{"id":45261,"date":"2019-07-18T00:01:18","date_gmt":"2019-07-17T22:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45261"},"modified":"2022-02-21T14:57:11","modified_gmt":"2022-02-21T13:57:11","slug":"gingko","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/07\/18\/gingko\/","title":{"rendered":"Gingko"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die Stille, die eintrat, als die Sumoringer zum letzten Kampf in der Kokugi-Halle erschienen, fror jede Bewegung ein &#8211; das Licht der Scheinwerfer strahlte auf einmal noch greller und schimmernder, auf den vier gro\u00dfen Bildschirmen, auf denen der Kampf aller K\u00e4mpfe in \u00fcbernat\u00fcrlicher Gro\u00dfaufnahme \u00fcbertragen wurde, damit auch die hinteren Reihen, manchmal in Zeitlupenwiederholung, jeden Griff sehen konnten, die geringste Grenz\u00fcberschreitung oder Bodenber\u00fchrung, h\u00f6rten alle, wie pl\u00f6tzlich einer der kleinen Reiss\u00e4cke, die den Dohyo begrenzten, zerriss, die K\u00f6rner fielen,<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">so kam es den Betrachtern der Stille vor, wie Sterne vom Himmel auf den Boden der Halle, ein stummer Urknall platzte in das Vakuum der ungeheuerlichen Spannung -, bis mit einem Schlage der schreckliche Mund der Vierzehntausend aufging und die ganze Halle gebar, so scharf knallte der Schrei der Erwartung in die Molek\u00fcle des explodierenden Moments.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann warfen unter dem kleinen Dach des Kampfplatzes die schwersten und st\u00e4rksten K\u00e4mpfer, die jemals unter der Sonne des Landes gesehen wurden, das Salz in die flimmernde Luft, das im glei\u00dfenden Licht, als es fiel, brannte, und alle sp\u00fcrten, heute ist alles m\u00f6glich, wird alles \u00fcbertroffen, was die Geschichte \u00fcber die K\u00e4mpfe der Naturgewalten seit Jahrtausenden schon erz\u00e4hlt. Die Augen der Kampfexperten wurden immer gr\u00f6\u00dfer und richteten sich auf das Dach &#8211; es wird n\u00e4mlich die sonderbare Geschichte \u00fcberliefert, dass die gr\u00f6\u00dften Sumotori in der Zeit, als die Regeln des Kampfs noch erschaffen wurden, gleichzeitig in die H\u00f6he sprangen, nachdem alle Sto\u00dftechniken und Schiebeman\u00f6ver versagt hatten, um in einem kurzen Luftkampf den Gegner mit neuen Griffen zu bezwingen. Denn im Fluge wirkten die Griffe, mit denen der K\u00e4mpfer den G\u00fcrtel des Gegners erfasst, damit er aus dem Stand gehoben wird und f\u00e4llt, anders als am Boden. In einem dieser K\u00e4mpfe, von denen eine ber\u00fchmte Kung-Fu-Chronik berichtet, stiegen beide Sumotori Arm in Arm aufs Dach des Dohyo, setzten dort, jeder auf seiner Schr\u00e4ge des Dachs stehend, den Kampf fort, hielten einander fest und versuchten den Kopf des Gegners auf das Dach zu dr\u00fccken; der Kampf blieb unentschieden, weil die K\u00e4mpfer am Ende entkr\u00e4ftet vom Dach fielen und so ungl\u00fccklich in den Ring st\u00fcrzten, dass sie sich die H\u00e4lse brachen. Die Chronik l\u00e4sst offen, ob der Schiedsrichter beide K\u00e4mpfer zu Verlierern erkl\u00e4rte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber das sind nat\u00fcrlich alles M\u00e4rchen, und der Leser solcher Chroniken wird \u00fcberdies den Verdacht nicht los, dass feine Ironie rivalisierender Eliten im Spiel war. Wie sollte ein 150 Kilogramm schwerer Sumok\u00e4mpfer, dessen Schnelligkeit zwar von den Liebhabern des Kampfrituals gern betont wird, aber in deutlichen Grenzen sich h\u00e4lt, in die Luft steigen und fliegen k\u00f6nnen, wo es ihm schon schwer genug f\u00e4llt, den Boden, auf dem er als Sieger stehen muss, mit beiden Beinen zu verlassen? Legenden sind das, die wir in unsere Wirklichleit \u00fcbersetzen m\u00fcssen, wenn wir sie verstehen wollen, Legenden wie die von den Drachen, die uns an unsere Vorfahren erinnern, die Flugsaurier, das