{"id":45150,"date":"2019-02-15T00:01:47","date_gmt":"2019-02-14T23:01:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45150"},"modified":"2019-01-27T14:19:32","modified_gmt":"2019-01-27T13:19:32","slug":"poetry-slam","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/02\/15\/poetry-slam\/","title":{"rendered":"Poetry Slam"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Kautsky stellte sich vor, wie sie kleine Plastikeimer mit Glasscherben austeilten. Die Girls kletterten in den Ring und rissen ihm das Hemd vom nassen Leib. Dann flogen die Scherben durch die Luft. Er brach zusammen. Der Saal z\u00e4hlte ihn aus. Kautsky zitterte. Als er wieder aufstand, trampelten sie alle Beifall und sangen das Lied der S\u00fcdkurve.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als die Luft im prallvollen Saal immer dicker wurde und das Holz nach Bier roch, schrie die Jury den Namen des ersten Finalisten in die Koordinaten des Nikotins. Applaus. Kleine Schreie aus dem Publikum. Hatte Landauer brachte die legend\u00e4re Erz\u00e4hlung von den Kirschmundfrauen, eine subtil \u00fcberh\u00f6hte Szenestory. Gerade noch ernst genug. Der Text schlug ein und platzte im Hirn. Skoruppas Truppe stampfte. Der Saal klatschte laut und lange Beifall. Jetzt war klar, Skoruppa war gekommen um Kautsky zu schlachten, den Liebling der Jury. Landauer strahlte, sein Sieg war nur noch Formsache. Er stieg l\u00e4ssig \u00fcber die Seile und sprang zu den Girls ins Parkett. Kautsky wartete, bis der Applaus verhallt war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann stieg er in die Scherben. Er erz\u00e4hlte die Geschichte von Stewart Rushton, der mit seinem neunj\u00e4hrigen Sohn Adam beim Spaziergang am Strand der Irischen See von dichtem Nebel umringt wurde und bei rasch steigender Flut die Orientierung verlor. Die Strandwache von Blackpool, einen Steinwurf von den beiden entfernt, h\u00f6rte ihr Schreien nicht. Rushton hatte sein Handy dabei und glaubte sich schon gerettet, als er mit seiner Frau sprach. Die alarmierte die Strandwache. Die Suche blieb erfolglos. Strandwache und Polizei nahmen telefonisch Verbindung mit den beiden auf. Adam und Stewart Rushton h\u00f6rten sp\u00e4ter die Sirene eines am Strand stehenden Polizeiwagens. Sie konnten die Richtung nicht orten und schrien. Die Polizisten h\u00f6rten die Schreie, aber sie mussten vor der schnellen Flut weichen. Rushton nahm seinen Sohn auf die Schulter. Dennis Laird von der K\u00fcstenwache berichtete, je mehr Zeit verging, desto verzweifelter wurden die Gespr\u00e4che. Das Wasser steht seinem Vater bis zum Hals, waren Adams letzte Worte. Die Leichen wurden nur wenige Meter vom rettenden Strand entfernt gefunden. Kautsky sprach die Dialoge aus der Sicht Dennis Lairds &#8211; die Zuh\u00f6rer wurden Augenzeugen des Sterbens, Kautsky redete, rief, beruhigte, fragte, stammelte, klagte, schrie, weinte, schrie. Als Kautsky aufh\u00f6rte, schaute er nicht ins Publikum. Er genoss die Stille.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In diesem Moment warf Skoruppa seinen Stuhl um und st\u00fcrmte nach vorn. Die Klatscher sprangen von den Sitzen auf. Skoruppa stieg in den Ring und stellte sich neben Kautsky an die Rampe. \u201eDas hat er geklaut!\u201c, schrie Skoruppa in den Saal. Kautsky hob langsam den Kopf aus der Stille. Dann schlug er zu und stie\u00df Skoruppa in die Seile. Er packte ihn an den Beinen und hebelte den K\u00f6rper des Bewusstlosen \u00fcber das Seil, bis der Kopf \u00fcber dem Parkett hing. Die Kamera blitzte. Der Saal stampfte und schrie. Kautsky wippte den K\u00f6rper auf und nieder, im Schnittpunkt der Spotlights baumelte der Kopf. Als Skoruppa die Augen wieder \u00f6ffnete, mit den Armen Halt suchte und schrie: \u201eSchlagt ihn tot, den Hund!