{"id":45180,"date":"2019-04-11T00:01:32","date_gmt":"2019-04-10T22:01:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45180"},"modified":"2019-04-11T04:43:28","modified_gmt":"2019-04-11T02:43:28","slug":"tacheles","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/04\/11\/tacheles\/","title":{"rendered":"Tacheles"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Am Donnerstag Abend der letzten Woche lief pl\u00f6tzlich eine junge Frau in die R\u00e4ume der K\u00fcnstlergruppe Beautiful Factory im dritten Stockwerk der Halbruine Tacheles, schrie: \u201eIch mache Schluss!\u201c und zerschnitt Jan West, spoken word artist aus Neuk\u00f6lln, der gerade mit der Factory ein gemeinsames Projekt besprach, mit so scharfen Augen, dass er vom Stuhl hochsprang, sie fest am Arm packte &#8211; sie aber riss sich los und stie\u00df ihn weg: \u201eHau ab! Alles ausgeleiert, Fotze, Arsch und Titten! Das Leben kotzt mich an!\u201c Dann rannte sie wieder raus, warf die T\u00fcr, stie\u00df im Treppenhaus die spitzen Schuhe von sich und lief barfu\u00df die steinigen Stufen nach oben. Jan betrachtete die rot lackierten Schuhe, sah ihre F\u00fc\u00dfe brennen, l\u00f6ste sich langsam aus der eingefrorenen Haltung, drehte den Kopf ins Zimmer zur\u00fcck und hob dann die Schuhe auf. Er stellte sie einen Schritt breit auseinander auf den Tisch, mitten in die Papiere, und drehte die Augen ins Delta.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eBest\u00fcrzend!\u201c, meinte Ray Kurzweil. Ray war der intellektuelle Kopf der Factory. Er \u00fcbersetzte, w\u00e4hrend er rasch die Schuhe vom Tisch nahm und eng zusammen auf den Boden stellte, den Vorfall ins Allgemeine. \u201eWieviel Schmerzen und Selbstaufgabe Frauen in Kauf nehmen, um M\u00e4nnern zu gefallen &#8211; und sich selbst! Was f\u00fcr eine Selbstentfremdung, was f\u00fcr ein ganz auf den Tod projiziertes Leben!\u201c Ray senkte den Kopf, sah auf den roten Lack und lenkte langsam den Blick in Jans Augen. \u201eWenn so viel M\u00fche aufgebracht w\u00fcrde zum Lernen, f\u00fcr Selbsterkenntnis und vern\u00fcnftigere Gestaltung des allt\u00e4glichen Lebens&#8230;!\u201c Das Leben dient nicht der Vernunft, dachte Jan, Ray ist ein verdammter Moralist, weil ihm der Mut zum sinnlicheren Leben fehlt. Sein Blick zu Ray brach, als die T\u00fcr zum Treppenhaus aufkrachte. \u201eIch kann nicht! Ich schaff das nicht!\u201c, schrie die Frau, die in ihrer Verzweiflung Jan immer sch\u00f6ner erschien. Er las in ihren Augen. Sie war in den f\u00fcnften Stock gerannt, stand \u00fcber der Stadt, die sie hasste, und heulte vor sich hin, sie sackte zusammen und fand keine Kraft f\u00fcr den kleinen Schritt. \u201eWie hei\u00dft du?\u201c, fragte Jan. \u201eElisa\u201c, sagte sie leise.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch wei\u00df alles\u201c, sagte Elisa, als sie sich an den Tisch setzte, \u201eich kenne mich, aber ich kann mir nicht helfen.\u201c Ray sagte jetzt nichts, aber er dachte sich seinen Teil. Die permanente Selbstverj\u00fcngung f\u00fchrt auf den Weg ewigen Lebens. Allerdings fragt sich, ob und mit welchen seelischen Folgen das alternde Gehirn verj\u00fcngt werden kann, wie es mit einem doppelten, dreifachen, mehrfachen Leben fertig wird. Entweder w\u00e4chst der Wille zu sterben, oder die Angst vor t\u00f6dlicher Verletzung wird zur unertr\u00e4glichen hypochondrischen Keule&#8230; Ray atmete tief, er starrte unentwegt die junge Frau an. Unser Leben wird zur H\u00f6lle, wenn wir nicht mehr sterben wollen. \u201eJan wird sie auch nicht retten\u201c, sagte er halblaut, aber keiner h\u00f6rte hin. Jan war aufgestanden. Jetzt fasse ich sie nicht an. Er trat hinter sie und sagte: \u201eKomm mit!\u201c Jan ging mit ihr in einen anderen Raum, ihm war egal, was Ray dachte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alles ging schnell. Die Geschichte raste. Sie tranken Campari, sie sprachen kaum ein Wort, er sagte ihr nicht einmal seinen Namen. Ihre K\u00f6rper sprachen wortlos, unlesbare Grammatik, sie steckten sich gegenseitig in den M\u00fcndern, aber das war alles nur leere Syntax, sie verstanden sich nicht. Die Liebe ist eine gute Medizin f\u00fcr Gesunde, w\u00fcrde Ray sagen, dachte Jan jetzt. Die Frauen sind nicht aus einem Punkt zu kurieren, der Mann schon eher. Mein K\u00f6rper funktioniert, das schmiert die Seele. Ich liebe sie nicht, und das st\u00f6rt mich \u00fcberhaupt nicht. Sie kann mich nicht lieben, das ist ihr gro\u00dfer Schmerz. Sie fasst meinen Schwanz mit verschlagenen Augen, als ber\u00fchre sie sich selbst. Sie hat Angst sich zu verlieren, obwohl sie sich gar nicht hat, ich bin gl\u00fccklich im Tod, weil ich wei\u00df, dass ich immer wieder auferstehe. Ich denke mit meinem K\u00f6rper, der bleibt im Raum der Logik, aber sie reist mit ihren vielen Seelen von Mann zu Mann und findet keine Heimat. Elisa lag auf dem R\u00fccken und schaute mit offenen Augen durch Jan, der \u00fcber ihr lag. \u201eDreh dich!