wurden relevant und f\u00fcr ein breiteres Publikum interessant. So erschien 1550 Giorgio Vasaris Werk <em>Le Vite de\u2019 pi\u00f9 eccellenti pittori scultori ed architettori<\/em>. Giulio Mancini beendete 1619 seine <em>Considerazioni sulla pittura<\/em>. Und 1672 ver\u00f6ffentlichte Giovanni Pietro Bellori sein Buch <em>Le vite de\u2019 pittori, scultori e architetti moderni.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3.5 Der Weg zur Moderne<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In dem Moment, als sich der K\u00fcnstler zusehends als autonomes Subjekt emanzipierte, begann er eine eigene, individuelle Bildsprache zu entwickeln, die nicht mehr hauptsachlich auf etablierte Bedeutungen rekurrierte. Sie brachte erstmals eine singul\u00e4re K\u00fcnstler-Intention zum Ausdruck, eine eigenst\u00e4ndige K\u00fcnstler-Bedeutung, die sich vom Betrachter, Leser, Zuschauer nicht durch R\u00fcckgriff auf gelernte, konventionelle Gebrauchsweisen der Bildsprache erschlie\u00dfen lie\u00df. Somit war f\u00fcr die Betrachter erstmals die Herleitung der Bedeutung des k\u00fcnstlerischen Ausdrucks aus der individuellen Intention erforderlich und, im weiteren Verlauf, das Verst\u00e4ndnis des jeweiligen k\u00fcnstlerischen Ideolekts<sup>24<\/sup>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Verst\u00e4ndnis der Werke durch die Betrachter, Leser, Zuschauer war damit nicht mehr umfassend und ohne Weiteres gesichert. Es galt die individuellen Ausdrucksweisen, diese singul\u00e4ren Intentionen, die sich uns heute im Rahmen hochkomplexer individueller Bildsprachen vermitteln, zu interpretieren, um sie verstehen zu k\u00f6nnen. Eine Entwicklung, die ab dem 17. Jahrhundert ausgehend von Frankreich \u00e0 la longue zur Etablierung eines v\u00f6llig neuen, zuvor nie dagewesenen, weil bis dato nie ben\u00f6tigten Teilnehmers am Rezeptionsprozess f\u00fchrte: dem des Kunstkritikers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kunst wurde nunmehr zu einer autonomen Sph\u00e4re und Denkrichtung. Ein Ph\u00e4nomen, das es, wie der franz\u00f6sische Philosoph Jacques Ranci\u00e8re 2013 in einem Gespr\u00e4ch<sup>25<\/sup> mit Stephan Karkowsky im Deutschlandfunk betonte, in dieser Form erst seit dem 18. Jahrhundert gibt. Zuvor hatte die Kunst <em>\u201enoch nicht dieses Allgemeing\u00fcltige, was sie heute hat\u201c. <\/em>Damals hatte sie<em> \u201eeinfach einen Zweck zu erf\u00fcllen, sie musste zum<\/em> <em>Beispiel glorifizieren, (\u2026) Prinzen darstellen oder St\u00e4dte <\/em><em>glorifizieren, oder eine soziale Funktion ausf\u00fchren, oder aber die Ideologie illustrieren und auch wiederum feiern\u201c.<\/em> Ab Mitte des 18. Jahrhunderts \u00e4nderte sich \u201e<em>diese<\/em> <em>Art, \u00fcberhaupt uns mit Kunst auseinanderzusetzen als Begriff und auch als Erfahrung\u201c. <\/em>Seit diesem Zeitpunkt hatte die Kunst eine radikal andere Aufgabe, \u201e<em>als einfach nur sch\u00f6ne Dinge abzubilden. (\u2026) Da ging es einfach um mehr, als nur etwas zu machen, abzubilden, darzustellen\u201c.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unsere Wahrnehmung, unser Verst\u00e4ndnis und unsere Interpretation hat sich seitdem grundlegend ver\u00e4ndert. F\u00fcr Ranci\u00e8re muss deshalb \u201e<em>dieser Kunstbegriff, den wir jetzt haben, und der Anfang des 20. Jahrhunderts radikal neu gedacht <\/em><em>worden ist\u201c, <\/em>muss einfach alles auf den Pr\u00fcfstand: Wir m\u00fcssen \u201e<em>\u00fcber das Konzept der Modernit\u00e4t in der Kunst noch einmal neu nachdenken. All das, was in den 1940er-Jahren auch mit der Frankfurter Schule beispielsweise entstanden ist, die Art, wie man Kunstgeschichte aufgefasst hat, (\u2026)\u00a0 all das muss neu \u00fcberdacht werden, und es muss eine neue Form des Denkens eingef\u00fchrt werden\u201c.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihm geht es <em>\u201edarum, die Dinge in die Kunst wieder zu r\u00fccken, die urspr\u00fcnglich gar nicht zur Kunst geh\u00f6rt haben oder als eine so Art minderwertige Kunst galten wie zum Beispiel die Fotografie oder das Entstehen des Kinos, aber eben auch einfach nur popul\u00e4re Unterhaltung, beispielsweise in den Music Halls.\u201c<\/em> Es sind f\u00fcr ihn <em>\u201ediese <\/em><em>einmaligen Ereignisse, die es damals gab, also diese speziellen Momente, die <\/em><em>letztendlich dazu gef\u00fchrt haben, dass man die Definition von Kunst neu geschrieben hat, (\u2026) diese Momente, wo etwas zu Kunst geworden ist, was man eigentlich im klassischen Sinne nicht als Kunst bezeichnet hat\u201c, <\/em>wie etwas,<em> \u201ewas in einer gewissen Form als Kunst empfunden wurde, neu definiert worden ist, neu benannt worden ist\u201c.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Ph\u00e4nomen des Bedeutungswandels hat es, wie beschrieben, immer gegeben. Er wird, vom Einzelnen unbemerkt, als kollektives Resultat im Rahmen des Prozesses der unsichtbaren Hand so lange ablaufen, wie es kommunizierende Menschen gibt. Und dieser stete Prozess des Bedeutungswandels (und parallel dazu der des Wandels des Verst\u00e4ndnisses von \u201aKunst\u2018), der ja einer des Wandels der Gebrauchsweisen der Begriffe ist, wird sich auch von dem seit dem ausgehenden 4. Jahrhundert vorherrschenden christlich-abendl\u00e4ndischen Dogma und seiner damit verbundenen Tradierung eines kanonisierten Kunstverst\u00e4ndnisses (und entsprechenden Bedeutungssetzung) nicht davon abgehalten haben, so abzulaufen, wie er immer abl\u00e4uft. Wenn auch, aufgrund fehlender schriftlicher Zeugnisse, von uns weitgehend unerschlossen. So wissen wir nur wenig dar\u00fcber, wie die Menschen \u00fcber die Werke der Vagantendichter des 11. und 12. Jahrhunderts mit ihrer das Leben der einfachen Leute thematisierenden, aber zumeist lateinisch verfassten Lyrik dachten. Wie in der Bev\u00f6lkerung \u00fcber die religi\u00f6sen Legenden (lat. <em>legenda<\/em>, das Vorzulesende) gesprochen wurde, \u00fcber die Volksdichtung, die M\u00e4rchen und Sagen. Ob in sp\u00e4teren Jahrhunderten die B\u00e4nkel- und Moritatens\u00e4nger f\u00fcr die Zuh\u00f6rer einen k\u00fcnstlerische Stellenwert besa\u00dfen oder nicht \u2013 auch das wissen wir nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was wir aber wissen ist: Ob ein Werk als ein Kunst-Werk attribuiert wird, ist keine Frage der Zuschreibung Einzelner, auch nicht der Kunstexperten oder Kunst- und Kulturschaffenden. Es liegt eben nicht im Auge des Betrachters (auch wenn es der eine oder andere Kunstbeflissene vielleicht gerne h\u00e4tte), sondern es ist das kollektive kausale, nicht geplante und nicht intentionale Resultat unz\u00e4hlig gleichgerichteter Handlungen Einzelner, ihrer Meinungs\u00e4u\u00dferungen, kommunizierter Betrachtungen, Erlebnisse, Eindr\u00fccke, die alles m\u00f6gliche zum Ziel haben und intendieren k\u00f6nnen, nur nicht, ein Werk als Kunst-Werk zu apostrophieren (analog ist auch die Bedeutung des Begriffs \u201aKunst\u2018 ein solch kollektives Resultat individueller Handlungen).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3.6 M\u00f6glichkeiten des Verstehens<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Problem des Verstehens von Bedeutungen k\u00fcnstlerischer \u00c4u\u00dferungen ist eines, dass die Frage nach der \u00dcbereinstimmung von Verst\u00e4ndnishorizonten ber\u00fchrt. Wenn in einem Prozess sozialer Kristallisation im Rahmen einer gesellschaftlichen Gruppe (wie umfangreich diese auch immer nun sein mag) ein gemeinsames konjunktives Denken und Wissen etabliert wird, so besteht die Hoffnung, dass die an dem Prozess Beteiligten zu einem bestimmten Zeitpunkt x (eine beliebige Episode im Zeitkontinuum, zum Beispiel der Zeitpunkt einer Auff\u00fchrung der \u201aV\u00f6gel\u2018 von Aristophanes im antiken Griechenland) \u00fcber eine solche Schnittmenge der Bedeutungen verf\u00fcgen, so dass auch ohne den reflexiven Rekurs auf eine singul\u00e4re k\u00fcnstlerische Intention ein problemloses Verst\u00e4ndnis resp. eine fl\u00fcssige Kommunikation dar\u00fcber m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle Zuschauer, Zuh\u00f6rer, Betrachter oder Leser, die an diesem Prozess der Etablierung nicht teilgenommen haben, haben es selbstredend deutlich schwerer. Denn da sie nicht daran Teil hatten, sind sie nicht Teil dessen. Und verf\u00fcgen deshalb auch nicht \u00fcber die entsprechenden Vorbedingungen, die ihnen ein intuitives, problemloses (genauer gesagt: unterstellt problemloses) Verst\u00e4ndnis erm\u00f6glichen w\u00fcrden: Die Schnittmenge der Vorbedingungen, die sich ansonsten durch eine Teilhabe an diesem Prozess der unsichtbaren Hand einstellen w\u00fcrde, tendiert