{"id":45267,"date":"2019-10-22T00:01:17","date_gmt":"2019-10-21T22:01:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45267"},"modified":"2019-10-07T20:19:50","modified_gmt":"2019-10-07T18:19:50","slug":"der-letzte-weg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/10\/22\/der-letzte-weg\/","title":{"rendered":"Der letzte Weg"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der griechische Gewichtheber Kounellis, der vor der gesamten Weltelite der Kraftdisziplinen bei dem leichtfertigen Versuch, den Diskuswerfer, eine antike Bronzestatue im Museo Nazionale Napoli, vom Marmorsockel zu sto\u00dfen und zum Ruhme des Sports \u00fcber sein Haupt zu rei\u00dfen, starb, weil die Figur, die er an der rechten H\u00fcfte und am linken Oberschenkel fasste, im Schwung nach oben sich ungl\u00fccklich drehte und der rechte Arm &#8211; eben noch schleuderte er den Diskus ins Weite (in atto di aver lanciato il disco), aber die Augen des waagrecht in die Luft emporgehobenen Athleten konnten nicht mehr dem Flug der Scheibe folgen, sondern schauten nun zu Boden, w\u00e4hrend die linke Hand des Gewichthebers den Halt an der glatten H\u00fcfte des metallenen Werfers verlor und ins Leere glitt &#8211; traf den Kopf, als wollte er ihn wegen dieser anachronistischen St\u00f6rung ohrfeigen, so fest, dass Kounellis erst das Bewusstsein, dann endg\u00fcltig die triumphierende Haltung verlor, die er immerhin f\u00fcr den Bruchteil einer Sekunde erreichte, der f\u00fcr das um die ganze Welt gehende Foto n\u00f6tig war, schlug mit dem R\u00fccken auf den harten Steinboden, bis die in seiner rechten Hand ruhende schwere Bronze, als tr\u00fcge er immer noch den sch\u00f6nen K\u00f6rper des r\u00f6mischen J\u00fcnglings, auf seinen Brustkorb fiel und ihn vollkommen zerschmetterte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vier t\u00fcrkische Simultangewichtheber, Zeugen des schrecklichen Falls, trugen nackt den Sarg ihres gro\u00dfen Kollegen zu Grabe. Kounellis, der kein Testament hinterlie\u00df, sollte auf dem Grundst\u00fcck des Museums in Neapel beerdigt werden, ein folgenschwerer Vorschlag des Internationalen Olympischen Komitees, den die kunstsinnige Familie Kounellis wie die gesamte Sportwelt guthie\u00df, denn Sport und Kunst bildeten schon in der Antike eine Einheit mit Kommerz und Politik oder mit dem ganzen Leben &#8211; und ist nicht diese Einheit heute so konsequent zu Ende gedacht, dass die Labore, in denen der Stoff der athletischen Tr\u00e4ume hergestellt wird, zusammen mit den B\u00f6rsen zu den wahren Tempeln unserer Zeit geh\u00f6ren, sodass man endlich sagen kann, die Religion des \u00dcbermenschen, der hier entsteht, ist die Kunst des Sports, die den K\u00f6rper im doppelten Sinne aufhebt, und der Sport nichts anderes als die Expansion des Gehirns bis an den Rand der Haut?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die virtuosen Sargtr\u00e4ger trugen Kounellis in einem antiken Sarkophag aus Marmor in den Skulpturengarten des Museums, auf seinem letzten Weg begleiteten ihn die Staatspr\u00e4sidenten Italiens und Griechenlands, die h\u00f6chsten Funktion\u00e4re des Weltsports, alle lebenden Olympioniken der Gewichtheber, seine Familie und f\u00fcnf Bl\u00e4ser der Fanfaren, dazu Reporter der gesamten Weltpresse und das Kamerateam der exklusiv sendenden Sport-Television.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der Zug mit dem Sarg an der Spitze in die kleine Allee der Lorbeerb\u00e4ume eingebogen war, begannen die Simultank\u00fcnstler, die mit leicht federnden Schritten den Sarg durch die Luft trugen, als schwebte er, in der scharfen Sonne des fr\u00fchen Morgens zu tanzen, die Schatten ihrer langen K\u00f6rper, die wie Marionetten von einem schwarzen Himmel gelenkt zu sein schienen, zappelten unter dem Sarg, an dem sie hingen, huschten zwischen den Baumst\u00e4mmen \u00fcber den Weg, hielten auf einmal inne, warfen den Sarg h\u00f6her ins himmlische Blau, sprangen in den Handstand, fingen den fallenden Sarg mit den F\u00fc\u00dfen wieder auf, die ihn nun trugen, w\u00e4hrend sie auf H\u00e4nden langsam weiterschritten &#8211; Achtung! der Sargdeckel! Wenn sie mitten in ihren Todesriten stolperten und der schwere Stein st\u00fcrzte! -, aber schon tanzten sie weiter auf H\u00e4nden, ach was! dachten alle, citius, altius, fortius &#8211; den n\u00e4chsten Sarg tragen wir wie lebende R\u00e4der in die Grube &#8211; die F\u00fc\u00dfe stie\u00dfen den Steinkasten zur Sonne, da fuhr, als die vier Kraftmenschen mit einem Ruck in den Stand springen wollten um den Sarg wieder auf H\u00e4nden zu tragen, mitten in ihre Bewegung der unabgesprochene Fanfarensto\u00df mit der Todeshymne, die sie verwirrte &#8211; heulte der Tote im Sarg? zeigte der entsetzlich knarrende Ton an: Der Versuch war ung\u00fcltig? &#8211; : Sie versprangen sich, fielen auf den R\u00fccken, mit den K\u00f6pfen unter den Sarg, der die zermalmten Sch\u00e4del in die weiche Erde stie\u00df.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der griechische Gewichtheber Kounellis, der vor der gesamten Weltelite der Kraftdisziplinen bei dem leichtfertigen Versuch, den Diskuswerfer, eine antike Bronzestatue im Museo Nazionale Napoli, vom Marmorsockel zu sto\u00dfen und zum Ruhme des Sports \u00fcber sein Haupt zu rei\u00dfen, starb, weil&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/10\/22\/der-letzte-weg\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":45126,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-45267","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45267","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=45267"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45267\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=45267"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=45267"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=45267"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}