{"id":45169,"date":"2019-10-02T00:01:42","date_gmt":"2019-10-01T22:01:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45169"},"modified":"2019-09-30T18:17:41","modified_gmt":"2019-09-30T16:17:41","slug":"terres","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/10\/02\/terres\/","title":{"rendered":"Terres"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\"><em>Verblutung<\/em>. Wer an das G\u00f6ttliche glaubt, glaubt doch nur an sich selbst, sagt Terres, der Orgler, der Glasperlenspieler und Komponist des Selbstgesangs.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Herbst war die neue Orgel fertig, gebaut nach seinen Pl\u00e4nen. Eine Orgel ist eigentlich nie gro\u00df genug, dachte er. Die Musik kommt dahin, wo sonst nichts mehr hinkommen kann. Terres dachte an das Nichts. Ich will versanden. Ich bitte die \u00c4rzte, gebt mir den kleinen Stoff, der mich ins Nichts hineinrauscht, ich will nicht mehr. Warum gebt ihr mir nicht das finale Pulver? Ich kann mich nicht in die Wanne legen. Ich wei\u00df, ich wei\u00df, ich kann mir die Ader im Arm aufschlitzen und sterben wie Seneca. Ich liege im warmen Bad, das Blut flie\u00dft langsam aus dem faulenden K\u00f6rper, aber wie komm ich dann aus der Wanne wieder raus? Der Tod liegt auf meiner Wirklichkeit. Terres sp\u00fcrte, wie das Nichts zu ihm kam, das er so oft schon ersehnt hatte. Morgen bin ich tot \u2013 eleison! Das Leben ist ja weniger als ein M\u00fcckenschiss. Ich habe nichts verloren, wenn ich tot bin. Das dachte er Tag f\u00fcr Tag, wenn er seine Augen an die Fassaden der Kathedralen heftete und ihr Ma\u00dfwerk in Musik verwandelte. Mein Licht wird immer matter, aber ich brenne, ich schreibe, schreibe, schreibe, damit ich nicht ganz untergehe, wenn ich verasche, ich schreibe die Noten gegen das Nichts, meine Blutkritzeleien, bevor die Augen wegrollen, bevor mein Hirn vertrocknet. Das ist alles so paradox! Terres wollte sterben, aber wenn der Tod ihn einlud \u2013 komm mit, du Schl\u00e4fer in deiner Orgel, die so viel Luft braucht, du Peitscher, Tonfarbenmischer du, Mixturenschl\u00e4ger, ach, glaubst du wirklich, dass ich dich erschlage \u2013, dann wollte er nicht sterben, nicht jetzt, nicht so, aber mit einer schnell wirkenden Pille sofort. Gestern war ich in der Zukunft, dachte er. Heute bin ich zur\u00fcck. Ich wei\u00df nicht, wo ich bin. Ich will nicht leben, ich will tot sein, weil ich nicht elend verrecken will, mich hat ja keiner gefragt, ob ich leben will. Ich wollte, als ich da war, als ich ungefragt leben musste, meinen K\u00f6rper loswerden. Mein Fleisch verfault, die Augen sind schon tr\u00fcb. Die ganze Zeit arbeite ich gegen meinen Tod. Orgelf\u00fcrze. Ich habe Angst, ich verstinke. Nach der Ewigkeit liege ich bei den Irrt\u00fcmern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Terres dachte, er kippt jetzt um und verliert das Bewusstsein, so sehr verd\u00fcnnte sich die Kraft. Der Gedanke schoss ihm durch den Kopf, dass er genauso ungefragt wieder ging, wie er kam. In diesem Augenblick wollte er leben, nicht ganz, nicht alles, nur der Kopf, nicht der K\u00f6rper, nicht die faulenden F\u00fc\u00dfe, nicht die gezeichnete Haut, nur das, was in ihm dachte, fand, erfand, erschuf, das sollte sein \u2013 eine musikalische Chiffre f\u00fcr den Schluss. Terres schlug ein Buch auf, suchte einen trockenen mathematischen Cantus\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was Gott tut, das ist wohlgetan; | es bleibt gerecht sein Wille. | \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Text war ihm egal, die Melodie aber war stark. Terres schrieb die Noten in die Linien. Absurd das alles, ich ende, ich schreibe jetzt das Letzte, das ich sagen kann, von meiner Hirnschwarte runter. Die G\u00f6tter tropfen von der Leine. Bald bin ich tot und schweige\u2026 Er kritzelte den Chorsatz nieder und verga\u00df sich. Er dachte nicht: Ich will mich erschaffen in meinem Werk. Er dachte nur: Ich muss die Noten sauber schreiben, kopieren und jemandem bringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Terres ging in die Nacht. Er trug nur seine Haut. Und die Noten. Weg sein will ich, weg. Das ist alles. Er wankte. Das war\u2019s gewesen. Es kommt nichts mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist alles so ein ungeheurer Scherz, dachte Terres, die werden doch alle glauben, wenn ich tot bin, dass