{"id":45189,"date":"2019-05-22T00:01:01","date_gmt":"2019-05-21T22:01:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45189"},"modified":"2019-05-22T06:08:23","modified_gmt":"2019-05-22T04:08:23","slug":"nachtschaum","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/05\/22\/nachtschaum\/","title":{"rendered":"Nachtschaum"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Tom wachte auf, ging ins Bad, die Sonne entz\u00fcndete die wei\u00dfen Kacheln. Die W\u00e4nde blendeten den jungen Mann. Ich habe Angst vor dem Unsichtbaren, das mich im Raum bedroht. Ich wache auf, aber nicht richtig, nicht ganz. Ich stehe auf und gehe zur T\u00fcr. Die Angst bleibt. Ich will wach werden, schaffs aber nicht, will die Angst loswerden, schaffs aber nicht. Der Schlag auf den Lichtschalter rettet mich, nicht sofort, aber bald. Ich geh ins Bad und seh im Spiegel mein Gesicht. Ich lasse Wasser \u00fcber meine H\u00e4nde laufen und alles ist gut. Ich habe eine gestaltende Kraft, wenn die Nacht zu stark wird. Ich steige aufs Dach und springe in die Tiefe. Ob der Fliegende erst schweben muss und ob sich das Fliegen dann als schwebendes Fliegen \u00fcber der Erde begreift, bleibt in der Schwebe wie die Frage, warum er schwebt oder fliegt, ob er fliegen will oder schweben soll. Ich muss, weil ich will, aber ich will nicht, weil ich soll, ich wei\u00df nicht, ob ich f\u00fcr mich fliege oder mit mir selbst schwebe, und ich wei\u00df auch nicht, was es bedeutet, wenn ich schwebe, bevor ich fliege, ob ich zum Fliegen bestimmt bin oder zum Schweben. Dieser Zustand zwischen Schweben und Fliegen, der mir nichts sagt, sagt sich selbst vielleicht alles, will nur sich selbst bedeuten und sonst nichts. Wie unser ganzes Leben, ein Steigen und Fallen, das sich wechselseitig negiert und endlich aufhebt. Im Aufprall auf die harten Steine werde ich wach und rette mich in die n\u00e4chste Nacht. Tom ging zum Waschbecken. Er wollte den Schlaf aus den Augen schwemmen und seine Haut im Spiegel \u00fcber dem Becken sehen. Es ist viel zu hell hier, dachte er. Er sah nichts. Er beugte sich \u00fcber das Becken zum Spiegel an der Wand. Aber der Spiegel fehlte! Tom senkte den Kopf und schaute an seinem K\u00f6rper hinunter. Halb aufgestanden zeigte der Schwanz nach vorn, auf der Kuppe noch der Schaum der Nacht. \u201eSag mal, wo ist denn der Spiegel?\u201c, rief er \u00fcber die Schulter zur\u00fcck, w\u00e4hrend er mit der rechten Hand zum Wasserhahn griff. Sara lag noch im Bett. Er h\u00f6rte, wie sie ihren K\u00f6rper dehnte. Seine Hand fasste ins Leere, tastete tiefer und stie\u00df im Schwung gegen eine scharfe Kante. Tom schrie leise auf, als er das offene Wasserrohr sah. Die Augen suchten links und rechts den Hahn, da hingen die Handt\u00fccher an den Haken wie immer. Da war kein Hahn. \u201eSara!\u201c Tom schrie nach der Ursache. Kein Spiegel, kein Wasser! Da springt Sara aus dem Stoff, die T\u00fcr zum Bad zersplittert, Sara steht im Flutlicht hinter Tom. \u201eAus dem Wasserhahn kam schlechtes Licht\u201c, sagt sie, \u201edas riss ich aus dem Rohr!\u201c Saras Haut gl\u00e4nzt im dampfenden Schwei\u00df. Ihre Stimme klingt sanft, aber Tom erstarrt, als sie \u00fcber ihn hinaus w\u00e4chst und mit breiten Beinen \u00fcber ihm steht. Sie nimmt Toms Kopf\u00a0 zwischen die zitternden Schenkel und presst sie zusammen, bis ihm H\u00f6ren und Sehen vergeht. Dann spreizt sie die Beine weit auseinander, und w\u00e4hrend die F\u00fc\u00dfe auf den Kacheln weggleiten, sinkt sie zu Boden, bis Toms Zehenspitzen im Becken verschwinden. Atemstillstand.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tom wachte auf, ging ins Bad, die Sonne entz\u00fcndete die wei\u00dfen Kacheln. Die W\u00e4nde blendeten den jungen Mann. Ich habe Angst vor dem Unsichtbaren, das mich im Raum bedroht. Ich wache auf, aber nicht richtig, nicht ganz. 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