{"id":45185,"date":"2019-04-29T00:01:42","date_gmt":"2019-04-28T22:01:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45185"},"modified":"2019-04-21T10:26:52","modified_gmt":"2019-04-21T08:26:52","slug":"der-eiserne-vorhang","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/04\/29\/der-eiserne-vorhang\/","title":{"rendered":"Der eiserne Vorhang"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Wenn ich tr\u00e4umte, fiel ich aus dem Zeitlupentempo meines wachen Lebens. In den rasenden Bildern der Nacht \u00fcberholte ich mich, man kann sagen, am Ende meines Traums stand ich am Ziel und wartete auf mich selbst, und dann sah ich zu, wie mich das Leben ins Ziel trieb. Aber was war das Ziel?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines Tages erlebte ich eine schreckliche Nacht. Ich kam nicht zum Schlaf, und der Schlaf kam nicht zu mir, ich w\u00e4lzte mich von einer Seite auf die andere, und das ging so lange, dass der Traum vor dem Schlaf kam.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf einem Waldweg, in den das Licht hart einschl\u00e4gt wie ein Blitz, der erstarrt, stehen nebeneinander zwei M\u00e4nner. Der eine schaut in die eine, der andere in die andere Richtung des Weges. Sie reden miteinander, sie kennen sich, denke ich, aber ich verstehe kein Wort. Dann ist es wieder still. Der Blitz steht vor dem Donner, die Schatten sind stumm. Der Mann mit den schwarzen Haaren tr\u00e4gt eine helle Uniform ohne alle Abzeichen, er ist schon etwas alt, aber kr\u00e4ftig, er steht fest auf dem Weg wie in einem Bett, in dem er sich aufrichtet. Ich sehe in sein Gesicht, und l\u00e4ngst wei\u00df ich, dieser Mann ist Stalin, ich kann es nicht glauben, aber ich sehe es. Den anderen Mann sehe ich nur von hinten, er ist j\u00fcnger und zierlicher, er hat keine schwarzen Haare, er tr\u00e4gt einfache Kleidung, Hose und Hemd. Ich wei\u00df, was der junge Mann vorhat, ich sehe, wie er seinen spitzen Arm heftig in Stalins Rippen st\u00f6\u00dft. Stalin steht fest, sein Gesicht bleibt unbewegt, die Augen blicken traurig und ernst, und doch gehorcht er, er dreht sich um und folgt dem jungen Mann zum Rand des Waldes.<br \/>\nDas Licht w\u00e4chst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der junge Mann \u00f6ffnet die T\u00fcr einer schwarzen Holzkammer, schiebt Stalin durch die T\u00fcr, und beide verschwinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Licht bleibt vor der Kammer.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es ist so leise in der dunklen Kammer! Ich sp\u00fcre mein Herz, wie es sich bewegt, wie ein schwerer Hammer, der mich schl\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da kommt Stalin allein aus der Kammer zur\u00fcck, er erreicht mit langsamen Schritten den Weg und bleibt stehen. Ich schaue auf die helle Uniform, ich kann gar nicht woanders hinschauen, die Schl\u00e4ge pochen schwer. Stalin sieht mich an, f\u00fchle ich, ich muss auf sein Herz starren, die helle Uniform, auf die das Licht f\u00e4llt. Ich will schlafen, aber ich darf nicht. Nun sieht er die kleinen Punkte auf der Uniformjacke, es werden immer mehr, ein ganzer roter Sternenhimmel. Stalin redet. Redet er zu mir? Ich sp\u00fcre seine Stiche in meinem Kopf. Ich will schlafen, es geht nicht. Er sieht mich an wie mein Vater.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Licht geht aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Erde schluckt alle Farben, der Ton ist wieder da. Ich h\u00f6re die vielen kleinen dumpfen Laute, sie werden lauter und immer mehr, schwellen an zum lauten Gewitter, das in meine Ohren sticht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da f\u00e4llt aus dem Himmel ein riesiger Eiserner Vorhang herunter, und auf meiner Seite wird es wieder hell.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sitze auf dem R\u00fccksitz einer schwarzen Limousine, das Dach des Wagens ist aufgeschlagen, der blaue Himmel \u00fcber mir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der junge Mann, der in der Kammer war, steigt vorn ein und lenkt den Wagen, der jetzt langsam anf\u00e4hrt, einen steilen Weg hinab. Der Weg ist hell und frei, ich sitze hinten, vor mir der Fahrer, ich schaue ins weite Land. Der Wagen wird schnell, die Welt rennt weg, die Zeit fliegt vorbei, und im Tal sehe ich das Paradies. Da dreht sich der Fahrer mit einem Ruck zu mir um und l\u00e4sst den Lenker los, der Wagen rast weiter abw\u00e4rts, der Fahrer schaut mich l\u00e4chelnd an. Lacht er mich aus? Aber nun f\u00e4hrt ein Schrecken in meine Augen, ich sehe mich an &#8211; der Fahrer bin ich!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann wache ich auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin wieder zu mir gekommen, dachte ich. Aber was ist mein Ziel?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Erst die Theorie entscheidet, was beobachtet werden kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,&nbsp;Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\"><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ich tr\u00e4umte, fiel ich aus dem Zeitlupentempo meines wachen Lebens. In den rasenden Bildern der Nacht \u00fcberholte ich mich, man kann sagen, am Ende meines Traums stand ich am Ziel und wartete auf mich selbst, und dann sah ich&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/04\/29\/der-eiserne-vorhang\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":45126,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-45185","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45185","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=45185"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45185\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=45185"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=45185"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=45185"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}