{"id":45265,"date":"2019-10-07T00:01:13","date_gmt":"2019-10-06T22:01:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45265"},"modified":"2019-10-06T17:54:40","modified_gmt":"2019-10-06T15:54:40","slug":"im-tunnel-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/10\/07\/im-tunnel-2\/","title":{"rendered":"Im Tunnel"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Der Zug aus Paris surrte mit irrem Tempo \u00fcber die singenden Gleise auf den Tunnel zu, der die Kontinente tief unter dem Wasser des Meeres verband, da ging pl\u00f6tzlich der Mond auf, der an diesem Tag ins Metall der Schienen fiel wie nie zuvor, denn als er beim Auftauchen \u00fcber dem Horizont Auge in Auge mit den grellen Lampen der Lokomotive erschrak und in seiner Umlaufbahn um die Erde stolperte, zuckte das Eisen, h\u00fcpften die R\u00e4der.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der junge Mann, dem die gesch\u00fcrzten Lippen der sch\u00f6nen Frau auf der anderen Seite des Ganges den Kopf verdrehten, hatte keine Augen f\u00fcr den Schrecken des k\u00fchlen Gestirns, obwohl der schwarze Himmel sein Licht durch das Fenster, an dem er sa\u00df, auf seinen Nacken strahlte, die Augen suchten die Antwort der Frau, die sie verweigerte, sie erwartete ihn, sie hatte ihn l\u00e4ngst gesehen, als er den Koffer nach oben wuchtete, sie spiegelte sich im Selbstgespr\u00e4ch seines K\u00f6rpers, nun wartete sie auf eine neue Strategie, einen Schritt, auf den sie frei reagieren konnte, die stechenden Augen fesselten sie, aber sie genoss die Hitze des Blicks, er beugte sich langsam zu ihr, mit dem linken Arm st\u00fctzte er sich auf der Lehne ab, langsam dehnte sich sein ganzer Leib, den er unter der d\u00fcnnen Fensterleiste mit den F\u00fc\u00dfen verankerte &#8211; es war, wie sich bald zeigte, geradezu lebensgef\u00e4hrlich! &#8211; sein Kopf streckte sich n\u00e4mlich zur Mitte des Gangs und bedrohte von nun an die Lufthoheit der Sch\u00f6nen, die sich mit der blo\u00dfen Vorstellung dieser au\u00dfergew\u00f6hnlichen Verrenkung, die ihr galt, begn\u00fcgte, ein Sportler, dachte sie, so bewegen sich nur Bodenturner, vielleicht auch Stabhochspringer, sie l\u00f6ste die Haltung ihrer Beine und schlug nun das dem Strategen zugewandte Bein so \u00fcber das andere, dass sein Kopf, der es nun noch schwerer hatte den Blick zu halten, sich pl\u00f6tzlich in einer helleren Umgebung befand, er darf jetzt nicht den Halt verlieren, in Anbetracht der Zukunft, aber sie denkt, wenn er f\u00e4llt, hat er mit seiner Strategie erreicht, was er wollte, die kleinste Ersch\u00fctterung, und der junge Mann f\u00e4llt mir vor die F\u00fc\u00dfe, erst dann kann ich ihm antworten, das denkt er auch gerade, aber er will nicht fallen, er will sie im Moment seiner gr\u00f6\u00dften Ausdehnung ansprechen, ihren Blick auf sich lenken, ihren Kopf f\u00fcr sich gewinnen, was soll er sagen, fragt sie sich, und er &#8211; denkt mein K\u00f6rper die Frage?, was soll ich sagen, ich will Sie heiraten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er \u00f6ffnet den Mund, ein waagrecht im Raum liegender Engel, er will gerade das erste Wort sagen, da hob der zornige Trabant den Zug von den Schienen und lie\u00df ihn zwischen diesen und den Gleisen der Gegenrichtung wieder fallen, kurz bevor das schwarze Loch, das der Lokf\u00fchrer in der Ferne erst erdachte, ehe er es auf sich zukommen sah, bebte, die schreckliche Nase mit den beiden schwarzen L\u00f6chern im Antlitz der Erde, das vor lauter Wut ganz schmal wurde und die Scheidewand der Tunnelr\u00f6hren, die eng zusammenr\u00fcckten, so sch\u00e4rfte, dass sie wie ein Messer den Zug, der gegen sie stie\u00df, von vorn bis hinten aufschlitzte, w\u00e4hrend die beiden Zugh\u00e4lften im Tunnel verschwanden. Die R\u00e4der sprangen im blinden Mond links wie rechts wieder auf die Gleise, rasten mit kaum verminderter Geschwindigkeit unter dem Ozean dahin und erzeugten in der Doppelr\u00f6hre eine zauberische Musik.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Passagiere des vollbesetzten Zuges sa\u00dfen versteinert auf ihren schiefen Sitzen und wagten kaum zu atmen. Der junge Mann, dem das Wort im Munde steckengeblieben war, war noch einmal mit dem Leben davongekommen, er war vorn\u00fcber auf den Boden des halben Mittelgangs gest\u00fcrzt, der Kopf war ins Schwarze vorgesto\u00dfen, fast schon bei der sch\u00f6nen Frau, die auf seine halbe Frage keine Antwort geben konnte. Ihm verging H\u00f6ren und Sehen, sein Kopf sp\u00fcrte nur kurz den Tunnelsturm, bis ihm das Bewusstsein schwand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der gespaltene Zug trieb den verf\u00fchrerischen Gesang des Eisens durch den Meeresboden, von dort stieg er durch das tiefe Wasser auf und beruhigte, als riefe das Eisen f\u00fcr den Chor der verdammten Seelen ein verschl\u00fcsseltes SOS zum Himmel, den Sturm, und im Silbermeer war der Mond von seinem Spiegelbild geblendet. So gro\u00df war der Schwung der gespaltenen Masse im Tunnel, dass der Zug &#8211; als er in doppelter Gestalt am anderen Ufer des Meeres aus seiner Finsternis ins Freie schoss, der Gesang verstummte, der Wind neue Wellen erzeugte, der Mond, der immer noch knapp \u00fcber dem Horizont stand, mit aufgerissenen Augen erneut in den hellen Schein der Zuglichter sah und noch einmal heftig erschrak, noch einmal stolperte, noch einmal das Eisen zuckte, die R\u00e4der h\u00fcpften, von den Schienen abhoben, im Fluge, indem die beiden H\u00e4lften zusammenfielen &#8211; sich wieder zu einem Ganzen f\u00fcgte, diesmal von ganz anderen Kr\u00e4ften gelenkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der junge Mann lag vor den F\u00fc\u00dfen der Frau, die er unter Lebensgefahr begehrte. Er war immer noch bewusstlos. Sie stand auf und indem sie sich zu ihm niederbeugte, wusste sie, dass sie ihm die ganze Antwort geben wird, die sie dem taub vor ihr Liegenden unerh\u00f6rt zurief: Ja! Alle wussten, sie hatten die Kraft des Mondes untersch\u00e4tzt. Endlich aber fiel von den Reisenden die steinerne Last und sie sangen, nachdem der Zug wieder auf die Schienen gesprungen war, das Lied der Erde.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Zug aus Paris surrte mit irrem Tempo \u00fcber die singenden Gleise auf den Tunnel zu, der die Kontinente tief unter dem Wasser des Meeres verband, da ging pl\u00f6tzlich der Mond auf, der an diesem Tag ins Metall der Schienen&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/10\/07\/im-tunnel-2\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":45126,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-45265","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45265","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=45265"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45265\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=45265"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=45265"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=45265"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}