{"id":45275,"date":"2023-12-17T00:01:48","date_gmt":"2023-12-16T23:01:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45275"},"modified":"2023-11-09T07:24:57","modified_gmt":"2023-11-09T06:24:57","slug":"amba-mata","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2023\/12\/17\/amba-mata\/","title":{"rendered":"Amba Mata"},"content":{"rendered":"&nbsp;\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sonne \u00fcberschritt den s\u00fcdlichsten Punkt ihrer Himmelsbahn, und an diesem Tag begann der astronomische Winter und der Nachthimmel wurde regiert von Saturn, dem Planeten der Ringe, der kurz vor Mitternacht im Gegenschein der Sonne stand. Jani schloss die Augen. Seine Gedanken waren alles was er besa\u00df.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch trinke ohne zu trinken\u201c, sagte er den \u00c4rzten.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Der achtzig Jahre alte Inder brach sein langes Schweigen und sagte, er habe nach dem Ende des letzten Weltkrieges nichts mehr gegessen und getrunken. Die \u00c4rzte glaubten nichts. Sie untersuchten und beobachteten Jani in einem gl\u00e4sernen K\u00e4fig, der im Innenhof der Neurologie errichtet wurde, Tag und Nacht von Videokameras \u00fcberwacht, umstellt von den Reportern der Weltpresse. Nach zehn Tagen konstatierte der Direktor der Universit\u00e4tskliniken Neu Delhi in einer Pressekonferenz: \u201eJani hat nichts gegessen, nichts getrunken, und kein Gramm verloren. Leber, Niere, Darm, alle Organe arbeiten.\u201c Keiner hatte eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr diese ungeheuerliche physiologische Anomalie. Vielleicht waren g\u00f6ttliche Kr\u00e4fte im Spiel. Alles was er brauchte, war die Luft des Himmels. Er sei noch nie krank gewesen, berichtete die \u201eHindustan Times\u201c.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Saturn stand hoch im S\u00fcden der Zwillinge und war die ganze Nacht zu sehen, w\u00e4hrend die wei\u00dfe Venus nach Sonnenuntergang tief am s\u00fcdwestlichen Horizont stand.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">War Jani ein Zauberer? Aber wie sollte er, ein Gefangener, die ganze Welt, die ihm zusah, betr\u00fcgen? Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die wir nicht verstehen. Sinnlos die Suche der Wissenschaftler nach der objektiven Wahrheit. Das Leben ist ein Geheimnis oder eine Absurdit\u00e4t, das ist dasselbe, und so ist es gut.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch versteh mich selber nicht. Ich staune, dass ich lebe.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Jani erinnerte sich an eine alte Freundin, die nicht mehr leben wollte, weil sie das Augenlicht verlor. Sie konnte nicht mehr Auto fahren. Sie verlor das Leben aus den Augen, wurde immer trauriger und wollte sterben. Der Arzt gab ihr den Rat, nichts mehr zu essen. Sie trank jeden Abend ein Glas Wein, das war alles. Bald wurde sie immer schw\u00e4cher, aber sie verlor die dumpfe Traurigkeit, unter der sie in den letzten Lebenstagen so litt, und gewann eine ungeahnte Todesfreude. Im rasenden Aufschwung kurz vor dem Ende sagte sie: \u201eDas ist die sch\u00f6nste Zeit meines Lebens.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zeit verging. Es kam der zwanzigste Tag in Janis gl\u00e4sernem Vorhof seiner letzten Verwandlung, der drei\u00dfigste, dann der vierzigste Tag. Jupiter erschien wei\u00df im L\u00f6wen und l\u00f6ste Mars am Himmel ab, der wenig sp\u00e4ter unterging. Der Abendhimmel wurde im S\u00fcden beherrscht von den Herbststernbildern mit der Andromeda-Sternenkette. Jani sa\u00df aufrecht in der Mitte seiner Zelle. In dieser Haltung schlief er, wenn die Nacht hereinbrach. Tags\u00fcber ging er mit leichten Schritten stundenlang \u00fcber die Seitenlinien und Diagonalen des Glaszimmers. Die Welt\u00f6ffentlichkeit registrierte jede Bewegung mit ungebrochener Neugierde. Zeitungen, Radiosender und Fernsehgesellschaften er\u00f6rterten aber immer direkter die Frage, ob Wissenschaftsbetrug im Spiel sei.