{"id":45282,"date":"2006-12-25T00:01:52","date_gmt":"2006-12-24T23:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45282"},"modified":"2021-10-31T18:59:18","modified_gmt":"2021-10-31T17:59:18","slug":"tina","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/12\/25\/tina\/","title":{"rendered":"Tina"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">(dpa) <em>Ein Arzt in Pankow wurde gestern von einem Schwurgericht zu sechs Jahren Haft verurteilt. Der Mann hatte dem neunj\u00e4hrigen Sohn einen Nagel in den Handr\u00fccken geschlagen. Die Mutter, die regelm\u00e4\u00dfig dabei zusah, wie ihr Ehemann die sechzehnj\u00e4hrige Tochter vergewaltigte, erhielt eine Haftstrafe von drei Jahren.<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Eiserne Vorhang war geschlossen, als das St\u00fcck begann. Die Zuschauer schwiegen. Splitterl\u00e4rm. Hammerschl\u00e4ge. Abendd\u00e4mmerung \u00fcber den K\u00f6pfen. Im schwarz lackierten Himmel kreisten die Planeten. Die elektronisch gesteuerten Monde begannen zu glimmen. Gl\u00fchf\u00e4den summten, das Metall der Scheinwerfer dehnte sich und sprang zur Spitze der Tonleiter. Das Licht rieb sich am grauen Vorhang, der sich nun langsam \u00f6ffnete. Motorengesumm aus der Unterb\u00fchne nach oben ins flutende Licht. Morandi, der in den allern\u00e4chsten Dingen einen unerz\u00e4hlbaren Kosmos entdeckt, inszenierte die einzige Auff\u00fchrung. Die Sch\u00f6nheit der Dauer war das Prinzip. Tisch und Bett sind das konstante Ma\u00df aller Dinge, sagte er immer wieder w\u00e4hrend der Proben, die er Skizzen unserer endg\u00fcltigen Zukunft nannte. Ich t\u00f6te, weil ich leben will, sagte er. Ein Theaterst\u00fcck ist eine Schlacht. Keiner widersprach ihm. Sie unterwarfen sich seiner Idee, die nur auf der B\u00fchne wuchs. Im Umschlagen von Schein und Sein lag die Wahrheit des Spiels, das wussten alle. Es kam nicht darauf an, ob die Zuschauer diese Idee von Anfang an durchschauten. Je sp\u00e4ter sie merkten, was gespielt wurde, umso h\u00e4rter traf sie der Erkenntnisschmerz. Das ist der Punkt. Morandi reagierte so auf die zerbrechliche Sch\u00f6nheit, weil sich das Trauma der Kindheit andauernd wiederholte. Der Vater, ein aufgekl\u00e4rter und weltoffener Mail\u00e4nder Kaufmann, starb, als Morandi zehn Jahre alt war und noch glaubte, dass wir weiterleben, wenn wir sterben. Die Mutter, unheilbar krank, zog mit den Geschwistern nach Bologna in die Via Fondazza. Da verlor er die Heimat und beendete seine Kindheit. Morandi tr\u00e4umte in seinen wahren Trag\u00f6dien den Anfang einer helleren Kindheit. Ich f\u00fchre nur auf, was ohnehin geschieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tina stieg aus dem Schatten ins Licht. Sie riefen ihre Haut und dachten ihr Blut. Die M\u00e4nner stie\u00dfen die Frauen zu Boden, zogen die Messer und kamen n\u00e4her. Tina schaute \u00fcber ihre K\u00f6pfe hinweg, sagte nichts. Diese leidenschaftliche Sturheit, von der so oft in den Proben die Rede war, weil Morandi damit das Gl\u00fcck verband, das er verlor, entsprach der kultivierten Ereignislosigkeit ihres Lebens, die wahre Wunder hervorbrachte. Tina ignorierte alles. Je stummer ich \u00fcber sie hinweg ins Nichts schaue, umso sch\u00e4rfer