{"id":45223,"date":"2019-01-10T00:01:46","date_gmt":"2019-01-09T23:01:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45223"},"modified":"2021-01-12T13:18:52","modified_gmt":"2021-01-12T12:18:52","slug":"ramsch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/01\/10\/ramsch\/","title":{"rendered":"Ramsch"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Am 10. Januar nahmen die Ereignisse ihren Lauf. Chicken hatte das Bootshaus des Rudervereins als Treffpunkt vorgeschlagen. Trick und Scha waren einverstanden. Heute war Freitag, morgen frei, Sonntag frei, bis Montag hatten sie sich bestimmt vom Kampf erholt. Am Montag schrieben sie die Deutsch-Klausur, Leistung. \u201eKein Problem\u201c, meinte Scha, \u201eauf Gedichte kann sich sowieso keiner vorbereiten.\u201c Da war der Kampf das bessere Training, dachte Trick. Benn und das gezeichnete Ich! Trick l\u00e4chelte. Scha jetzt auch, er wusste immer, was Trick dachte, jedenfalls ungef\u00e4hr. \u201eWenn ich die Finger nicht mehr bewegen kann, mach ich krank\u201c, sagte Chicken. Erledigt. Kein Telefon. Kein Arzt. Nur der Erste-Hilfe-Kasten im Ger\u00e4teraum war erlaubt. Die T\u00fcr nach au\u00dfen war abgeschlossen, der Schl\u00fcssel lag in der Backr\u00f6hre des Ofens, auf 250 Grad erhitzt. Wer schlapp machte, war raus aus dem Spiel. Das Casting sollte so lange dauern, bis der Sieger feststand. \u201eGenau wie bei der Papstwahl\u201c, sagte Chicken, \u201emit dem kleinen Unterschied, dass wir keine Rauchfahne hissen.\u201c Typisch Chicken! Chicken liebte die religi\u00f6sen Anspielungen. Er glaubte an nichts, aber das ganze katholische Brimborium faszinierte ihn, weil die Welt mystisch so leer war. Der Sieger bekam Tina. \u201eDie Sixtinische Madonna!\u201c, meinte Scha. Trick lachte laut auf: \u201eJe einfacher die Regeln, desto klarer der Kampf!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zweikampf. Schiedsrichter ist immer der Dritte. Wenn einer ausscheidet, machen die andern zwei den Kampf unter sich aus. Prinzip: Steigerung. Der Kampf um die Frau wird im Rahmen eines Skat-Turniers ausgetragen. Prinzip: Geben H\u00f6ren Sagen. Der Sieger eines Spiels bestimmt die \u2018Waffe\u2019, Geben oder Sagen f\u00e4ngt an und bestimmt die Zahl. Zehn ist Minimum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Runde Eins. Trick gab. Geben H\u00f6ren Sagen. Chicken reizte. Chicken spielte Karo ohne 4 und gewann mit Gl\u00fcck. Ohne vier spielt f\u00fcnf&#8230; Scha notierte das Spiel. \u201eWas spielen wir jetzt?\u201c \u201eBackpfeife!\u201c, sagte Chicken. Trick fing an. Trick und Chicken stellten sich neben den Tisch, die vorgestellten F\u00fc\u00dfe mussten sich ber\u00fchren. \u201eZehn Mal!\u201c, sagte Trick. Das reichte f\u00fcr den Anfang. Besser als Pferdek\u00fcsse, dachten sie, das ging irgendwie auf die Eier. Die Pferdek\u00fcsse waren damit erledigt, in der n\u00e4chsten Runde w\u00e4re das keine Steigerung. Okay. Chicken hielt die Backe hin, Trick holte weit aus und schlug mit dem Handr\u00fccken zu. Das schmerzte. Er lie\u00df die Hand baumeln. Chicken sah zu Boden. Die Backpfeife hatte voll gesessen. Ohrensausen. Er richtete sich auf und hob die rechte Hand zum Gegenschlag hoch \u00fcber die Stirn. Die Hand schoss. Klatsch. Trick h\u00f6rte erst die Luft, dann die Hand. Dann lange nichts. Die Knochen jammern, die Z\u00e4hne halten. Die Haut knallrot. Wenn das so weitergeht, bricht der graue Stahl in mir, sagte sich Trick. Aber jetzt wieder er. Er hob die Hand zum Schlag. Chicken kniff die Augen zu, am liebsten auch die