{"id":45356,"date":"2018-12-27T00:01:48","date_gmt":"2018-12-26T23:01:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45356"},"modified":"2022-03-01T15:28:56","modified_gmt":"2022-03-01T14:28:56","slug":"die-koenigin-von-aegypten-in-berlin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/27\/die-koenigin-von-aegypten-in-berlin\/","title":{"rendered":"Die K\u00f6nigin von \u00c4gypten in Berlin"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die ungarische Gr\u00e4fin May T\u00f6r\u00f6k von Szendr\u00f6 und die \u00e4gyptische Prinzessin Djavidan Hanum in Personalunion; der ungarische Diplomat Andreas Szendr\u00f6; Josef, der Chauffeur des Diplomaten, Berlin 1942\/43; eine beinahe t\u00f6dliche Begegnung mit dem Reichsf\u00fchrer der SS, Heinrich Himmler, auf der Reichautobahn; Sophie la Bendola, Ballettt\u00e4nzerin am Deutschen Nationaltheater Weimar, der ungarische H\u00e4ftling Levente S\u00e1rk\u00f6zi im KZ-Lager Buchenwald; der nationalsozialistische Widerstand mit den Br\u00fcdern Harnack und Sophie Scholl und der Autor Imre T\u00f6r\u00f6k von Szendr\u00f6,\u00a0 weitl\u00e4ufig verwandt mit mindestens drei Personen der Romanhandlung\u2013 eine solche Verquickung von realen und fiktiven Figuren verspricht einen spannenden Plot. Und der wird bereits in den Eingangspassagen geliefert! Handlungsorte und Aktionen in Au\u00dfen- und Innenr\u00e4umen vermischen sich, ein personaler Erz\u00e4hler wechselt von Situationsschilderungen zu inneren Monologen seiner Figuren. Der Leser wird gleichsam in Filmschnitten zwischen den Handlungsorten hin und hergetrieben, manchmal so atemlos wie die unerwarteten Auftritte der Prinzessin Djavidan in der Wohnung des Diplomaten Andreas. Beide verbindet nicht nur ihre ungarische Herkunft, ihre weitl\u00e4ufige famili\u00e4re Abstammung und ihr Widerstand gegen das m\u00f6rderische nationalsozialistische Regime. Und beide sind auch im Visier der Gestapo, die sie Tag und Nacht \u00fcberwacht, und der sie bei entscheidenden Aktionen immer wieder entschl\u00fcpfen. In diesem Katz-und-Maus-Spiel erweist sich Djavidan (1877-1968), die als zweite Ehefrau mit dem Khediven, dem K\u00f6nig von \u00c4gypten, von 1900 heimlich bzw. 1910 offiziell bis 1913 verheiratet war, als \u00fcberaus intelligente, wagemutige, leidenschaftliche und hochflexible Pers\u00f6nlichkeit. Den Nachweis f\u00fcr ihre au\u00dferordentlichen intellektuellen und pragmatischen F\u00e4higkeiten hatte sie in ihren 1930 (Verlag f\u00fcr Kulturpolitik) erschienenen \u201eErinnerungen der Prinzessin Djavidan, fr\u00fchere Gemahlin des Khediven von \u00c4gypten\u201c unter dem Titel \u201eHarem\u201c erbracht. In seinem ausf\u00fchrlichen Nachwort zur ver\u00e4nderten zweiten Ausgabe 1991 im dtv-Verlag bescheinigt ihr der renommierte Literaturkritiker Karl Corino, dass sie bei der Darstellung der \u201eGeschichte und Ph\u00e4nomenologie der Institution Harem \u2026dieses m\u00e4nnlichen Allmachts- \u2026 Allbesamungswahns\u201c (S. 254) Beachtliches geleistet habe. \u201eSie zeigt\u201c, so Corino \u201ewie aus den Privilegien des Propheten Mohammed und seiner \u201aurspr\u00fcnglichen Lehre \u2026 eine falsche und ungerechte Religion entstand\u2018\u201c. (S. 254) Von dieser Lebensklugheit und ihren praktischen F\u00e4higkeiten wird nicht nur der Leser angezogen, auch Andreas, bei dem Djavidan seit ihrem unerwarteten Auftauchen in Berlin wohnt, ist von ihr gleichsam verzaubert. Sie tr\u00f6stet ihn, wenn er depressiv ist angesichts des st\u00e4ndigen Fliegeralarms und des sich versch\u00e4rfenden Terrors der Gestapo und sie schmiedet k\u00fchne Pl\u00e4ne. So wie die Entf\u00fchrung des Elefanten Siam aus dem Berliner Zoo oder die R\u00fcckholung der ber\u00fchmten Nofretete, die \u00a0\u201eunter dubiosen Umst\u00e4nden\u201c, so Djavidan, aus \u00c4gypten gestohlen wurde und sich nun im \u00c4gyptischen Museum auf der Museumsinsel befindet. Und sie macht auch