{"id":45156,"date":"2019-03-02T00:01:51","date_gmt":"2019-03-01T23:01:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45156"},"modified":"2019-02-17T21:21:45","modified_gmt":"2019-02-17T20:21:45","slug":"das-eherne-zeitalter","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/03\/02\/das-eherne-zeitalter\/","title":{"rendered":"Das eherne Zeitalter"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">&#8211; Sterben \u00fcben, dachte Kautsky, als er an einem dunkleren Tag seines Alltagslebens das Museum betrat, in dem er die Bilder alle schon auswendig kannte.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kenne ich mich denn so gut wie diese Bilder?, fragte er sich. Ich sehe immer nur, wie ich werde, wenn ich werde wie meine Bilder, aber ich sehe nicht, was ich wirklich bin.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Immer habe ich geglaubt, das Museum ist viel mehr als eine schn\u00f6de Kirche mit der symbolischen Auslegungsfeier des Todes, es ist der bunte Tempel des Lebens, der Tempel&nbsp; aller Tempel, in dem ich meine Seele in tausend Spiegeln erfahre. Darin ist alle optische Medizin. Das Museum ist Lebensgestaltungsort. Aber heute erschien ihm das Museum so dunkel wie der Tag selbst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kautsky, der Kritiker, lebte sein Leben schwer, er litt am Realen, auch in seinem belletristischen Beruf, und sein Leben war gar nicht sein Leben, das Leben war sein Leben nur, wenn er zu seinen Bildern ging. Nur dort (und im Kino) f\u00fchlte er das Leben als sein Leben. Denn in den Bildern und Filmen sah er die gestaltete Wirklichkeit immer mit dem Anspruch ihrer Korrektur, ihrer Verbesserung. Wenn er einen Verriss schrieb, rechtfertigte er seine Strenge mit den Worten: \u201eIch bin ja Kritiker geworden, weil ich Idealist bin!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Heute fehlte ihm das Licht in seinem Tempel. \u201eEr geht zu seinen Bildern wie andere zum Arzt\u201c, sagten die Freunde von Kautsky, aber heute war alles dunkel. Drau\u00dfen schien die Sonne. Kautsky war vor ihr gefl\u00fcchtet mit den Worten: \u201eDa drin ist es viel heller.\u201c Aber schon als er die gro\u00dfe Treppe hochstieg, fehlte ihm, da es in ihm selbst so dunkel war, das richtige Augenlicht. Eigentlich brauchte er sein Augenlicht auch gar nicht richtig, weil er, wie gesagt, alle Bilder auswendig kannte, er wusste auch, an welcher Stelle die Bilder hingen. Er kannte jeden Raum.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als er an den riesigen Bleibildern von Anselm Kiefer vorbei ging, machte er einen gro\u00dfen Bogen um sie. Er f\u00fchlte sich von den schweren Bildern eigenartig bedroht und hatte f\u00fcr einen Moment die Bef\u00fcrchtung, sie k\u00f6nnten von der Wand fallen und ihn erschlagen. Ein anderes Bild (\u201eM\u00e4rkischer Sand\u201c), so gro\u00df wie die Wand, an der es hing, jagte ihm so viel Schrecken ein, dass er den Saal ganz mied. In die Bleibibliothek, die er sonst so sehr liebte, ging er heute nicht hinein. Die \u00fcberdimensional gro\u00dfen B\u00fccher, dachte er, fallen mir auf den Kopf. Ich mag sterben, wie ich will, aber ein Buch darf mich nicht erschlagen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er kannte, wie gesagt, jeden Raum. Die Romantiker konnte er mit halb geschlossenen Augen abhaken, auch bei Feuerbach und Corinth gen\u00fcgte ein Augenblinzeln. Aber heute verf\u00fcgte Kautsky nicht \u00fcber die Sicherheit der Erinnerung wie sonst, er f\u00fchlte, wie sein Versagen kam, und