{"id":45187,"date":"2019-05-14T00:01:10","date_gmt":"2019-05-13T22:01:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45187"},"modified":"2021-11-03T17:17:59","modified_gmt":"2021-11-03T16:17:59","slug":"nikotin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/05\/14\/nikotin\/","title":{"rendered":"Nikotin"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">23:19<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Marc stand mit h\u00e4ngenden Armen vor dem kr\u00e4ftigen Mann und grinste ihn herausfordernd an. \u201eHaste Zigaretten&#8230;?\u201c Der steckte die rechte Hand in die Hosentasche. \u201eNein.\u201c Jannis und Luk r\u00fcckten von links und rechts nah an den Mann ran. \u201eIch kann keine Zigaretten mehr sehen\u201c, sagte der Mann. Luk rempelte den Mann leicht an der Schulter. Er hob beide Arme, um sich aus der Bedr\u00e4ngung zu befreien. \u201eHaut ab!\u201c Marc lie\u00df die brennende Zigarette fallen und schlug zu, direkt unters Kinn. Jannis und Luk hieben die F\u00e4uste an die Schl\u00e4fe, links rechts, stie\u00dfen sie in den Magen und in die Seite, bis er zusammenfiel. Marc trat ihm zwischen die Beine. Luk sprang mit beiden F\u00fc\u00dfen auf den R\u00fccken und tanzte eine Weile auf dem K\u00f6rper herum. In der Schildergasse war kein Mensch zu sehen. Der Mann lag zusammengekr\u00fcmmt auf dem Steinboden, die H\u00e4nde zwischen den Beinen. \u201eIch kann keine Zigaretten mehr sehen!\u201c, h\u00f6hnte Jannis. Marc hob seine Zigarette auf, nahm einen tiefen Zug, ging in die Hocke, dann schrie er dem vor ihm Liegenden ins Ohr: \u201eSteh auf!\u201c \u201eSteh auf und wandle!\u201c, schrie Luk. Jannis zog den Arm nach oben, sie zerrten zu dritt den Mann in die H\u00f6he, bis er auf den Beinen stand. Marc dr\u00fcckte die brennende Zigarette auf dem rechten Auge des Mannes aus. Er schrie auf. \u201eSchnauze!\u201c Jannis schlug zu. Er nahm das linke Auge. Luk stimmte den Kanon an: \u201eIch kann&#8230;\u201c Marc und Jannis fielen gleichzeitig ein: \u201e&#8230;keine Zigaretten | mehr sehn&#8230;\u201c Sie waren eingespielt in der Choreographie ihrer Gewalt, das machten sie immer so.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">23:55<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Niemand hatte den Mann verraten. Ohne dass er etwas B\u00f6ses getan h\u00e4tte, wurde er in der Nacht zusammengeschlagen und gefoltert. Die Augen brannten blutrot, aber er konnte wieder sehen. \u00dcber ihm summten die Gl\u00fchf\u00e4den des grellen sechsarmigen Kerzenleuchters. Die Jungen hatten den Mann aufs Metallbett gefesselt und ihm einen Knebel in den Mund gesteckt. Wer sind sie? Warum tun sie das? Er h\u00f6rte kleines Gel\u00e4chter im Nebenzimmer, die T\u00fcr stand offen. \u201eHanna kommt erst morgen fr\u00fch aus Hamburg zur\u00fcck\u201c, sagte Marc. \u201eWir haben die ganze Nacht Zeit.\u201c Luk fragte: \u201eHaste Bier hier?\u201c \u201eNee\u201c, sagte Marc, \u201ewir saufen heut mal anders.\u201c Luk verstand das in diesem Moment noch nicht, aber Jannis lachte laut auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">0:05<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich staune nicht \u00fcber das Zimmer, aber ich verstehe es nicht, dachte der Mann. Er lag im Halbschlaf auf dem Bauch und biss schon tr\u00e4umend ins Tuch. Die Frau, die unter ihm lag, war glatt und nass, zuckte sanft zusammen und dehnte sich. Er fasste sie, presste die Lippen auf ihren Mund und zog mit der Zunge durch ihr Gesicht, leckte die weit ge\u00f6ffneten Augen, trank sie durstig auf, wie ein Hund. &#8230; \u201eKennt er sein Urteil?\u201c, fragte Jannis. \u201eNein\u201c, sagte Marc, \u201ewozu?\u201c \u201eJeder von uns verurteilt ihn auf seine Weise\u201c, schlug er vor. \u201eJannis, Luk, dann ich.\u201c &#8230; Die Frau wurde hart und steif wie ein Brett, der Mann st\u00f6hnte. \u201eIch fresse dich!\u201c Das ist der Sachverhalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">0:22<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jannis zog dem Mann Jacke und Hemd aus. Im Schubfach der Kommode fand er ein Kletterseil, mit dem er ihn aufs Bett band, damit er bei der Folterung nicht st\u00f6rte. Aus dem Bad holte er eine Rasierklinge, die er dem Mann vor die Augen hielt. Marc ahnte, was Jannis vorhatte, ging in die K\u00fcche und kam mit einem Tranchiermesser zur\u00fcck. Jannis lachte. \u201eErst mal nur die Klinge\u201c, sagte er. \u201eIch will wissen, ob er mich lesen kann. Ich will das endlich wissen.\u201c Er setzte die Klinge unter den Halswirbeln an und zog einen vertikalen Schnitt bis zum Stei\u00df. Das Blut trat langsam aus der Haut heraus, der Schnitt war nicht tief, Jannis wollte sein Urteil von Schnitt zu Schnitt steigern. Dann schnitt er von der linken Schulter zur rechten. Mit einem kleinen Wattetuch tupfte er den Buchstaben ab. Der Mann weinte leise. \u201eDu bist ein Fremder, sei still!