dem Diplomaten Andreas Szendr\u00f6 Mut bei dessen Bem\u00fchungen um die Freilassung seines ungarischen Landsmanns aus dem KZ-Buchenwald. Sicherlich ist die imagin\u00e4re K\u00f6nigin von \u00c4gypten \u00fcberzeichnet, ihre physische und intellektuelle Energie zu euphemistisch beschrieben, doch im Kontext der unterschiedlichen Handlungsorte, an denen sie gegen SS-Schergen, Gestapo-Gangster und KZ-Aufseher antritt, verleiht der Autor \u201eseiner\u201c Djavidan ganz bewusst eine gleichsam \u00fcberbordende Energie. Deshalb gelingt es ihr auch \u2013 gemeinsam mit Andreas \u2013 ihren ungarischen Landsmann aus dem KZ-Buchenwald herauszuholen, eine Erz\u00e4hlpassage, in der die Menschenschl\u00e4chterin Ilse Koch und ihr Komplize, der Lagerarzt Hoven, in all ihrer dokumentierten Brutalit\u00e4t dargestellt werden. Neben solchen veristischen Darstellungen spielt der Text auch mit ganz anderen Narrativen. Er nimmt m\u00e4rchenhafte Z\u00fcge an, wenn der ungarische \u201eZigeuner\u201c Levente auf einer Lokomotive mit seinen Landsleuten in die Freiheit rauscht, er bildet die Inhalte von Briefen ab, die die verliebte Gr\u00e4fin an ihren schwerkranken Andreas schreibt, er fabuliert mit Theaterinszenierungen, die t\u00f6dlich enden, er bedient sich kluger philosophischer Gedanken, in denen Djavidan ihre Haremserfahrungen gleichsam en passant durch die erz\u00e4hlerische Maske des Autors hindurch ihren Lesern \u00fcbermittelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein besonderes Thema in dieser Doku-Fiktion ist die Auseinandersetzung mit dem deutschen Widerstand gegen das nationalsozialistische Terrorregime in der Gestalt der Br\u00fcder Harnack und in dem dokumentarischen Verweis auf die \u201eWei\u00dfe Rose\u201c. Sie belegen auch bestimmte Kontakte der Gr\u00e4fin zu dem Berliner Untergrund, den die Gestapo aufdeckte und die Hinrichtung zahlreicher Widerstandsk\u00e4mpfer in Pl\u00f6tzensee zur Folge hatte. Es ist der oft j\u00e4he Wechsel in der Beschreibung von Kriegsvisionen, von wagehalsigen Aktionen im Umfeld des Feindes, von Traumpassagen, in denen sich Djavidan und Andreas an den Nil beamen, die n\u00fcchterne Einsch\u00e4tzung der grausamen politischen Situation und manchmal auch stammelnde Liebesbekenntnisse, die diesen Roman so spannend, so lesenswert machen. Und nicht zuletzt den Leser anlocken beim Blick auf die Cover-Illustrationen von Emir Roda Ahr.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Die K<a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45356&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Cover.jpeg\" alt=\"\" width=\"187\" height=\"266\" \/><\/a>\u00f6nigin von \u00c4gypten in Berlin<\/strong> von Imre T\u00f6r\u00f6k. Ludwigsburg (Pop Verlag) 2017<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die ungarische Gr\u00e4fin May T\u00f6r\u00f6k von Szendr\u00f6 und die \u00e4gyptische Prinzessin Djavidan Hanum in Personalunion; der ungarische Diplomat Andreas Szendr\u00f6; Josef, der Chauffeur des Diplomaten, Berlin 1942\/43; eine beinahe t\u00f6dliche Begegnung mit dem Reichsf\u00fchrer der SS, Heinrich Himmler, auf&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/12\/27\/die-koenigin-von-aegypten-in-berlin\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3353,1158],"class_list":["post-45356","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-imre-toeroek","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45356","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=45356"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45356\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":101378,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45356\/revisions\/101378"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=45356"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=45356"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=45356"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}