er wurde unruhig, als er die Impressionisten, die er nur sehr langsam aufgez\u00e4hlt hatte, verlie\u00df und die Empore des Baselitz-Saals betrat. Er liebte den Baselitz-Saal wie kaum einen anderen, heute f\u00fcrchtete er ihn! Die Bilder dort haben riesenhafte Formate. Oft hatte sich Kautsky, obwohl er die Gr\u00f6\u00dfe solcher Kunst sehr sch\u00e4tzte, gefragt, ob die Bilder sich, halb so gro\u00df im halb so gro\u00dfen Raum,&nbsp; behaupten k\u00f6nnten. Er sagte sich, das Museum ist kein Briefmarkenalbum, Baselitz hat keine Briefmarken gemalt. Heute stellte er sich eine ganz andere Frage, als er auf die drei sichtbaren W\u00e4nde des Baselitz-Saals sah. Ihm wollte nicht einfallen, welches Bild an der Wand unter der Empore hing, auf der er stand.&nbsp; Er beugte sich \u00fcber die Br\u00fcstung, um nachzusehen, aber er zuckte zur\u00fcck. Er schaute nach links, und nach rechts, da war niemand. Das Museum war in den R\u00e4umen der Gegenwartskunst, die kaum einer liebte, leer. In diesen R\u00e4umen waren auch selten Museumsw\u00e4rter (er hasste sie, weil sie ein anderes Verh\u00e4ltnis zur Zeit hatten als er). Kautsky aber liebte die kaum verstandene Kunst und er liebte auch ihre Leere. Hier bin ich frei, dachte er.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er beugte sich wieder \u00fcber die Br\u00fcstung, weiter als eben, und schaute nach unten, wo das Bild hing, aber er konnte es nicht erkennen, der Winkel war zu spitz. Kautsky wusste, im Baselitz-Saal hing nicht nur Baselitz, sondern auch Penck, zwei gigantische Bilder. An der linken Wand hing \u201eChi Tong\u201c, f\u00fcnf mal zehn Meter, das sah er. Aber welches Bild von Penck hing an der Wand unter ihm? Er sah zur Wand gegen\u00fcber. Da hingen die Baselitz-Bilder, fr\u00fche Werke, wo oben noch oben und unten unten war, trotzdem Skandalbilder, Kautsky erkannte \u201eDie gro\u00dfen Freunde\u201c, dann (unten ist nun oben und oben unten) die \u201ePastorale\u201c und den \u201eOrangenesser\u201c. An der rechten Wand hingen die L\u00fcpertz-Bilder. Eigentlich ist der Baselitz-Saal gar kein richtiger Baselitz-Saal, dachte Kautsky, aber ich habe ihn immer Baselitz-Saal genannt. Dass mir jetzt das Bild von Penck nicht einf\u00e4llt, spricht nur f\u00fcr Baselitz. Baselitz hat die st\u00e4rkeren Bilder gemalt, dachte er, seine Werke geh\u00f6ren zum ehernen Bestand unserer Zeit, die Penck-Bilder m\u00fcssen zittern, ob sie den Moment \u00fcberdauern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Immer weiter lehnte er sich nun \u00fcber die Br\u00fcstung, ganz versunken in seine Gedanken und die Erwartung des Bildes, das er suchte, &#8211; bis er das Gleichgewicht verlor und kopf\u00fcber hinunterst\u00fcrzte!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(War sein Sturz ein Bild, das Baselitz h\u00e4tte malen k\u00f6nnen? Nein. Der wirkliche Sturz ist kein Bild, seinen Sturz h\u00e4tte Baselitz als Auferstehung malen m\u00fcssen.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kautsky f\u00e4llt nicht lange, da klammert er sich mit den H\u00e4nden an den oberen Rahmen des Bildes, ihm gelingt die Drehung des K\u00f6rpers (Kautsky fiel so sicher wie eine Katze), sodass er nun mit dem Gesicht zum Bild, aber viel zu nah, und mit den F\u00fc\u00dfen nach unten an der Leinwand h\u00e4ngt. Das Bild hat mich vor dem Schlimmsten bewahrt, denkt er. Doch rei\u00dfen pl\u00f6tzlich die beiden Dr\u00e4hte der Aufh\u00e4ngung, Kautsky f\u00e4llt mit dem Bild auf den harten Steinboden des Saals, das Bild deckt ihn