bei ihnen gegen Null. In diesem Fall, und das ist die Regel, da nur die wenigsten Menschen auf der synchronen Zeitachse an dem Prozess teilgenommen haben und nat\u00fcrlich noch niemand aus der zuk\u00fcnftigen diachronen Zeitachse daran teilnehmen konnte, ist ein halbwegs angemessenes Verst\u00e4ndnis der k\u00fcnstlerischen Werke<sup>26<\/sup> erst durch einen nachtr\u00e4glichen hermeneutischen Prozess m\u00f6glich. Wobei dies einen Prozess der Interpolation darstellt, der fortw\u00e4hrenden, niemals zu einem Ende kommenden und niemals ihr Ziel erreichenden Ann\u00e4herung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Problem ist auf der synchronen Zeitachse allt\u00e4glich. Es zeigt sich immer da, wo zwei Gruppen (wie gro\u00df sie auch immer sein m\u00f6gen) aufeinandertreffen, deren beteiligte Individuen nicht einen gemeinsamen Prozess der sozialen Kristallisation durchlaufen haben<sup>27<\/sup> \u2013 ein Problem, das heute angesichts der uns\u00e4glichen Debatte um Verteilungsquoten von Fl\u00fcchtlingen brandaktuell ist. Aber auch im Kontext der Kunst ist dieses Problem, wenngleich nicht ansatzweise so dramatisch, so doch strukturell gegeben: Wie wollen wir zum Beispiel die Kunst der Aborigines verstehen, wenn wir den Prozess der kausalen kollektiven, nicht intendierten und nicht geplanten Konstitution ihrer Kultur, ihres Kunstverst\u00e4ndnisses und ihrer Bedeutung des Begriffs \u201aKunst\u2018 nicht durch unsere individuelle intentionale Teilhabe mitgemacht, mitgetragen und mitverantwortet haben? Analog finden wir auch auf der diachronen Zeitachse dieses Problem: Unsere \u201adiachronische Identit\u00e4t\u2018 mit dem antiken Griechenland mag erhofft, behauptet, schlicht unterstellt oder stillschweigend vorausgesetzt werden. Gegeben ist sie nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wir k\u00f6nnen, da wir aus nachvollziehbaren Gr\u00fcnden nicht am Konstitutionsprozess dieser Kultur, dieses Verst\u00e4ndnisses von Kunst und der Bedeutungskonstitution des Begriff \u201aKunst\u2018 (resp. <em>techn\u00e9 <\/em>und<em> ars<\/em>) teilhatten, nur spekulieren, was mit den damals etablierten Bedeutungen gemeint sein k\u00f6nnte (vom Verst\u00e4ndnis etwaiger singul\u00e4rer K\u00fcnstler-Intentionen ganz zu schweigen). K\u00f6nnen nur interpolieren, uns dem Verst\u00e4ndnis ann\u00e4hern, k\u00f6nnen uns aber niemals des Angemessenheit unseres Ergebnisses sicher sein: Wen sollten wir in einem dialogischen Prozess befragen k\u00f6nnen, ob unsere Interpretation angemessen ist?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeder Sprecher einer singul\u00e4ren Sprecher-Intention, eines Ideolekts, einer gruppenspezifischen und hernach vielleicht etablierten oder konventionellen Bedeutung, der dar\u00fcber beredt Auskunft geben k\u00f6nnte, weilt l\u00e4ngst nicht mehr unter uns. Aber selbst wenn er noch unter uns weilen w\u00fcrde, ist die M\u00f6glichkeit einer dialogischen Verifizierung der vermuteten Sprecher-Intentionen oftmals nur eine hypothetische. Und so l\u00e4uft es in der Regel darauf hinaus, dass es sich bei den hermeneutischen Auslegungen um eloquente Spekulationen handelt, die ein Verstehen suggerieren, aber \u201aNicht-Verstehen\u2019 bedeuten, weil die Interpreten <em>\u201enicht alle offenen Intentionen erkennen\u201c <\/em>(Keller 2014: 133). Oder sie stellen gar ein \u201aMissverstehen\u2019 dar, weil <em>\u201edem Sprecher Intentionen unterstellt (werden), die dieser <\/em><em>nicht gehabt hat\u201c <\/em>(Keller 2014: 133)<sup>28<\/sup>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Verst\u00e4ndnissichernd ist allein die beschriebene Art des Verst\u00e4ndnisdurchschnitts<sup>29 <\/sup>zwischen den Individuen (gleichwohl sind auch in dieser sozialen Kristallisation dieselben Zeichen nicht an exakt dieselben Vorstellungen gekn\u00fcpft (zum Problem der Stellvertretertheorie der Zeichen cf. Keller 2018: 79), so gibt es in der diachronischen Identit\u00e4t der Bedeutungen nur bedingt einen Verst\u00e4ndnisdurchschnitt, stellt sie sich doch gewisserma\u00dfen als die diachrone Verl\u00e4ngerung des synchronen Durchschnitts episodaler Ereignisse des permanent ablaufenden, potentiell unendlichen Invisible-hand-Prozesses dar. Und eine Bedeutungsidentit\u00e4t, die die Jahrhunderte \u00fcberdauert, gibt es nur als reine Vermutung, die niemals verifiziert werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>3.7 Die K\u00fcnste im Wandel<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u00a0<\/strong>Mit der Renaissance begann Europas kultureller Aufbruch in die Moderne. Er erfasste nicht alle k\u00fcnstlerischen Gewerke parallel und auch nicht gleicherma\u00dfen. Auch verlief der Aufbruch alles andere als in makelloser Kontinuit\u00e4t. Es gab zahllose retardierende Momente, ja sogar Regressionen, R\u00fcckf\u00e4lle in \u00fcberkommene Muster, die zudem von Kultur zu Kultur unterschiedlich stark ausfielen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das B\u00fcrgertum erstarkte, wurde sich seiner gesellschaftlichen Bedeutung und \u00f6konomischen Macht bewusst: Mit Selbstbewusstsein beanspruchte es seine Position als dritte Kraft neben Adel und Klerus. Einen sichtbaren Ausdruck fand dieses Selbstbewusstsein darin, dass es neben dem Klerus und dem Adel eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle bei der Auftragsvergabe k\u00fcnstlerischer Produktionen spielte. Nur f\u00fchlte sich das B\u00fcrgertum nicht sklavisch am vorherrschenden Kanon gebunden, nicht an die die hymnische Lobpreisung der Sch\u00f6pfung Gottes, nicht an die der jeweiligen Monarchen. Dadurch erschloss sich f\u00fcr die K\u00fcnstler eine nie zuvor gekannte Freiheit in der k\u00fcnstlerischen Themenwahl und Inszenierung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Parallel dazu verst\u00e4rkte sich in diesen Jahrhunderten die Hinwendung zur Diesseitigkeit, die in der Reformation ihren ersten zeitgeschichtlich bedeutenden H\u00f6hepunkt fand. Das eigenst\u00e4ndige, selbstbewusste Ich erwachte. Und behauptete sich gegen\u00fcber dem Ich, das allein durch die Gruppe, dem es zugeh\u00f6rte, seine Ich-Identit\u00e4t erhielt. So wuchs dem K\u00fcnstler neben der Freiheit <em>von<\/em> kanonisierten Inhalten einerseits und Freiheit <em>zur<\/em> eigenst\u00e4ndigen, letztlich eigenverantwortlichen k\u00fcnstlerischen Aussage andererseits das entscheidende Momentum zu: die M\u00f6glichkeit, diese Freiheiten auch aussch\u00f6pfen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Erfindung des Buchdrucks 1450 markierte in Europa symbolisch diesen Zeitpunkt. Denn diese technische Revolution war vor allem eine Revolution der Konsequenzen, die sie er\u00f6ffnete. Hatte bereits zuvor in dem erstarkten B\u00fcrgertum erstmals seit der Antike wieder ein nennenswerter Teil der \u00d6ffentlichkeit die M\u00f6glichkeit, aktiv an der Rezeption k\u00fcnstlerischer Produkte teilzunehmen, so erweiterte sich die Anzahl der Rezipienten, also der lesenden \u00d6ffentlichkeit, mit dem Buchdruck explosionsartig. Die Verbreitung der B\u00fccher war fl\u00e4chendeckend. Prinzipiell hatte nun jeder, nicht nur die privilegierte Schicht des Klerus, Adels und einiger weniger Gelehrter, Zugang zu B\u00fcchern. Und jeder, der des Lesens und Schreibens kundig war, konnte nun lesen, wonach ihm der Sinn stand. Wann und wo es ihm beliebte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Von nun waren Literaten frei von Einschr\u00e4nkung und Kanonisierung (was nat\u00fcrlich sogleich die Gegenbewegung auf den Plan rief \u2013 ist es blo\u00df ein Zufall, dass die Zensur, lat. <em>censura<\/em>, \u201aPr\u00fcfung, Begutachtung, Kritik\u2018, als Begriff parallel zur Verbreitung des Buchdrucks ab dem 15. Jahrhundert ins Deutsche \u00fcbernommen wurde?). Sie waren frei dazu, B\u00fccher auf eigenes Risiko zu schreiben, wie auch die ersten Verleger frei dazu waren, sie auf eigenes Risiko zu ver\u00f6ffentlichen. Was allerdings auch gleich die fatale Dialektik dieser Freiheit offenbarte: In dem Ma\u00dfe, wie sich das relativ stabile und homogene soziale Konstrukt der Auftragskunst mit seiner determinierenden Fremdbestimmung peu \u00e0 peu aufl\u00f6ste, setzte sich ein System des selbstbestimmten Handelns durch, das zum pr\u00e4genden Momentum unserer heutigen Zeit geworden ist: die prim\u00e4re Orientierung an \u00f6konomischen Faktoren \u2013 die Marktwirtschaftaft, das System des freien Handels.