{"id":45165,"date":"2006-03-12T00:01:08","date_gmt":"2006-03-11T23:01:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45165"},"modified":"2022-05-25T05:50:51","modified_gmt":"2022-05-25T03:50:51","slug":"ueber-der-mohngrenze","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/03\/12\/ueber-der-mohngrenze\/","title":{"rendered":"\u00dcber der Mohngrenze"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Sonne drehte sich langsam. Kautsky \u00fcberlegte im Kreislauf der Gestirne. Als er das Tagebuch der sch\u00f6nen Schottin las, bekam er Angst. Ich lese diese tote Schrift. Das Herz will mir platzen. Was ist geschehen? Tr\u00e4ume ich wirklich? Ich stieg die morsche Treppe hoch, das Holz schwankte, eben erreichte ich die Spitze des Turms, ich trat an die Mauer, ich sah ins Tal hinab auf den Strom und den Fluss, hier finden sie mich nicht, da schl\u00e4gt ein Knall aus dem Schacht, ich springe zum Ausstieg zur\u00fcck, ich schaue in die Tiefe des Turms. Alles ist schwarz. Die Stufen der Treppe sind weg. Ich bin vom Licht der Sonne geblendet. Aber dann sehe ich das Holz. Tief unten liegen die Tr\u00fcmmer. Kautsky ging vor der \u00d6ffnung in die Knie, legte sich flach auf die Steine und sah in den Turm hinein. Der Turm war leer, nirgends sah er einen Weg, auf dem er hinunter klettern konnte, kein Eisen, keine Seile, keine Stangen. Das ganze Holz lag unten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er hasste den Vater, weil er ihm die Geliebte verbot. Die Frauen sind ein dummes Spiel, darin verlierst du dich. Ich haue ab, sie sollen mich suchen. Kautsky verlie\u00df das Schiff, das in Koblenz angelegt hatte. Seit elf Tagen fuhren sie gegen den Strom. Der Vater wollte, dass er auf dieser Reise seine wahre Natur findet, er sollte Abstand gewinnen von der Geliebten. Gewinnen!, schrie Kautsky, gewinnen! Absurd! Das will ich nicht. Aber keiner h\u00f6rte ihn. Er rannte vom Schiff, als die Eltern in der Stadt antiquarische B\u00fccher \u00fcber die Geschichte des Rheins suchten, und lief auf den Treidelpfaden nach S\u00fcden, bis Rhens, wo er kurz vor Mittag ein Regentuch kaufte. Weit hinter der Stadt, wo der Fluss sich bald nach Westen biegt, zog er sich aus, wickelte Kleider und Schuhe in das Tuch und schwamm zur Marksburg \u00fcber den Rhein. Hinter ihm lagen Braubach und die Marksburg, der Strom hatte ihn nach Norden getrieben. Als die Sonne ihn trocknete, dachte er, die Geliebte fasst ihn an. Der leichte Wind, der ihm zwischen die Beine fuhr, erregte ihn. Hochroter Mohn schlug gegen die Beine und entz\u00fcndete die Haut. Er warf sich in die Bl\u00fcten und schlief mit der Erde. So gl\u00fccklich war ich noch nie, sagte er sich, als er die Kleider anzog. Dann ging er flussabw\u00e4rts. Die Sonne warf von hinten kurze Schatten, und Kautsky sah sich zu, wie er auf kleinen Beinen schr\u00e4g durch den Staub ging. Wie ein Fisch. Er schaute nach links \u00fcber den Rhein, da war Rhens, die Uferstra\u00dfe war leer. Es war noch zu fr\u00fch, die Eltern hatten noch gar nicht bemerkt, dass sie ihn verloren. Da sah er die Ruine \u00fcber dem Rhein. Das ist Stolzenfels, gegen\u00fcber liegt Lahneck, da will ich hinauf. Kautsky spielte mit Gedanken. Er stellte sich am liebsten das Unm\u00f6gliche vor, aber so fest, dass er nur das Erdachte vor sich sah. Er nahm die Telefonkarte aus dem Portemonnaie, streckte den Arm aus und winkelte die kleine Karte leicht an, stellte sie