{"id":45163,"date":"2019-03-09T00:01:46","date_gmt":"2019-03-08T23:01:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45163"},"modified":"2019-02-17T21:28:54","modified_gmt":"2019-02-17T20:28:54","slug":"nachtgas","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/03\/09\/nachtgas\/","title":{"rendered":"Nachtgas"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Am Abend eines schweren Sommertages dachte Kautsky, w\u00e4hrend er im Caf\u00e9 Pathos einen Espresso trank, immer wieder an den Fall des Magdeburger Geldverleihers Max Glaser, der allein unter dem Dach eines Hochhauses mitten in der grauen Stadt lebte. Kautsky, der an diesem Abend nicht an der Bar, sondern auf der Steinterrasse sa\u00df, hielt mit beiden H\u00e4nden den runden Marmortisch fest und starrte auf die Espressotasse. Glaser wollte sterben. Keiner wei\u00df warum. Er hinterlie\u00df kein Testament, keinen Brief, kein Zeichen. In den letzten Gedichten, die er noch vor wenigen Tagen geschrieben hatte, kam er nicht vor. Er schluckte Schlaftabletten und setzte sich auf einen Stuhl an den Gasherd, band sich fest, drehte den Hahn auf, st\u00fclpte sich eine Plastikt\u00fcte \u00fcber den Kopf und schlief, als die Tabletten wirkten, \u00fcber dem rauschenden Gas ein. Dann war alles schwarz und still.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Glaser, der f\u00fcr immer schlafen wollte, erschrak, als er seinen K\u00f6rper sp\u00fcrte, noch bevor er erwachte. Es war schwarz um ihn, er h\u00f6rte unter seiner Totenhaube das Rauschen der Luft, die er atmete. Das Gas str\u00f6mte nicht, er lebte. Er riss die T\u00fcte vom Kopf, band sich los, sprang zum Lichtschalter. Das Licht schmerzte. Das Leben stach ihm in die Augen. Das war die H\u00f6lle. Doppelt leben. Das wollte er nicht. Er wollte das Nichts. Er hatte sein Leben wieder, ein zweites Leben. Absurd. Wie stark das Leben war! In der Zeit, in der er sterben wollte, schalteten die Gaswerke das Gas ab. Glaser interessierten nur Zinswerte und Aktienkurse, heute schlug er die Zeitung nicht auf. Die Dosis der Schlaftabletten war nicht t\u00f6dlich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Glaser verlie\u00df die Wohnung, ging am Lift vorbei, die Treppen hinunter und ein paar H\u00e4user weiter in die Kneipe, die er hasste, weil ihn der L\u00e4rm der Besoffenen schmerzte. An der Theke kippte er einen Schnaps nach dem andern in sich hinein. Der K\u00f6rper hielt das aus. Er redete wirres Zeug. Keiner verstand ihn. Bald wirkte er auf die Kampftrinker, die ihn nicht kannten, wie einer, der das Gleichgewicht verlor. Nach einer halben Stunde sagte Glaser, er habe eine Verabredung und zahlte. Beim Gehen riss er mit ausholendem Arm, als wollte er alle auffordern ihm zu folgen, das Glas vom Tresen, das auf den ziegelroten Kacheln zerbrach. Er senkte den Kopf in die Stille, starrte auf die Scherben, die vor ihm lagen, und ging langsam in die Knie. Er sammelte die Splitter in die linke Hand, die er zur Faust ballte, w\u00e4hrend er sich erhob. Er schreit. Die Worte fallen zu Boden. Der Boden brennt. Glaser st\u00fcrzt aus der Kneipe, rennt durch die Nacht in die T\u00fcr, am Lift vorbei, springt die Treppen hinauf, an seiner Wohnung vorbei, aufs Dach, an die Luft, ins Freie, und wirft sich ins Gas der Nacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kautsky stand auf und hob den Tisch hoch \u00fcber den Kopf. Die Gespr\u00e4che der G\u00e4ste verstummten. Im Hintergrund zischte die Kaffeemaschine. Alle sahen zu Kautsky. Die Serviererin lie\u00df vor Schreck das leere Tablett fallen und bangte mit halb erhobenen Armen um die Marmorplatte. Aber Kautsky stellte den Tisch sanft auf den Steinboden zur\u00fcck, und in die Stille hinein sagte er trocken: \u201eWir wissen, dass unsere Ziele nur durch eine Revolution erreicht werden k\u00f6nnen, wir wissen auch, dass es ebenso wenig in unserer Macht steht, diese Revolution zu machen, als in der unserer Gegner, sie zu verhindern!\u201c, nahm die Tasse und trank sie, unter tosendem Beifall, in einem Zug aus.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,&nbsp;Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\"><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Abend eines schweren Sommertages dachte Kautsky, w\u00e4hrend er im Caf\u00e9 Pathos einen Espresso trank, immer wieder an den Fall des Magdeburger Geldverleihers Max Glaser, der allein unter dem Dach eines Hochhauses mitten in der grauen Stadt lebte. 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