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die k\u00fcnstlerisch Schaffenden gewannen auf Dauer in diesem Prozess der Entfesselung des ganzen Potenzials ihrer k\u00fcnstlerische Freiheit, die wir heute kennen (und an deren Resultaten wir heute unsere Gebrauchsweise des Begriffs \u201aKunst\u2018 orientieren). Aber diese Freiheit haben sie sich teuer erkauft<sup>30<\/sup>: Waren sie vorher zwar dem Unbill eines klerikalen Patriarchen oder adligen Landesherrn ausgeliefert, so kannten sie aber ihn und seinen Anforderungskanon aus dem Effeff. Und konnten sich und ihre Produktion daran ausrichten. Nun jedoch waren sie, obschon frei, v\u00f6llig schutzlos dem Prinzip der anonym bleibenden unsichtbaren Hand ausgeliefert \u2013 dem Grundgesetz des Marktes.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kaum war in Mainz der Buchdruck erfunden, erfand sich nur wenige Kilometer entfernt in Frankfurt auch gleich die Buchmesse. In der Handelsmetropole erkannte man schnell das \u00f6konomische Potential der neuen Technologie. Innerhalb nur weniger Jahrzehnte entstand und erbl\u00fchte ein Verlagswesen, das die Stadt am Main zur europ\u00e4ischen Buchhauptstadt machte. Gerade die Reformation mit ihrer auf Diesseitigkeit und Betonung des Einzelnen ausgerichteten Konzeption belebten das Gesch\u00e4ft. Dieses eintr\u00e4gliche, aber auch von Gott und Vaterland relativ unabh\u00e4ngige und damit potentiell gef\u00e4hrliche Treiben rief die Kaiserliche B\u00fccherkommission auf den Plan, die sich als H\u00fcterin des Katholizismus verstand. Die Folge dieser reaktion\u00e4r gegenreformatorischen Bewegung war, dass sich der Verlagsbuchhandel, der seine Gesch\u00e4fte zunehmend bedroht sah, Richtung Leipzig orientierte. So verlor schlie\u00dflich Frankfurt Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts seine exklusive Stellung an die s\u00e4chsische Metropole.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Unterdessen begannen die K\u00fcnste der B\u00fchnen eine noch breitere \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr sich zu begeistern. Und das fernab des Adels, des Klerus, ja auch fernab des distinguierten B\u00fcrgertums. Die B\u00fchnenk\u00fcnste wie Theater, Singspiel oder Zirkus, nahmen dabei ganz gezielt eine Bev\u00f6lkerungsgruppe ins Visier, die bislang fast v\u00f6llig vernachl\u00e4ssigt worden war, weil sie, nach st\u00e4ndischen Gesichtspunkten, am Rande der Gesellschaft lebte: das einfache Volk. Der Preis, den diese K\u00fcnste zu zahlen hatten, war, dass sie im hochwohlgeborenen gebildeten Teil der Bev\u00f6lkerung nicht einmal ansatzweise den Stellenwert besa\u00dfen, den sie heute, gerade bei diesem, besitzen. So wurde Shakespeares Globe Theatre auf der verruchten Bankside er\u00f6ffnet, Londons damaligem Vergn\u00fcgungszentrum. Ganz in der N\u00e4he \u00fcbrigens einer Arena f\u00fcr das \u00fcberaus beliebte \u201aBear Baiting\u2018, in der johlende Zuschauer Bulldoggen im ungleichen Kampf gegen angekettete B\u00e4ren anfeuerten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im yard, dem Innenhof des Globe, vis-\u00e0-vis der B\u00fchne, in greifbarer N\u00e4he zu den Schauspielern, befanden sich die billigen Pl\u00e4tze. Stehpl\u00e4tze unter freiem Himmel f\u00fcr einen Penny, allen Witterungsbedingungen ausgesetzt (und das in London). Kaum anzunehmen, dass da die Auff\u00fchrungen immer einen gesitteten Ablauf nahmen. Sie glichen wohl eher, schlie\u00dflich befand man sich ja auf der Bankside, wo die Zuschauer erwarten durften, f\u00fcr ihren hart erarbeiteten Lohn z\u00fcnftige Brot und Spiele geboten zu bekommen, einem veritablen Spektakel. Dem die Puritaner mit ihrer fast sprichw\u00f6rtlichen Lustlosigkeit aber bald schon den Garaus machten: Sie schlossen 1642 alle Theater und Vergn\u00fcgungsst\u00e4tten. Nicht auszudenken, Shakespeare h\u00e4tte nicht 1564, sondern erst 1600 das Licht der Welt erblickt. Seine Werke h\u00e4tten vielleicht nie das Licht einer B\u00fchne gesehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beanspruchte die Franz\u00f6sische Klassik im Absolutismus die Deutungshoheit dar\u00fcber, was wie auf der B\u00fchne zu zeigen, zu sehen und zu h\u00f6ren war \u2013 damit emanzipierte sich der Adel von der kirchlichen Autorit\u00e4t und ersetzte sie durch ihre eigene \u2013 so tobte sich, frei und ungebunden, fernab dieser streng reglementierten, ganz Europa dominierenden Vorstellung, eine vom aufstrebenden B\u00fcrgertum privatwirtschaftlich organisierte Gegenbewegung auf den Pariser Jahrm\u00e4rkten aus. Hier ging es bunt durcheinander. Erlaubt war, was das Volk, die B\u00fcrger, unterhielt und wof\u00fcr es bereit war, Geld auszugeben: Es gab keine Trennung zwischen Zirkus und Theater. Sprech- und Musiktheater geh\u00f6rten zusammen, auch der Tanz hatte hier seinen Platz. Ob Parodien klassischer Trag\u00f6dien, Marionettentheater, Pantomime, Vaudeville oder auch die Op\u00e9ra-comique (bis ins 18.\u00a0Jahrhundert verbot die St\u00e4ndeklausel dem B\u00fcrgertum die Trag\u00f6die, die war allein dem Adel vorbehalten) \u2013 Paris\u2018 Jahrm\u00e4rkte quollen schier \u00fcber vor verschiedenartigsten k\u00fcnstlerischen Angeboten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">B\u00fcrgerb\u00fchnen im eigentlichen Sinne waren auch die deutsche Wanderb\u00fchnen, die sich seit dem 17. Jahrhundert als Antipoden zu den aristokratischen Hoftheatern entwickelten. Theater ohne festes Ensemble tourten mit Possen und Parodien h\u00f6fischer Opern und Trag\u00f6dien im Programm durchs Land. Immer vorausgesetzt, sie erhielten vom jeweiligen Landesherrn eine Auff\u00fchrungserlaubnis. Hatten die Schauspieler dieser B\u00fchnen eher den Ruf von Schaustellern, mehr fahrendes Volk denn respektable K\u00fcnstler, so war man ab der ersten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts bestrebt, die Schauspieler zu f\u00f6rdern und sie als K\u00fcnstler zu etablieren. Eine Entwicklung, die dann in der Gr\u00fcndung der ersten Nationaltheater mit festen Ensembles m\u00fcndete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Burleske Inszenierungen und gesellschaftskritische T\u00f6ne waren auch dem Musiktheater, das um 18. Jahrhundert noch nicht vom Sprechtheater getrennt war, durchaus nicht fremd. So darf es nicht verwundern, dass Mozarts Zauberfl\u00f6te nicht etwa an der Wiener Hofoper Premiere feierte, sondern in Emanuel Schikaneders schlichtem b\u00fcrgerlichen Freihaustheater \u2013 dabei weniger vom Adel bejubelt, sondern mehr von der einfachen Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201aKunst\u2018 wurde wieder \u00f6ffentlich im Sinne einer \u00d6ffentlichkeit, die nicht allein Klerus hie\u00df, Adel oder wohlhabendes B\u00fcrgertum. Zunehmend wurde auch in \u00f6ffentlichen Medien und im \u00f6ffentlichen Raum diskutiert, insbesondere vom Bildungsb\u00fcrgertum. \u00dcber K\u00fcnstler, k\u00fcnstlerische Werke und die Darstellungsformen, aber auch \u00fcber die Gebrauchsweisen des Begriffs \u201aKunst\u2018. \u00dcber das, was als \u201aKunst\u2018 etikettiert werden sollte. \u00dcber \u00c4sthetik, das Sch\u00f6ne und Wahre, \u00fcber Genie und die Frage des Vorrangs der Originalit\u00e4t gegen\u00fcber handwerkwerklicher Aspekte. \u00dcber die eigene Bildsprache als Ausweis der Individualit\u00e4t. \u00dcber Freiheiten und Reglements. Ein Resultat dieser bis heute andauernden Auseinandersetzungen (und auch dieses Resultat ist das Ergebnis eines Prozesses der unsichtbaren Hand) war die Trennung der k\u00fcnstlerischen Gattungen, von Literatur, Tanz, Sprech- und Musiktheater. Ein anderes war die Einschr\u00e4nkung des Gattungsbegriffs \u201aKunst\u2018 auf die bildende Kunst, auf Gem\u00e4lde, Skulpturen, sp\u00e4ter Fotografie, Video, Installationen et al. Und damit sind noch nicht einmal ansatzweise die Diskussionen und Diskussionsebenen ber\u00fchrt, die in den letzten 200 Jahren unterhalb des Radars der Wahrnehmung des offiziellen Kulturbetriebes gef\u00fchrt wurden: vom einfachen, bestenfalls interessierten Betrachter \u00fcber den Kulturbeflissenen bis hin zum kulturell engagierten B\u00fcrger.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auch sie haben \u00fcber die Jahrhunderte ihren Beitrag zu dem stets fluiden Verst\u00e4ndnis von Kunst im Sinne eines episodalen Ereignisses im steten diachronen Kontinuum als ein nicht intendiertes kollektives Resultat ungez\u00e4hlter individueller Meinungen und Stellungnahmen geleistet. Dieser spezifische \u201aSeinszustand\u2018 der Kunst als episodales Ereignis und kollektives Resultat wird allerdings im \u00f6ffentlichen Diskurs, in der Kulturpolitik, im Feuilleton und im gesamten Kunstkontext gerne zugunsten der Behauptung eines von allen Beteiligten wechselseitig unterstellten deckungsgleichen Verst\u00e4ndnisses \u00fcberzeitlich existenter und problemlos explizierbarer etablierter Bedeutungen des Begriffs ignoriert. In diese Kategorie fallen auch die wohl gebr\u00e4uchlichsten Gebrauchsweisen des sprachlichen Zeichens \u201aKunst\u2018 in unserem Kulturkreis wie die in der von Zeit zu Zeit gestellten Ewigkeitsfrage \u201aWas ist Kunst?