ich in meiner letzten Stunde auf einmal doch noch angefangen habe zu glauben, zu glauben, wo Gott doch schon tot war, als er geboren wurde, und dass ich fromm geworden bin auf der Zielgeraden \u2013 weit gefehlt, da irren sich aber alle, und so entstehen die Legenden, die alle falsch sind, immer. Gott verschwindet, sage ich, noch nicht einmal in meiner Musik, auch wenn ihr mich nicht h\u00f6rt, dachte Terres, weil nicht verschwinden kann, was es nicht gibt &#8211; au\u00dfer mir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Misten<\/em>. Bis zu seinem Tod hatte Terres den Stall, das Haus mit der schwarzen T\u00fcr, mit herkulischer Kraft gemistet. Ich muss mir einen Wahn ausdenken, sagte er immer wieder, nach dem ich leben kann. Da lagen die Werke alle auf dem Boden, im Flur, in allen Zimmern, bis ins Bad hinein waren sie von Mal zu Mal gefallen, wenn Terres in seinem Schreibwahn durch die R\u00e4ume ging und gegen die Sedimente stie\u00df, die auf allen Kommoden, Tischen und St\u00fchlen lagen, auf dem Fl\u00fcgel auch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im Winter heizte er nicht. Das ganze ausgetrocknete Papier entz\u00fcndet sich fast von selbst, sagte Terres, als ihm der B\u00fcrgermeister vorschlug, die alten Kanonen\u00f6fen mit Briketts zu befeuern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wichtiger als das Gl\u00fcck, dachte er, ist der Schmerz der dauernden Geburten! Ich bin nur gl\u00fccklich in meinem Ungl\u00fcck\u2026 Terres fror nicht. K\u00e4lte trieb ihn an, W\u00e4rme macht faul. Das Bisschen W\u00e4rme und Durchblutung, damit die morschen Knochen nicht zerbrachen, erzeugte er mit der Kraft seiner Einbildung. Die Hand schrieb den K\u00f6rper warm. Ich h\u00f6re meine Musik, ehe die Noten in den Linien stehen, sagte er, Seilt\u00e4nzer und Linienturner, da wird mir schon w\u00e4rmer. Wenn ich den Abgrund aufmache, den H\u00f6llenschlund meines Ichs, das die Apokalypse der Weltseele widerspiegelt -, wenn die Seelenmathematik, die ich schreibe, in mir brennt -, dann wird mir so hei\u00df, dass ich mir die Kleider von den Gliedern rei\u00dfe. Ich grabe mich ein im geschichteten Papier, das mich k\u00fchlt und beruhigt, das die rote Farbe, die mir in die Augen stieg, wieder ausw\u00e4scht. Ich brauche keine Badewanne.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Eines Tages \u2013 Terres schl\u00e4ft ein in den Seiten, nur der Kopf schaut heraus \u2013 besucht ihn der Ausl\u00f6scher und will die Bl\u00e4tter anz\u00fcnden. Aber nichts brennt. Terres wacht auf. Steigt aus dem Papier. Steht nackt und wei\u00df im Fl\u00fcgelzimmer. Er brennt, die Flammen schie\u00dfen wie bei einem Feuerschlucker, der ausatmet, aus dem Schwanz zu den schwarzen Tasten des Klaviers. Aber die brennen auch nicht. Musik erklingt. Jetzt brennt es heraus aus dem Nabel, dann aus dem Mund, Terres wird zum Feuerofen, immer roter. Aber der Mann steht, und die Hand schreibt eine Komposition in die Luft. Der Schwanz, ganz schwarz, verkohlt, f\u00e4llt vom Leib, die Z\u00e4hne klirren auf dem harten Holz, dann fallen die gl\u00fchenden Augen zu Boden und kullern ins Papier, aber nichts entz\u00fcndet sich im Zauberberg der Notengletscher, noch immer steht der Mann aufrecht zwischen den Bergen, ganz verloren auf dem Gipfel der Ebene \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Terres stirbt. Terres stirbt Tage und N\u00e4chte, das Haus wird hei\u00dfer und hei\u00dfer, die Papiere kr\u00fcmmen sich, aber sie brennen nicht, aus den Fenstern spr\u00fcht das Licht der Musik wie ein feiner roter Nebel. Mitten in der Nacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der ganze Ort str\u00f6mt zusammen auf dem Platz vor der Kirche. Das Licht, das der Sterbende aus dem Haus wirft, prallt gegen die Westfassade der Kirche und erleuchtet den ganzen Platz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Menschen summen auf einmal alle. Leise zuerst. Kammerton. Dann steigt der Ton, wie eine Sirene, immer h\u00f6her, ganz langsam schwillt die St\u00e4rke an, die versammelte Stadt wird zum Chor, ein gro\u00dfes Halleluja dr\u00f6hnt \u00fcber den Platz. Sie singen alle Notenberge, die Terres schrieb, gleichzeitig, alle Werke t\u00f6nen aus tausend Kehlen, eine Tausendfuge, geschmolzene Polyphonie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hirn im Sch\u00e4del. Terres sah