{"id":45634,"date":"2000-05-31T00:01:10","date_gmt":"2000-05-30T22:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45634"},"modified":"2020-11-25T17:32:16","modified_gmt":"2020-11-25T16:32:16","slug":"ein-bild-von","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/05\/31\/ein-bild-von\/","title":{"rendered":"Ein Bild von\u2026"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch hatte es gar nicht gewollt, habe es auch nicht kommen sehen. Es ist einfach passiert.\u201c, platzierte er seine wohl nicht ganz durchdachte Verteidigungsrede seinem Gegen\u00fcber. \u201eEs konnte doch nicht sein, die Situation ungenutzt einfach so verstreichen zu lassen. Da war der Moment heilig, er musste eingesetzt werden. Und dann bin ich so in diese Sache hereingerutscht. Sie war wundersch\u00f6n, zugegeben, hatte im Antlitz etwas ungeheuer Reines. Als ich sie erblickte, du kannst dir gar nicht vorstellen, was in mir abging. Die Haare im Nacken stellten sich auf, dieses unglaubliche Kribbeln frischer Verliebtheit stieg in mir auf. Nur ganz wenige Momente hat man im Jahr, da passiert so etwas. Ihr Aussehen hatte auch etwas Abweisendes, das ich mir erst gar nicht erkl\u00e4ren konnte, einen versteckten Makel vielleicht, der auf den ersten Blick nicht sichtbar war. Doch mit jedem weiteren Zeitlauf, der sich zwischen uns ergab, konnte ich bemerken, dass sie nachgab, dass auch sie mich wollte. Ihre Haut war eigentlich nicht das, was die meisten sich unter Perfektion vorstellen. Der Ton ihres Antlitzes erschien etwas sehr blass, fast als habe jemand sie k\u00fcrzlich erst \u00fcbert\u00fcncht.\u201c Herr Nipp geriet in diesem Momente ins Schw\u00e4rmen, er suchte nach Worten, die seine aufgew\u00fchlten Gef\u00fchle h\u00e4tten beschrieben k\u00f6nnen. Worte, die in der Lage waren, all sein seelisches Bestreben inhaltlich zu fassen. Er kam an seine Grenzen, dachte nur noch in Bruchst\u00fccken von Bildern, die sich aus dem Denken an sie ergaben. Die wohlgeformten Proportionen, die sich fast anschmiegen wollten. An die Stimmigkeit der Bewegung, die sie zeigte. Dachte an die Musik, die er bei ihrem Anblick vernommen hatte und die Bilder, die sich ergeben hatten. Harmonische Farbkl\u00e4nge inmitten einer bed\u00fcrftigen Schuttlandschaft. Ja, es mochte vielleicht gar keine Worte geben, aber zumindest die inneren Werte waren irgendwie bestimmbar. Er musste genau in diesem Seinszustand an den Chandosbrief denken, den Hugo von Hofmannsthal um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert geschrieben hatte. Jetzt, hundert Jahre sp\u00e4ter, best\u00e4tigten sich diese Gedanken bei ihm ganz pers\u00f6nlich. (Der Leser mag an dieser Stelle selbst einmal \u00fcberlegen, auf welche Weise 100 Jahre weiter in Begriffe gefasst werden k\u00f6nnten, dem Autor fiel nichts mehr ein.) Im Denken an ihr Aussehen zerfielen ihm die abstrakten W\u00f6rter wie Pilze im Mund. Er hatte einfach eine innere vision\u00e4re Eingebung gehabt und war noch einmal nach Hause gefahren, die Utensilien zu holen, die ihm fehlten. F\u00fcr eine unglaubliche Begegnung mit einer unglaublichen Situation.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSo, jetzt noch mal ganz kurz f\u00fcr mein Notizbuch. Warum haben Sie diese Wand mit der angebauten Spindeltreppe mit einem Graffiti verschandelt?\u201c fragte der Polizist, der ihn erwischt hatte, jetzt schon recht ungeduldig.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div class=\"page\" title=\"Page 75\">\n<div class=\"layoutArea\">\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Das Mittelma\u00df der Welt<\/strong>, unerh\u00f6rte Geschichten von Herrn Nipp, KUNO 1994 &#8211; 2019<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-71748\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg\" alt=\"\" width=\"217\" height=\"229\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild.jpg 217w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2009\/01\/Herr-Nipp-Frontbild-160x169.jpg 160w\" sizes=\"auto, (max-width: 217px) 100vw, 217px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die <em>unerh\u00f6rten Geschichten<\/em> von Herrn Nipp sind glossierende Anmerkungen die sich schnoddrig mit dem Zeitgeist auseinandersetzen. Oft wird in diesen Kolportagen ein Konflikt zwischen Ordnung und Chaos beschrieben. Wir lesen sowohl \u00fcberraschendes und unerwartetes, potentiell ungew\u00f6hnliches, das Geschehen verweist auf einen sich real ereigneten (oder wenigstens m\u00f6glichen) Ursprung des Erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend\u00a0<\/strong><strong>\u2192\u00a0<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zum Thema K\u00fcnstlerbucher lesen finden Sie hier einen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=12840\">Essay<\/a> sowie ein <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=834\">Artikel<\/a> von J.C. Albers. Papier ist autonomes Kunstmaterial, daher ein vertiefendes <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=21407\">Kollegengespr\u00e4ch<\/a> mit Haimo Hieronymus \u00fcber Material, Medium und Faszination des Werkstoffs Papier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die bibliophilen Kostbarkeiten sind erh\u00e4ltlich \u00fcber die Werkstattgalerie Der Bogen, Tel. 0173 7276421<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; \u201eIch hatte es gar nicht gewollt, habe es auch nicht kommen sehen. Es ist einfach passiert.\u201c, platzierte er seine wohl nicht ganz durchdachte Verteidigungsrede seinem Gegen\u00fcber. \u201eEs konnte doch nicht sein, die Situation ungenutzt einfach so verstreichen zu lassen.&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2000\/05\/31\/ein-bild-von\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":161,"featured_media":71748,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[1334],"class_list":["post-45634","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-herr-nipp"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45634","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/161"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=45634"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45634\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=45634"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=45634"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=45634"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}