\u2018, die implizit von einem numinoses Wesen der Kunst raunt, oder die unausl\u00f6schliche Neigung zur Vitalisierung und Anthropomorphisierung, die auch aus der Kunst ein selbstt\u00e4tiges Handlungssubjekt macht (\u201aKunst w\u00e4scht den Staub des Alltags von der Seele\u2018).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tats\u00e4chlich aber besteht innerhalb einer Kultur bestenfalls eine drei, maximal vier Generationen w\u00e4hrende \u201adiachronische Identit\u00e4t\u2018, eine Schnittmenge in der Verwendung g\u00e4ngiger Bedeutungen des Begriffs \u201aKunst\u2018, dem damit verbundenen Verst\u00e4ndnis der Beteiligten und ein vielleicht etwas l\u00e4nger w\u00e4hrendes gesellschaftliches Einvernehmen der Zuschreibung, welches Werk denn als Kunst-Werk gilt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Essays<\/strong> von Stefan Oehm, KUNO 2019<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44288&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/06\/KUNO-e1505588144923.jpg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"150\" \/><\/a>Die <i>Essays <\/i>von Stefan Oehm sind eine Reihe von Versuchsanordnungen, undogmatisch, subjektiv, experimentell, ergebnisoffen. Er betrachtet diese Art des Textens als Medium und Movens der Reflektion in einer Zeit, die einem bekannten Diktum zufolge ohne verbindliche Meta-Erz\u00e4hlungen auskommt. Der Essay ist ein Forum des Denkens nach der gro\u00dfen Theorie und schon gar nach den gro\u00dfen Ideologien und Antagonismen, die das letzte Jahrhundert beherrscht haben. Auf die offene Form, die der Essayist bespielen muss, damit dieser immer wieder neu entstehende \u201eintegrale Prozesscharakter von Denken und Schreiben\u201c auf der \u201eB\u00fchne der Schrift\u201c in Gang gesetzt werden kann, verweist der Literaturwissenschaftler Christian Sch\u00e4rf. Im Essay geht die abstrakte Reflexion mit der einnehmenden Anekdote einher, er spricht von Gef\u00fchlen ebenso wie von Fakten, er ist erhellend und zugleich erhebend. Daher verliehen wir Stefan Oehm den KUNO-Essaypreis 2018.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;-<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>1<\/sup>Dieser Essay folgt im Wesentlichen der Theorie des Sprachwandels, die der Linguist Rudi Keller in seinem Werk \u201aSprachwandel Von der unsichtbaren Hand in der Sprache\u2019 formulierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>2 <\/sup>Eben deshalb sollten wir, bevor wir \u00fcber \u201aKunst\u2019 reden, erst einmal dar\u00fcber nachdenken, wie wir eigentlich reden, wenn wir \u00fcber so etwas wie \u201aKunst\u2019 reden. Um dann, derart gewappnet, in einem n\u00e4chsten Schritt \u00fcber ein Modell nachzudenken, das aufzeigt, wie sich ein Sprachgebrauch (und damit einhergehend auch ein Verst\u00e4ndnis von \u201aKunst\u2019) gesellschaftlich etablieren und welche individuell zwar nicht intendierten, aber durchaus erfreulichen kollektiven Konsequenzen dies als Ergebnis menschlichen Handelns, nicht aber als Resultat eines menschlichen Plans haben kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>3<\/sup>Der Name des Mannes, <em>adam<\/em>, leitet sich aus dem her, woraus Gott ihn formte: dem Ackerboden, hebr\u00e4isch \u201a<em>adamah\u2019<\/em>. Damit wurde sprachlich das vorweggenommen, was nach der Vertreibung zu seinem Schicksal werden sollte: den Ackerboden zu bestellen, zu bewahren, zu kultivieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>4<\/sup>Auf unsere Gebundenheit gerade an visuelle Metaphern, namentlich der Spiegelmetaphorik, hat vor allem Richard Rorty aufmerksam gemacht. Er weist darauf hin, dass den Begr\u00fcndern des westlichen Denkens im alten Griechenland <em>\u201edas innere Auge zum unausweichlichen Modell des besseren Wissens\u201c <\/em>und<em> \u201edieses Wissen als ein Sehen von etwas aufgefasst\u201c <\/em>wurde (Rorty 1987: 51): Die optische Abbildung wurde f\u00fcr uns so zu einer Metapher der Erkenntnis. Bei den Scholastikern spiegelten sich die Dinge in unserer intellektuellen Seele, unserer <em>\u201eGl\u00e4sernen Natur\u201c<\/em>. Sie ist der \u201amind of man\u2019 des Francis Bacon, <em>\u201ein dem sich die Strahlen der Dinge ihrer wahren Beschaffenheit nach widerspiegelten\u201c<\/em> (Rorty 1987: 55). Der Philosoph Manfred Riedel schlie\u00dft sich im Vorwort seines Werks \u201aH\u00f6ren auf die Sprache\u2019 der Analyse Rortys ausdr\u00fccklich an: <em>\u201eDas Bild vom Spiegel ist der Sache freilich so wenig gem\u00e4\u00df wie der davon abh\u00e4ngige Vergleich des Denkens mit dem Licht, das sich im Spiegel bricht. Zu viele Vorgriffe sind in diese alte Bilderwelt der abendl\u00e4ndischen Philosophie eingegangen, die eine authentische Seinserfahrung und deren Bezug zur Sprache, die wir sprechen, durch Metaphern (des Sehens, der Erleuchtung, der Reflexion) verdecken. Sie abzubauen, dazu hat Heideggers Fragen nach der M\u00f6glichkeit des Sinnverstehens, die in anderer Richtung auch Wittgenstein stellt, entscheidend beigetragen\u201c<\/em> (Riedel 1990: 7).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>5<\/sup>Unsere hypostasierte Sprache verf\u00fchrt uns immer wieder zu Positionen des so genannten \u201aRealismus\u2019. Nicht zuletzt, weil wir es uns, im alltagssprachlichen Kontext ebenso wie im wissenschaftlichen Diskurs, nur allzu gerne einfach machen und auf lieb gewonnene, gewohnte Denkmuster zur\u00fcckgreifen \u2013 selbst ausgewiesene Nominalisten sind davor nicht gefeit. Zur Geschichte des Universalienproblems siehe auch: de Libera, Alain (2005): Der Universalienstreit, Paderborn: Wilhelm Fink Verlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>6<\/sup>Es sollte nicht verwundern, dass, als mit dem Positivismus Mitte\/Ende des 19. Jahrhunderts der vorl\u00e4ufige H\u00f6hepunkt des exaltierten Anspruchs der Aufkl\u00e4rung auf rationale Begr\u00fcndbarkeit und Berechenbarkeit allen Seins erreicht war, nicht nur Nietzsche seine Zeitdiagnose in der griffigen Formel \u201aGott ist tot\u2019 kondensieren konnte, sondern auch, dass genau jetzt, 1870, auf dem Ersten Vatikanischen Konzil, die p\u00e4pstliche Unfehlbarkeit, der profanierte Absolutheitsanspruch, formuliert wurde. So wurde aus dem Statthalter Christi sprachlich der Statthalter Gottes auf Erden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>7<\/sup>Vom \u201aDing\u2019 spricht auch rund 2300 Jahre sp\u00e4ter noch Charles Sanders Peirce: <em>\u201eEin Zeichen ist ein Ding, das dazu dient, ein Wissen von einem anderen Ding zu vermitteln, das es, wie man sagt, vertritt oder darstellt. Dieses Ding nennt man Objekt des Zeichens. Die vom Zeichen hervorgerufene Idee im Geist, die ein geistiges Zeichen desselben Objekts ist, nennt man den Interpretanten des Zeichens\u201c<\/em> (Peirce (2000): 204). Wobei \u201aDing\u2019, germanisch <em>\u201ating\u2019, \u201athing\u2019<\/em>, urspr\u00fcnglich \u201a\u00dcbereinkommen, Volks- und Gerichtsversammlung\u2019 bedeutete. Im Zuge des Sprach- und Bedeutungswandels wurde dann aus der in der Gerichtsversammlung behandelten \u201aRechtssache\u2019 die Bedeutung \u201aSache\u2019 verallgemeinert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>8<\/sup>Wenn Wittgenstein konstatiert, dass man <em>\u201ef\u00fcr eine gro\u00dfe Klasse von F\u00e4llen der Ben\u00fctzung des Wortes \u201aBedeutung\u2019 (\u2026) dieses Wort so erkl\u00e4ren (kann): Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache\u201c <\/em>(Wittgenstein 1977: 41 (PU 43), so redet er dabei \u201e<em>nicht von einer gro\u00dfen Klasse von Wortbedeutungen\u201c,<\/em> vielmehr <em>\u201esagt (er) uns, was das Wort \u201aBedeutung\u2018 bedeutet\u201c<\/em> (Keller 2018: 86): Sein Gebrauch in der Sprache (und nicht eine stets ver\u00e4nderliche, kontextvariable \u201aBedeutung\u2018). Doch was ist bei Wittgenstein mit \u201aGebrauch\u2018 gemeint, was mit \u201aSprache\u2018? Keller konstatiert: Mit dem Ausdruck \u201aGebrauch\u2018 ist <em>\u201enur die Gebrauchsweise in der Sprache gemeint, die Regel des Gebrauchs\u201c <\/em>(Keller 2018: 88). Beherrsche ich die Regel des Gebrauchs eines Wortes, kenne ich seine Bedeutung, denn <em>\u201eder Gebrauch (\u2026) ist seine Bedeutung\u201c<\/em> (Keller 2018: 90). Damit erschlie\u00dft sich auch, auf welche Ebene der Sprache Wittgenstein sich hier bezieht: auf die der Langue, der Sprache als \u00fcberindividuelles Sprachsystem, nicht auf die der Parole, der Realisierung der Langue in konkreten sprachlichen \u00c4u\u00dferungen. Das bedeutet auch, dass \u201aBedeutung\u2018 bei Wittgenstein nichts mit irgendwelchen mentalen Entit\u00e4ten, Vorstellungen, zu tun hat, die sie auf eine nicht recht erkl\u00e4rliche Weise repr\u00e4sentieren: \u201e<em>Nicht, was kommuniziert ist, soll Bedeutung genannt werden, sondern was Kommunizieren erm\u00f6glicht\u201c<\/em> \u2013 so Kellers Definition von \u201aBedeutung\u2018 im Rekurs auf Wittgenstein (Keller 2018: 82).