{"id":45208,"date":"2006-09-07T00:01:58","date_gmt":"2006-09-06T22:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45208"},"modified":"2019-07-30T15:14:05","modified_gmt":"2019-07-30T13:14:05","slug":"canale-cinque","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/09\/07\/canale-cinque\/","title":{"rendered":"Canale Cinque"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>Eine Maske ist keine Garantie, nur ein Versprechen.<\/em><\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Giorgia stockte der Atem. Sie sa\u00df vor dem Monitor und schaute sich die Aufzeichnungen der Konkurrenz an. Elena stand am Fenster und fummelte an ihrer halboffenen Bluse herum. Sie spielte mit den M\u00e4nnern auf der Piazza. Giorgia sprang auf, dabei fiel ihr die Espresso-Tasse auf den Steinboden, aber Elena sah und h\u00f6rte nur nach drau\u00dfen. Der Silberl\u00f6ffel! Giorgia warf den L\u00f6ffel scharf durch die Luft. Elena raufte gerade mit hoch erhobenen Armen ihr blondes Haar, als das Metall ihre Stirn streifte und durchs Fenster flog. \u201eKomm endlich!\u201c, rief Giorgia, \u201edas musst du sehen!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Elena l\u00f6ste sich nur schwer aus ihrem Rahmen. Als sie vom Fenster zur\u00fccktrat, blieb ihr Bild noch eine Weile auf der Piazza, dann fiel das helle Tageslicht ins Zimmer und der Aufschrei der entt\u00e4uschten M\u00e4nner. Elena schloss die Augen und l\u00e4chelte. Giorgia zog sie am Arm zu sich auf die kleine Bank vor dem Monitor. \u201eCanale Cinque!\u201c, fauchte sie. Auf dem Bildschirm erkannte Elena den Skandal: \u201eStriscia la notizia\u201c wurde von einer jungen Frau im hochgeschlossenen Kleid moderiert. Nahaufnahme. Die Kn\u00f6pfe des festen schwarzen Stoffs reichten bis zum Kragen, der Kragen ging bis ans Kinn. Schon das war zuviel, dachte Elena. Die Kamera kreiste um die Moderatorin, eben wurde ihr R\u00fccken gezeigt, der Tisch, an dem sie sa\u00df, war gerade ausgeblendet. Und die Velina? Ist sie&#8230;? Der lange schwarze Zopf der Sch\u00f6nen fiel \u00fcber die wei\u00dfe Haut, die der R\u00fcckenausschnitt bis zum Stei\u00df freigab. Die Frau sprach die Nachricht mit leicht erregter Stimme, die R\u00fcckenmuskeln flimmerten im Lichtkontrast. Leise Rhythmen waren der Nachricht unterlegt. \u201eBerlusconi geht zu weit!\u201c, sagte Giorgia. Dann kam der Tisch ins Bild. Die Kamera l\u00f6ste sich langsam vom R\u00fccken, der Ton fuhr hoch, das Schlagzeug ging schneller, unmittelbar vor den kalten Augen der Frau lag der braunh\u00e4utige Mann im wei\u00dfen Slip. Ein kleines Dreieck nur, in zartem Blau aber hob sich der \u00c4tna ab, der Berg zuckte im Takt. \u201eIch wei\u00df nicht\u201c, sagte Elena. \u201eIch auch nicht\u201c, antwortete Giorgia. Die Kamera zoomte nah an den \u00c4tna heran. \u201eAber verdammt gut gestylt!\u201c Eine zweite Kamera blendete nun den ausgestreckten Arm des J\u00fcnglings ein, die Hand zeigte auf die Stirn der Moderatorin. \u201eDas ist der Topf, in dem die Lava kocht!\u201c, sagte Elena. Die Hand verblasste und verschwand. \u201eIch wei\u00df nicht, ob wir das toppen k\u00f6nnen.\u201c Wenn wir Enrico ausziehen, dachte sie, und auf ihm reiten, bis er die letzten Worte im Orgasmus herausst\u00f6\u00dft, haben wir eine Chance. Die Moderatorin l\u00e4chelte. Elena verwarf den Gedanken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der rot lackierte Mund, in dem sich der Nabel des J\u00fcnglings spiegelte, die letzten Worte der Nachricht sprach, schwoll die nun ganz taktlos gespielte Musik an, aus dem \u00c4tna schossen die Buchstaben heraus und blieben wie ein Feuerwerk auf der Stirn der Moderatorin stehen: S-T-R-I-S-C-I-A. Aber nur kurz. Dann fielen sie, w\u00e4hrend die Musik abebbte, wie Sternschnuppen vom Himmel. Die Frau l\u00e4chelte. Vielleicht etwas zu sp\u00f6ttisch, dachte Giorgia. Sie senkte den Kopf und blickte zu Boden. Aha, dachte Elena. Die Musik kam hart zur\u00fcck. Dann explodierte der \u00c4tna wieder: L-A-N-O-T-I-Z-I-A&#8230; Wieder stand das Wort der Sprecherin in die Stirn geschrieben. Aber diesmal fiel die Schrift nicht vom Himmel. Die Moderatorin warf den Kopf nach links, dann, heftiger, nach rechts, und ihr schwarzer Zopf peitschte die Buchstaben von der Stirn, w\u00e4hrend der \u00c4tna langsam verschwand. Die Hand des Mannes, die eben noch auf die Stirn der Moderatorin gerichtet war, fuhr nun aus ihrem Kopf, die Augen ganz geschlossen, und zeigte nach vorn. Die beiden Frauen wichen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,&nbsp;Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\"><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Maske ist keine Garantie, nur ein Versprechen. &nbsp; Giorgia stockte der Atem. Sie sa\u00df vor dem Monitor und schaute sich die Aufzeichnungen der Konkurrenz an. Elena stand am Fenster und fummelte an ihrer halboffenen Bluse herum. 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