\u201c, befahl sie, \u201eich will dich!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gegen sechs Uhr morgens fuhr Jan Elisa nach Tiergarten. Der Abschied war kurz und gef\u00fchllos. \u201eIch hasse dich!\u201c, sagte sie heftig. \u201eIch nicht\u201c, antwortete er. Sie kehrte aber zur\u00fcck in die Oranienburger Stra\u00dfe, stieg barfu\u00df in den f\u00fcnften Stock des Tacheles, sprang aus dem Fenster, prallte auf das Dach eines leeren Wohnmobils und rollte auf den Asphaltboden des Hofs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Stunden sp\u00e4ter wurde Elisa von Touristen und einer italienischen Schulklasse gefunden. Ein kunstsinniger Mann hatte alles auf Video aufgezeichnet, wie die Puppe im Fenster stand, wie das Manifest deklamiert wurde, den Sprung, den Schrei, das Aufschlagen der Puppe auf dem Wohnmobil, auf dem Asphalt, wo der K\u00f6rper etwa drei Meter vor der Kamera liegen blieb &#8211; die Polizei beschlagnahmte sp\u00e4ter das Band -, und der Mann erkl\u00e4rte der erstaunten Klassenlehrerin, diese Installation \u00fcbertreffe die besten Objekte von Douane Hanson, die derzeit Unter den Linden gezeigt w\u00fcrden. Ein 12-j\u00e4hriger Sch\u00fcler erkannte aber sofort, dass es sich um eine Leiche handelte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Selbstm\u00f6rderin, so das Protokoll der Polizei, sei drogens\u00fcchtig gewesen und habe an Schizophrenie und Depressionen gelitten. Die Obduktion habe als Todesursache ein Sch\u00e4delhirntrauma als Folge des Sturzes ergeben. Es gebe keine Anhaltspunkte f\u00fcr Fremdverschulden. Gegen Jan West wurde nicht ermittelt. In einer Tasche, die Elisa im Tacheles abgestellt hatte, fand die Polizei einen bizarren Zettel: \u201eIch habe mit meinem Vater geschlafen&#8230; meinen Schwanz abgewertet&#8230; Ich kann so nicht mehr leben!\u201c Die Eltern der Toten waren v\u00f6llig \u00fcberrascht von der Selbstt\u00f6tung. Am Tag zuvor hatte die junge Frau noch mit ihrem Vater gesprochen. Zwei Tage vorher soll sie mit ihrer Mutter Pl\u00e4ne f\u00fcr einen Umzug nach Dresden er\u00f6rtert haben, wo sie eine Stelle als Firmenideologin antreten wollte. Auf diese T\u00e4tigkeit hatte sie sich gefreut wie nie in ihrem Arbeitsleben zuvor. \u201eIch r\u00e4che mich am Leben, das mich so verarscht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jan West zerschlug die Bilder im Kopf, als er die Leiche der jungen Frau identifizierte, die zerschmettert auf dem harten Asphalt lag, w\u00e4hrend er immer noch ihre letzten Worte h\u00f6rte, die sie in die Nacht rief. Er streifte sie von seinem K\u00f6rper, das war vor vier Stunden, jetzt malte die Sonne Schatten in die wei\u00dfe Haut. Sie schrie in ihrer letzten Lebensbewegung die Erde an, auf die sie sich st\u00fcrzte. Jan nahm die Augen vom Asphalt, hob den Kopf und schaute nach oben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein Polizist \u00e4u\u00dferte Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Fehleinsch\u00e4tzung beim Auffinden der Leiche: \u201eWeil das Tacheles so makaber und ungew\u00f6hnlich von innen ist, wundert mich das nicht, dass man die Tote f\u00fcr einen Event hielt\u201c, sagte er. \u201eIn dieser verr\u00fcckten Stadt ist nichts abwegig.\u201c In den Tod kann man von jedem Bauger\u00fcst und von jedem Dach springen, dachte Jan, das hat nichts mit dem Tacheles zu tun.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,&nbsp;Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\"><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Donnerstag Abend der letzten Woche lief pl\u00f6tzlich eine junge Frau in die R\u00e4ume der K\u00fcnstlergruppe Beautiful Factory im dritten Stockwerk der Halbruine Tacheles, schrie: \u201eIch mache Schluss!\u201c und zerschnitt Jan West, spoken word artist aus Neuk\u00f6lln, der gerade mit&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/04\/11\/tacheles\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":45126,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-45180","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45180","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=45180"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45180\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=45180"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=45180"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=45180"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}