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>9<\/sup>Formen <em>\u201eautoritativer Sprachfestsetzungen\u201c <\/em>(Keller 2014: 210) gibt es nat\u00fcrlich in H\u00fclle und F\u00fclle: <em>\u201eDIN-Terminologie, Orthographiereform oder Umbenennungen\u201c<\/em> (Keller 2014: 210). In Relation zu den milliardenfachen Sprach\u00e4u\u00dferungen jedoch, die tagt\u00e4glich weltweit gemacht werden, sind sie de facto h\u00f6chst selten. Grund f\u00fcr unsere etwas verschobene Wahrnehmung ist nicht zuletzt die Tatsache, dass diese Versuche oftmals deutlich spektakul\u00e4rer verlaufen und in einer gr\u00f6\u00dferen \u00d6ffentlichkeit stattfinden als unsere profanen allt\u00e4glichen Gespr\u00e4che. So sind vor allem die propagandistischen Setzungsversuche der Nationalsozialisten und insbesondere die eines Joseph Goebbels, die Victor Klemperer beispielhaft in seiner Schrift zur Lingua Tertii Imperii, zur Sprache des Dritten Reichs, <em>\u201eLTI Notizbuch eines Philologen\u201c<\/em> 1946 beschrieben hat, zu nennen. Hier wird der Gebrauch bestimmter Begriffe und Formen geplant, gezielt und vors\u00e4tzlich verabsolutiert und damit ideologisiert, um eine bestimmte Gemeinschaft zu konstituieren und, vice versa, eine andere bis hin zur physischen Eliminierung auszugrenzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>10<\/sup>Die Dinge stellen sich oftmals ganz anders dar, als sie uns heute erscheinen: F\u00fcr den bedeutenden mittelalterlichen Nominalisten William of Ockham war das \u201aSein der Dinge\u2019, unserer Objekte, <em>esse subiectivum<\/em>. Und das \u201aSein der Gedanken im Geiste\u2019, im Subjekt, <em>esse obiectivum<\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>11<\/sup><em>\u201eDas Buch der Natur ist in der Sprache der Mathematik geschrieben und ihre Buchstaben sind Dreiecke, Kreise und andere geometrische Figuren, ohne die es ganz unm\u00f6glich ist auch nur einen Satz zu verstehen; ohne die man sich in einem dunklen Labyrinth verliert.\u201c<\/em><br \/>\nGalileo Galilei\u00a0Il <em>Saggiatore<\/em>\u00a0(1623): 232, zitiert nach: Edition Nazionale, Bd. 6: 232, Florenz 1896\/ \u00dcbersetzung Hoye; William (o.Z:): http:\/\/www.hoye.de\/galileo\/lieferung4<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>12<\/sup>Diese Reziprozit\u00e4t ist grundlegend. Aber eben eine Unterstellung. Denn trotz aller sozialer Kristallisation und des konjunktiven Denkens ist die Annahme einer gelingenden Kommunikation eine Fiktion: Es ist die menschlich notwendige kontinuierliche Suggestion eines gemeinsamen Gebrauchs und intersubjektiv konstituierten Verst\u00e4ndnisses, dessen wir bed\u00fcrfen, um nicht w\u00e4hrend eines Gespr\u00e4chs bei jedem ge\u00e4u\u00dferten Wort gleich in psychotische Zust\u00e4nde zu verfallen. De facto aber reden wir permanent aneinander vorbei. Und tun so, als w\u00fcrden die verwendeten Begriffe mit einem explizierbaren Bedeutungsgehalt ausgestattet sein, das zudem noch allen Teilnehmern des Diskurses (oder auch der Stammtischrunde) in gleicher Weise pr\u00e4sent ist (selbst wenn es so w\u00e4re: Wie wollten wir uns dessen vergewissern?).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>13 <\/sup>Wobei eigentlich schon die Begriffe \u201aBefolgung\u2019 und \u201aRegel\u2019 meines Erachtens irref\u00fchrend sind. Denn auch hier schl\u00e4gt uns die Sprache ein Schnippchen und n\u00f6tigt uns zu einer unangemessenen Sprachweise, die eher das Gegenteil dessen sagt, was der Fall ist: Es sind keine Regeln im Sinne mathematischer Regeln, die ich zu lernen und zu befolgen habe, um zu einem richtigen Ergebnis zu kommen. Es sind eher in einem langwierigen evolution\u00e4ren Prozess herausgebildete Regelm\u00e4\u00dfigkeiten, die die Teilnehmer von Sprachspielen zu den von ihnen erhofften Ergebnissen f\u00fchren. Die Teilnehmer verhalten sich dabei jedoch nicht <em>nach<\/em> ihnen, sondern <em>mit<\/em> ihnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>14<\/sup>Idealerweise, m\u00f6chte man hinzuf\u00fcgen. Denn Voraussetzung daf\u00fcr ist nicht nur, dass es diese Variationen auch tats\u00e4chlich gibt und sie nicht nur (a.) eine charmante Illusion sind, die die Suggestion einer gelungenen Kommunikation erm\u00f6glicht, sondern auch, dass (b.) jeder Teilnehmer des Gespr\u00e4chs um diese Variationen wei\u00df, dass (c.) diese Variationen auch von ihnen in ausreichender Form explizierbar sind und dass (d.) f\u00fcr beide Teilnehmer die jeweils ausgew\u00e4hlte zeitunabh\u00e4ngige Bedeutung die gleiche ist bzw. sich deren m\u00f6gliche Bedeutungs-Asynchronit\u00e4t in Grenzen h\u00e4lt, so dass die Kommunikation irritationsfrei gelingen kann. Der Fall, dass man ein Verst\u00e4ndnis einer zeitunabh\u00e4ngigen Bedeutung m\u00f6glicherweise nur vort\u00e4uscht, weil man in dem Diskurs nicht als Depp dastehen will, sei hier nur am Rande erw\u00e4hnt (und der Fall, dass ein Verwender dieser Bedeutung deren Kenntnis sprachlich nur eloquent suggeriert, weil er sich als ausgewiesener Kenner des Sachverhalts darstellen m\u00f6chte, ebenso \u2013 ebenso wie der Fall des Gespr\u00e4chspartners, der diese Unkenntnis bei dem Fachmann zwar vermutet, aber angesichts einer vielleicht allseits dem Verwender zugeschriebenen Kompetenz ebenfalls nicht vor aller Welt als Depp dastehen m\u00f6chte. Ad infinitum.).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>15<\/sup>Vielleicht sollte hier besser vom \u201aPseudo-Saussure\u2019 gesprochen werden: Der Sprach-, Medien- und Kulturwissenschaftler Ludwig J\u00e4ger hat bereits 1975 in seiner Dissertation \u201eZu einer historischen Rekonstruktion der authentischen Sprachidee Ferdinand de Saussures\u201c aufgezeigt, dass es sich bei dem f\u00fcr die Entwicklung des Strukturalismus ma\u00dfgebenden Werkes, <em>Cours de linguistique g\u00e9n\u00e9rale, <\/em>in wesentlichen Z\u00fcgen um eine nachtr\u00e4gliche Rekonstruktion der beiden Herausgeber, Charles Bally und Albert Sechehaye, handelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>16<\/sup>Deshalb konnte damals auch niemand, in unserem heutigen abendl\u00e4ndischen Verst\u00e4ndnis, seines eigenen Gl\u00fcckes Schmied sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>17<\/sup>Das Verst\u00e4ndnis der auf Kosten des Katholizismus in S\u00fcd- und Mittelamerika stark expandierenden, erzkonservativen Evangelikalen von der <em>humanitas<\/em> wird sich sicher nicht mit der etablierten Bedeutung des \u00c4u\u00dferungstyps in den westlichen Demokratien oder auch mit meiner pers\u00f6nlichen Vorstellung decken. Ebenso wenig wie es der Humanitasbegriff im Nationalsozialismus tat:<br \/>\n\u201e<em>Eine entartete Auffassung von H. im sp\u00e4teren 19. und beginnenden 20. Jahrh. verfocht unter f\u00fchrender Beteiligung des Judentums den Schutz alles Menschlichen um seiner Selbstwillen, also auch des Minderwertigen und Entarteten. Entgegen solchen, gesunden sittlichen Anschauungen zuwiderlaufenden Ansichten betont die v\u00f6lkische Weltanschauung eine naturgegebene, bes. rassisch bedingte Ungleichheit der Menschen und den Vorrang von Gott und Staat vor einem allgemeinen Menschheitsideal<\/em>\u201c (Der Neue Brockhaus: Allbuch in vier B\u00e4nden. Band 2 (F-K), Leipzig 1941, S. 456).<br \/>\nMit den Menschenrechten verh\u00e4lt es sich \u00e4hnlich. Ihre Existenz wird im Grunde \u00fcberall anerkannt, aber als Zeichen bezeichnet der Begriff g\u00e4nzlich unterschiedliche Vorstellungen: Im Westen bezieht sich der Begriff \u201aMenschenrechte\u2018 auf das Recht eines Individuums, sein Recht einzuklagen, in China auf das Recht der Masse, nicht durch Rechtsbeanspruchung eines Individuums in ihrer Stabilit\u00e4t gef\u00e4hrdet zu werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>18<\/sup>Heidegger mag diese zwecklose Zweckbestimmung vor Augen gehabt haben, als er in seinem Vortrag \u201aDie Frage nach der Technik\u2019 eine kritische Auseinandersetzung mit der Technik anmahnte, die <em>\u201ein einem Bereich geschehen (muss), der einerseits mit dem Wesen der Technik verwandt und andererseits doch von ihm grundverschieden ist. Ein solcher Bereich ist die Kunst.