nicht die vielen, die auf dem Platz im Schein der Musik standen, aber er h\u00f6rte sie. Und wenn ihm die Ohren wie welkes Laub vom Kopf zur Erde fielen, er h\u00f6rte alles. Es war alles in ihm. Der Gesang der Stadt war seine Sch\u00f6pfung. Sie sangen stark. Verausgabung. So laut. So ein kollektiver Schrei, so unerh\u00f6rt, dass Terres glaubte, bald leben sie nicht mehr, sie sterben noch vor mir. Sie hatten Pech, sie starben nicht an ihrem Gl\u00fcck und mussten weiterleben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Terres trat ans Fenster im ersten Stock. Da stand er und glomm. Kalt strahlte Abrahms Bart. Das Geziefer drin fror nicht. Von innen kam das Schwarze und griff nach dem Rot, stopfte das Maul ihm und schn\u00fcrte den Hals zu. Terres bekam keine Luft mehr, schluckte das eigene Feuer, in dem er ertrank. Ich saufe die Funkenbr\u00fche hier, dachte er zuletzt, und wei\u00df nicht, ersticke ich oder ertrinke ich nun, oder ist es dasselbe.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2026 die Frau am Kreuz gebiert den neuen Menschen! Terres f\u00fchlte, wie die Frau sich in den Wehen wand, die stahlblauen N\u00e4gel hielten die Zeugung zusammen, der Schmerz war s\u00fc\u00df. Er schmeckte das Blut, das aus H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen zu Boden rann. Gleich schreit die Wunde, dachte Terres, gleich singt er mit, der neue Mensch zwischen den Beinen. Da f\u00e4llt er heraus! Das Weib schlie\u00dft die Augen, w\u00e4hrend das Kind ins Rote taucht, aufsteht und lacht. Dann rennt es davon und dehnt die Nabelschnur und zieht sie \u00fcber die ganze Erde, bis sie rei\u00dft, sie rei\u00dft, sie rei\u00dft mit einem saugenden Zischen die Luft \u00fcber dem Platz weg, Atemnot, das Kind st\u00fcrzt auf die Steinplatten, reibt sich an der Erde wund, steht wieder auf und schaut dann hinauf in den Spalt des Nichts. Da hat sich der dunkle Himmel versteckt. Die Luft, die zum Singen jetzt fehlt. Nun schnappen alle nach der Leere, bei\u00dfen sich fest in der Tonlosigkeit des Spalts und sp\u00fcren, wie ihnen die Kraft aus dem Leib schie\u00dft. Gleich kippen sie um, denkt Terres, liegen flach mit ausgestreckten Gliedern auf dem Platz, zwischen mir und der Kirche, zwischen Erde und Himmel, luftlos, schmerzlos, sang- und klanglos, matt und schon so gut wie tot. &#8211; Dann aber klingt die Leere selbst! Und alle h\u00f6ren, wie die Tochter ihr Lied ans Kreuz nagelt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bilder trennen sich von den Inhalten \u2013 die Musik ist gel\u00f6st von allen Bildern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Drau\u00dfen stampft die Masse auf dem Platz mit den Beinen im Rhythmus des Atems, Schluck um Schluck zuckt das Feuer d\u00fcnner im Hals, Terres verliert den Halt auf den F\u00fc\u00dfen, st\u00fcrzt nach vorn, h\u00e4ngt mit dem aschenen K\u00f6rper \u00fcber der Fensterbank \u2013 bis zuletzt der Rumpf nach unten f\u00e4llt, vor die Stufen der schwarzen Haust\u00fcr, die schon verkohlt war, ehe sie nun noch einmal brennen muss. In diesem Moment stehen sie still, alle, der Gesang erstickt, die Beine ertrinken im Schritt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Verwurstung<\/em>. In der Wurstfabrik. Hier werden die Leiber aufgestallt, das sehen Sie dann. Wir gehen jetzt immer von einer h\u00f6heren in die niedrigere Hygienestufe. Auf der h\u00f6chsten kommen die W\u00fcrste fertig aus der Maschine. Die Verpackerinnen ber\u00fchren sie kurz mit wei\u00dfen Handschuhen. Auf einem Aussichtssturm sitzt ein Mann und \u00fcberwacht die Packerinnen. Dann steigen wir hinunter. Kompliziert vernetzte F\u00f6rderschienen, zahllose rohe Fleischst\u00fccke schweben durch den Raum.<br \/>\nTerres schaut von oben auf das Schienengeflecht, M\u00e4nner, die wei\u00dfe H\u00fcte tragen und jedes Fleischst\u00fcck mit Messern \u00f6ffnen. Hier sehen Sie die Schlachth\u00e4lften, sagt der Schlachtmeister. Viel L\u00e4rm, Motors\u00e4gen, Haken, die aufs Blech knallen, Schlachth\u00e4lften baumeln an Haken in langer Reihe. Auf dem F\u00f6rderband grob behauene St\u00fccke, Arbeiterinnen entknorpeln H\u00fcftknochen in ein Bodenloch. Wurstfleisch aus der Feinzerteilerei. Br\u00fchkessel. Vom Band tropfen feuchte St\u00fccke. Der Boden glitschig \u2013 d\u00fcnner Film zermalmter Schnecken. Karren voller roter Chips. Blutplasma, sagt der Schlachtmeister. In der Halle schreie ich, ich sehe Dampf. Der kommt aus dem Fleisch, das ist die W\u00e4rme nach der Zerteilung. S\u00e4gen kreischen, Dampf br\u00fcllt, Wasser zischt. Dann die Borstenbrennmaschine \u2013 aus der Trommel kommt der L\u00e4rm der Schlachtk\u00f6rper, die rotieren \u00fcber der Gasflamme.