{"id":45243,"date":"2019-07-22T00:01:03","date_gmt":"2019-07-21T22:01:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45243"},"modified":"2019-07-20T06:08:19","modified_gmt":"2019-07-20T04:08:19","slug":"tour-de-trance-2","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/07\/22\/tour-de-trance-2\/","title":{"rendered":"Tour de Trance"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Es begab sich in dem Jahr, als zum ersten Mal eine Etappe der Tour de France zu Ehren der Statue of Liberty, die Frankreich vor 125 Jahren den Vereinigten Staaten von Amerika schenkte, durch New York gefahren wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der lebenslustigen jungen Frau, die den Moment froher Erwartung auskostete, bevor sie den Sprung in den Abgrund wagte, kam nicht einmal der Gedanke an die M\u00f6glichkeit, dass ihr beim Flug in die Tiefe etwas zusto\u00dfen k\u00f6nnte, weil sie so fest an das elastische Doppel-Seil gebunden war, dass sie glaubte, sie k\u00f6nne am Ende des Sturzfalls genau in dem Augenblick, wenn das Seil seine gr\u00f6\u00dfte Ausdehnung, 381 Meter, erreicht hatte und die Springerin wieder nach oben zog, den hei\u00dfen Asphalt der Fifth Avenue k\u00fcssen, w\u00e4hrend die staunende Menge \u2013 die Reporter der Illustrierten TIME-LIFE, die das Spektakel exklusiv dokumentierten, lagen mit ihren Kameras auf dem Bauch rund um die wei\u00df markierte Stelle, an der die leuchtend rot eingef\u00e4rbten Lippen die Erde Manhattans ber\u00fchrten \u2013 neugierig darauf wartete, ob sich das geplante Wunder wirklich ereignete.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann war es soweit.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf den Trib\u00fcnen zu beiden Seiten der Stra\u00dfe sahen Zehntausende, wie die sch\u00f6ne Springerin an dem Seil, das im 102. Stockwerk des Empire State Buildings an einem Kran befestigt war, damit der Sprung genau in die Mitte der Fifth Avenue gelang, aus dem Himmel fiel. Mit ausgebreiteten Armen flog sie heran, der rasende Flug mit Fallgeschwindigkeit verlangsamte sich, als das Seil sich spannte und dehnte, bis der Fall in Schwebe \u00fcberging &#8211; unmittelbar \u00fcber dem Asphalt, in den, wie jeder glaubte, eben noch der Kopf eintauchte, stand die Zeit still &#8211; und indem, der Mann, die Lippen, die Kamera, die Kamera, allein am Kreis, die roten Lippen, mit einem Sprung war er da, atemlose Stille, auf einmal, die Lippen, er klammert sich fest, immer noch auf dem Asphalt, gel\u00e4hmt, der Schrei, zu sp\u00e4t, da kommen schon die ersten Fahrer, da steigt sie wieder in die Luft &#8211; was f\u00fcr eine Kraft steckt in dem gespannten Seil! Es rei\u00dft beide in die H\u00f6he, jetzt begreifen es alle. (Warum? Liebte er sie? Wollte er sie retten, packte ihn ein ungekannter Rausch nach dem Inhalt der Bilder, die er schoss?) Die Fahrer kommen n\u00e4her. Sie k\u00e4mpft um ihr Leben. Sie muss den Mann, der mit ihr in die Luft gestiegen ist, loswerden, bevor sie wieder f\u00e4llt, zu schwer, zu schnell kehrt sie sonst zur\u00fcck zur Erde, die sie k\u00fcsste, sie muss ihn absch\u00fctteln, noch w\u00e4hrend sie steigt, sie schreit: \u201eLass mich los!\u201c, aber er klammert sich an den Gurten fest, sie kann ihn mit gefesselten Beinen nicht treten, die Arme sind zu schwach, sie st\u00f6\u00dft ihn, schl\u00e4gt ihn, rei\u00dft an ihm herum und wird ihn nicht los. Schon fallen sie wieder in die Tiefe, mitten in den Schrei der Menge, als pl\u00f6tzlich das Hauptfeld der Tour de France in rasender Fahrt die Trib\u00fcnen erreicht. Was die Rennfahrer gedacht haben, als aus heiterem Himmel das Todespaar fiel, auf dem Asphalt zerplatzte und den gr\u00f6\u00dften Massensturz in der Geschichte des Radsports verursachte, blieb eine unbeantwortete Frage &#8211; \u00fcber einhundert Fahrer st\u00fcrzten zu Tode, verkeilten sich, fielen schrecklich \u00fcbereinander und begruben, w\u00e4hrend das Seil leer nach oben zischte und den blauen Himmel peitschte, unter sich die roten Lippen auf dem Asphalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es begab sich in dem Jahr, als zum ersten Mal eine Etappe der Tour de France zu Ehren der Statue of Liberty, die Frankreich vor 125 Jahren den Vereinigten Staaten von Amerika schenkte, durch New York gefahren wurde. 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