\u201c<\/em> (Heidegger 2000: 36) Damit zeige sich die Kunst urspr\u00fcnglich als <em>techn\u00e9<\/em>, ist aber, im Gegensatz zu Wissenschaft und Technik, eben nicht durch dieses Prinzip der Verwertbarkeit gekennzeichnet. Ein Kunstwerk wird nicht, so Heidegger, zu einem bestimmten Zweck angefertigt. Es kann nicht benutzt werden. In ihm leuchtet die Welt als Bedeutungsganzheit auf und kann uns so einen anderen, befreiten Weg zur Welt und zur Wahrheit aufzeigen, der sich nicht aus der normierten Weltsicht der Zweckbestimmung, Nutzenorientierung und Verf\u00fcgbarkeit ableitet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>19<\/sup>Mark Siemons berichtet in einem Artikel der F.A.S. (\u201aWille zu Welt\u2018, 28.01.2018) \u00fcber das chinesische Konzept der Geschichte, das den Anschein einer fast 3000 j\u00e4hrigen \u201adiachronischen Identit\u00e4t\u2018 erweckt: \u201a<em>Tianxia\u2018<\/em> (in etwa: \u201aalle unter einem Himmel\u2018). Es stellt, so Siemons, eine <em>\u201everbl\u00fcffend bruchlose Kontinuit\u00e4t der Mythen, Chroniken und Romane (dar), die sich mit China besch\u00e4ftigen. Wenn in China von der Tradition der \u201aGeschichte\u2018 die Rede ist, dann ist vor allem diese kodifizierte \u00dcberlieferung gemeint.\u201c<\/em> Und solche kodifizierte \u00dcberlieferungen korrespondieren gerne mit einem codierten Sprechen, <em>\u201edas von jedem verstanden wird, der in der chinesischen Welt sozialisiert ist, aber nicht au\u00dferhalb.\u201c<\/em> Nun steht diese Bedeutungsidentit\u00e4t aber unter dem beschriebenen Verst\u00e4ndnis- und Nachweisvorbehalt: Der Sprach- bzw. Bedeutung- und Verst\u00e4ndniswandel ist ein Prozess, der, solange es nur gen\u00fcgend Sprecher einer lebenden Sprache gibt, permanent abl\u00e4uft. Ob die einzelnen Sprecher das nun wollen oder nicht. Dies gilt nicht allein f\u00fcr alle Bedeutungen, die im Laufe der sozialen Kristallisation (die auch ein Prozess der unsichtbaren Hand ist) etabliert wurden \u2013 dies gilt auch f\u00fcr kodifizierte \u00dcberlieferungen und codiertes Sprechen. Denn auch sie verschont der\u00a0 Wandlungsprozess nicht, ist er doch ein von den Intentionen der einzelnen Menschen unabh\u00e4ngiger kollektiver Prozess, der zu nicht intendierten, ungeplanten, ungewollten Ergebnissen f\u00fchrt. Die Worte k\u00f6nnen bleiben, aber die Vorstellungen, die die Menschen dabei haben, wandeln sich (auch an dieser Stelle mag man mir meine anthropomorphisierende Redeweise verzeihen \u2013 ich bediene mich hier der Einfachheit halber der klassisch reziproken Kommunikationsstrategie: <em>\u201eRede so, wie du denkst, dass der andere reden w\u00fcrde, wenn er an deiner statt w\u00e4re.\u201c <\/em>(Keller 2014: 137)). Unabh\u00e4ngig von den einzelnen Verwendern der Sprache. So handelt es sich weniger um eine <em>\u201everbl\u00fcffend bruchlose Kontinuit\u00e4t der Mythen\u201c, <\/em>sondern eher um den Mythos einer verbl\u00fcffend bruchlosen Kontinuit\u00e4t der Mythen. Wir k\u00f6nnen nur mutma\u00dfen, ob vor 3000 Jahren mit \u201aTianxia\u2018 das verbunden wurde, was im heutigen China damit verbunden wird. Eine definitive Vergewisserung ist, aus naheliegenden Gr\u00fcnden, unm\u00f6glich. Was aber der Angemessenheit dessen, was Siemons sagt, eigentlich wenig Abbruch tut (cf. Kap. 2.11\/2.12). Denn entscheidend ist an dieser Stelle in China allein die <em>Suggestion<\/em> einer fast 3000 j\u00e4hrigen \u201adiachronischen Identit\u00e4t\u2018, die identit\u00e4tsstiftende <em>Behauptung<\/em> einer solch durchgehend identischen Bedeutung und eines gleichbleibenden Verst\u00e4ndnisses, ungeachtet aller Wandlungen der Kontexte, ungeachtet der Struktur der Wandlungsprozesse.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>30<\/sup>Sehr eindringlich hat bereits 1941 Erich Fromm in seinem Werk <em>\u201aDie Furcht vor der Freiheit\u2018<\/em> beschrieben, was passieren kann, wenn diese Freude \u00fcber die Freiheit, die zwar eine Entlassung aus dem Zwang der Fremdbestimmung, aber eben auch aus beh\u00fcteter Umz\u00e4unung, aus wohliger Einbettung in ein Kollektiv und damit in ein f\u00fcr mein Ich identit\u00e4tsstiftendes Wir bedeutet, in Furcht umschl\u00e4gt. Und wenn dieses hinausgeworfene, alleingelassene Ich nun selbstverantwortlich seinen selbstverschuldeten Ausgang zur Unm\u00fcndigkeit finden und sich in orientierungsloser Zeit orientieren muss: Es fl\u00fcchtet. Oftmals ins Autorit\u00e4re, ins Konformistische oder auch ins Selbstdestruktive. Was vielleicht die hohe Zahl der depressiven Erkrankung (im Bewusstsein der alles andere als ausreichend gekl\u00e4rten Gebrauchsweise des Begriffs \u201aDepression\u2018) in den Leistungsgesellschaften abendl\u00e4ndischer Pr\u00e4gung erkl\u00e4ren mag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>20<\/sup>Im vollen Bewusstsein der heiklen vorstellungstheoretischen Implikationen, die bei der <em>\u201echarakteristische(n) traditionelle(n) Zeichentheorie\u201c <\/em>mit der Verwendung des Begriffs \u201aVorstellung\u2018 verbunden sind: Die Stellvertretertheorie besagt, dass die Zeichen etwas vertreten, was in der Vorstellung gegeben ist. Bei <em>\u201eKuh, Haus, trinken\u201c<\/em> mag diese Vorstellung noch plausibel sein. Aber welche Vorstellungen die Zeichen \u201e<em>nichts, ob, Dienstag, gut, Vetter, \u00e4hnlich oder unvorstellbar\u201c <\/em>vertreten, darauf habe zumindest ich keine befriedigende Antwort (cf. Keller 2018: 79). Und auf die Frage, welche Vorstellung das Zeichen \u201aVorstellung\u2018 vertritt, d\u00fcrfte auch Menschen eine Antwort schwer fallen, die mit einem deutlich gr\u00f6\u00dferem Verstand gesegnet sind als ich: <em>\u201eDie Anwendung der Vorstellungstheorie f\u00fchrt bei dem Versuch, sie auf den Ausdruck Vorstellung selbst anzuwenden, zu einem iterativen Regress\u201c <\/em>(Keller 2018: 79).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>21<\/sup>Dem Dichter waren klare Grenzen gesetzt. Er war als Individuum einerseits nicht in der Lage, \u00fcber das Individuationsniveau hinausgelangen, das die Gesellschaft kennzeichnete, in die er eingebunden war und die ihm damit zum einen Zw\u00e4nge auferlegte, zum anderen aber auch Sicherheit und Geborgenheit gab. Diese prinzipielle Unfreiheit bedeutete andererseits, dass ihm eine wesentliche Schattenseite des Individuationsprozesses der Menschen in der kapitalistischen Leistungsgesellschaft westlichen Zuschnitts im Allgemeinen und der K\u00fcnstler im Besonderen erspart blieb: <em>\u201edie zunehmende Vereinsamung\u201c<\/em> (Fromm 2016: 27). Der Dichter wuchs nicht aus seiner Welt heraus, war nicht <em>\u201eallein und eine von allen anderen getrennte Gr\u00f6\u00dfe\u201c <\/em>(Fromm 2016: 27). Er trug damit nicht die schwere Last der Eigenverantwortung, musste keinen Gedanke daran verschwenden, einen Ausgang aus selbstverschuldeter Unm\u00fcndigkeit zu finden. So verwandeln sich ihm die <em>\u201eFremdzw\u00e4nge\u201c<\/em> noch nicht <em>\u201ein Selbstzw\u00e4nge\u201c<\/em> (Elias 1976: 313). Dies ist erst das <em>\u201enicht \u201arational\u2018 geplant(e)\u201c<\/em> Resultat des Zivilisationsprozesses in der abendl\u00e4ndischen Gesellschaft, in dem sich die Pers\u00f6nlichkeitsstrukturen im Zuge des Wandels der Sozialstrukturen \u00e4ndern:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>\u201ePl\u00e4ne und Handlungen, emotionale und rationale Regungen der einzelnen Menschen greifen best\u00e4ndig freundlich oder feindlich ineinander. Diese fundamentale<\/em> <em>Verflechtung der einzelnen, menschlichen Pl\u00e4ne und Handlungen kann Wandlungen und Gestaltungen herbeif\u00fchren, die kein einzelner Mensch geplant oder geschaffen hat. Aus ihr, aus der Interdependenz der Menschen, ergibt sich eine Ordnung von ganz spezifischer Art, eine Ordnung, die zwingender und st\u00e4rker ist, als Wille und Vernunft der einzelnen Menschen, die sie bilden\u201c <\/em>(Elias 1976: 314).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das gesellschaftliche Gewebe \u201e<em>bildet das Substrat, aus dem heraus, in das hinein der Einzelne st\u00e4ndig seine individuellen Zwecke spinnt und webt. Aber dieses Gewebe und sein geschichtlicher Wandel selbst ist als Ganzes in seinem wirklichen Verlauf von niemandem bezweckt und von niemandem geplant\u201c <\/em>(Elias 1976: 477). Damit beschreibt Elias nichts anderes als den Prozess der unsichtbaren Hand, in dem er die <em>\u201eVerflechtungsordnung (sieht), die den Gang des geschichtlichen Wandels bestimmt; sie ist es, die dem Proze\u00df der Zivilisation zugrunde liegt\u201c<\/em> (Elias 1976: 314).