{"id":45174,"date":"2019-04-21T00:01:12","date_gmt":"2019-04-20T22:01:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45174"},"modified":"2019-04-21T06:49:49","modified_gmt":"2019-04-21T04:49:49","slug":"schlaeuchmaschin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/04\/21\/schlaeuchmaschin\/","title":{"rendered":"Schl\u00e4uchmaschin"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\"><em>\u201eDrei Tage sp\u00e4ter drangen spielende Kinder in das Schwimmbad ein und fanden die Schnapsleichen auf dem Betonboden des tiefen Beckens, die Augen ins Blut gerollt. Bei einem der drei M\u00e4nner steckte das Mundst\u00fcck der Schl\u00e4uchmaschin im zerschmetterten Kopf.\u201c (4. Mai)<\/em><\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Chef war zufrieden, als Raffa sein Gesellenst\u00fcck aus der Hosentasche zog. Zwei ineinander gesteckte Plastikschl\u00e4uche. Eins der drei Enden wird auf den Hals einer Flasche gest\u00fclpt, das entgegengesetzte Ende, das Mundst\u00fcck, zwischen die Z\u00e4hne gesteckt, der Daumen h\u00e4lt das Luftloch zu, bis alles sitzt. Dann l\u00e4sst der Daumen los, der halbe Liter st\u00fcrzt nach unten, die Luft pfeift seitlich raus, das Bier kriegt Fahrt und schie\u00dft in den Rachen (\u201eTurbo\u201c). \u201eDer Winkel muss stimmen\u201c, sagte der Chef, \u201edie Flasche muss stehen, Hals unten, das ganze System muss fest sein. Und was noch?\u201c \u201eKopf hoch und Augen zu!\u201c, sagte Raffa. \u201eGenau.\u201c Lanski nahm die Schl\u00e4uchmaschin in die Hand und pr\u00fcfte den Widerstand des transparenten Materials. \u201eUnd was noch?\u201c, fragte er. \u201eDu musst den Mond \u00fcber der Stirn f\u00fchlen\u201c, sagte Raffa. \u201eGenau\u201c, sagte Lanski. Der Chef hielt die Schl\u00e4uche dicht vor seine Augen und pr\u00fcfte die Fugen. \u201eEin Kunstwerk!\u201c, sagte er anerkennend. \u201eUnd was noch?\u201c \u201eDer G-Punkt\u201c, sagte Raffa, \u201ewenn der Mond aufgeht, im richtigen Moment loslassen, Mund auf, Daumen weg!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schl\u00e4uchmaschin war die Zerschlagung des gordischen Knotens mit anderen Mitteln, dachte Raffa manchmal, nur ohne Schwert, das Ganze im Kopf, unten bewegt sich nichts, genial, der innere Abgang war bombig, K\u00f6rper und Geist eine Einheit. Heute Morgen sprachen sie in Geschichte \u00fcber Alexander den Gro\u00dfen. Ein Stratege an allen Fronten. Dem war kein Loch zu gro\u00df, dachte Raffa, der fand jedes Loch und steckte sich da rein, oben und unten. Wahrscheinlich hatte Alexander die Vision, der Indus str\u00f6me aus tausend Wodkaquellen, oder noch besser, er sei die Verfl\u00fcssigung der sch\u00f6nsten M\u00e4dchen Indiens. Aber dann&#8230; der Winter in Samarkand&#8230; Klitus&#8230; mein Lebensretter&#8230; Schwarze Schl\u00e4ge pulsten durch seinen Kopf. Ich erschlage nicht meinen besten Freund im Rausch! Raffa vernetzte alle Stoffe der Welt. In Mathematik nahmen sie gerade das G\u00f6delsche Band durch. Nat\u00fcrlich sah er in der Entstehung einer einzigen Ebene (bei\u00a0 Drehung des Bandes um 180 Grad) die Mathematisierung des Gordischen Knotens, ein Bild f\u00fcr die Verschmelzung von Realit\u00e4t und Rausch, das Unendlichkeitssymbol als endg\u00fcltige Formel f\u00fcr die Schl\u00e4uchmaschin! Immer und immer trinken!, das ist die L\u00f6sung, sagte sich Raffa. \u201eFunktioniert das Ding auch?\u201c, fragte Lanski. \u201eKlar!\u201c, sagte Raffa, \u201edie Flasch war weg wie nix!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In der Nacht zum 1. Mai fand im H\u00f6hengebiet das Saufexamen der Junggesellen statt. Die 16-J\u00e4hrigen hatten schon lange ge\u00fcbt, zwei Jahre, drei Jahre, aber darauf kam es gar nicht an. Es war v\u00f6llig egal, wieviel einer vertrug. Heute ging es nur um die erste Stufe der M\u00e4nnlichkeit. Raffa kannte das alles schon aus eigener Anschauung. Heute Abend musste er trinken bis zum Erbrechen. Danach gingen sie mit Lanski \u00fcber die D\u00f6rfer und stellten ihre Maib\u00e4ume an die Fenster der M\u00e4dchen. Lanski war ein guter Chef, er machte den Job schon seit zwanzig Jahren. Er f\u00fchrte die Jungen hart aber gerecht in die lange Nacht der kontrollierten Trunkenheit, aus der er selber noch immer nicht auftauchen