\u201c, riss Kautsky die Beine des Feindes hoch und stie\u00df ihn in die Tiefe. Die Klatscher st\u00fcrzten nach vorn. Sie rannten die St\u00fchle um und rissen eine Schneise ins Parkett bis zur B\u00fchne. Die Leute sprangen von ihren Sitzen. Eine eigenartige Mischung aus Neugier und Panik bebte im Raum. Die Klatscher erreichten den Ring. Die Girls kreischten. Die Menge zappelte in den Stuhlreihen. Kautsky trat einem Klatscher, der in den Ring kletterte, auf die H\u00e4nde. Die Menge riss die St\u00fchle um, sie walzte alles nieder auf ihrem Weg nach vorn. Ein paar Girls warfen sich auf den Boden, andere fielen in Ohnmacht. Die Schreie verstummten. Kautsky schlug um sich, bis ein harter Schlag vor den Kopf ihn niederstreckte. Die Jury verteidigte die B\u00fchne, bis die Klatscher sie \u00fcber die Rampe warfen. Kamerablitze. Inzwischen hatte Skoruppa wieder das Bewusstsein erlangt und stand auf. Er hatte sich beim Sturz auf das Parkettholz den Hals gestaucht. Er lief ganz schief zur B\u00fchne. Skoruppa hing an der Rampe und kam nicht hoch. Die Wut des Saals kam n\u00e4her. Er schrie um Hilfe. Endlich sahen ihn die Klatscher und zogen ihn auf die B\u00fchne hoch. Die Girls zogen ihm dabei die Lackhose von den Beinen. Skoruppa befahl den R\u00fcckzug. Die Klatscher rissen die roten B\u00fchnenvorh\u00e4nge herunter und warfen sie \u00fcber das heranst\u00fcrmende Publikum, das sich in den Netzen verfing. Sie zertr\u00fcmmerten die Lautsprecher, zerschmetterten die Scheinwerfer und warfen die Elektronik mit den langen Kabeln in die w\u00fctende Menge. Kautsky lag allein vorn auf der B\u00fchne und regte sich nicht. Skoruppa und die Klatscher rannten \u00fcber die hintere B\u00fchne und z\u00fcndeten dort die schwarzen Seitenvorh\u00e4nge an. Als die Flammen hochstachen, war Skoruppa mit den Klatschern verschwunden. Kautsky schlug die Augen auf, er konnte sich nicht bewegen. Er sah \u00fcber die Rampe in den hellen Saal. Das Licht war unruhig. Kautsky traute seinen Augen nicht. Da lief Landauer im Saal durch den Kahlschlag nach vorn und kletterte auf die B\u00fchne. Er riss sich das Hemd vom Leib und verlangte das Scherbengericht. Die Apokalypse stockte. Keine Bewegung im Saal. Kein Wort. Das d\u00fcnne Holz der B\u00fchne knackte laut, es rauschte der ganze Raum. Das Feuer fra\u00df die Luft auf. Als der Ring schwarz wird, st\u00fcrzt sich Landauer mit nackter Haut und offenen Augen in die spitzen Scherben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das war\u2019s. Halb eins und immer noch ziemlich mild drau\u00dfen. Bluetronic warf eine neue Scheibe auf den Teller. Kautsky z\u00fcndete sich eine Zigarette an. \u201eHey\u201c, sagte Rayl, \u201edas war echt gut. Klasse Performance.\u201c Kautsky konnte das alles nicht fassen. \u00dcber der B\u00fchne standen die Schwaden im Kreuzfeuer der Spotlights. Das ist alles keine hohe Literatur hier, dachte er, vielleicht gute Unterhaltung, grandios neurotisch. Ich bin kein Literat, aber vielleicht ein ganz guter spoken word artist. Dann schaute er ein bisschen verlegen, nahm seine Flasche Siegerwhisky und zog mit Rayl und Ko ins <em>Atomic Caf\u00e9<\/em>, Innenstadt, Party machen, wer wei\u00df, vielleicht bis in den jungen Montag hinein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,&nbsp;Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\"><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kautsky stellte sich vor, wie sie kleine Plastikeimer mit Glasscherben austeilten. Die Girls kletterten in den Ring und rissen ihm das Hemd vom nassen Leib. Dann flogen die Scherben durch die Luft. Er brach zusammen. 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