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>22<\/sup>Nur am Rande sei erw\u00e4hnt, dass die derzeit so sehr gepriesene Geschichte des christlichen Abendlandes mit einer in dieser Form nie zuvor erlebten, nahezu v\u00f6lligen Ausl\u00f6schung tradierten Wissens seinen Anfang nahm: Seri\u00f6se Sch\u00e4tzungen gehen davon aus, dass \u00fcber 99% aller B\u00fccher schlicht verloren gingen oder, soweit sie nicht von christlichen Autoren stammten, sogar gezielt vernichtet wurden. Wenn B\u00fccher tats\u00e4chlich so etwas wie ein kollektives Ged\u00e4chtnis darstellen sollten, dann stellte dieser Verlust europ\u00e4ische Demenz im Endstadium dar. Das Christentum brachte nicht die Erleuchtung, ex oriente lux, \u00fcber die Menschheit. Im Gegenteil, es l\u00e4utete das Dunkle Zeitalter Europas ein. Das gro\u00dfartige Wissen der Antike \u00fcberlebte nur sporadisch in wenigen Nischen, nur von wenigen gekannt und rezipiert. Und, auf deutlich breiterer Basis, in arabischen Bibliotheken und Gelehrtenstuben: Ohne deren Quellen w\u00fcrden wir die Grundlagen unserer abendl\u00e4ndischen Philosophie, von den Vorsokratikern \u00fcber Platon bis Aristoteles, heute bestenfalls noch vom H\u00f6rensagen kennen. Es sollte zudem bis zur Erfindung des Buchdrucks dauern, bis wieder eine breitere Bev\u00f6lkerungsschicht Zugang zum k\u00fcmmerlichen Rest des antiken Wissens bekam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>23<\/sup>Bei diesem Autor handelt es sich nicht um <em>den<\/em> Autor, von dem Roland Barthes in seinem Essay \u201aDer Tod des Autors\u2018 spricht: \u201eDer <em>auteur<\/em> ist eine moderne Figur, die unsere Gesellschaft hervorbrachte, als sie am Ende des Mittelalters im englischen Empirismus, im franz\u00f6sischen Rationalismus und im pers\u00f6nlichen Glauben der Reformation den Wert des Individuums entdeckte \u2013 oder, wie man w\u00fcrdevoller sagt, der \u201amenschlichen Person\u2018\u201c (Barthes 2016: 186; cf. hier Kap. 3.4 ff.).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>24<\/sup>Der franz\u00f6sische Zeichner und Radierer Jaques Callot, der von 1592 bis 1635 lebte, war in diesem Sinn vielleicht einer der ersten modernen K\u00fcnstler. In seinen Serien <em>Les petites mis\u00e8res de la guerre<\/em> und <em>Les grandes mis\u00e8res de la guerre<\/em> brachte er keine kanonisierte Sicht der Dinge oder einen gesamtgesellschaftlichen horror vacui zum Ausdruck \u2013 er zeigte, was <em>ihn<\/em> bewegte. Wie <em>er<\/em> die Dinge sah. In jedem Bild zeigt sich seine pers\u00f6nliche, existentielle Betroffenheit und damit eine g\u00e4nzlich andere Wertung als die zu seiner Zeit \u00fcbliche. So schilderte er detailgetreu die Gr\u00e4uel des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges, zeigte Bev\u00f6lkerung wie T\u00e4ter als Opfer menschlicher Grausamkeit. Zeigte Soldaten, die gelyncht wurden. Als Kr\u00fcppel endeten. Oder als strange fruits am Galgen. Mit Francisco de Goya, dem diese Arbeiten gut 200 Jahre sp\u00e4ter in seiner Serie <em>Los desastres de la Guerra<\/em> als Vorlage dienten, erreichte die Kunst endg\u00fcltige die Moderne: In seinen <em>Pinturas negras<\/em>, wie zuvor auch schon in den Los Caprichos (ab 1793), werden die radikale Subjektivit\u00e4t des K\u00fcnstlers, seine d\u00fcsteren Phantasien, seine \u00c4ngste, seine Verzweiflung und seine Wut angesichts der Armut, Korruption, Brutalit\u00e4t und Ungerechtigkeit zum Sujet. Noch radikaler war vielleicht William Blake als Literat, aber auch als Maler und Radierer: Die wohl entschiedenste Form der Subjektivit\u00e4t wurde ihm zum Quell seiner Inspiration und Kreativit\u00e4t \u2013 die Vision. Damit ist in der Form- und Bildsprache das erreicht, was auf linguistischer Ebene \u201asingul\u00e4re Sprecher-Intention\u2018 genannt werden kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>25<\/sup>Das Gespr\u00e4ch wurde anl\u00e4sslich des Erscheinens des Buchs \u201aJaques Renci\u00e8re: Aisthesis\u2018 (Wien: Passagen-Verlag, 2013) gef\u00fchrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>26<\/sup>Damit ist nicht ein Verst\u00e4ndnis der <em>Aussagen<\/em> der Werke gemeint. Denn Werke sagen nichts aus wie sie mir auch nichts sagen. Dieser verf\u00fchrerische, in unz\u00e4hligen kunstwissenschaftlichen Abhandlungen, Feuilletonbeitr\u00e4gen, K\u00fcnstlerbiographien, selbst im Werk Hans-Georg Gadamers \u201aWahrheit und Methode\u2018 (\u201e<em>Wer einen Text verstehen will, ist vielmehr bereit, sich von ihm etwas sagen zu lassen.\u201c<\/em> Gadamer 1975: 253) perpetuierte anthropomorphisierende und vitalisierende Sprachgebrauch macht auch aus dem k\u00fcnstlerischen Werk das sagenumwobene <em>animal rationale<\/em>. Indem ich nun seine Existenz bestreite, bestreite ich aber ganz und gar nicht, dass Werke nicht \u201aAusl\u00f6ser f\u00fcr etwas\u2018 beim Leser, Zuschauer, Zuh\u00f6rer, Betrachter sein k\u00f6nnen. Ganz im Gegenteil: Sogar in zweierlei Hinsicht k\u00f6nnen sie es sein \u2013 aber eben nicht in der Form, wie es dieser anscheinend unausl\u00f6schliche anthropomorphisierende Sprachgebrauch nahelegt. Nicht das Werk wirkt. Der Leser, Zuschauer, Zuh\u00f6rer, Betrachter ist es, der das Gelesene, Gesehene, Geh\u00f6rte, Betrachtete als Inspiration empfindet:<\/p>\n<ol style=\"text-align: justify;\">\n<li><em>Inspiration zur Assoziation: diesseits jeder nachgelagerten Interpretation<\/em> und hermeneutischer Abhandlung<\/li>\n<li><em>Inspiration zur Interpretation<\/em>: Wer verstehen will, muss <em>\u201ef\u00fcr die Andersheit des Textes von vornherein empf\u00e4nglich sein\u201c<\/em> (Gadamer 1975: 253). Hans-Georg Gadamer beschreibt (grob verk\u00fcrzt, wie er sagt) den Verstehensprozess, den hermeneutischen Zirkel, wie folgt: \u201e<em>Wer einen Text verstehen will, vollzieht immer ein Entwerfen. Er wirft sich einen Sinn des Ganzen voraus, sobald sich ein erster Sinn im Text zeigt. Ein solcher zeigt sich wiederum nur, weil man den Text schon mit gewissen Erwartungen auf einen bestimmten Sinn hin liest. Im Ausarbeiten eines solchen Vorentwurfs, der freilich best\u00e4ndig von dem her revidiert wird, was sich bei weiterem Eindringen in den Sinn ergibt, besteht das Verstehen dessen, was dasteht\u201c <\/em>(Gadamer 1975: 251).<\/li>\n<\/ol>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>27<\/sup>Wobei auch bei denen, die ihn gemeinsam durchlaufen haben, ein gemeinsame Verst\u00e4ndnis oftmals nur ein unterstelltes ist \u2013 tats\u00e4chlich sind die individuellen Verst\u00e4ndnisweisen vielfach alles andere als deckungsgleich: Es ist dies die Annahme bzw. die Suggestion eines solchen gemeinsamen und damit gemeinschaftsf\u00f6rdernden, ja: gemeinschaftskonstituierenden Verst\u00e4ndnisses.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>28<\/sup>W\u00e4re aber andererseits grunds\u00e4tzlich das reflexive Verstehen der Intention gesichert und die M\u00f6glichkeit des Nicht-Verstehens oder des, warum auch immer vom Sprecher intendierten,\u00a0 Missverstehens nicht gegeben, so w\u00e4re die Notwendigkeit einer hermeneutischen Deutung obsolet: Warum soll ich deuten, was jeder versteht? Ob ohne dieses aus heutiger Sicht (die ja tendenziell eher auf Funktionalit\u00e4t ausgerichtet ist) dysfunktional erscheinende Missverstehen ein intellektueller Fortschritt m\u00f6glich w\u00e4re, ist zu bezweifeln: Ohne Missverstehen w\u00fcrde sich sehr bald ein Zustand intellektuellen Stillstands und der Regression einstellen. Der Umkehrschluss gilt leider nicht: Missverstehen bewahrt uns nicht vor Stillstand und Regression, es macht beides h\u00f6chstens ein klein wenig wahrscheinlicher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>29<\/sup>Geht es bei einem Werk, das als kollektives, kausales, nicht intendiertes und episodales Resultat intentional veranlasster individueller Rezeptionen gegebenenfalls in einer gesellschaftlichen Gruppe (wie gro\u00df diese auch immer sein mag) die Zuschreibung \u201aKunst-Werk\u2018 erf\u00e4hrt, um ein vom Erschaffer intendiertes Verstehen seiner singul\u00e4ren K\u00fcnstler-Intention, um die Explikation einer <em>\u201eunbewussten Meinung des Urhebers\u201c <\/em>(Gadamer 1975: 181) oder darum, <em>\u201ewas der Sinngehalt seiner Sch\u00f6pfung ist, was diese \u201ameint\u2018\u201c<\/em> (Gadamer 1975: 181)? Geht es vielleicht um konventionelle oder konversationelle Implikaturen (Grice) eines Textes? Nein. Ich denke, es geht zun\u00e4chst einmal um einen unmittelbaren Zugang, um eine Inspiration diesseits jeder nachgelagerten Interpretation, um eine andere, ganz und gar nicht hermeneutisch grundierte Option. Um das, was meine gerichtete Rezeption eines Werkes, sein Anblick, seine Lekt\u00fcre, sein H\u00f6ren in mir bewirkt: