{"id":45214,"date":"2019-06-02T00:01:34","date_gmt":"2019-06-01T22:01:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45214"},"modified":"2019-05-31T21:20:40","modified_gmt":"2019-05-31T19:20:40","slug":"haeutung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/06\/02\/haeutung\/","title":{"rendered":"H\u00e4utung"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Die Pariser Modemacher litten immer schmerzlicher unter der Konkurrenz, mit der sie sich gegenseitig erdr\u00fcckten. Der Kampf ums \u00dcberleben zwang auch die erfolgreichsten Couturiers unter ihnen zu den k\u00fchnsten Ideen, denn der Markt der zweiten Haut, der ihnen schon so lange geh\u00f6rte, wurde aus den entferntesten Winkeln der Welt angegriffen. Als die Kreation eines Couturiers aus der Mandschurei, der aus den Fl\u00fcgeln gez\u00fcchteter Riesenschmetterlinge elektrisierende Bikinis und futuristische Ballkleider zauberte, wertvolle Marktanteile eroberte, sah sich der regierende Modezar Cabanel gezwungen darauf mit einer Gegenkollektion zu antworten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er ging in den Louvre und suchte in den alten Bildern nach neuen Ideen. Riberas gro\u00dfes Bild vom Ausgang des musikalischen Wettkampfs zwischen Marsyas mit der Fl\u00f6te gegen Apoll mit der Kithara faszinierte ihn sofort. Apoll besiegte Marsyas, den er mit den F\u00fc\u00dfen an einem Baum aufh\u00e4ngte und enth\u00e4utete, von den F\u00fc\u00dfen bis zum Kopf. Cabanel sah in der Fl\u00f6te die m\u00e4nnliche Macht der Ordnung, die geopfert werden musste, in der Kithara die weibliche Freiheit des Spiels, das die Ordnung zum Chaos verf\u00fchrt und die Welt in Liebe verwandelt. Riberas Bild brachte ihn auf die Idee Kleider herzustellen, die noch kein Mensch zu tragen wagte: Hemden, Jacken, T-shirts, H\u00fcte, Handschuhe, Str\u00fcmpfe, R\u00f6cke und Hosen aus der wei\u00dfen und schwarzen Haut junger M\u00e4nner und Frauen &#8211; Kleider aus feinstem Menschenleder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Lizenz zur Menschenjagd war in einigen Gebieten Innerasiens ohne gr\u00f6\u00dfere Schwierigkeiten zu erhalten. Die Kosten blieben angesichts der knappen Devisen in dieser Region im Rahmen der Rentabilit\u00e4t. Cabanel schrieb das Jagdgebiet in armen Diktaturen aus und beauftragte den billigsten Fangtrupp, wilde Menschentiere einzufangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die frische Beute wird an Ort und Stelle bei lebendigem Leib enth\u00e4utet, weil das die beste Qualit\u00e4t ergibt. Die K\u00e4ufer riechen n\u00e4mlich den Makel einer humanen T\u00f6tung, unter der letztlich die Geschmeidigkeit des Leders leidet, was auch die Kunden sofort f\u00fchlen. Die Fleischseite des frischen Handabzugs wird mit festem Salz bestreut und, als Schweinehaut verzollt, mit Flugzeugen nach Paris gebracht. In der Wasserwerkstatt werden die eingesalzenen H\u00e4ute in Gruben oder rotierenden F\u00e4ssern einer Weiche unterworfen. Sie erhalten den Wassergehalt der schlachtfrischen Haut zur\u00fcck und werden gewaschen. Die Haare werden mit Schabeisen abgeschabt, die enthaarten Bl\u00f6\u00dfen im Haspel entk\u00e4lkt, gebeizt und gegerbt. Die ausgegerbten H\u00e4ute erhalten durch Blanchieren oder Falzen gleichm\u00e4\u00dfige Dicke, werden gefettet oder auf der Tafel geschmiert, gewalkt und gef\u00e4rbt. Die gro\u00dfen Leder werden fl\u00e4chig gedehnt, auf Holztafeln aufgenagelt oder auf Lochbleche gespannt, in geheizten R\u00e4umen getrocknet. Das steife Leder wird durch Biegen wieder weich. B\u00fcgeln, Pressen, Glanzsto\u00dfen, Krispeln gibt Festigkeit, Elastizit\u00e4t, Narbengl\u00e4tte, Glanz und Profil. Zuletzt Zurichtung durch Schleifen, Aufgie\u00dfen von filmbildenden Deckfarben oder Lack. Die Leder erhalten auf der Aasseite eine feine Appretur aus Wei\u00dfpigmenten, Pflanzenschleimen und \u00d6len.