werden sie, aber das l\u00e4hmt sie. Ich genie\u00dfe diesen Zustand. Ein Stillleben kollektiver Gef\u00fchle, eingefrorene Gegenwart oder angehaltene Zukunft. Morandi hat Recht. Sie k\u00f6nnen mich streicheln, mit den Messern meine Haut ritzen, ich sp\u00fcre nichts. Sie ziehen mich mit ihren Augen aus. Wenn ich nackt bin, trage ich ein rotes Kleid. Ich f\u00fchre die zwischen K\u00f6rper und K\u00f6rper hin und her schwingende Entstehung der Gef\u00e4\u00dfe vor Augen, die Fremdheit des Wirklichen. Morandi wusste das. Die Zuschauer ahnten nur, sahen Gl\u00e4ser, Flaschen, Vasen, Schachteln, Kannen, Becher, Tassen, Schalen, Seifendosen oder \u00d6lkanister, aber sie sahen nicht, was hinter den Dingen steckte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich f\u00fchle ihre Haut im Griff der Augen, die mich spie\u00dfen. Sie entz\u00fcnden meinen Kopf. Die Haare brennen mir ab. Die Flamme schluckt die Luft \u00fcber mir. Die Wurzeln wachsen nach innen und stechen ins Hirn. Ich f\u00fchle den Stock in der Hand, die Peitsche des Mannes, die mich verlacht. Sie f\u00fchren mich unter den Sch\u00e4del des Schn\u00fcrbodens. Sie machen mich fertig. Sie fixieren mich. Sie spreizen mir Arme und Beine weit auseinander. Jetzt schl\u00e4gt der Nagel durch Hand und Fu\u00df. Hand und Fu\u00df. Aufgeh\u00e4ngt bin ich wie ein Bild. Das Holz schwebt nach oben, und kippt, der Kopf f\u00e4llt nach unten. Ich h\u00e4nge nun mitten in der Luft. Dar\u00fcber leuchtet eine Tafel mit Angabe meiner Schuld. Mein Blut tropft in die Wanne. Der Speer steckt tief in mir, die bewusstlose Waffe. Die Wunde rennt unter der Haut. So schwach bin ich, so leise die Gedanken, so anders im Prozess der Entfernung, so paradox bei gleichzeitig zunehmender N\u00e4he. Wir sind sprechende Wunden, das ist so absurd. Vielleicht ist die Kunst nichts anderes als die in Sch\u00f6nheit verwandelte Wunde. Morandi untersucht nicht nur das Wesen der Dinge. Das Symbolische verwerfe ich ebenso wie das Metaphorische. Es gibt weder eine Bedeutungsebene noch eine Hierarchie der Dinge, es gibt nur das n\u00fcchterne Bekenntnis zum Objekt, das Ding pur. Ich habe Durst. Die Farbe meiner Haut verd\u00e4mmert und erlischt, sie gibt den Dingen eine so ferne Pr\u00e4senz. Ja, die Gef\u00e4\u00dfe, die ganz dicht beieinander standen, sind nun ganz eingekerbt. Mein K\u00f6rper gr\u00e4bt sich ein. Die Rampe ist mein Horizont, der Hintergrund wird dunstiger Himmel! Sie denken, ich kann mich doch retten. Wenn ich falle, glauben sie mir. Ich rette mich nicht so wie sie. Je reifer das Werk, umso mehr gl\u00fcckt die Ann\u00e4herung ans Wesentliche. Meine St\u00e4rke ist Stummheit. Meine Stille verpflichtet. Ich habe es geschafft. Ich bin lesbar, ein Gedicht an die Dauer. Aber mir wird dunkel vor den Augen. Warum verlassen mich jetzt alle? Ich sehe nichts mehr. Die Bretter splittern. Ich habe keine Angst mehr, wenn ich schlafe. Wenn wir uns wiedersehen, l\u00e4cheln wir.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(dpa) Ein Arzt in Pankow wurde gestern von einem Schwurgericht zu sechs Jahren Haft verurteilt. Der Mann hatte dem neunj\u00e4hrigen Sohn einen Nagel in den Handr\u00fccken geschlagen. 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