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDehydration erh\u00f6ht die Konzentration von Salzen und anderen Substanzen im Blut\u201c, erkl\u00e4rte ein Experte in der Hindustan Times. \u201eNormal ist ein Wert zwischen 275 und 295 Milliosmol pro Kilogramm K\u00f6rpergewicht. Wenn dieser Wert \u00fcberschritten wird, befiehlt der Hypothalamus der Hirnanhangdr\u00fcse, das antidiuretische Hormon auszusch\u00fctten, das die Schleusentore des K\u00f6rpers schlie\u00dft. Diese Substanz signalisiert den Nieren, die permanent den Wasseranteil des Bluts filtern und daraus Urin extrahieren, jetzt mehr von dem Wasser, das sie mit dem Urin ausscheiden, zu resorbieren. Die Urinmenge wird geringer. Schon lange vor dem Durst befiehlt das Hirn den Nieren, das Wasser im K\u00f6rper zu halten&#8230;\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Jani hatte keinen Durst.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201e&#8230;Der Dehydrationsprozess beschleunigt sich. Bei acht Prozent Wasserdefizit schl\u00e4gt das Herz vierzig Schl\u00e4ge pro Minute schneller\u201c, stellte E. F. Adolph (Physiology of Man in the Desert, New York 1947) bei Experimenten mit Soldaten fest. \u201eAber das Herz pumpt mit jedem Schlag weniger Blut. Da das Wasser im Blutplasma ben\u00f6tigt wird um den K\u00f6rper mit Schwei\u00df zu k\u00fchlen, wird das Blut dick wie Maschinen\u00f6l. Der Puls steigt und der Blutdurchsatz sinkt. Das Herz muss sich immer mehr verausgaben um das schwere Blut zu transportieren.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Jani hatte einen ruhigen Puls, sechzig Schl\u00e4ge in der Minute.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIn diesem Tal gibt es kein willentliches Weiter mehr\u201c, sagte er. \u201eIch verliere mich. Mein Gehen ist vorbei, nun werde ich gezogen.\u201c<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Viele deuteten seine Worte als Vorbereitung des Scheiterns. Bog Jani das physische Experiment ins Metaphysische um? Die medizinischen Werte, die \u00e4rztlichen Bulletins &#8211; das war die eine Seite der Wirklichkeit. Die andere Seite war schwerer. Ahnungen, Hirngespinste, Skepsis. Der Direktor der Unikliniken vermutete in der t\u00e4glichen Pressekonferenz, eine junge Schwester, die das \u00c4rzteteam unterst\u00fctzte, sei dem Asketen verfallen. Tats\u00e4chlich war in einer Videoaufzeichnung zu erkennen, wie sich die Schwester \u00fcber ihn beugte, der Rest war pure Spekulation. Ein Kameramann geriet als n\u00e4chster in Verdacht. Der Verdacht lief ins Leere, an den K\u00e4fig kam niemand heran, kein Stoff drang von au\u00dfen in die Glaskammer. Da geschah das Unerwartete.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Morgen des f\u00fcnfzigsten Tages k\u00fcndigte Jani, der kerngesund war, seinen Tod an. Die Weltpresse brach in die Klinik ein. Mit der flachen Hand zerschlug Jani das Glas, das zersplitternd auf ihn fiel, und erhob die Arme. Als das Rattern der Kamerasch\u00fcsse und Blitzlichter erloschen war, rief er in die Mikrofone:<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWie soll ich verhungern, wenn ich keinen Hunger habe?\u201c &#8211; und starb.