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Terres denkt: Hier ist alles wie Glas, alles ist klar, ich sehe mir an, wie sie mich verwursten, aber wenn sie mich verwursten, verwursten sie sich selbst. Die sind auch nur aus Fleisch. Zum Ende\u2026 Zum Ende alle Dinge so betrachten, wie sie vom Standpunkt der Erl\u00f6sung sich darstellen, das ist es! Erkenntnis hat kein Licht! Mein Gott, der Schlachtmeister, sch\u00f6n bist du, agios o theos, sanctus Deus, sanctus fortis, agios ath\u00e1natos, el\u00e9ison imas, sanctus immortalis\u2026 Wie sch\u00f6n bist du, Schlachtmeister, ich will deine Haut streicheln. Du bist sch\u00f6n, dulce lignum, so sch\u00f6n, ich will dich, denkt Terres, als er zusieht, wie der Schlachtmeister die Risse und Schr\u00fcnde offen\u00adbart, ohne Willk\u00fcr und Gewalt, ganz aus der F\u00fchlung mit den Gegenst\u00e4nden heraus. Darauf allein kommt es dem Denken an, denkt Terres. Die Technik in dieser Fabrik ist das Allereinfachste. Terres ahnt, wie sie, einmal ganz ins Auge gefasst, zur Spiegelschrift ihres Gegen\u00adteils zusammenschie\u00dft. Er erkennt nun den Schlachtraum als Kirche seines Lebens. Vor ihm steht der junge Schlachtmeister, den er liebt, der nichts wei\u00df von dieser Liebe. Durch den zarten Leib mit Wut * bohr ich Dorn und Nagel * Wasser flie\u00dft heraus und Blut * Erde, Meere, Sterne, Welten * waschen sich in dieser Flut. Terres ist hei\u00df, das Blut steigt ihm zu Kopf. Ich allein bin ausersehen. Das ist mein Schlachtaltar. Das ist meine Arche, da bin ich dem Untergang entrissen. Schlachtmeister, spanne dein Glied aus auf zartem Schaft! Aber es ist ganz unm\u00f6glich. Ich will ihn ber\u00fchren, ich will eine Antwort vor der letzten Verneinung, aber er schaut gar nicht zu mir hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich sp\u00fcre: Je leidenschaftlicher ich mich gegen mein Bedingtsein abdichte um des Unbedingten willen, umso bewusstloser falle ich. Ich wei\u00df nicht, was ich mehr liebe, die Musik oder die Menschen. Jetzt sehe ich nur noch Symbole, alt bin ich, wo ich kaum noch sehe, was ich sehe. Wie sch\u00f6n die dreigeteilte Schlachtbank! Die Technik der T\u00f6tung ist die Theologie unserer Zeit. Ich bin Abraham! Ich bin Isaak! Ich t\u00f6te mich. Meine eigene Unm\u00f6glichkeit muss ich noch begreifen um der M\u00f6glich\u00adkeit willen. Ob ich mich erl\u00f6sen kann, ist mir egal.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier werden die St\u00fccke gewaschen, sagt der Schlachtmeister, hier schlittern sie aus der Borstenbrennmaschine, hinter dieser T\u00fcr. Sind da Haare? Terres! Ist das Blut? Diese ernste Halle ist nur eine Naht zwischen Fleisch und Tier, ein \u00dcbergang. Hier sehen Sie, wie der Arbeiter die Augen aussticht, gleichzeitig h\u00f6ren wir die Schlachtung. Was ist denn das?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die K\u00f6nigin der Nacht, sagt der Schlachtmeister, spitze Koloraturen im Spr\u00fchregen der Sprenkleranlage. Sanft berieselt sollen sie entspannt auf die Schlachtbank, wir wollen Qualit\u00e4tsfleisch. Da ist die Bet\u00e4ubungsbucht. Hier das Schlachtband, eine R\u00f6hre. Schreie aus den Bet\u00e4ubungsk\u00f6rben. In der R\u00f6hre bewegen sich zwei Leiber vorw\u00e4rts, stauen sich, warten, r\u00fccken vor. Zwei bewusstlose Schlachtk\u00f6rper rutschen auf ein Blech. Zu eng. Manchmal kriecht der eine K\u00f6rper auf den R\u00fccken des anderen. Sie laufen ins Helle. Ich renne weg, schwebe in den Schacht zum Kohlendioxyd-See, in dem ich versinke. Ein Arbeiter schl\u00e4gt mich mit dem Morgenstern. Die Dornen sind stumpf, sagt der Schlachtmeister. Ich kr\u00fcmme mich, kann nicht zur\u00fcck und nicht nach vorn. Dann bin ich wieder wach.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Terres steht hinter dem Schlachtmeister. Ich stehe hinter dir. &#8212; Terres! Was tust du da! Terres! Agios o theos! Terres st\u00f6\u00dft den Schlachtmeister in den Schacht. Es war\u2026 Es war, als h\u00e4tt die Erde, ich wei\u00df nicht was ich tat, den Himmel totgek\u00fcsst\u2026 Ich wei\u00df nicht, was ich tu. Kyrie el\u00e9ison.