{"id":45257,"date":"2019-08-22T00:01:14","date_gmt":"2019-08-21T22:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45257"},"modified":"2019-09-13T05:18:14","modified_gmt":"2019-09-13T03:18:14","slug":"runners-world","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/08\/22\/runners-world\/","title":{"rendered":"Runner\u2019s World"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Boom, der letzte Philosoph unter den Langstreckenl\u00e4ufern (<em>\u201eTraining ist nichts anderes als die Fortsetzung des Dopings mit anderen Mitteln\u201c<\/em>), der sein Training, als er seinen Altersstil erreichte, selbst in die Hand nahm, was in den Augen der Fachwelt nicht nur dem gesunden Menschenverstand ins Gesicht schlug, sondern auch aller professionellen Erfahrung zuwiderlief, weil ein L\u00e4ufer, der sein eigener Trainer ist, im Dialog mit sich selbst der Gefahr unterliegt, in ein Laufloch zu fallen, aus dem er nie wieder herauskommt, lief zuletzt seine Trainingsstrecke, um seinen Laufstil zu transzendieren, mit t\u00e4glich verdoppelten Gewichten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die immer schwerer werdenden Manschetten, in deren kleine Taschen er Bleiplatten gesteckt hatte, band er sich zuerst um die Waden, dann um die Oberschenkel und den linken Oberarm; die letzte Manschette, welche auf einem hohen Pult lag, band er am siebten Tag seines m\u00f6rderischen Spezialtrainings schon mit einiger M\u00fche um den rechten Oberarm und zog mit den Z\u00e4hnen die vier kleinen Lederriemen fest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mit langsamen, anfangs noch leicht federnden Schritten machte sich Boom auf seinen schweren Weg. Ich laufe, also bin ich, hatte er sich immer wieder gesagt, wenn er die lange Strecke, die er trotz der schweren Gewichte nicht verk\u00fcrzte, auf dem weichen Boden durch die menschenleere Waldszene lief, als ginge er \u00fcber ein endloses Bett, und heute dachte er, nicht ohne Stolz auf seine internationalen Erfolge und nicht ohne hochfahrenden Sinn f\u00fcr die Zukunft, in der er Bahn um Bahn, von den Gewichten befreit, auf schnellen Beinen, die von Fl\u00fcgeln getragen werden, als Sieger ins Ziel l\u00e4uft: Das Ganze eines Laufs ist eben mehr als die Summe seiner Einzelschritte. Boom meinte damit nur seinen Lauf, er genoss die paradoxe Lage, in der er sich befand, und sp\u00fcrte kaum die schweren Gewichte, die ihn zu Boden zogen, er entschied diesen Lauf wieder einmal im Kopf. Ich streife meinen K\u00f6rper ab um leichter zu sein, ich k\u00f6nnte auch sagen, ich werfe meine Beine weg, um schneller zu laufen. Nat\u00fcrlich ahnte Boom immer schon, dass in dieser Haltung die Spur einer suizidalen Sehnsucht angelegt war, denn wenn der L\u00e4ufer seinen K\u00f6rper \u00fcberwindet, weil er mit dem Kopf laufen will, wenn er also nur l\u00e4uft, um seinen Lauf aufzuheben, dann ist dieser schizophrene Lauf mit den schweren Gewichten eine absurde Sehnsucht nach dem Leben, indem der L\u00e4ufer seinen Kopf \u00fcberwindet, weil er mit den Beinen laufen will, er hebt sozusagen den Lauf auf um laufen zu k\u00f6nnen, dachte Boom, als seine Schritte immer k\u00e4lter wurden. Wenn es zutrifft, dass jeder Lauf eine eigene Welt ist, dann bin ich der Sch\u00f6pfer meiner Gegenwart, Gott ist tot.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber immer h\u00e4rter wurden seine Zweifel an dieser Philosophie, die er sich in langen L\u00e4ufen und in vielen Jahren erarbeitet hatte, denn die Kraft der Erde, die seine Schritte verlangsamte, machte seinen Kopf so schwer wie seinen K\u00f6rper, den er immer heftiger f\u00fchlte. Die Kraft der Erde, dieser fatale Zweite Hauptsatz der Thermodynamik, dieses verdammte Gesetz der Erosion, nahm ihm seine Kraft, das sp\u00fcrte er. Aber &#8211; gab er sich nicht selbst das Gesetz des Handelns? War der Weg, den er lief, nicht der Weg, den er gehen wollte? Er wollte es sich nicht leicht machen, weil er wusste, dass sein Lauf dann schwerer war. Er hatte es sich schwer gemacht, um leichter zu werden. Aber immer k\u00fchler wehte ihn nun die Frage an: Ist mein Weg die Falle, die ich mir selbst erlaufe? Ich wei\u00df es nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Boom war stehen geblieben. (<em>\u201eStehenbleiben ist bei genauer Betrachtung nichts anderes als die Fortsetzung des Laufs mit anderen Mitteln.\u201c<\/em>) Er stand vergl\u00fcht zwischen den vielen B\u00e4umen des Waldes und konnte sich nicht mehr bewegen. Das Herz l\u00e4rmte, der Atem stotterte und stockte. Die Arme hingen an ihm herunter, er konnte sie nicht mehr heben. Die Arme wollten fallen, Boom stellte sich schon vor, wie die Arme aus den Schultern rissen, so weh taten sie ihm. Vom Himmelslicht der Baumwipfel schlugen die schnellen Klavierl\u00e4ufe der <em>Papillons<\/em>. Eiskalt stach ihm die Klarheit \u00fcber seine Lage ins Hirn. Der Lauf war beendet. Bin ich am Ziel?, war sein letzter Gedanke. Dann siegte das Blei. Boom brach zusammen und fiel mit den Augen in die aufgewirbelten Nadeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Boom, der letzte Philosoph unter den Langstreckenl\u00e4ufern (\u201eTraining ist nichts anderes als die Fortsetzung des Dopings mit anderen Mitteln\u201c), der sein Training, als er seinen Altersstil erreichte, selbst in die Hand nahm, was in den Augen der Fachwelt nicht nur&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/08\/22\/runners-world\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":45126,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-45257","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45257","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=45257"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45257\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=45257"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=45257"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=45257"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}