schr\u00e4g gegen die Luft, wie ein Flugzeug beim Start. Er hatte den Motor in der Hand, die Karte zog ihn zum Himmel, da fliegt er, das Gesamtsystem fliegt hoch \u00fcber den Wolken, \u00fcber den Fluss, das Ufergebirge, zur Frittenbude, zur Bank &#8211; zu den Mohnbl\u00fcten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kautsky schrie, aber der Wind zerschlug die Worte. Er schaute zum Rhein, steil unter ihm f\u00e4delte sich die staubige Stra\u00dfe an den Berg, aber die Stra\u00dfe war leer. Die Nacht war schwarz und laut da oben auf den Steinen. Er schlief nicht ein, er hatte Angst, er f\u00e4llt ins Loch, wenn er sich im Traum dreht. Der Hauch der Nacht ist mein Laken, es tr\u00e4gt mich nicht. Die schwarze Mohnblume legt sich zu mir, sie ber\u00fchrt die Kn\u00f6chel, die Schl\u00e4fe, sie sp\u00fcrt mich auf. Sie reibt mir das Salz von der Haut und streut mir den Sand meiner Stunden in die Augen. Sie st\u00f6\u00dft mir die Samenasche zwischen die Lippen und treibt mir die Sternennarbe ins Herz. Jetzt aber schien schon wieder so scharf die Sonne, es ist zu hell, ich will nicht so viel Licht! Er \u00fcberlegte, ein Seil aus den Kleidern zu drehen, aber der Turm war zu hoch f\u00fcr das Bisschen Tuch. Das Sommerhemd war kurz, leicht und d\u00fcnn, Slip und Str\u00fcmpfe gaben nicht viel her, nur aus den Jeans lie\u00df sich was machen. Wenn ich die Hosenbeine zwei Mal aufschlitze, wird mein Seil vielleicht zehn Meter lang. Das reicht nicht. Hier ist kein Eisenhaken. Es w\u00e4re ja auch ein vielleicht rei\u00dfendes Seil. Am dritten Tag sah Kautsky, der nicht begriff, dass auf der Stra\u00dfe, die unter dem Berg vorbei f\u00fchrte, niemand zu sehen war, einen Bauern in einem fernen Feld und glaubte sich schon gerettet, als er mit den Armen um Hilfe rief. Als der Bauer zur\u00fcckwinkte, sich umwandte und weiter im Feld arbeitete, stieg ihm das Eis in den Kopf. Er bekam Angst. Die ungetr\u00e4umte Angst k\u00e4ltete sein Blut. Das Herz will mir zersplittern. Wo komm ich hin! Die Haut schmerzt. Die Sonne blitzt. Es geht gut! Es geht gut! Die Wolken flattern wie T\u00fccher. Der Wind ist so laut. Trocken der Mund. Der Wind schl\u00e4gt die Trommel. Ich bin taub, ich h\u00f6re nichts, die Welt h\u00f6rt auf. Die Sonne blitzt im Tau. Unten sieht niemand was, wenn meine Stricke rei\u00dfen. Kautsky suchte die Farbe des Mohns. Er beruhigte sich, als er die gefiederten Bl\u00fcten am Fu\u00df des Turms sah, die dort dicht und hoch standen. Kautsky sah in jeder Bl\u00fcte ein M\u00e4dchen. Er hob den Kopf und schaute ins Mohnfeld, das sich um den Berg gelegt hatte. Er sah alles rot. Langsam stieg der Fluss und schwemmte rot \u00fcber die Ufer. Kautsky taumelte, als ihm die Farbe unter die Haut kroch. Er nahm die Telefonkarte aus dem Portemonnaie, streckte den Arm aus, winkelte die Karte leicht an und stellte sie gegen die Luft. Er hatte den Himmel in der Hand, aber der K\u00f6rper, der schr\u00e4g in der Luft lag, st\u00fcrzte ab, das Gesicht schlug auf die Steine. Kautsky stand wieder auf und warf sich in den Atem des Schlafmohns.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Die Sonne drehte sich langsam. Kautsky \u00fcberlegte im Kreislauf der Gestirne. Als er das Tagebuch der sch\u00f6nen Schottin las, bekam er Angst. Ich lese diese tote Schrift. Das Herz will mir platzen. Was ist geschehen? Tr\u00e4ume ich wirklich? 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