Impuls. Initiation. Inspiration. Anregung zur Assoziation. Zum Selberdenken. Widersprechen. Weiterspinnen. Den Gedanken freien Lauf lassen. Flanieren in der eigenen Phantasie. Ein Momentum, das das Werk nur als Ansto\u00df ben\u00f6tigt. Sich von da ausgehend frei bewegt. Und das Werk, den Autor, den Anlass vergisst. Und wer wei\u00df \u2013 vielleicht entsteht ja <em>\u201eerst durch die Handlung des Betrachters (\u2026) ein Werk\u201c, <\/em>wie es der Bildhauer Franz Erhard Walther einmal ausgedr\u00fcckt hat. Alles andere, und damit alles Verstehen, ist auf der Ebene nachtr\u00e4glich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><sup>30<\/sup>Sehr eindringlich hat bereits 1941 Erich Fromm in seinem Werk <em>\u201aDie Furcht vor der Freiheit\u2018<\/em> beschrieben, was passieren kann, wenn diese Freude \u00fcber die Freiheit, die zwar eine Entlassung aus dem Zwang der Fremdbestimmung, aber eben auch aus beh\u00fcteter Umz\u00e4unung, aus wohliger Einbettung in ein Kollektiv und damit in ein f\u00fcr mein Ich identit\u00e4tsstiftendes Wir bedeutet, in Furcht umschl\u00e4gt. Und wenn dieses hinausgeworfene, alleingelassene Ich nun selbstverantwortlich seinen selbstverschuldeten Ausgang zur Unm\u00fcndigkeit finden und sich in orientierungsloser Zeit orientieren muss: Es fl\u00fcchtet. Oftmals ins Autorit\u00e4re, ins Konformistische oder auch ins Selbstdestruktive. Was vielleicht die hohe Zahl der depressiven Erkrankung (im Bewusstsein der alles andere als ausreichend gekl\u00e4rten Gebrauchsweise des Begriffs \u201aDepression\u2018) in den Leistungsgesellschaften abendl\u00e4ndischer Pr\u00e4gung erkl\u00e4ren mag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Literatur:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Barthes, Roland (1968\/2016): Der Tod des Autors. In: Fotis Jannidis u.a. (Hrsg.), Texte zur Theorie der Autorschaft, Stuttgart: Reclam Verlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eco, Umberto (1990): Zwischen Autor und Text. In: Fotis Jannidis u.a. (Hrsg.), Texte zur Theorie der Autorschaft, Stuttgart: Reclam Verlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Elias, Norbert (1976): \u00dcber den Prozess der Zivilisation, Zweiter Band, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ferguson, Adam (1767\/1904): An Essay on the History of Civil Society, Edinburgh.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Fromm, Erich (1990\/2016): Die Furcht vor der Freiheit, M\u00fcnchen: Deutscher Taschenbuch Verlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gadamer, Hans-Georg (1975): Wahrheit und Methode, T\u00fcbingen: J.C.B. Mohr<br \/>\nGoethe, Johann Wolfgang (1979): Faust, M\u00fcnchen: Deutscher Taschenbuch Verlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Grice, Herbert Paul (1979): Intendieren, Meinen, Bedeuten. in: Georg Meggle (Hrsg.), Handlung Kommunikation Bedeutung, Frankfurt a.M.: Verlag Suhrkamp.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Grice, Herbert Paul (1979): Sprecher-Bedeutung, Satz-Bedeutung, Wort-Bedeutung. in: Georg Meggle (Hrsg.), Handlung Kommunikation Bedeutung, Frankfurt a.M.: Verlag Suhrkamp.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Grice, Herbert Paul (1979): Sprecher-Bedeutung und Intentionen. in: Georg Meggle (Hrsg.), Handlung Kommunikation Bedeutung, Frankfurt a.M.: Verlag Suhrkamp.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Humboldt, Wilhelm von (2008): Schriften zur Sprache, Frankfurt a.M.: Zweitausendeins.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Husserl, Edmund (2012): Die Krisis der europ\u00e4ischen Wissenschaften und die transzendentale Ph\u00e4nomenologie, Hamburg: Felix Meiner Verlag<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Keller, Rudi (2018): Zeichentheorie, T\u00fcbingen: UTB\/A. Francke Verlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Keller, Rudi (2014): Sprachwandel, T\u00fcbingen: A. Francke Verlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kettler, David\/Meja, Volker\/ Stehr, Nico: Vorwort der Herausgeber. in Mannheim, Karl (1980): Strukturen des Denkens, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.<br \/>\nLiedtke, Frank (2016): Moderne Pragmatik, T\u00fcbingen: Narr Francke Attempto Verlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hank, Rainer (2017): Gemeinwohl, Artikel in: F.A.S. 24. Dezember 2017.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hayek, Friedrich August von (1969): Freiburger Studien, in: Gesammelte Aufs\u00e4tze, Hayek, Friedrich August von (1983): Die \u00fcbersch\u00e4tzte Vernunft, in: Evolution und Menschenbild, Hrsg. Rupert Riedl\/Franz Kreuzer, Hamburg: Verlag Hoffmann und Campe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heidegger, Martin (2000): Die Frage nach der Technik, in: Martin Heidegger: Vortr\u00e4ge und Aufs\u00e4tze, Frankfurt a.M.: Verlag Vittorio Klostermann.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Horkheimer, Max\/Adorno, Theodor W. (1980): Begriff der Aufkl\u00e4rung.in: Dialektik der Aufkl\u00e4rung, Frankfurt a.M.: S. Fischer Verlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Klemperer, Victor (2015): LTI Notizbuch eines Philologen, Stuttgart: Reclam<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mandeville, Bernard de (2012): Die Bienenfabel, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.<br \/>\nMannheim, Karl (1980): Strukturen des Denkens, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.<br \/>\nNiedermeier, Silvan (2014): Rassismus und B\u00fcrgerrechte: Polizeifolter im S\u00fcden der USA, Hamburg: Hamburger Edition HIS Verlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Peirce, Charles S. (2000): Semiotische Schriften, Bd.1, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Platon (1980): S\u00e4mtliche Werke 2, Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Plauen, Michael\/Welzer, Harald (2015): Autonomie, Frankfurt a.M.: S. Fischer Verlag<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rorty, Richard (1987): Der Spiegel der Natur, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rauterberg, Hanno (2017): Tanz der Tugendw\u00e4chter, Artikel in: DIE ZEIT. 27. Juli 2017.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Riedel, Manfred (1990): H\u00f6ren auf die Sprache, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">R\u00fcschemeyer, Georg (2017): Was macht mit mir nur dieses D-Dur?, Artikel in: F.A.S. 24. Dezember 2017.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">de Saussure, Ferdinand (1967): Grundlagen der allgemeinen Sprachwissenschaften, Berlin: Walter de Gruyter<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Siemons, Mark (2018): Wille zu Welt, Artikel in F.A.S. 28. Januar 2018.<br \/>\nSmith, Adam (1978): Der Wohlstand der Nationen, M\u00fcnchen: Deutscher Taschenbuch Verlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tugendhat, Ernst (1979): Vorlesungen zur Einf\u00fchrung in die sprachanalytische Philosophie, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.<br \/>\nWindelband\/ Heimsoeth (1976): Lehrbuch der Geschichte der Philosophie, T\u00fcbingen: J.C.B.Mohr (Paul Siebeck) Verlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wittgenstein, Ludwig (1977): Philosophische Untersuchungen, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Internetquellen:<br \/>\nLammert, Norbert (24.06.2016): Brauchen wir eine Leitkultur?, online unter: https:\/\/blog.klassik-stiftung.de\/norbert-lammert-leitkultur\/<br \/>\nMaizi\u00e8re, Thomas de (30.04.2017): &#8222;Wir sind nicht Burka&#8220;: Innenminister will deutsche Leitkultur, online unter: http:\/\/www.zeit.de\/politik\/deutschland\/2017-04\/thomas-demaiziere-innenminister-leitkultur\/seite-2<br \/>\nMartus, Steffen (08.02.2017): Germanistik in der Krise? Der eierlegende Wollmilchgermanist wird dringend gesucht, online unter: http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/forschung-und-lehre\/germanistik-in-der-krise-der-eierlegende-wollmilchgermanist-wird-dringend-gesucht-14865806-p3.html (Stand 14.07.2017)<\/p>\n<p>Ranci\u00e8re, Jacques (20.11.2013): im Gespr\u00e4ch mit Stephan Karkowsky<br \/>\nhttp:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/geistesgeschichte-wie-kunst-als-kunst-definiert-wird.954.de.html?dram:article_id=269579<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorbemerkung der Redaktion: Um es vorweg zu sagen: Auch KUNO wei\u00df nicht, wor\u00fcber wir reden, wenn wir \u00fcber Kunst reden. Stefan Oehm wei\u00df allerdings, dass ein gro\u00dfer Teil derer, die \u00fcber Kunst reden, einige grundlegende Erkenntnisse au\u00dfer acht l\u00e4sst. 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