\u201c, sagte er, \u201eder erste Buchstabe ist der schwerste f\u00fcr dich.\u201c Die Klinge schnitt tiefer, als Jannis aus dem Schwung des Arms einen Bogen in die Haut zeichnete, vom Hals\u00a0 zur rechten H\u00fcfte, von da zum Stei\u00df, zur linken H\u00fcfte und zum Hals zur\u00fcck. Dann nahm er das Messer zur Hand. \u201eIch schreibe deinen Namen!\u201c, sagte er. Marc lachte laut auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1:01<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMach die Br\u00fccke!\u201c, sagte Jannis zu Luk, dem nichts einfiel. Luk wurde das Spiel zu gef\u00e4hrlich, das sp\u00fcrten sie. Aber die Br\u00fccke war nicht so schwer, wenn die andern mithalfen und nicht bis zum \u00c4u\u00dfersten gingen. Luk schob die Kommode zum Schreibtisch, zwischen beiden blieb ein Zwischenraum von einem Meter. Marc und Jannis legten den Gefesselten mit dem blutenden R\u00fccken nach oben \u00fcber die L\u00fccke, Kopf und Arme banden sie mit dem Kletterseil am Schreibtisch fest, Unterschenkel und F\u00fc\u00dfe an der Kommode. &#8230; Ich bin steif, hei\u00df, bin eingebohrt, tr\u00e4ume \u00fcber Berg und Tal. Dunkler rauscht der Bach. &#8230; Marc stieg auf den Schreibtisch. \u201eOb der mich tr\u00e4gt?\u201c Er nahm das Lineal und fuhr dem Mann damit in die Haare, spielte mit den Augen, schlug auf das Knebeltuch. Das Licht summte durch die stickige Luft, als Marc Anlauf nahm. \u201eSpring nicht!\u201c, schrie Luk. \u201eKeine Angst\u201c, sagte Marc langsam, er setzte den Fu\u00df auf die Schulter des Mannes, stand mit einem Bein auf ihm und wippte leicht. Wirbel knackten. &#8230; Ich dreh mich, ich st\u00fcrze, schon liege ich zerrissen auf den spitzen Kieseln, die mich aus rasendem Wasser anstarren. &#8230; Marc sprang zu Boden. \u201eIch geh da nicht dr\u00fcber, nachher fall ich noch.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">1:44<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch verurteile dich jetzt zum Tode!\u201c, sagte Marc. Luk wurde schwarz vor Augen, er wusste, jetzt will Marc alles \u00fcberbieten. Luk hob den Arm. \u201eHalt\u2019s Maul!\u201c, sagte Marc. \u201eEr soll erfrieren.\u201c Er holte alle Eisw\u00fcrfel aus dem Gefrierer, sch\u00fcttete sie in einen kleinen Blecheimer, zog \u00fcber den Eimer eine Plastikt\u00fcte, in die er eine halsdicke \u00d6ffnung schnitt, und steckte den Kopf des wieder auf das Bett gefesselten Mannes ins Eis. Den Eimer band er fest. \u201eKaltgestellt\u201c, sagte er. Luk h\u00f6rte das Atmen im Eimer. Marc stellte neues Wasser in den Gefrierer. &#8230; Schnee zwischen mir und dir. Sie fasst mich und schl\u00e4gt ihr Gesicht gegen meins. Du Vieh! schreie ich w\u00fctend. Ich h\u00f6re die Kette klirren. Ich h\u00f6re, wie die T\u00fcr birst und splittert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">2:00<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Luk ging zum Bett und schnitt das Seil durch. \u201eBist du verr\u00fcckt!\u201c, schrie Jannis. \u201eDu versaust das ganze Experiment!\u201c Luk sprang zur T\u00fcr, aber Marc, der das ahnte, warf ihm von hinten den Eisbeutel an den Kopf und Luk st\u00fcrzte. Jannis zog Luk hoch, packte seinen Kopf, nahm Kinn und Sch\u00e4deldecke in die Zange, und Marc schlug ihm den Eisbeutel so lange um die Ohren, bis Luk ohnm\u00e4chtig war. \u201eEr soll uns nicht noch einmal st\u00f6ren.\u201c Er riss drei Zigarettenpackungen auf, rieb den Tabak in eine Sch\u00fcssel, sch\u00fcttete eine halbe Tasse kalten Kaffee dazu und verr\u00fchrte alles. Mit einem Spritzbeutel presste Jannis den Tabakbrei in den Hals des Schw\u00e4chlings. &#8230; In den Fenstern schwanken die Pferdek\u00f6pfe. Im spitzen Winkel mit zwei Hieben der Hacke will ich sterben. Wie ein Hund. Was tue ich hier in diesem endlosen Winter? Nackt, dem Frost dieses ungl\u00fcckseligen Zeitalters ausgesetzt, treibe ich umher.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">4:48<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>23:19 Marc stand mit h\u00e4ngenden Armen vor dem kr\u00e4ftigen Mann und grinste ihn herausfordernd an. \u201eHaste Zigaretten&#8230;?\u201c Der steckte die rechte Hand in die Hosentasche. \u201eNein.\u201c Jannis und Luk r\u00fcckten von links und rechts nah an den Mann ran. \u201eIch&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/05\/14\/nikotin\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":45126,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-45187","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45187","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=45187"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45187\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=45187"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=45187"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=45187"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}