{"id":46246,"date":"2018-03-03T00:01:30","date_gmt":"2018-03-02T23:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=46246"},"modified":"2018-02-20T07:05:33","modified_gmt":"2018-02-20T06:05:33","slug":"kein-erbarmen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/03\/03\/kein-erbarmen\/","title":{"rendered":"Kein Erbarmen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Natascha Wodin ist die Tochter ukrainischer Zwangsarbeiter und in Deutschland geboren. Ihre Mutter beging Selbstmord, als sie zehn Jahre alt war, \u00fcber ihre Familie in der Ukraine wei\u00df sie kaum etwas. Nun mit \u00fcber siebzig Jahren beginnt sie \u00fcber ihre Mutter zu recherchieren und ger\u00e4t schnell in einen Strudel von verst\u00f6renden Informationen. Sie kann tats\u00e4chlich Familienangeh\u00f6rige aufsp\u00fcren, von denen sie von einer weiteren Selbstt\u00f6tung und von einem Mord erf\u00e4hrt. Nach diesem Schock, der im ersten Teil des Buches verarbeitet wird, bekommt Natascha Wodin weitere, zwar weniger spektakul\u00e4re, daf\u00fcr aber tiefergehende Informationen zu ihrer Familie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Durch die unerm\u00fcdliche Hilfe Konstantins, dem Betreiber von Azov\u00b4s Greek, einer osteurop\u00e4ischen Internetseite gelangt die Autorin u.a. an das Tagebuch ihrer Tante Lidia, der \u00e4lteren Schwester ihrer Mutter. Auch wenn sich um diese Frau wieder erst einmal ein dunkles Geheimnis, in diesem Fall das eines m\u00f6glichen Inzests rankt, sind die Aufzeichnungen der Tante aus ihrem Leben in Mariupol und deren Erinnerungen an die russische Revolution von unsch\u00e4tzbarem Wert. Die Autorin lernt ihre Gro\u00dfeltern und Urgro\u00dfeltern in diesem Manuskript kennen und sie erlebt die Macht\u00fcbernahme durch die Sowjets und die Gr\u00e4uel unter Stalin, die durch dieses Einzelschicksal ein besonderes Gesicht erhalten. Und so erf\u00e4hrt Natascha Wodin nicht nur, wo sie selbst herkommt, sie kann auch das Leben ihrer Mutter weitgehend nachvollziehen. Die ist in Mariupol in eine erbarmungslose Zeit hineingeboren, aus der es eigentlich kein Entrinnen f\u00fcr sie gibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em><span style=\"color: #999999;\">\u2026 aber wenn die Schuld meiner Mutter bisher darin bestanden hatte, dass sie aus einer Familie von Volksfeinden, Kapitalisten und Konterrevolution\u00e4ren stammte, so war sie jetzt dar\u00fcber hinaus als Mitarbeiterin des Arbeitsamtes, als R\u00e4dchen in der deutschen Deportationsmaschinerie, zur aktiven, antisowjetischen T\u00e4terin geworden, zur Vaterlandsverr\u00e4terin und Kollaborateurin. Straflager war das mindeste, was ihr drohte. W\u00e4re sie den zur\u00fcckkehrenden Sowjets in die H\u00e4nde gefallen, h\u00e4tte man sie vermutlich auf der Stelle erschossen.<\/span> <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als einzige Kritik, nicht an der Autorin, sondern am Verlag ist anzumerken, dass die originalen schwarz-wei\u00dfen Familienfotos im Buch so klein abgedruckt wurden, dass es manchmal schwer f\u00e4llt, die einzelnen Personen darauf \u00fcberhaupt zu erkennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im vierten und letzten Teil geht es um die gemeinsame Zeit von Mutter und Tochter in Deutschland, erh\u00e4lt der Wahnsinn ein Gesicht, der dazu f\u00fchrt, dass sich die Mutter elf Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs in der Regnitz ertr\u00e4nkt. Ob es die Tragik in ihrem Leben ist, die die Frau, die zum Schluss nicht einmal mehr spricht, in den Selbstmord treibt oder eine bereits vorprogrammierte famili\u00e4re Paranoia, wie der Vater der Autorin behauptet, l\u00e4sst sich nicht kl\u00e4ren, ist f\u00fcr die Handlung des Buches auch nicht entscheidend. Bei aller Dramatik, die in der traurigen Familiengeschichte immer wieder zu Tage tritt, geht es nicht darum voyeuristisch spektakul\u00e4re Ereignisse zu beschreiben, sondern es geht um Aussichtslosigkeit, um die Schrecken der Zwangsarbeit und die Menschen, die auch nach dem Ende des Kriegs nicht in ihre Heimat zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Natascha Wodin ist mit ihrem Buch ein einf\u00fchlsames Zeitdokument gelungen, das nicht nach Wiedergutmachung lechzt. Es geht um die ungesch\u00f6nte Geschichte, die letztendlich nicht nur zu ihrer Mutter, sondern auch zu ihr selbst f\u00fchrt. Mit entwaffnender Offenheit lernen wir die Autorin kennen, wof\u00fcr ich ihr dankbar bin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=46246&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Mariupol_Cover-e1519106652231.jpg\" alt=\"\" width=\"163\" height=\"266\" \/><\/a><strong>Sie kam aus Mariupol, <\/strong>von Natascha Wodin, bei Rowolt Verlag.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Natascha Wodin ist die Tochter ukrainischer Zwangsarbeiter und in Deutschland geboren. 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