{"id":45263,"date":"2019-09-22T00:01:36","date_gmt":"2019-09-21T22:01:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45263"},"modified":"2019-09-22T05:48:01","modified_gmt":"2019-09-22T03:48:01","slug":"totes-rennen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/09\/22\/totes-rennen\/","title":{"rendered":"Totes Rennen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIn geschnittenen Blumen lebt die Natur aus der Kunst. Man kann fast dasselbe \u00fcber Gesichter sagen\u201c, sagte Bellini, der Rennfahrer, als er vor dem Grand Prix in Monza der T\u00e4nzerin Dora de la Rosa, die er \u00fcber alles liebte, eine dornige Rose zum Zeichen seiner Begierde schenkte. \u201eWenn du siegst\u201c, versprach sie, \u201egeh\u00f6rt dir die Nacht!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">F\u00fcr Bellini, der von der Pole Position startete, begann das Rennen mit einem Horror Crash. Als die Ampel beim Start auf \u201eGr\u00fcn\u201c schaltete, rollte Bellinis Ferrari wegen eines Getriebeproblems nur langsam weg. Der von Position 8 losfahrende Luciano Burti raste mit voller Beschleunigung frontal in den beinahe stehenden Ferrari. Der Brasilianer \u00fcberschlug sich in seinem Prost-Acer und drehte sich dabei um die eigene Achse. Beim Aufprall fiel er zwischen beide Arrows, ehe er in die Reifenstapel fuhr. Bellini und Burti \u00fcberstanden den spektakul\u00e4ren Unfall wie durch ein Wunder unverletzt. Die Rennleitung neutralisierte das Rennen sofort und entschied Sekunden sp\u00e4ter auf Abbruch und Neustart. Bellini hatte Gl\u00fcck im Ungl\u00fcck: Er konnte unter dem ohrenbet\u00e4ubenden Jubel seiner roten Fangemeinde in den Ersatzwagen umsteigen und das Rennen erneut aufnehmen. Der zweite Startversuch nach 25 Minuten Pause klappte reibungslos. Alle kamen gut weg. Aber in der Mitte des Rennens \u00fcberschlugen sich die Ereignisse: Erst stand Juan Pablo Montoya in der 22. Runde beim Reifenwechsel geschlagene 29,9 Sekunden an der Box, weil der Tankstutzen klemmte. Zwei Uml\u00e4ufe sp\u00e4ter blieb Bellinis h\u00e4rtester Konkurrent, Mika H\u00e4kkinen, in der ersten Bremsschikane, an dritter Position liegend, mit seinem Silberpfeil urpl\u00f6tzlich stehen, stieg aus und stand versteinert am Rand der Piste. Dann gab Montoyas BMW-Motor in der 25. Runde den Geist auf, und Rubens Barrichello ereilte drei Runden sp\u00e4ter das gleiche Missgeschick. Als Montoya ausgeschieden war, konnte Bellini seiner Rolle als Geheimfavorit dank des starken Motors und der hitzebest\u00e4ndigen Michelin-Reifen gerecht werden. In 1:18:17,873 Stunden gewann er am Ende souver\u00e4n. Nur zw\u00f6lf der 22 Fahrer erreichten bei diesem Hitze-Rennen die Ziellinie. \u201eEin Traumergebnis!\u201c, meinte Bellini nach dem Rennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die T\u00e4nzerin, die auf dem Dach des Landhauses die R\u00fcckkehr des Geliebten erwartete, erkannte in der Geometrie der Baumlandschaft, die ihr noch nie aufgefallen war, das Blumengleichnis ihres Geliebten wieder und verlor die Ruhe. Als sie Bellini in seinem feuerroten Bugatti n\u00e4herkommen sah, eilte die Liebende barfu\u00df die Wendeltreppen hinab. Die schnellen Schritte, mit denen Dora die Stufen nahm, waren Teil eines Tanzes, in dem die nat\u00fcrliche Gesetzm\u00e4\u00dfigkeit ihres sch\u00f6nen K\u00f6rpers und die unverbildete Wahrheit ihrer Bewegungen zum Ausdruck kam. In der Vorhalle schl\u00fcpfte sie wegen der harten Steine des Schotterweges schnell in die Turnschuhe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der Freitreppe schaute sie hinunter in die Allee, in der Federicos wei\u00dfer Schal, die lange Flagge seines doppelten Sieges, zwischen den Pappeln flatterte. Dann sprang sie die Stufen hinunter. Der Schn\u00fcrsenkel des linken offenen Turnschuhs blieb im rechten h\u00e4ngen, vielleicht trat sie auch mit dem Fu\u00df darauf. Dora de la Rosa strauchelte in dem Augenblick, als sich Federicos Schal im langsamer fahrenden Bugatti in den Speichen des linken Hinterrades verfing. Sie st\u00fcrzte &#8211; der Schal zurrte sich fest &#8211; sie schlug einen Salto nach dem andern, indes das Automobil ungebremst heranfuhr, und fiel mit dem Kopf in dem Augenblick, als der Schal riss, der Federico das Genick brach, auf den wei\u00dfen Kies, genau vor das rechte chromblitzende Vorderrad, das \u00fcber den sch\u00f6nen langen Hals der T\u00e4nzerin rollte &#8211; seine Augen starrten ins Blaue &#8211; dann rollte auch das Hinterrad \u00fcber ihren Hals. Der gerissene Schal schlug sanft ihre Augen. Der leuchtend rote Wagen blieb in einem Rosenbusch stehen. Die metallene Vase barg den sch\u00f6nen Kopf des jungen Mannes, dessen lange schwarze Haare aus dem Rosenstock wuchsen. Ihr Kopf lag im Kies. Das wei\u00df bl\u00fchende Kleid war ein seidenes Bl\u00fctenblatt. Die Gesichter der Liebenden schauten in die Wolken, die \u00fcber den blauen Himmel fuhren. Sie wussten nichts von ihrer Sch\u00f6nheit.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eIn geschnittenen Blumen lebt die Natur aus der Kunst. 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