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Schlachtmeister: Sehen Sie, dieser Mann h\u00e4ngt die Bet\u00e4ubten auf. Er treibt einen Haken durch die Fu\u00dfgelenke. Vita tollitur. Kopf\u00fcber baumeln die Bewusstlosen an der F\u00f6rderschiene in den Tod. Ein anderer Arbeiter steckt ihnen den Schlauch mit der Speerspitze in den Hals. In den Schlauch verbluten sie. Er nimmt die Lanze jetzt wieder raus. Blut sprudelt \u00fcber seine H\u00e4nde. \u00dcber einem gekachelten Trog h\u00e4ngen die Geschlitzten, rote F\u00e4den am Hals.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Terres erschrickt nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">So, sagt der Schlachtmeister, ich darf Sie jetzt bitten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Schlachtung<\/em>. Terres zog die schwarze Ledermaske \u00fcber die Stirn. Das Leder schloss die Augen. Zehn Schritte nur vom Hungerstall zur Nacht! <em>sog und strudel<\/em>. Es ist Zeit, dachte er, ich stehe auf dem Gipfel meines Lebens, jetzt falle ich am allerbesten. An der T\u00fcr zum Schlachtzimmer blieb er einen Moment stehen, unter den F\u00fc\u00dfen sp\u00fcrte er das Laub seiner Musik. <em>bedrohung und angst. <\/em>Oben unter der Decke war das System. Auf der Schiene lief das Rad, an dem die Stange hing mit dem scharfen Haken. <em>versagen und zusammenbruch. <\/em>Terres setzte den Federbolzen an die Stirn. Die Maske sch\u00fctzte ihn vor dem letzten Blick in die Welt. <em>begegnung und angst. <\/em>Die Beine knickten ein und der K\u00f6rper sackte zusammen. Wenn die Kirche birst, scheint das Mauerwerk langsam ins Tal zu fallen. <em>solidarit\u00e4t in der not. <\/em>Terres trieb die Feder durch den Sch\u00e4del ins Hirn. Er lie\u00df sie vibrieren, dann zog er sie heraus. <em>tuch und wahrheit. <\/em>Er schlitzte nun mit dem Messer den Hals auf, das Blut floss ins Laub. Das ist der Wundrand. Die Zunge fiel ihm aus dem Mund.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er schnitt die Zunge ab und h\u00e4ngte sie sp\u00e4ter neben den Kopf und die Leber. Kopf, Zunge, Leber h\u00e4ngen immer in einer Reihe. <em>schlagstock und schreibtischkommando. <\/em>Die Kiefer klafften. <em>fluch und sinnlosigkeit. <\/em>Auf dem Laub waren Flecken hellen, zinnoberroten Bluts, der Farbe des Mohns. Terres lag auf dem R\u00fccken. <em>schw\u00e4che und zusammenbruch. <\/em>Im Stich gelassen von Blut und Hirn, kr\u00fcmmte sich der K\u00f6rper, die Beine stie\u00dfen in die Luft. <em>entbl\u00f6\u00dfung und entsetzen. <\/em>Dann schlitzte er die Beine auf und steckte die Haken hinein, dr\u00fcckte den Knopf und setzte den elektrischen Hebezug in Gang. <em>aufspie\u00dfen! annageln! <\/em>Der K\u00f6rper wurde hochgezogen und auf dem R\u00fccken in den Wagen gesenkt. Unter der Haut ist die Haut wei\u00df. <em>verzweiflung und tod.<\/em> Er \u00f6ffnete sich vom Hals bis zum Schwanz, bis er zu einem aufgekn\u00f6pften Mantel wurde. Dann zerhackte er das Brustbein. Er wird Fleisch. <em>erstarrte gesichter der trauer.<\/em> Er schiebt sich an der Schiene zur Waage. Drei Euro das Kilo. Er bekommt nichts f\u00fcr die Zunge, die Leber, den Kopf, die D\u00e4rme. <em>umkehrung und offene himmel.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Bierbei\u00dfer<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin f\u00fcr mich die letzte Instanz<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das ist auch eine Kunst, dachte Terres, als er sich in den Auslagen der Metzger sah. Die Farbe des Fleischs in den gek\u00fchlten Glastheken ist die Farbe meiner Kunst. In der ganzen Stadt verkauften sie die Terres-W\u00fcrstchen und Bierbei\u00dfer. Das Fressen ist die Hauptsache im Leben. Aber das Fressen ist nur ein Weglaufen vor dem Tod, genau wie die Arbeit des K\u00fcnstlers, meine Arbeit. Da haben sie mich nun verwurstet und fressen mich noch einmal auf. Terres stellte sich in die lange Schlange vor dem Gesch\u00e4ft des Metzgers. Was trieb die Leute so an, was war dran an den Bierbei\u00dfern. Das wollte er wissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Darf es etwas mehr sein?, fragte die Verk\u00e4uferin, als sie den Aufschnitt wog. Terres fand die Frage, von seinem Standpunkt aus betrachtet, dilettantisch, vom Gesch\u00e4ftsinteresse her aber nicht