{"id":45246,"date":"2019-07-29T00:01:21","date_gmt":"2019-07-28T22:01:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45246"},"modified":"2019-07-29T05:49:31","modified_gmt":"2019-07-29T03:49:31","slug":"die-loesung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/07\/29\/die-loesung\/","title":{"rendered":"Die L\u00f6sung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">An einem der letzten Julitage kurz vor den Gro\u00dfen Ferien gingen sie wieder in die Stadt, um die finale Aktion zu realisieren, STOP THIEF! Sie filmten mit drei Videokameras. Den Zusammenschnitt wollte Julian, ein Freund Isabels, der an der Filmhochschule in Potsdam studierte, besorgen. Julian kannte Christopher, der kannte Schlingensief, dem wollten sie dann die Vollendung zeigen. \u201eDas haut schon hin\u201c, sagte Julian, \u201ewenn ihr das Ding richtig abzieht.\u201c Torsten spielte den Dieb, Isabel die Bestohlene. Max stand mit der ersten Kamera an der Gabelung der beiden Gassen. Rechts die Br\u00fcdergasse, der Fluchtweg f\u00fcr Torsten. Kurz vor der Unterf\u00fchrung zur Therme stand Ruth mit der zweiten Kamera. Links die Wenzelgasse, in die S\u00f6ren reinlief, um von Torsten abzulenken, ein Gag, den sich Max ausgedacht hatte. An der Ecke Wenzelgasse\/Friedrichstra\u00dfe stand Verena mit der dritten Kamera.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Isabel hielt die Riemen ihrer Handtasche am hochgestreckten Arm und lie\u00df die Tasche pendeln. Torsten kam von hinten auf sie zu, riss die Tasche an sich &#8211; Isabel schrie laut um Hilfe &#8211; und raste in die Br\u00fcdergasse. Gleichzeitig rannte S\u00f6ren in die Wenzelgasse. Der Fahrer eines Kleinlastwagens, der am Markt parkte, in den beide Gassen m\u00fcndeten, sah von hinten den Doppelstart, warf mitten im Gespr\u00e4ch sein Handy auf den Beifahrersitz, sprang auf die Stra\u00dfe und jagte hinter Torsten her. Max, der f\u00fcr den Zufall ein schnelles Auge hatte, erwischte den Fahrer mit der Kamera schon, als er mit den F\u00fc\u00dfen den Boden ber\u00fchrte. Torsten kam gut durch die belebte Gasse, wusste aber nicht, wie ihm geschah, als er pl\u00f6tzlich stolperte und auf die Steinplatten flog &#8211; w\u00e4hrend S\u00f6ren, der nicht ahnen konnte, dass die B\u00e4ckerin, die schr\u00e4g gegen\u00fcber dem METROPOL den Diebstahl von vorn sah, allerdings verdeckt durch Passanten, sodass sie glaubte, S\u00f6ren sei der Dieb, weil er so dicht an ihr vorbeifetzte, die Polizei benachrichtigt hatte, die gerade in der Friedrichstra\u00dfe, von der Wache sofort verst\u00e4ndigt, in einem Streifenwagen langsam auf die Wenzelgasse zufuhr, ins Netz ging -, weil ein Penner, er war der einzige, der Torsten vor dem Verschwinden in der Unterf\u00fchrung noch aufhalten konnte, von den warmen Steinplatten, auf denen er in der Mittagshitze schon halb einged\u00f6st war, aufsprang und ihm seinen Kn\u00fcppel, Ruth fing ihn geistesgegenw\u00e4rtig mit der Kamera ein, zwischen die Beine warf. S\u00f6ren, den Verena mit einem satten Schwenk beim Einbiegen in die Friedrichstra\u00dfe verfolgte, lief also den Polizisten genau in die Arme, w\u00e4hrend Torsten, die Tasche fest im Griff, aufstand, den Penner wegstie\u00df, zur\u00fcckwetzte und mit dem Fahrer des am Markt geparkten Kleinlastwagens zusammenprallte, sodass beide zu Boden gingen. Torsten konnte gerade noch die Tasche \u00fcber die K\u00f6pfe der Passanten zu Max schleudern, der in die Riemen griff und die Tasche, um weiter filmen zu k\u00f6nnen, Ruth zuwarf. Zur gleichen Zeit stand Verena, die laufende Kamera in H\u00fcfth\u00f6he tragend, schon hinter dem Streifenwagen. Der Fahrer des Kleinlastwagens packte Torsten fest am Arm, als S\u00f6ren sich pl\u00f6tzlich von den Polizisten, die ihn vernahmen, losriss und abhaute. Mit einem spitzen Schrei sprang er, als er die Wenzelgasse erreichte, in die Sonne, zog im Sprung sein Portemonnaie hinten aus der Jeans raus und warf es im hohen Bogen, von den Fanfaren begleitet, die aus dem Haus der Musik schallten, in die geile Menge, und Ruth wirft nun die Tasche in den blauen Himmel, genau an der Stelle, wo sie gestohlen worden war, da rennt der erste Polizist an der B\u00e4ckerei vorbei, wirft seine M\u00fctze in die H\u00f6he und, Isabel f\u00e4ngt gerade ihre Tasche, greift eine der Brezeln aus der Luft, die die B\u00e4ckerin in die Takte der Beethovenschen Musik stopft. \u00dcber den K\u00f6pfen der B\u00fcrger dieser Sommerstadt fliegen lauter Taschen und Geldb\u00f6rsen, und jeder f\u00e4ngt das Geld des anderen auf, wirft es hinauf ins himmlische Blau, und die ganze Stadt springt in die Luft. \u201eWenn wir den Film in der Schule zeigen, glaubt uns kein Arsch, dass wir den gedreht haben\u201c, sagte Max. Sie wussten schon viel. Sie waren gerade erwachsen geworden, was auch immer geschah. Und dabei blieb es.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,&nbsp;Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\"><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An einem der letzten Julitage kurz vor den Gro\u00dfen Ferien gingen sie wieder in die Stadt, um die finale Aktion zu realisieren, STOP THIEF! Sie filmten mit drei Videokameras. 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