{"id":45182,"date":"2019-04-15T00:01:50","date_gmt":"2019-04-14T22:01:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45182"},"modified":"2019-04-15T06:03:06","modified_gmt":"2019-04-15T04:03:06","slug":"standing-ovations","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/04\/15\/standing-ovations\/","title":{"rendered":"Standing Ovations"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Es war ein hei\u00dfer Sommertag, die Sonne schmolz das letzte Eis zwischen den Gedanken, die Rudnikow hin und her schob. Nach dem Untergang der Sowjetunion war er nach Sankt Petersburg gereist. Leningrad, dachte Rudnikow. Bin ich nun in Leningrad oder bin ich in Sankt Petersburg? Wo bin ich, wenn ich zu meinen Erinnerungen reise? Bin ich in der Stadt, wie ich sie erlebte, oder bin ich in einer Stadt, die sich nun selbst erinnert?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hockte allein in einem Kahn, den er gemietet hatte um Ruhe zu finden in der Weite des Wassers. Das Wasser der Newa erschien ihm wie Land, auf dem er gehen konnte, wenigstens in Gedanken. W\u00e4hrend er ruderte, sah er zu, wie er sich entfernte. Immer kleiner wurde Lenin auf dem Sockel seines Denkmals am Ufer, immer unbedrohlicher wirkte der Kreuzer \u201eAurora\u201c, an dem er vorbeiruderte &#8211; aber hinter seinem R\u00fccken sp\u00fcrte Rudnikow, der sich nicht umdrehte, die Macht der alten Zarenpal\u00e4ste. Ich schaue in die richtige Richtung, dachte er, aber ich fahre in eine verkehrte Zukunft! Mit einem Mal packte ihn die Angst. Rudnikow stand auf, nun stand er gro\u00df im Kahn, er gewann eine bessere \u00dcbersicht \u00fcber seine Lage. Da wirft er die Ruder weg, schreitet durch den Kahn hindurch auf Lenin zu, der schwankt entsetzlich hin und her, Rudnikow verl\u00e4sst das taumelnde Holz und geht aufs Wasser. Der kurze Moment seines Gangs auf dem Wasser kam ihm vor wie die Ewigkeit, in diesem einen Augenblick durchschaute Rudnikow seine Zeit und ihre ganze Paradoxie, er sah die Unm\u00f6glichkeit seines Weges, und als er aus dem Wasser wieder auftauchte, war sein erster Gedanke: Nun bin ich getauft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Zeit war stehengeblieben, und Rudnikow war einfach weitergegangen! Aber genau das ist die einzige M\u00f6glichkeit, die Zeit zu \u00fcberwinden. Ich muss die alte Zeit wegwerfen, wenn ich eine neue leben will, dachte er. Rudnikow schwamm leicht. Das Wasser stand ihm bis zum Hals, in schweren Kleidern steckte er nun. Neben ihm trieb der verhasste Kahn. Mit M\u00fche bestieg Rudnikow den Kahn&nbsp; und fischte die Ruder aus dem Fluss. Er zog die nassen Kleider aus, um sie in der Sonne zu trocknen, da bemerkte er am Handgelenk seine Uhr. Beim Sturz ins Wasser war sie stehengeblieben und nun ein sinnloser Zeuge f\u00fcr den Moment seines Untergangs. Oder war es mehr? Ich bin mit meiner Uhr ins Wasser gefallen, dachte Rudnikow, ich habe meine Uhr geliebt wie meine Zeit, die sie ma\u00df. Er f\u00fchlte, dass sie einen sch\u00f6nen Tod hatte. Er wusste, es war gut, wenigstens die Uhr zu \u00fcberwinden, wenn das eigentliche Ziel die \u00dcberwindung der Zeit ist. Sollte er sich nun, um im t\u00e4glichen Leben bestehen zu k\u00f6nnen, eine neue Uhr kaufen? Ging das jetzt \u00fcberhaupt noch?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rudnikow ahnte, dass seine uhrenlose Zeit noch nicht gekommen war, dass die zeitlose Zeit erst m\u00f6glich wurde, wenn er sich selbst gebar. Er ging zu einem der Tr\u00f6delm\u00e4rkte, die wie Pilze aus dem Boden Russlands schossen. Eine neue Uhr wollte Rudnikow nicht. Er wollte eine mit Geschichte, eine alte Uhr, die noch geht. An einem Stand fand er eine POLJOT, eine stabile, wasserdichte Uhr. Gut geeignet f\u00fcr weitere Unterg\u00e4nge, dachte er. Ich m\u00f6chte ihre Seele sehen, meinte er zu der H\u00e4ndlerin. Sie verstand ihn sofort und fragte ihn, ob er die Uhr verletzen wolle. Wenn Sie sie \u00f6ffnen, verliert sie ihre Seele. Glauben Sie mir, die Unruhe schwingt sehr genau. Sie haben Recht, sagte Rudnikow, es ist nicht anders als bei uns. Diese Uhren, f\u00fcgte er hinzu, stehen in einem eigenartigen Kreislauf der Dinge mit unserem Leben, wir d\u00fcrfen gar nicht zu genau dar\u00fcber nachdenken. Die Tr\u00f6dlerin l\u00e4chelte. Aber wor\u00fcber sie l\u00e4chelte, blieb Rudnikow verborgen. Rudnikow zahlte. Er gab seine alte Uhr her und legte noch ein paar Geldscheine drauf. Ich darf ihre Seele nicht sehen, dachte er, ich kaufe mir eine Seele, die ich am Arm trage, aber sie sp\u00fcrt nie den Regen, der auf mich f\u00e4llt!