so falsch. Ob ich alles aufesse, steht ja sowieso auf einem anderen Blatt, dachte er. Ja, sagte er. Das macht genau einhundertsieben Euro, sagte die Frau. Schreiben Sie an, sagte Terres, soviel Geld habe ich nicht bei mir. Tut mir leid, sagte die Frau, wir schreiben nicht an. Sie kennen mich doch!, sagte Terres. Das spielt keine Rolle, sagte sie, wir haben genug Kunden. Das war ungeheuerlich. Warum kaufen die Leute nicht die billige Wurst? Satt werden sie doch dann auch. Ich wei\u00df auch nicht, sagte die Verk\u00e4uferin, die Leute machen Schulden bei der Bank, alle wollen Ihre Wurst, vor allem die Bierbei\u00dfer gehen weg wie warme Semmeln. Warme Semmeln, dachte Terres, ich bin doch keine warme Semmel. Terres verlie\u00df den Laden. Gut dass ich nichts gekauft habe, sagte er sich, es w\u00e4re zu eitel gewesen. Er ging durch die Stadt, \u00fcberall Schlangen vor den Gesch\u00e4ften. Sie verkauften ihn auch beim B\u00e4cker, in der Eisdiele, in der Drogerie, in den Restaurants.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, das wusste er schon lange. Wieviel Brot habe ich gebraucht in meinem Leben? Er ging auf die Kirche zu. Die F\u00fc\u00dfe taten ihm weh. Das Westwerk stach in die Augen, da wird mir noch schwindliger als bei Richters grauen Schwindelbildern. Er ging zu seiner Orgel. Die ist mein bestes Bett. Auf dem Altar stand der Kopf. Terres ahnte, was er sah, da stand der Kopf, der Priester hatte alles vorbereitet, T\u00f6pfe, Schalen, L\u00f6ffel, Messer, Gew\u00fcrze, alles stand auf dem wei\u00dfen Stein. Dar\u00fcber das Kreuz. Das ist mein Kopf! Terres griff mit der Hand zum Hals, da lie\u00df er die Hand ruhen. Ich will es nicht wissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man nehme einen Kopf, sagte der Priester, als er den eisernen Gro\u00dftopf auf das offene Feuer stellte \u2013 er nimmt doch nicht das ewige Licht? \u2013 und mit dem Messer das Maul und die Fettbacken ausschnitt, mit dem Schlagbeil die Ohren abhackte, die Hirnschale ausgoss, Zwiebeln zugab mit Nelken und Lorbeerblatt, w\u00e4hrend der Ministrant zur Rechten aus seiner kleinen Hand die Senfk\u00f6rner sch\u00fcttete, der Ministrant zur Linken einen gestrichenen L\u00f6ffel mittleren Knatsch zugab, bis das Salzwasser kochte, aufsch\u00e4umte, verdammt, Terres sah nichts mehr, das Ohrl\u00e4ppchen setzt an, das absolute Ohrl\u00e4ppchen!, flach auf den Grund des Topfs gepresst. Aber da sch\u00f6pfte der rechte Ministrant mit der Schaumkelle den grauen Seim ab, um Klarheit zu schaffen, die Gerinnung des Knatschs, diese ohnm\u00e4chtige hormonische Passion, die den Schaum verw\u00e4ssert, wenn wir sie nicht schnell und beherzt einr\u00fchren. Zwei \u00c4pfel, gesch\u00e4lt, Exstirpation des Kerngeh\u00e4uses, zerscheibt und unverzuckert, wirft der linke Ministrant ins K\u00f6cheln, sticht probeweis ins fett gebackte Kopffleisch, sammelt die auf dem Topfgrund klopfenden Z\u00e4hne ein, gefallen aus bl\u00fchendem Zahnbett. Gelee gebiert sich w\u00e4hrenddessen aus der Haut der Ohren, spaltger\u00e4ndert und, gemischt mit Splittern vom Klitter der Knochen, w\u00e4chst sandig knirschender Schleim geplatzter Pupillen, Mund und Rachen sch\u00e4len sich, unschnittiger Knorpel gallertiert und will, geschabt vom Messer, ein letztes Wort, doch schn\u00fcrt die immer noch hornige Luftspeiser\u00f6hre den Knatsch noch fester zu, obwohl &#8211; das gew\u00fcrfelte Fleisch der Weichteile, das gesammelte Fett im Gurkenbad, im Pfefferwind, im Zwiebelsud und Kapernschock, der langsam eingedickte Knatsch begehrt sich selbst und will, dass es sich m\u00f6glichst hoch verliert.\u00a0 Nimm auf die makellose Gabe!, dachte Terres, als er sah, wie der Priester, den er verachtete, den Gro\u00dftopf von der kleinen Flamme hob, f\u00fcr die unz\u00e4hligen Beleidigungen und Nachl\u00e4ssigkeiten, lebende und abgestorbene, die ihr mir zuf\u00fcgtet, als ich noch unter euch weilte. Ich bin nicht euer Engel im Bett, ich schlafe nicht mehr mit euch. Das ist vorbei. Der Priester goss ein wenig Wasser in den Topf, dessen Inhalt sich unsichtbar verwandeln wird. Da opfern sie den Topf mit unzerknirschten Herzen \u2013 meine Kopfs\u00fclze! Das kann mir nicht gefallen, wie sie mich fressen! Du dummer Topfheiliger!