zu, die Leinwand h\u00e4lt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Da kommen die W\u00e4rter gerannt! Kautsky st\u00f6\u00dft das Bild (\u201eDIS\u201c, 1982) weg und flieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was nun geschieht, ist der verzweifelte Lauf eines Kunstliebhabers, der im Diskurs mit den Bildern, die er suchte, obwohl er sie kannte, untergeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kautsky entkommt mit Gl\u00fcck seinen Verfolgern. Im benachbarten Saal stolpert er \u00fcber die Steine von Richard Long (\u201eCircle\u201c, 1972) und f\u00e4llt hin. Kautsky flucht. Er steht auf und rennt weiter, rennt gegen den \u201eAkt auf einer Treppe\u201c (Gerhard Richter, 1966). Er \u00e4ndert die Laufrichtung und st\u00f6\u00dft das \u201eBicycle Wheel\u201c (von Marcel Duchamp, 1913) um, dann kracht er gegen die Frau mit Umh\u00e4ngetasche (Duane Hansen, 1974), die er (nicht zum ersten Mal) f\u00fcr eine Besucherin des Museums h\u00e4lt. Hinter ihm die schnellen Schritte der Museumsw\u00e4rter. Kautsky rennt um sein Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich bin nicht verr\u00fcckt. Ich bin kein Bilderst\u00fcrmer. Ich liebe die Bilder, ich bin doch selber nur ein Bild.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kautsky ger\u00e4t in die Sackgasse. Er ist wieder bei den Impressionisten im Gedr\u00e4nge der Museumsbesucher, er muss ihnen ausweichen. Er streift mit der Schulter Monets Kathedrale, und die Br\u00fccke von Arles. Die Bilder taumeln an der Wand. Alle Blicke sind auf Kautsky gerichtet. Er wei\u00df gar nicht mehr, wo er sich befindet, er wei\u00df nur, dass er auf der Flucht ist, ausgerechnet im Museum! Hier jagt ihn das Leben wie drau\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Kautsky st\u00fcrzt zu den Bildern von Renoir. Dort blendet ihn die Sonne, sie sticht ihm in die Augen &#8211; da wird es schwarz um ihn. Er ist gegen einen jungen Mann aus Bronze geprallt (Rodin, \u201eDas Eherne Zeitalter\u201c). Die Figur schwankt, so heftig war der Zusammenprall. Die Figur kippt um! Kautsky liegt bet\u00e4ubt auf dem Boden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Alle starren auf den Kopf der Statue und auf Kautskys Kopf, sehen, von Grauen gepackt, den Fall des \u201eEhernen Zeitalters\u201c und schlie\u00dfen vor dem Zerschmettern des Kopfes die Augen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">*<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">(Als er Thomas Bernhards \u201eAlte Meister\u201c rezensierte, schrieb Kautsky: \u201eWer ein Kunstmuseum betritt, muss wissen, dass er eine ganz besondere Gefahrenzone betritt, in der nicht nur die Gem\u00e4lde und Bildwerke gef\u00e4hrdet sind, sondern auch der Kunstliebhaber, jedenfalls dann, wenn er, ein Lebensliebhaber, bereit ist das Gefahrenpotential, das ein Museum nun einmal bietet, voll auszusch\u00f6pfen. Wenn er also den existentiellen Charakter seiner Situation im Museum erkennt, kann er, im Diskurs mit den Bildern und Skulpturen, sein Leben immer wieder proben &#8211; Sterben \u00fcben!\u201c)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,&nbsp;Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\"><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8211; Sterben \u00fcben, dachte Kautsky, als er an einem dunkleren Tag seines Alltagslebens das Museum betrat, in dem er die Bilder alle schon auswendig kannte. Kenne ich mich denn so gut wie diese Bilder?, fragte er sich. 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