{"id":45152,"date":"2019-02-20T00:01:07","date_gmt":"2019-02-19T23:01:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45152"},"modified":"2019-01-27T14:26:46","modified_gmt":"2019-01-27T13:26:46","slug":"cafe-pathos","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/02\/20\/cafe-pathos\/","title":{"rendered":"Caf\u00e9 Pathos"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u201eHier geht\u2019s runter, Sie werden erwartet\u201c, sagte Ortmann, der Regisseur, zu dem einzigen Zuschauer, der an einem Sommerabend im letzten Jahr des letzten Jahrtausends das St\u00fcck eines Schauspielers erleben wollte, das nur f\u00fcr einen einzigen Zuschauer gedacht war. Kautsky hatte sich immer schon f\u00fcr einen solchen Zuschauer gehalten. Ortmann \u00f6ffnete eine Spiegelt\u00fcr im Foyer, die Kautsky, als er das <em>Caf\u00e9<\/em> <em>Pathos<\/em> betrat, sofort aufgefallen war, weil er die Dinge, die sich verbargen,&nbsp; durchschaute, denn er kannte sie, weil er sich auch verbarg. Wie ein Spiegel ging Kautsky durch die Welt und wollte ge\u00f6ffnet werden, um sich selber zu erkennen. Er lief in die S\u00fcdstadt und ging in das begehrte Caf\u00e9. Er wusste sofort, dass sich unter dem Parkett die B\u00fchne befand. Er war eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung gekommen, um noch einen Espresso zu trinken. Der Eintritt f\u00fcr die einmalige Vorstellung war verdammt hoch: Zehntausend Mark kassierte der Intendant, der zugleich der Regisseur der Inszenierung war, f\u00fcr das absolut authentische St\u00fcck. Das Caf\u00e9 war laut, alle Tische waren besetzt. Die G\u00e4ste sahen wie Schauspieler aus, dachte Kautsky. Ich sehe zwei St\u00fccke, dachte er, eins jetzt, und eins nachher. Hier bin ich, wenn ich will,&nbsp; Schauspieler, wenn ich nicht will, Zuschauer. Hier bin ich beides. Er war gespannt, wie das da unten sein w\u00fcrde. Die Form war offen. Ortmann versprach Kautsky das ultimative Erlebnis, die Unwiederholbarkeit des Dramas. \u201eEinakter\u201c, sagte Ortmann, \u201edas ist vielleicht der unverf\u00e4nglichste Begriff f\u00fcr das, was Sie gleich erleben.\u201c Die L\u00e4nge ist nicht entscheidend, dachte Kautsky. Er hatte schon viele St\u00fccke gesehen. Er rannte, ein Besessener, laufend ins Theater, er sah die alten St\u00fccke so gern wie die neuen, er liebte neue Inszenierungen der alten Schinken, dann waren sie wie neu, er liebte auch die einfachen, unpr\u00e4tenti\u00f6sen Inszenierungen ganz neuer St\u00fccke, die er besser verstand. Er fragte sich schon als er das <em>Pathos<\/em> betrat, ob er in dem St\u00fcck, das heute nur f\u00fcr ihn spielte, allm\u00e4hlich zum Schauspieler w\u00fcrde, wenn er der einzige Zuschauer sei. Er hoffte es, denn er versprach sich davon eine bessere Selbsterkenntnis, weil in der bewussten Simulation einer fremden Handlung die \u00dcbereinstimmung mit ihr sinnlich erfahrbar und nicht mehr verdr\u00e4ngt und weggelogen wird. Als er die Scheine auf den kleinen runden Marmortisch bl\u00e4tterte, bestellte Kautsky noch einen Campari Soda. \u201eBin ich der einzige Zuschauer, der das St\u00fcck sehen will?\u201c, fragte er. Das St\u00fcck hatte eine extrem kommerzielle Seite. Es staute sich in ihm aber auch eine ungeheure philosophische Erwartung. \u201eSie sind der einzige Zuschauer\u201c, antwortete Ortmann. Er schaute in die Tiefe. \u201eSie zahlen den vollen Preis f\u00fcr die Einmaligkeit.\u201c Ich gehe aufs Ganze, dachte Kautsky, ich zahle jeden Preis.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ortmann zeigte auf die schwarzen Stufen der Treppe. \u201eSie sind noch schwarz von den Briketts aus der Kohlenzeit\u201c, sagte er. Sie sind schon ganz schwarz von der Nacht, die mich in diesem Heizungskeller erwartet, dachte Kautsky. \u201eDa unten st\u00f6rt Sie kein Publikum\u201c, sagte Ortmann. Kautsky erwiderte: \u201eAber ich stehe mir im Weg, wenn ich so allein bin mit einem St\u00fcck.\u201c \u201eSie sind nicht allein\u201c, rief Ortmann, als Kautsky die dunkle Treppe hinunterstieg. Ich verliere in dieser Nacht meinen K\u00f6rper, dachte er, alle St\u00fccke spielen nur im Kopf, auch dieses St\u00fcck ist ein Kopfst\u00fcck. Das St\u00fcck dringt in die Augen des Zuschauers, es reist von Kopf zu Kopf. Kautsky tastete sich ein paar Schritte weiter. Oben fiel die T\u00fcr ins Schloss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Caf\u00e9 war weg. Die Welt war weg. Kautsky blieb stehen. Er sah nichts. Die Zeit tropfte in einen Eimer. Ganz langsam fuhr ein Schein in die Schw\u00e4rze, die W\u00e4nde kamen n\u00e4her. Der Raum war nun da. Aber da war keine B\u00fchne, kein Vorhang, kein Zuschauerstuhl. Der Schein wurde heller. Kautsky f\u00fchlte den Schauspieler. Der sah ihm in die Augen, die zwei Kugeln flackerten in dem wachsenden Licht, aus dem die Gegenst\u00e4nde der neuen Welt kamen. \u201eDu bist nicht allein!