Ohren. Klatsch. Nach dem dritten Schlag sp\u00fcrten sie ihre H\u00e4nde nicht mehr. Nur noch Brennen im Kopf. So ging es weiter. Schlag mit links, Schlag mit rechts, rechtes Ohr, linkes Ohr. Mir fallen noch die Z\u00e4hne raus. Das Trommelfell rechts total im Eimer. Das war kein Kinderspiel, dachte Scha. Trotzdem leicht zu steigern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Runde Zwei. Chicken gab. Geben H\u00f6ren Sagen. Die drei Freunde nahmen die Karten auf, Scha reizte, Trick stieg sofort aus. Scha spielte einen Grand, brachte den leicht durch, mit drei spielt vier Schneider f\u00fcnf angesagt sechs. \u201eWas spielen wir jetzt?\u201c \u201eScherenschnitt!\u201c, sagte Scha. Stark! Mal sehn, vielleicht machte jetzt einer schlapp. Chicken sagte ganz langsam: \u201eZehn.\u201c \u201eZehn was?\u201c \u201eZehn Zentimeter\u201c, sagte Chicken, \u201edas reicht.\u201c Klar reicht das, dachte Scha. Trick holte den Verbandskasten, direkt hinter dem roten Kreuz steckte die kleine Stahlschere in einer schwarzen Schlaufe. \u201eSolingen\u201c, las er laut. \u201eScharfe Klingen.\u201c Scha zog das Hemd aus und hielt den rechten Arm hin, den brauchte er nicht unbedingt. Die Klausur schreibe ich mit links. Das Auto lenke ich zur Not mit einer Hand. Gut. \u201eOhne Antiseptikum\u201c, sagte Trick. Dann stach er die Schere in den Oberarm. \u201eDie Haut!\u201c, schrie Scha, \u201everdammt, die Haut! Du stichst mich ja ab, Mann!\u201c Chicken grinste. \u201eKannst ja aufh\u00f6rn\u201c, sagte er. Trick schaute auf. \u201eLos! Mach weiter!\u201c, sagte Scha. Trick schnitt z\u00fcgig, w\u00e4hrend Chicken mit seinem Kalender die Blutlinie ma\u00df. Hinten, letzte Seite. Genau zehn Zentimeter. Scha schaute weg. Die Augen sahen nach innen. Tina. Meine Haut deine Haut. Mein Ding wird spitz und scharf in deinen Beinen. Die Schere schneidet deine Haut. Du blutest. Ich trockne aus. Ich trinke dich. Trick schnitt tief ins Gewebe. Aber Scha sp\u00fcrte nichts. Erst als Chicken den Kalender zuklappte, wusste er, es war vorbei. \u201eSo\u201c, sagte Trick, als er den Verband wickelte, \u201ejetzt Chicken!\u201c Chicken nahm den linken Arm. Die Beine waren wichtiger, Kupplung, Bremse&#8230; Scha nahm den Kalender. Er sah an den Dingen vorbei ins Leere. Was mache ich hier. Was ist das f\u00fcr ein Spiel. Das kann doch nicht ernst sein. Das ist kein Spiel. Das ist ganz einfach dumm. Trick zieht das hier knallhart durch. Soviel Blut! Das ist nicht normal! Das hat nichts mit Tina zu tun! Was hat das mit mir zu tun? Ich wei\u00df, das hat etwas mit mir zu tun, aber ich wei\u00df nicht genau was. Jetzt h\u00e4ng ich drin in der Schei\u00dfe. Das ist so elend, dass ich das hier &#8211; \u201eHalt doch mal den Kalender dran!\u201c, sagte Trick. Erledigt. Chicken lie\u00df sich den Schmerz nicht anmerken. Als der Verband sa\u00df, kippte er um. Aber er gab nat\u00fcrlich nicht auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Runde Drei. Scha gab. Geben H\u00f6ren Sagen. Trick sagte 18, Chicken war weg und Scha sagte: \u201eDu spielst!\u201c \u201eIch schreib das Spiel ab\u201c, sagte Trick. \u201eGeht nicht\u201c, sagte Chicken. Trick nahm sauer den Skat auf und spielte aus lauter Verlegenheit einen Nuller. Scha sagte eiskalt Contra, Trick verlor und warf die Karten hin. \u201eDas gibt Ramsch!\u201c, sagte Chicken. Scha notierte das verlorene Contra. Trick gab. \u201eWie immer ohne Bubenschieben?\u201c, fragte Scha. \u201eKlar!