{"id":45273,"date":"2006-12-02T00:01:37","date_gmt":"2006-12-01T23:01:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45273"},"modified":"2021-09-28T16:30:19","modified_gmt":"2021-09-28T14:30:19","slug":"striptease","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/12\/02\/striptease\/","title":{"rendered":"Striptease"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Masten schwankten, als der schwere Wind gegen die Zeltw\u00e4nde st\u00fcrmte. Die Zuschauer auf den kreisrunden R\u00e4ngen starrten in das riesige Maul eines Hais. Die Z\u00e4hne schimmerten wei\u00df und rot im Blinklicht. Die Arena war schwarz. Im Herzen des Hais schlugen Trommeln den Takt eines langsamen Marschs ohne Schritt. In der Kuppel kreisten Scheinwerfer und strichen langsam \u00fcber die Wellen der knallenden Stoffw\u00e4nde. Die Lichtkegel w\u00fchlten in den Reihen der Zuschauer, die ihre H\u00e4lse ins Licht reckten, ohrfeigten das aufgerissene Maul und flossen immer wilder in die schwarze Mitte, bis sie im Trommelwirbel alle Strahlen des Lichts in den Rachen schossen. Zwischen den Z\u00e4hnen schritten zwei M\u00e4nner ins Licht. Die Trommeln verstummten. Das Licht verschluckte die Zeit. Die M\u00e4nner waren eingeh\u00fcllt in ein langes wei\u00dfes Tuch. Es war um die Beine geschlungen, um den ganzen Rumpf, die Arme und den Hals, auch um den Kopf &#8211; bis auf einen kleinen Schlitz f\u00fcr die Augen. Sie blieben, verfolgt von den glei\u00dfenden Funken zitternder Lichtkegel, im stumpfen Sand der Arena stehen. W\u00e4hrend die Trommeln wieder schlugen, stieg aus dem Hai eine Frau, ebenfalls in ein Tuch gewickelt. Als sie zu den M\u00e4nnern gesto\u00dfen war, bildeten sie zu dritt einen Stern, Schulter an Schulter, mit dem R\u00fccken zur Welt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus der Kuppel fielen drei Seile. An jedem hing ein lederner Fahrradsattel. Sie nahmen die S\u00e4ttel vom Seil und verankerten sie fest im Sand, die Rohrstange nach oben. Der Rand des Rohrs war scharf geschliffen. Die runde Klinge schimmerte&#8230; glitzerte&#8230; blitzte&#8230; blendete&#8230; Eis f\u00fcr die Augen! Jeder der drei ging zwei schnelle Schritte r\u00fcckw\u00e4rts, sprang in den Handstand, mit dem Kopf genau \u00fcber dem Rohr. Die drei Gesichter sahen in die Menge. Die Trommeln stockten. Dann flogen die Arme gleichzeitig auseinander, die K\u00f6pfe rammten ins Rohr, die H\u00e4nde fassten die H\u00e4nde der Anderen. Sie hielten sich fest. Alle sahen das Knirschen der Stange in den Sch\u00e4delknochen. In ihren K\u00f6pfen raste das kurze Zischen und Brechen weiter. Die K\u00f6rper standen aufrecht, fest im Sattel. Da l\u00f6sten sich, angestachelt vom Sturm, der durch die N\u00e4hte der Welt wie in ein Vakuum einbrach, die Knoten des Tuchs an den F\u00fc\u00dfen und, erst langsam, dann immer schneller, drehten sich die Stoffe l\u00e4nger und l\u00e4nger von den K\u00f6rpern, nie aber wirbelten sie gegeneinander, sondern peitschten immer h\u00e4rter die gierigen Augen der Zuschauer. Die aufgespie\u00dften K\u00f6pfe, zum Publikum gerichtet, starrten ins Leere, die Augen ge\u00f6ffnet, die M\u00fcnder geschlossen. In dieser Haltung verharrten sie.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Masten schwankten, als der schwere Wind gegen die Zeltw\u00e4nde st\u00fcrmte. Die Zuschauer auf den kreisrunden R\u00e4ngen starrten in das riesige Maul eines Hais. Die Z\u00e4hne schimmerten wei\u00df und rot im Blinklicht. Die Arena war schwarz. 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