{"id":45154,"date":"2019-11-08T00:01:28","date_gmt":"2019-11-07T23:01:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45154"},"modified":"2019-10-27T07:53:52","modified_gmt":"2019-10-27T06:53:52","slug":"das-manifest","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/11\/08\/das-manifest\/","title":{"rendered":"Das Manifest"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify\">An einem 9. November in den letzten Jahren der deutschen Republik verschlang Kautsky, der die Welt besser verstehen wollte, als sie war, ein immer schon ertr\u00e4umtes Buch, das ihm, weil sich der Tag mit langen Gedanken hinzog, so schwer im Magen lag, dass er wach blieb, sich im Bett hin und her w\u00e4lzte und erst sp\u00e4t, nachdem er die aufregenden W\u00f6rter in etlichen Flaschen Bier ers\u00e4uft hatte, einschlief. Ebenso viele Waffen! Nur das unmittelbare Vorspiel! Die Grundfrage der Bewegung!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\">Mitten in der Nacht stand er auf ohne zu wissen, dass er wach war, und lief durch das ganze Haus. Die T\u00fcren auf!, schrie er, ich renne raus und hebe ab, bevor die Nacht im kalten Tag verschwindet. Das Material steht bereit, der Plan ist gefasst, der Turban aus Leinen gewickelt. Kautsky stieg ins Auto. Um 11 war die Flugstunde. Er dachte, w\u00e4hrend er \u00fcber die K\u00f6lner Autobahn fuhr, dar\u00fcber nach, wie er zum Flugzeug lief und den Motor startete. Kautsky kam p\u00fcnktlich in Wahn an, aber der Fluglehrer, der noch eine Maschine checkte, lie\u00df Kautsky mitteilen, er solle in der Lounge auf ihn warten. Ich plane alles. Das Pr\u00fcfen des Winds. Ich kann fliegen! Kautsky lachte, als er die warme Fliegerjacke anzog. Er ging durch die Glast\u00fcr zu dem Hangar, vor dem die flugbereiten Maschinen standen, darunter auch die Cessna 172, mit der er immer flog. Es ist hohe Zeit. Auf den letzten Metern rannte er und sprang in das Flugzeug. Die Maschine war voll getankt. Das reichte. Er legte die Brille an, setzte die Fliegerkappe und die Kopfh\u00f6rer auf. Dann z\u00fcndete er den Motor, rollte auf die Startbahn und startete in den Himmel. Der Tower rief ihn, aber Kautsky anwortete nicht. Er flog nach Norden um alle Verfolger zu t\u00e4uschen. Einem Hubschrauber der Landespolizei, der die Cessna wenig sp\u00e4ter abfangen wollte, wich Kautsky aus, indem er einen Looping in den Himmel zeichnete, und schoss davon. Ich will den Fahrtwind rauschen h\u00f6ren, der mir den Turban auseinanderrei\u00dft, die feuchten T\u00fccher sind eng gewickelt. Im Tiefflug nach Osten verloren ihn die Radarger\u00e4te bald. Der Turban lastet schwer. Zwei Jets der Bundeswehr jagten die Spur der Cessna, als sie im Westen Berlins aufstieg, von den Radarger\u00e4ten erfasst wurde und sich hoch \u00fcber dem Reichstag vom Himmel st\u00fcrzte. Ich h\u00f6r den Fahrtwind rauschen. Ein Wind, der von den Sternen kommt. Die T\u00fccher lass ich hinter mir. Die Maschine raste im Sturzflug auf die Kuppel des Reichstags zu. Ich schneid die Wolken auf wie Eis. Kautsky dachte nichts mehr. Aber er sah die helle Kuppel, auf die er schoss und prallte, eine lange Zeit, die gegliedert war. Er kam von der Sonne und hatte den Kreislauf in der Hand. Die Maschine durchschlug das k\u00fcnstliche Glas der Kuppel und st\u00fcrzte in den Trichter, in dem sie stecken blieb. Die zerschmetterte Spitze der Cessna aber fiel direkt vor das Rednerpult. Der Klumpen schlug dumpf ins Holz. Die Abgeordneten starrten zur Mitte und reckten die H\u00e4lse in den L\u00e4rm des Metalls. Der Stumpf der Cessna ragte aus dem Schlund der Kuppel in den Plenarsaal des Bundestages. Das Cockpit hing dort oben fest. Die Abgeordneten sprangen von den Sitzen. Sie waren gel\u00e4hmt. Kautsky kippte langsam aus dem Sitz der Cessna. Die Jacke fiel \u00fcber den Kopf. Dann l\u00f6ste sich der Kopf vom Rumpf, flog wie von Fl\u00fcgeln getragen quer durch den Saal und st\u00fcrzte \u00fcber der Regierungsbank wie ein Stein nach unten auf das Pult des Kanzlers. Nichts als L\u00fcgen! Nichts als L\u00fcgen! Die Glocken sollen l\u00e4uten! Ich kann fliegen! Aus Kautskys Jackentasche fiel ein Zettel. Er flatterte dem Kopf hinterher. Die Abgeordneten verfolgten den Flug des Zettels. Als er unten angekommen war, lasen sie die Schrift: \u201eSie haben eine Welt zu gewinnen.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,&nbsp;Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\"\/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>An einem 9. November in den letzten Jahren der deutschen Republik verschlang Kautsky, der die Welt besser verstehen wollte, als sie war, ein immer schon ertr\u00e4umtes Buch, das ihm, weil sich der Tag mit langen Gedanken hinzog, so schwer im&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/11\/08\/das-manifest\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":45126,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-45154","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45154","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=45154"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45154\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=45154"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=45154"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=45154"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}