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\">Die \u00c4rzte waren ratlos. Die Obduktion ergab keinen medizinischen Grund f\u00fcr den pl\u00f6tzlichen Tod. Die Welt stand Kopf. War Jani jetzt frei? Was bedeutet das alles f\u00fcr uns? Schwere Fragen sind das, noch schwerer unsere Antworten, so oder so! Im Lauf der Nacht folgten die hellen Sterne mit dem Himmelsj\u00e4ger Orion, in diesem Jahr mit den hellen Ringplaneten. Mahisch, der B\u00fcffeld\u00e4mon, bedrohte das Universum. Da baten die G\u00f6tter Schiva um Hilfe. Schiva riet allen G\u00f6ttern, ihre Schaktis freizugeben. Sie verschmolzen, weiblich, in glei\u00dfendes Licht, das blind machte. Daraus stieg die G\u00f6ttin mit vielen Armen, die allm\u00e4chtige Amba Mata. Sie war so sch\u00f6n wie t\u00f6dlich, ein bet\u00f6rendes Weib, erf\u00fcllt von Raserei. Die G\u00f6tter r\u00fcsteten sie mit allen Waffen aus. Da ritt sie, die Unbesiegbare, nackt auf einem L\u00f6wen zum Gipfel des Berges und wirbelte ihre Arme so schnell gegen die Luft, dass das Licht des Himmels zitterte. Amba Mata zerschnitt die Zeit Mahischs, schachtelte den Raum der Feinde und faltete die K\u00f6rper der D\u00e4monen, bis sie rot zu Tal tropften.<\/p>\r\n&nbsp;\r\n\r\n&nbsp;\r\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>DR 64, <\/strong>die Literaturzeitschrift aus der Bundesstadt Bonn, 2023<\/p>\r\n\r\n\r\n<div id=\"attachment_105066\" style=\"width: 258px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-105066\" class=\"wp-image-105066 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/12\/DR64Cover-248x300.jpeg\" alt=\"\" width=\"248\" height=\"300\" \/><p id=\"caption-attachment-105066\" class=\"wp-caption-text\">In der Bundesstadt Bonn bezeichnet man Graffitis als &#8222;Street Tattos\u201c. Sch\u00f6n, dass die 1981 gegr\u00fcndete Literaturzeitschrift nun die Hip-Hop-Kultur entdeckt hat.<\/p><\/div>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend <\/strong><strong>\u2192<\/strong> \u00a0\u201eWill you still need me, will you still feed me \/ When I\u2032m sixty-four?\u201c tr\u00e4llerte eine Rhythm &amp; Blues-Combo aus Liverpool. Wir stellen in diesem Online-Magazin hin und wieder Literaturzeitschriften vor, z.B. die <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=24175\">Matrix<\/a>. Einzelne DICHTUNGSRINGer sind auch anderen Literaturzeitschriften verbunden, wie etwa dem Krautgarten oder der Matrix. KUNO konsultiert den Wert des Analogen und <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25201\">dokumentierte<\/a> den Grenzverkehr im Dreil\u00e4ndereck.<\/p>\r\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> Ulrich Bergmann nennt seine essayistischen Alltagsbetrachtungen ironisch \u201egedankenmusikalische Polaroidbilder zur Illustration einer heimlichen Poetik des Dialogs\u201c. Es ist eine bildungsb\u00fcrgerliche Kurzprosa mit gleichsam eingebauter Kommentarspaltenfunktion, bei der Kurztexte aus dem Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper,<\/em> und auch aus der losen Reihe mit dem Titel\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=40312\"><em>Splitter, nicht einmal Fragmente <\/em><\/a>aufploppen. \u2013 Eine Einf\u00fchrung in\u00a0<em>Schlangegeschichten<\/em>\u00a0von Ulrich Bergmann finden Sie\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=32773\">hier<\/a>. Lesen Sie auf KUNO zu den\u00a0<em>Arthurgeschichten<\/em> auch den\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=6837\">Essay<\/a>\u00a0von Holger Benkel, sowie seinen <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper.<\/em><\/p>\r\n<!-- \/wp:post-content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Sonne \u00fcberschritt den s\u00fcdlichsten Punkt ihrer Himmelsbahn, und an diesem Tag begann der astronomische Winter und der Nachthimmel wurde regiert von Saturn, dem Planeten der Ringe, der kurz vor Mitternacht im Gegenschein der Sonne stand. 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