{"id":45167,"date":"2019-03-22T00:01:33","date_gmt":"2019-03-21T23:01:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45167"},"modified":"2019-03-17T17:52:32","modified_gmt":"2019-03-17T16:52:32","slug":"mohnasche","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/03\/22\/mohnasche\/","title":{"rendered":"Mohnasche"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Als sich die Bl\u00fcten des Mohns l\u00f6sten, rissen die Wolken. Starke atlantische Winde trugen die roten Fl\u00fcgelsterne in die strategische H\u00f6he, schoben sie vor die Sonne und f\u00e4rbten die Luft, die pl\u00f6tzlich zitterte und tropfte. Ein kahler Wald von d\u00fcnnen Fingern zeigte auf den Himmel. Kautsky las schwere B\u00fccher, die er bis in die tiefe Nacht weiter dachte. Er schlief nicht, aber er war auch nicht wach. Er fiel in den Mohn.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Zuerst flogen Schw\u00e4rme von Moskitos tief \u00fcber den Fluss. Es ist totenstill. In der unterirdischen Zentrale zieht schwarze Tinte zwei Linien \u00fcber die Karte, sie werden oben und unten durch zwei Kreisb\u00f6gen geschnitten. Dazwischen liegt der Sektor des Todes. Millionen Mohnbl\u00fcten stehen am Himmel. Unten kriechen die endlosen Schlangen der Treckfahrzeuge durch die Stra\u00dfen, Achse an Achse, Deichsel an Deichsel. Neben den abgemagerten Pferden gehen die M\u00e4nner. Unter den Planen kauern Frauen und Kinder. Die Musik bricht ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich h\u00f6re das Ticken. Ich will schlafen. Steh auf! Lass mich!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bahnsteige beben, Gep\u00e4ck t\u00fcrmt sich auf. Gepresste Menschen steigen aus den Waggons, die Z\u00fcge fahren leer weiter. Der Tag ist schon dunkel.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich werfe einen Blick auf die Uhr. Jetzt ist es halb zehn. Ich bin m\u00fcde. Mach die Augen auf! Lass mich! Es geht um dein Leben! Ich will nicht. Ich drehe mich um und zieh mir die Decke \u00fcber den Kopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sirenen schreien von Klotzsche bis Racknitz. Der Masterbomber st\u00fcrzt mit der Moskito aus siebentausend Meter H\u00f6he durch drei d\u00fcnne Wolkenschleier in die rote Sph\u00e4re. Da ist das Band der Elbe, da sind die dunklen H\u00e4usermassen im weiten Talkessel. Im gleichen Augenblick flammen vier gr\u00fcne Leuchtbomben auf, h\u00e4ngen pendelnd am Mohn. Jetzt fallen die Christb\u00e4ume vom Himmel. Der Masterbomber fliegt \u00fcber den Fluss. Kein Lichtfinger fasst ihn. Die Christb\u00e4ume leuchten \u00fcber der Stadt, der Hauptmarkierer sieht den Zielpunkt, er st\u00fcrzt auf das ovale Stadion zu, Zielvisier, Ausl\u00f6seknopf. Das rote Licht der Zielmarkierer dringt durch den letzten d\u00fcnnen Wolkenschleier. Dann das Heulen der Bomben, Krachen, Brand. Nach einer Minute verlischt das Licht am Himmel. Die Druckwellen der Luftminen pressen die Stahlrahmen der Luftschutzfenster auseinander. Bei\u00dfende Rauchwolken quellen in den Keller. Wasserrohre platzen. Bis zu den Knien stehen wir im Wasser. Endlich steht das Wasser still. Aber jetzt flie\u00dft Feuer durch die Fensterritzen. Der Luftschutzkeller wird immer hei\u00dfer. Wir k\u00f6nnen kaum noch atmen, so stark ist die Strahlungshitze der brennenden Nachbarkeller.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich renne raus. Vor mir laufen Frauen, deren Kleider sich entz\u00fcnden, sie schreien, stolpern weiter, sinken nach wenigen Schritten zusammen, rollen sich auf dem Boden, um die Flammen zu l\u00f6schen, aber der Boden brennt auch. Ich geh zur\u00fcck in den Keller. Ein Offizier zieht die Pistole und erschie\u00dft seine beiden Kinder, seine Frau, sich selbst. Ich sch\u00fctte mir ein paar Eimer Wasser \u00fcber meinen Anzug, werfe eine nasse Decke \u00fcber Kopf und Schultern und renne die Kellertreppe hinauf ins Feuer. Es regnet Mohn. Meine Schuhsohlen brennen. Ich springe \u00fcber die verbrannten Frauen und klettere \u00fcber eine zerborstene Mauer. Die Stadt gl\u00fcht. Ich laufe durch den Mohn von Hof zu Hof und finde endlich die Brandl\u00fccke, eine schmale Stra\u00dfe zum Altmarkt. Ich springe \u00fcber kleine blaue Flammen, die auf dem Asphalt spielen. Ich steige \u00fcber dunkle Balken, verkohlte Menschen. Ich werde geschoben im Pulk der Gehetzten, die alle zum Altmarkt wollen, weil dort die gro\u00dfen L\u00f6schwasserbecken stehen. Der Platz ist weit und bietet Schutz vor den Flammen. \u201eZum Gro\u00dfen Garten!\u201c, schreit einer. Dann schreien alle. \u201eZum Gro\u00dfen Garten!\u201c Die Schuhsohlen sind durchgebrannt, ich sp\u00fcre nichts. Das Feuer flutet die Stra\u00dfen. Wir erreichen den Gro\u00dfen Garten, der brennt nicht, aber da stehen die Christb\u00e4ume wieder \u00fcber allen vier Ecken. Der Feuermohn f\u00e4llt eisig klatschend in den Garten. Pausenlos. Ich kralle mich in die Erde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,&nbsp;Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\"><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als sich die Bl\u00fcten des Mohns l\u00f6sten, rissen die Wolken. Starke atlantische Winde trugen die roten Fl\u00fcgelsterne in die strategische H\u00f6he, schoben sie vor die Sonne und f\u00e4rbten die Luft, die pl\u00f6tzlich zitterte und tropfte. 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