{"id":4553,"date":"2012-05-28T00:01:00","date_gmt":"2012-05-27T22:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=4553"},"modified":"2020-05-30T18:22:07","modified_gmt":"2020-05-30T16:22:07","slug":"lyrische-landvermessung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2012\/05\/28\/lyrische-landvermessung\/","title":{"rendered":"Lyrische Landvermessung"},"content":{"rendered":"<h3 style=\"text-align: justify;\"><\/h3>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die amtlichen Bekanntmachungen f\u00fcr August 2010 auf der Homepage der Stadt Boppard beginnen mit \u201e\u00c4nderung des Bebauungsplanes \u201eCasinostra\u00dfe \/ Herrenst\u00fccke\u201c\u201c und der \u201eMeldung der Wein- und Traubenmostbest\u00e4nde\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sicherlich w\u00e4re es f\u00fcr den Lyriker Manfred Enzensperger ein Leichtes, jene Mitteilungen in B\u00fcrokratensprache f\u00fcr ein weiteres Gedicht \u00fcber Boppard zu verwerten, sah er doch in seinem Gedicht zu der Weinstadt am Rhein mit \u201ekopfschmerzpanorama eine \u201egedenkgastst\u00e4tte\u201c. Immerhin kann zuviel des Weines nach einem durchzechten Abend am folgenden Morgen durchaus eine Stadtbesichtigung mit Kopfschmerz nach sich ziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht gerade Kopfschmerzen, aber viel Kopfarbeit und Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen ist gefordert, um sich die Texte in Enzenspergers Lyrikband \u201eendlich boppard\u201c aufzuschl\u00fcsseln. Seine Leser verf\u00fchrt er ideenreich zu einer Reise mit dem Finger auf lyrischen Landkarten. Ihre Regionen und St\u00e4dte hat er lyrisch vermessen, um dann deren geographische \u00c4u\u00dferlichkeiten auch auf emotionalen Innenweltkarten nachzuzeichnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses dichterische Stadt-Land-Fluss-Spiel er\u00f6ffnet einen \u201eunverhofften horizont\u201c \u201evom startguthaben am kindheitstisch\u201c bis \u201eabends noch die zecke in der wade\u201c, von seiner Heimatstadt Leverkusen, von K\u00f6ln, Oostende, Frankfurt und Paris bis ins Bergische Naafbachtal. Um nur einige Stationen zu nennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Autor hat \u201eschlafende w\u00f6rter geweckt\u201c, l\u00e4sst sie \u201ezu duften\u201c beginnen und seine \u201eaussicht ist an sich keine aussicht\u201c, zumal es um Innensichten geht. Aber auch Inneres wird nach au\u00dfen gekehrt, wenn \u201eselbst das wort liebe klingt wie das telefonbuch\u201c seiner \u201clebensgewohnheiten\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Ende der Reise durch den Gedichtband stehen jedoch weder Wein- noch Weltst\u00e4dte. Ganz wie es sich f\u00fcr einen Lyriker geh\u00f6rt, der auch als Fachleiter in der Gymnasiallehrerausbildung dem deutschen Kultur- und Bildungswesen zu dienen versucht, kommt noch einmal das Schulleben als \u201edie fortsetzung der realit\u00e4t mit anderen mitteln\u201c zu lyrischen Ehren. Diese schulische Wirklichkeit vertritt \u201eder lehrer\u201c, \u201eein in noten eingewickeltes st\u00fcck fleisch\u201c, wie der Autor behauptet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Frei nach Ringelnatz wurde alles schon einmal geschrieben, nur nicht von jedem. Doch Manfred Enzensperger setzt originell mit Sprachwitz und \u2013melodie Worte auf ungewohnt sinnstiftende Art zu- und hintereinander. Seine Leser kennen diese Sprache inzwischen aus vorherigen Gedichtb\u00e4nden. In \u201eendlich boppard\u201c wirkt sie allerdings noch ausgereifter und vermittelt bei \u201ekafkacasting oder verkaufsoffenem jandl\u201c&nbsp;&nbsp;\u201ejenes \u201ekraftfahrende kunstheimweh\u201c, das \u201eein eigenes \u201egef\u00fchl von w\u00e4rme, schutz und geborgenheit\u201c aufkommen l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nicht zuletzt verdient der kleine, aber feine Horlemann Verlag ein besonderes Lob f\u00fcr den Mut zur Herausgabe dieses \u00e4u\u00dferlich ansprechend aufgemachten Lyrikbandes, den \u201efreunde der geldliteratur\u201c vermutlich eher nicht beachten werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sch\u00f6n w\u00e4re es dennoch, wenn sich einige von ihnen nicht nur durch die Verpackung zur Lekt\u00fcre verf\u00fchren lie\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Lyrikfreunde und \u2013genie\u00dfer sowie f\u00fcr solche, die es werden wollen, f\u00fcr gestandene und Hobby-Lyriker aber kann \u201eendlich boppard\u201c zu einem au\u00dfergew\u00f6hnlichen Spracherlebnis werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>endlich boppard<\/strong>, Gedichte von&nbsp;Manfred Enzensperger Horlemann-Verlag, Bad Honnef, 2010, 87 Seiten<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Cover4.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-4557 alignleft\" title=\"Cover\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Cover4.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Cover4.jpg 300w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2012\/05\/Cover4-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weitere Einzeltitel (Auswahl)<br \/>\n* Zimmerflimmern. Gedichte (2007)<br \/>\n* Semiopolis. Gedichte (2002)<br \/>\n* Strich und Faden. Gedichte (2000)<br \/>\n* Sperrbezirk. Gedichte (1999)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die amtlichen Bekanntmachungen f\u00fcr August 2010 auf der Homepage der Stadt Boppard beginnen mit \u201e\u00c4nderung des Bebauungsplanes \u201eCasinostra\u00dfe \/ Herrenst\u00fccke\u201c\u201c und der \u201eMeldung der Wein- und Traubenmostbest\u00e4nde\u201c. 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