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wo bin ich? Rudnikow sp\u00fcrte, wie die Erinnerungen zerronnen waren, dass die Zeit, die war, auf einmal nicht mehr war, was sie war, aber die Zeit, die er in diesem Moment erlebte, war noch nicht das, was sie h\u00e4tte sein k\u00f6nnen: Ein St\u00fcck seiner Lebensgeschichte. Sie war zu sehr noch Anfang, eine Zeit auf geschmolzenem Grund; sie war noch nichts, wenn die Vergangenheit nichts mehr bedeutete, weil die Gegenwart noch keinen Sinn hatte, und in dieser ganzen Unruhe, die eintritt, wenn die Gedanken richtungslos werden, kam es ihm so vor, als sei die Zeit stehengeblieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Rudnikow ging geradewegs ins SHIGULI, wo sich die Freunde einst an den Abenden unter der Woche trafen und ihre Seelen \u00f6ffneten, in die sie den Schatten des Biers gossen. Die Freunde von damals waren nicht mehr da. Aber die Hitze war wieder da, Rudnikow \u00f6ffnete seine Seele und bestellte sich einen Krug Bier.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als der Krug kam, stand Rudnikow auf, l\u00f6ste die neu erworbene Uhr vom Handgelenk, hielt sie in die H\u00f6he und lenkte alle Blicke auf sich und die Uhr, die er \u00fcber den Krug hielt. Es wurde still. Dann lie\u00df er sie fallen. Die gekaufte Seele schlug in den Krug ein, dass das Bier hochspritzte. Die Leute machten gro\u00dfe Augen. Es konnte gar nichts passieren, sagte Rudnikow. So sehr ich mich anstrenge mich zu zerst\u00f6ren &#8211; ich kann es nicht. Ich spiele mit meinem Leben, ich setze mich t\u00e4glich unter Druck, und meine Trockenheit staut sich im Geh\u00e4use, w\u00e4hrend die Unruhe, gleichm\u00e4\u00dfig angetrieben, sich ausschwingt, aber meine Zeit geht weiter und zeigt, im Kreise sich drehend, auf mich &#8211; das ist der Tod. Ich will leben!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er bestellte sich noch einen Krug Bier, er wusste bald nicht mehr, wo er war, in Leningrad oder Sankt Petersburg, in Moskau oder Semipalatinsk, er wusste es nicht. Er warf die Zeit in den Krug. Er trank eine Uhr nach der anderen, sagten die Freunde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich ertrage nicht l\u00e4nger die Unzerbrechlichkeit meiner Unruhe! Freunde, sagte er, ich muss mein Leben vom Mythos der Zeit befreien!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuletzt nahm er die Uhr, legte sie auf die Tischkante, r\u00fcckte laut mit dem Hocker vom Tisch weg &#8211; da wurde es wieder still, Augen und Ohren aus allen Winkeln des SHIGULI waren auf Rudnikow gerichtet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es muss sein!, sagte er fest.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er richtete sich auf, senkte den Kopf und schleuderte seine Stirn wie einen Hammer auf die Uhr, die vollkommen zerbrach. Die R\u00e4dchen rollten vom Tisch und fielen zu Boden. Langsam hob Rudnikow den Kopf. Kein Blut, kein Schmerz, n\u00fcchtern der Blick, die Augen klar. Die Freunde, die der Geburt seines Entschlusses staunend zugeschaut hatten, klatschten stehend Beifall angesichts solcher Lebensbejahung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle verstanden ihn.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,&nbsp;Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\"><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war ein hei\u00dfer Sommertag, die Sonne schmolz das letzte Eis zwischen den Gedanken, die Rudnikow hin und her schob. Nach dem Untergang der Sowjetunion war er nach Sankt Petersburg gereist. Leningrad, dachte Rudnikow. 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