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Terres stieg zur Orgel hoch, accendat tempestatem!, und mitten in das unheilige Opferspiel blies er den Sturm, bl\u00e4hte alle Segel des Schiffs, bis sich die Masten bogen. Das Feuer erlosch \u2013 so sehr tanzte Terres auf dem Pedal, die Schmerzen flogen weit hinaus ins Freie, die dicken Pfeifen schrieen das NEIN zum falschen Herd, und nun vibrierte alles \u2013 Sch\u00fcsseln, L\u00f6ffel, Kellen, Messer h\u00fcpften \u00fcber die Opferplatte, im Topf zappelte die S\u00fclze, sprang hoch in die Luft, und schon stand ein Fu\u00df auf ebner Bahn, der andere wuchs ganz schnell dazu, o Gott, verdirb mich nicht zusamt den S\u00fcndern, noch auch meinen Tod, dachte Terres, und es wuchsen aus dem Kopf H\u00e4nde, die stopften den Mund des Priesters, nimm hin!, und setzten eine T\u00fcr rings um seine Lippen, dass nicht sein Herz sich neige zu b\u00f6sen Worten. Amen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Cis<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich hatte das h\u00f6chste Amt, ich schwebte immer \u00fcber allen K\u00f6pfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mitten in der Nacht stand der Tote auf. Sie haben mich geschlachtet, verwurstet, jetzt sind sie mich los, glauben sie, sie glauben immer das Falsche. Ich bin immer da, auch wenn ich nicht da bin, bin ich da. Er ging \u00fcber den Kirchplatz auf das Westwerk zu, das seine Musik enthielt, die er ablas, die er ins Ma\u00dfwerk hineinlas, die er nur neu wieder herausschrieb. Aber das verstanden sie nicht alle, manche schon, nicht alle, die Weihrauchschwenker verstanden es nicht, wollten diese Musik nicht, denn die neuen T\u00f6ne st\u00f6rten den M\u00e4rchencharakter der una sancta ecclesia. Terres spielte noch ein letztes Mal auf der Orgel\u00a0von St. Peter zu S. Mitten in der Nacht sollten sie alle das Wunder h\u00f6ren, das eigentliche Wunder, das er in den Falten der alten Kirche aus reiner Luft erschuf. Meine Orgel ist ein Wunder, ein bares Gesamtkunstwerk, dachte er, als er die angelehnte Seitent\u00fcr aufstie\u00df. Solange kein Klempner sich an ihr vergreift, kein falscher Organist, erklingt das Wunder, das ich ihr einhauchte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Terres spielte Worte und Zahlen auf seiner Orgel. Wie herrlich klang das Wort Nichts. Es gibt auch eine Flucht vor der Flucht aus dem Leben, dachte er, meine Flucht aus der Welt ist meine Bewegung zum Leben hin, die einzige M\u00f6glichkeit zu sein, was ich bin. Aber was ich bin, sagt mein Werk nur eine kurze Weile in dieser h\u00f6llischen Ewigkeit. Alles verstinkt und verbraucht sich in der Zeit, verwest vielleicht noch eine kleine Zeit in anderen, die dann auch verstinken, und so ad infinitum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Terres spielte so kraftvoll, dass seine Glocke dem Pfarrer, als der vom sch\u00f6nen L\u00e4rm, der die Kirche und den ganzen Platz erhellte, herbeieilte aus seiner armen Nacht, aufs Haupt fiel &#8211; \u201eTerres cum alibus civibus campanam condidit\u201c, stand am Metall, das nicht zersprang. Cis machte die Glocke, als sie den Pfarrer einkerkerte, dem nun die Luft ausging, der mit sich und seinem letzten Amen ganz allein war, das keiner mehr h\u00f6rte, cis war das t\u00f6dliche Ger\u00e4usch der fallenden Glocke. Cis wie Schei\u00dfe, murmelte Terres. Das fromme Gesocks, diese Weihwasserasseln! Das sind die Au\u00dfenstehenden! Die Pfeifen z\u00fcrnten immer schriller. Alles bebte unter den neuen Registern, die der Tote spielte, die Masten des steinernen Schiffs splitterten, die Scheiben flogen aus den Fenstern weit \u00fcber die Stadt. Dann krachte\u00a0der Bau zusammen, nur die Westfassade blieb stehen,\u00a0hinter der die Orgel auf gotischen Pfeilern noch immer raste, das gro\u00dfe Sexualorgan. Meine Musik ist\u00a0ein Reigen permanenter Orgasmen, dachte Terres, als die\u00a0Spermien auf die Stadt nieder nieselten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da endlich kam Gott. Er hatte ein schlechtes Gewissen. Terres traute seinen Augen nicht. Der da, was macht der da, das ist eine Fata Morgana, wo bin ich? Aber als die\u00a0Trompeta magna aus dem Pfeifenwerk der Hauptorgel sich l\u00f6ste, zischend nach unten sauste\u00a0und Gott erschlug, war alles wieder gut. Jetzt kann ich mich wieder hinlegen, sagte Terres, es ist vollbracht. Unser Leben ist, wenns hoch kommt, ein Seiltanz, im besten Fall ein Gleichnis des Scheiterns. Aber wer scheitert, hat gelebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann kippte das Westwerk um.