wollte. Er f\u00fchlte sich wohl in seiner Rolle. Keine Frau st\u00f6rte ihn in dieser Nacht, die er beherrschte wie kein anderer. Lanski war ein weit \u00fcber die Grenzen des H\u00f6hengebiets hinaus bekannter Meister der Nacht. Er soff wie ein Fass ohne Boden, aber er verlor nie den Halt unter den F\u00fc\u00dfen. Er war ins Zentrum von Bier und Wodka vorgedrungen und kannte das Geheimnis des Korns. Je mehr er trank, umso klarer wurde sein Geist in der Nacht, die er zum Tag machte. Lanski war nicht frauenfeindlich oder anders herum gestrickt. Im Gegenteil. Die Frauen waren seine zweite Sucht, mit der er die erste rechtfertigte. Er nahm die Frau wie ein Glas Wasser zwischendurch. Vor dem Wasser m\u00fcssen wir uns in Acht nehmen, sagte er immer wieder zu den Jungen, im Wasser ers\u00e4uft der Mann. Raffa h\u00f6rte ihm gern zu, wenn er so redete. Die Frau war die sch\u00e4rfste Feindin des Biers, die will ich nicht trinken, ich will mich selber saufen. Er dachte die ganze Zeit nur an seine beiden Freunde, Tom und Jansen. Jansen war aus Frohngau, Tom aus Rohr. Sie wollten nach dem Aufstellen der Maib\u00e4ume zu Raffa nach Nitterscheid kommen. Dann weiter mit den Mopeds zum Wei\u00dfen Wald \u00fcber der Steinbachtalsperre. Dort wollten die drei Jungen die Hauptprobe bestehen, an die Grenze der definitiven Bet\u00e4ubung gehen und sehen, was dahinter liegt. Schon oft hatten sie \u00fcber den finalen Schluck diskutiert, die wahre Probe. \u201eDer letzte Schluck ist immer der beste\u201c, behauptete Jansen. Er liebte die Nacht so sehr, dass er den Tag hasste. Tom hielt dagegen, dass es besser sei, die lange Nacht aufzuteilen, damit man mehrere N\u00e4chte habe, um den Tag zu verachten. \u201eDu musst die Nacht verd\u00fcnnen, damit sie l\u00e4nger wird\u201c, meinte er. Jansen sagte, diese Liebe sei nicht wirklich konsequent. Die Verd\u00fcnnung der Nacht sei schon die Anerkennung des Tages, die Verwerfung des Gl\u00fccks. Raffa hielt sich da raus, er sagte nichts, er stand aber mehr auf der Seite Toms und wollte sich neben den N\u00e4chten auch lieber noch eine T\u00fcr offen lassen. Vielleicht ist die Frau ja der allerbeste Stoff, mit dem ich mich vollknalle, um den Tag zu ertragen. Das war nur so eine verschwommene Ahnung, meist im Suff. N\u00fcchtern sah er das Gegenteil, die Frau als Stoff f\u00fcr den Tag, langfristig die bittere Pille. Die drei J\u00fcnglinge setzten sich unter den Mond, der durch die Birken\u00e4ste in die Augen stach. Alles war l\u00e4ngst beschlossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jeder haute sich eine Flasche Wodka mit der Schl\u00e4uchmaschin in den Hals. Jeder eine Flasche mit den zwei T\u00fcren. Gleichzeitig, von Hals zu Hals. Sie rissen sich die Kleider vom Leib und gingen los. Raffa ging etwas krumm. Er hatte pl\u00f6tzlich einen Traum oder eine Erinnerung oder ein Bild. Mir fallen die Arme aus der Schulter, die Beine aus der H\u00fcfte, jetzt f\u00e4llt der Rumpf, platsch. Mein Kopf schwebt \u00fcber der Wanne, im kochenden Wasser schwimmen die Knochen, ich habe mich in die Wanne gew\u00fcrfelt. Die Augen verdampften.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie erreichten das Schwimmbad, tasteten nach dem Loch im Zaun und krochen durch die T\u00fcr zur Nacht. Sturzbesoffen zogen sie sich die Schl\u00e4uchmaschin \u00fcber die Schw\u00e4nze und bestiegen den Zehn-Meter-Turm. Jansen sprang mit einem langen Schrei, der in der Luft zerbrach. Tom sah Jansen unten, der hatte die wei\u00dfen Arme weit ausgestreckt und winkte: Spring! Tom nahm Anlauf, stolperte vorn am Sprungbrett und fiel, ein Sack, in die Tiefe. Raffa h\u00f6rte das Wasser aufspritzen, wie Wodka aus der Schl\u00e4uchmaschin, federte auf dem Brett mehrmals hoch, und sprang, w\u00e4hrend Turm und Becken im Salto um ihn herumh\u00fcpften, mit ausgebreiteten Fl\u00fcgeln in die schaumige Luft. Stockdunkel. Null Mond.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDrei Tage sp\u00e4ter drangen spielende Kinder in das Schwimmbad ein und fanden die Schnapsleichen auf dem Betonboden des tiefen Beckens, die Augen ins Blut gerollt. Bei einem der drei M\u00e4nner steckte das Mundst\u00fcck der Schl\u00e4uchmaschin im zerschmetterten Kopf.\u201c (4. 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