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Laufsteg brannte im Blitzschlag der Pressefotografen. \u201eWir tragen Kleider, als seien sie aufgemalt auf die eigene Haut\u201c, sagte Cabanel in der Pressekonferenz am Vortag der mit gr\u00f6\u00dfter Spannung erwarteten Pr\u00e4sentation seiner neuesten Kollektion. Menschenkleider nach Ma\u00df zu schneidern, war sein Ideal. Das ber\u00fchmte Selbstportr\u00e4t des Malers Christian Schad, in dem er seine eigene Haut wie ein Hemd trug, gab ihm die Anregung f\u00fcr den letzten Schliff seiner Modephilosophie. Die Mannequins bereiteten sich auf ihren Auftritt vor. Mit ihnen kamen die ersten wirklichen Menschenkleider zur Welt. Eine Jacke machte den Anfang. Die Jacke sa\u00df wie aufgen\u00e4ht, die Sch\u00f6\u00dfe schwangen in Zeitlupe durch die l\u00e4rmende Helle. Dann ein Rock. Der zarte Faltenwurf floss um den K\u00f6rper der Sch\u00f6nen, den gierigen Augen stockte der Atem. Cabanel wusste, dass die neuen Stoffe alles schlugen, was bisher gezeigt wurde. Diese Kollektion aber war noch mehr. Sie war nicht nur eine bisher nie gesehene, nie erlebte Kunst &#8211; das behauptete ja jeder Couturier, sondern sie bewegte die Menschen dazu ihr Leben v\u00f6llig neu zu begreifen, sie erschuf die libidin\u00f6se Apotheose eines haptischen Gef\u00fchls, das langsam wuchs und auf einen Gipfel hinauslief, der Cabanel selbst \u00e4ngstigte, den er deshalb hinausz\u00f6gern wollte. Er brauchte jetzt das retardierende Moment um den Sieg ein f\u00fcr alle Mal zu erringen. Er ging aufs Ganze.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf den Laufsteg schritt, um die Experten der haute couture zu testen, ein nacktes Mannequin mit rasiertem Schamhaar. Sie trug nur ihre eigene Haut. Aber die Konkurrenz durchschaute den Trick. Die weltber\u00fchmten Schneidermeister schrien alle auf und nannten die sch\u00f6ne Nackte, die doppelten Mut zeigte, ein schamloses Weib.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Mannequin ertrug die Entw\u00fcrdigung nicht. Immer war sie sch\u00f6n gewesen, egal welche Kleider sie trug, weil ihr K\u00f6rper sch\u00f6n war, weil ihr Gang auf dem Laufsteg und ihr ganzes Wesen wunderbar strahlte. Nun wurde ihr K\u00f6rper niedergemacht, ihr Wesen nicht erkannt. Sie zog mit der Rasierklinge einen Schnitt rings um den Hals und zwischen die Br\u00fcste einen tiefen Ausschnitt, dann riss sie die Haut wie einen Halskragen auf und \u00f6ffnete ihre Brust wie eine Bluse. Blut lief in kleinen Streifen an ihrem K\u00f6rper in den Schritt, nur Schuhe trug sie um ihre Schritte wie Musik ins Holz zu schlagen. Das kunstsinnige Publikum tobte. Alle standen von den Sitzen auf. Rhythmisches Klatschen knallte durch den Raum in die Mikrophone.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als die hochbeinige Frau in ihrem Kleid, das immer roter leuchtete, an der Zungenspitze des Stegs stehenblieb, sich hoch aufrichtete und die Brustspitzen ins Licht der Kamerablitze streckte, trat vollkommene Stille ein. Red Box. Der K\u00f6rper vibrierte in der harten Drehung der H\u00fcfte. Der Stoff der weit ge\u00f6ffneten Bluse flog und tanzte wild in den Wellen des roten Flusses. Dann kippte der K\u00f6rper, die T\u00e4nzerin fiel von der B\u00fchne in die Augen der Kameras &#8211; dort schwebte oder schwamm der rote K\u00f6rper in der Luft, die im Sturm des Jubels zitterte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,&nbsp;Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\"><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Pariser Modemacher litten immer schmerzlicher unter der Konkurrenz, mit der sie sich gegenseitig erdr\u00fcckten. 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