Animalische in uns, das B\u00f6se, das wir im Kampf gegen uns selbst besiegen. In Wirklichkeit erz\u00e4hlen uns unsere Augen immer die wahren Geschichten, die sch\u00f6ner sind, aber oft und zugleich schlimmer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Kampf, von dem in dieser Geschichte die Rede ist, ereignete sich vor den Augen des Erz\u00e4hlers, der die alten Geschichten, als er sah, was er hier beschreibt, noch gar nicht kannte und v\u00f6llig unparteiisch das Geschehen verfolgte &#8211; im Konsens mit vierzehntausend Zeugen und in v\u00f6lliger \u00dcbereinstimmung mit den Filmaufzeichnungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die beiden K\u00e4mpfer gingen in die Hocke, dann gab der Schiedsrichter den Kampf frei. Die Ringer gingen aufeinander los. Zun\u00e4chst versuchte der eine den anderen aus dem Ring zu sto\u00dfen, indem er blitzschnell die offene Hand gegen das Gesicht und die Brust des Gegners f\u00fchrte, der jedoch auswich und den in die Leere schwingenden Angreifer \u00fcber die Reisgrenze zu schieben trachtete, was genauso fehlschlug wie die folgenden Versuche den Mawashi des Kontrahenten zu fassen und ihn aus dem Stand zu heben. Der Kampf zog sich stundenlang hin, ohne dass auch nur ein einziger Reissack ber\u00fchrt wurde. Sie waren gleich stark, gleich schnell, reagierten auf jede Taktik ohne Fehler, sie wandten beide ihr gesamtes grifftechnisches Repertoire an, erfanden neue Bewegungsstrategien, eine neue Choreographie des Kampfes und beherrschten jede Anforderung an die Atemtechnik in Angriff und Verteidigung, dass der Schiedsrichter in seiner Konzentration langsam erm\u00fcdete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zeugen des Kampfes sp\u00fcrten, dass eine Entscheidung, wie auch immer sie ausging, in der Luft lag, als pl\u00f6tzlich alle Bewegungen einfroren und die Ringer, die in der Mitte des Rings standen, sich langsam loslie\u00dfen, ein paar Schritte auseinander gingen und an der Reisgrenze stehen blieben. Keiner wagte zu atmen. Beide Ringer streckten die rechte Faust zum Himmel des kleinen Dachs. Sie \u00f6ffneten die Hand. Zwei Blitze zischten unter dem Himmel. Sie fingen die fliegenden Messer aus der Luft und schlossen fest die Hand um den Griff des langen scharfen Stahls.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der Schiedsrichter sich zwischen die schweren Leiber warf, war es schon zu sp\u00e4t. Die Messer steckten bis zum Knauf in der Stirn der K\u00e4mpfer. Aus dem gingkoblattf\u00f6rmigen Knoten ihres schwarzen Haupthaars ragte die Spitze des Stahls. Dann fielen die m\u00e4chtigen K\u00f6rper nach hinten, die K\u00f6pfe schlugen so wuchtig auf den Boden, dass die Messer aus der Stirn schossen &#8211; ins schimmernde Licht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Stille, die eintrat, als die Sumoringer zum letzten Kampf in der Kokugi-Halle erschienen, fror jede Bewegung ein &#8211; das Licht der Scheinwerfer strahlte auf einmal noch greller und schimmernder, auf den vier gro\u00dfen Bildschirmen, auf denen der Kampf aller&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/07\/18\/gingko\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":98374,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-45261","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45261","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=45261"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45261\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":99222,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45261\/revisions\/99222"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98374"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=45261"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=45261"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=45261"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}