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Fra\u00df<\/em>. Am Tag nach der Himmelfahrt feierten die Bewohner der Stadt S. das gro\u00dfe Mahl inmitten der Kirchenruine. Sie wollten die Kirche nicht wieder aufbauen, die Ruine sollte so stehen bleiben, wie sie war, zumal sie jetzt viel sch\u00f6ner aussah als vor dem Einsturz. Die Orgel blieb vollkommen unversehrt! Terres war tot, Gott war tot, wer soll nun auf der Orgel spielen? Die Musik war eingefroren, das Eis klang weiter. Die B\u00fcrger verspeisten zweitausendf\u00fcnfhundertachtundsiebzig Siedew\u00fcrstchen, Bierbei\u00dfer und Speckschwarten, die der Geschlachtete hergab, Bierbei\u00dfer f\u00fcr die reichen und angesehenen B\u00fcrger, Siedew\u00fcrstchen f\u00fcr die kleinen Leute, und Speckschwarten f\u00fcr die Armen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der H\u00f6hepunkt des Abends ereignete sich, als die Kopfs\u00fclze aufgetragen wurde, der Schmaus oder, wie sie hier zu sagen pflegten, wenn ein schwieriger Fall abgeschlossen war, der Knatsch \u2013 der S\u00fclzkopf, der Knatschkopf, der nach dem gro\u00dfen Fressen, wie so gesagt wird, gegessen war, die L\u00f6sung einer unl\u00f6sbaren Frage. Die unl\u00f6sbare Frage war Terres, zeitlebens, er war der Knatsch, der nun endg\u00fcltig gegessen wurde: Diese entsetzliche Musik, die er auf der Orgel spielte, bis die Seelen quietschten, die immer erst ge\u00f6lt wurden, wenn es schon zu sp\u00e4t war. Terres spielte sich mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen in ungedachte R\u00e4ume. Die Atmosph\u00e4re wusch sich, wenn die Orgelf\u00fcrze in die Kirche knallten, die Schlachthalle.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Messdienerin trug Terres hoch \u00fcber ihrem Kopf zum dreigeteilten Tisch, auf empor gestreckten H\u00e4nden ruhte das steinerne Tablett, auf dem die S\u00fclze zitterte, das Haupt aus Fleisch und Blut.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was denkt dieser Kopf? <em>Er sagt nein.<\/em> Er wackelt hin und her. Erinnert sich. <em>Nein<\/em>. Erst haben sie mir die Ohren und Fettbacken angehackt, das Hirn ausgenommen, jetzt denkt es woanders und ganz versprengt. Jetzt will ich meine H\u00e4nde wiederhaben, meine Orgel reiten, dass sich die S\u00e4ulen biegen und der Raum nach innen platzt, wenn ich die Abgr\u00fcnde \u00f6ffne, die mich verschlucken.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Elegie<\/em>. Alle B\u00fcrger der Stadt wurden krank \u2013 es war eine wunderbare Fernwirkung des gro\u00dfen Fressens in der Orgelst\u00e4tte \u2013, bis ihnen\u00a0das Heilige \u00fcber den Scho\u00df lief, das Obsz\u00f6ne, die Kehrseite des Heiligen, das Wunder der Verf\u00fchrung, aber das\u00a0geschieht nie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wissen Sie, den Realit\u00e4tssinn und Pragmatismus unserer Stadtbewohner nenne ich eine Flucht in die Arme des Todes mitten im Leben, pfui Teufel! Da stehen sie alle mit beiden Beinen auf der Erde und rei\u00dfen Tr\u00e4ume aus! Tr\u00e4ume!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber das ist noch nicht alles. Immer wieder kommt es vor, nicht nur in den N\u00e4chten vor dem Auferstehungstag, da fangen die Pfeifen ganz von allein an zu spielen, ohne Noten, ohne irgendeine Harmonie, und es ist nicht der Wind, der in sie hinein f\u00e4hrt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verblutung. Wer an das G\u00f6ttliche glaubt, glaubt doch nur an sich selbst, sagt Terres, der Orgler, der Glasperlenspieler und Komponist des Selbstgesangs. Im Herbst war die neue Orgel fertig, gebaut nach seinen Pl\u00e4nen. Eine Orgel ist eigentlich nie gro\u00df genug,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/10\/02\/terres\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":45126,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-45169","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45169","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=45169"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45169\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=45169"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=45169"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=45169"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}