\u201c, sagte die Stimme mit den Augen. Der Schauspieler war eine Frau. Kautsky war im St\u00fcck. Das wusste er nun. Aus dem Schatten tauchte eine Lampe, ein Spiegel, ein Bett. Im Licht der Lampe sah Kautsky die Frau so nah, als betrachtete er sich selbst im Spiegel. Sie spielte sich selbst, dachte Kautsky. Sie sieht mich nicht, aber sie wei\u00df, dass ich da bin. Sie spielt mir ihre Szenen zu, als w\u00e4re ich nicht da. Sie ging ein paar Schritte, kletterte auf das hohe Bett, ihr schwindelte, sie war der Sonne so nah, sie nickte ihr zu und sah immer hinauf. Auf einmal bemerkte sie den Abgrund zu ihren F\u00fc\u00dfen. Sie wich nicht zur\u00fcck, sie stand nicht still, sie taumelte vorw\u00e4rts &#8211; zu Kautsky hin. Ein Weib hat das Recht von jedem Mann zu verlangen, dass er ein Held sei. Er sprang zu ihr. Sie warf sich ihm in die Arme. Er konnte sie nicht halten. Sie fiel zu Boden. Kautsky wollte etwas sagen, aber er konnte nicht. Ihre Sch\u00f6nheit, dachte er, ist die der Tollkirsche. Sie stand auf, warf den Kopf nach hinten und griff mit beiden H\u00e4nden durchs fallende Haar. Seine Wangen gl\u00fchten, als wollte das Blut herausspringen. \u201eIch bin dein Gott!\u201c, sagte sie ins Licht der Lampe.&nbsp; Kautsky l\u00e4chelte. Die Frau beherrschte ihre Rolle. Nach einer Weile bemerkte er, wie sie mit ihm spielte. Kautsky, der sich in seiner Rolle immer wohler f\u00fchlte, durchschaute das Doppelspiel der Frau und dachte: Jetzt schauen wir uns gegenseitig zu. Und je mehr die Frau spielte, umso mehr fing Kautsky an sein Zuschauen zu schauspielern, und gleichzeitig wurde die Frau immer mehr zum Zuschauer in einem anderen St\u00fcck. \u201eWer bezahlt dich?\u201c, fragte Kautsky. \u201eIch spiele nur f\u00fcr dich\u201c, antwortete die Frau. \u201eAber du gehst vom Text ab\u201c, sagte er. \u201eNein, du bist eingeplant.\u201c Sie schaute ihn herausfordernd an, spitzte die Lippen und blies ihn an. Es ist mein St\u00fcck, sagte sich Kautsky, von Anfang an war es mein St\u00fcck. Sein Wille, die Strategie der Frau zu spiegeln, schlug um in den Wahn sie zu verf\u00fchren. Kautsky legte seine Hand auf ihre Schulter und lie\u00df seine Hand langsam auf ihrer Haut hinabgleiten. Sie spiegelte das Licht der Lampe, so glatt war sie. Er trat eng an die Haut und beugte sich \u00fcber sie, sein Blick schnitt von der Haut das straff gespannte Kleid. Ihre Arme und Br\u00fcste waren einge\u00f6lt. Das Zittern der Finger fuhr ihm ins Herz. Als die Fingerkuppen die harte Brustspitze ber\u00fchrten, fauchte sie. Er lachte: \u201eDu gehst zu weit!\u201c Er verlor den Kopf, er verlor seine Zeit. Er arbeitete immer hastiger. Kautsky hatte Hunger, er wollte die Frau. Sie fasste unter ihre Br\u00fcste und presste sie nach oben. Sie spritzte ihn an. Sein K\u00f6rper schrie. W\u00e4hrend er sie auszog, schlitzte sie mit einem Messer, das sie mit dem Fu\u00df vom Boden in ihre Hand hochschleuderte, seine Hose auf, ohne dass er es merkte. Er warf sie aufs Bett. Sie wehrte sich nicht. Sie spreizte die Beine. Das war eine Drohung. Aber er war schon blind &#8211; &#8211; &#8211; Kautsky steckte fest zwischen ihren Schenkeln. Sie lie\u00df ihn nicht los. Er dachte, sie spielt. Sie hob den Rumpf an, stemmte die Arme ins Laken, stie\u00df die Stirn in seinen Kopf, packte ihn an den Schultern, warf seinen K\u00f6rper nach hinten und schmetterte ihn mit dem Nacken auf die Bettstange am Fu\u00dfende. Der Kopf ist noch da. Er wei\u00df nicht, wo der K\u00f6rper ist. Er begreift das Spiel nicht. Aber er bleibt erregt. Jetzt steht sie im Bett, zieht den Mann am Kopf hoch. Die Arme h\u00e4ngen schlaff am Leib herunter. Wortlos. Die Augen fallen aus dem Licht. Die B\u00fchne wird wei\u00df. Dann f\u00e4llt der Schwanz.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,&nbsp;Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\"><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eHier geht\u2019s runter, Sie werden erwartet\u201c, sagte Ortmann, der Regisseur, zu dem einzigen Zuschauer, der an einem Sommerabend im letzten Jahr des letzten Jahrtausends das St\u00fcck eines Schauspielers erleben wollte, das nur f\u00fcr einen einzigen Zuschauer gedacht war. 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