\u201c, sagte Chicken. Sie nahmen die Karten auf. Chicken hatte drei Buben auf der Hand, Durchmarsch war aber nicht drin. Verdammte Schei\u00dfe das. Chicken l\u00e4chelte. Trick l\u00e4chelte auch. Keiner schaute auf. Ramsch war Krieg. Ramsch war das sch\u00f6nste Spiel, dachte Scha, aber das sch\u00f6nste Spiel ist immer das gef\u00e4hrlichste. Du denkst, du hast das total sichere Spiel in der Hand, bekommst vielleicht einen einzigen Stich, h\u00f6chstens aber drei, da spielt einer Grand Hand, oder Durchmarsch, oder du kriegst die letzten drei Stiche voll mit Assen und Zehnen, dann stehste da. Scha l\u00e4chelte, als er schob. Dann spielte er auf. Er hatte ein sauberes Blatt, da konnte nichts schiefgehen. Scha blieb Jungfrau. Trick und Chicken hatten am Ende gleich viel Miese. \u201eDas Spiel z\u00e4hlt vierfach\u201c, sagte Scha. \u201eIch habe gewonnen.\u201c Trick und Chicken mussten in die Arena. Prinzip Steigerung. Trick hatte noch nicht viel abbekommen, w\u00e4hrend Chicken vielleicht schon etwas angeschlagen war. Aber das konnte auch t\u00e4uschen. Der Preis war die Frau. Sowas setzt Kr\u00e4fte frei, von denen keiner eine Ahnung hat. \u201eFeuerkopf!\u201c, entschied Scha. Verdammt! Das kann leicht daneben gehen. Aber das Wort galt. \u201eGleichzeitig!\u201c, sagte Chicken. \u201eOkay\u201c, sagte Trick. Er holte einen Kanister Benzin aus dem Bootsschuppen und goss zwei Plastikeimer voll. \u201eDie Haare voll reintauchen, bis zur Stirn\u201c, sagte Chicken, \u201ebis drei z\u00e4hlen, dann raus aus dem Eimer, abtropfen lassen, das Ganze gleichzeitig.\u201c Trick nickte. \u201eScha z\u00fcndet uns nach genau einer Minute an, dann hat sich das Benzin noch nicht verfl\u00fcchtigt, genau die richtige Menge, nicht zuviel und nicht zuwenig.\u201c Gut. Scha fesselte Trick und Chicken die H\u00e4nde auf dem R\u00fccken, Tricks Idee.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann gab er das Startzeichen. Trick und Chicken tauchten unter, einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, tauchten wieder auf und setzten sich auf zwei St\u00fchle dicht nebeneinander. Aus den Haaren tropfte das Benzin. Die K\u00f6pfe hingen hinten \u00fcber die Lehne. Dahinter stand Scha und nahm die Zeit. \u201eJetzt!\u201c Er z\u00fcndete das Streichholz an und hielt das Feuer dicht an die Nacken, ganz schnell. Erst Chicken, dann Trick. Die K\u00f6pfe brannten sofort lichterloh. Bei Chicken, der volleres Haar hatte, zischte eine Stichflamme fast bis zur Decke. Scha zuckte zusammen und wich zur\u00fcck. Chicken sprang vom Stuhl, rannte durch den Raum, suchte Scha, Trick schrie laut auf, fiel hart zu Boden, trampelte mit den Beinen gegen den Tisch, Chicken rammte Scha den Kopf in den Bauch, der Tisch st\u00fcrzte um, die Karten flogen herunter, zuletzt die drei Buben aus dem ersten Stich im Ramsch, Scha knickte ein, Chicken w\u00e4lzte den immer noch brennenden Kopf auf den Holzplanken des Bodens und stie\u00df hart mit Trick zusammen, Kopf an Kopf, beide K\u00f6rper leblos nebeneinander. Scha kroch hin. Trick atmete noch. Chicken war total kaputt, der kahle Stumpf zur Seite gefallen. Scha lag zwischen den beiden und starrte auf Tricks geschlossene Augen. Endlich bewegte Trick die Lippen. Was sagte er da? Ohne einen spielt zwei&#8230; verdammt&#8230;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 10. Januar nahmen die Ereignisse ihren Lauf. Chicken hatte das Bootshaus des Rudervereins als Treffpunkt vorgeschlagen. Trick und Scha waren einverstanden. Heute war Freitag, morgen frei, Sonntag frei, bis Montag hatten sie sich bestimmt vom Kampf erholt. 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