{"id":45143,"date":"2019-02-02T00:01:29","date_gmt":"2019-02-01T23:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45143"},"modified":"2019-01-27T13:56:26","modified_gmt":"2019-01-27T12:56:26","slug":"stangerbad","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/02\/02\/stangerbad\/","title":{"rendered":"Stangerbad"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Es war die erste Nacht nach der Operation.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich konnte nicht einschlafen. Trotz aller Mattheit war ich aufgeregt und neugierig darauf, wie ich aussehe, wenn alle Wunden verheilt sind. Aber jetzt war alles verbunden, der Kopf, der Hals, die Brust, der Bauch, die Beine. Wieso der Kopf? Ich wusste es nicht, ich war zu schwach f\u00fcr eine Antwort. Ich erinnerte mich nur noch an die Vorbereitungen zur Operation.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war in einem Zimmer mit vielen Leuten, die ich alle kannte, aber ich kannte keinen. Die Leute lachten, sie lachten mich an, sie griffen nach mir, und auf einmal wurde ich emporgehoben, \u00fcber alle K\u00f6pfe hinweg, auf H\u00e4nden getragen, dem Licht entgegen. Ich war v\u00f6llig geblendet. Es war so hell, dass ich nichts mehr sah. Ich sp\u00fcrte die festen Griffe an Armen und Beinen, am ganzen K\u00f6rper, und ich h\u00f6rte das Lachen. Das ganze Zimmer lachte!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die vielen H\u00e4nde arbeiteten an mir. Nach einer Weile merkte ich, wie die H\u00e4nde einer Ordnung gehorchten, sie griffen fest zu und lie\u00dfen wieder locker, der Druck war rhythmisch, und zugleich pflanzte er sich vom Kopf bis zu den F\u00fc\u00dfen fort wie eine Welle. Ich war nun ganz nackt. Die H\u00e4nde spielten mit meinem K\u00f6rper, und ich selbst f\u00fchlte mich wie Musik. Der ganze Raum sang.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die H\u00e4nde lie\u00dfen den K\u00f6rper langsam sinken. Ich sp\u00fcrte das Wasser zuerst am R\u00fccken. Ich tauchte ein in das Wasser. Die H\u00e4nde lie\u00dfen mich nicht los. Tiefer tauchten die H\u00e4nde den K\u00f6rper. Ich sp\u00fcrte, wie das Wasser sich auf die ganze Haut verteilte, dann drang das Wasser in mich ein und floss in mir, es floss durch mich hindurch. Es tanzte. Mit dem Kopf unter Wasser genoss ich den s\u00fc\u00dfen Schrecken. Die Br\u00fcste wurden starr wie durch Gefahr entstanden &#8211; es war die Geburt des Entsetzens: Ich riss die Augen auf und erstarrte ganz, als ich sah, wie die H\u00e4nde, die mich unter Wasser dr\u00fcckten, meine eigenen H\u00e4nde waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>Das Wasser hat die Aufgabe, den Strom (\u00fcber gro\u00dffl\u00e4chige Graphitelektroden) der im Bade befindlichen K\u00f6rperoberfl\u00e4che zuzuf\u00fchren. Da der Strom sich auf der ganzen Haut verteilt, k\u00f6nnen hohe Stromst\u00e4rken angewendet werden. Durch entsprechende Schaltungen&nbsp; wird eine Querdurchstr\u00f6mung des ganzen K\u00f6rpers vorgenommen. Dem Badewasser wird meist Lohtannin zugesetzt. <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><em>&nbsp;<\/em>Nat\u00fcrlich war das nur ein Traum. Das wusste ich. Aber eine Woche sp\u00e4ter wusste ich das nicht mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war wieder zu Hause, der K\u00f6rper erholte sich von den schweren Eingriffen. Am ersten Morgen stand ich fr\u00fch auf, ich war neugierig auf meinen K\u00f6rper. Ich streifte das Hemd vom straffen K\u00f6rper&nbsp; und ging zum Spiegel: Und ich sah, dass ich sch\u00f6n war, sch\u00f6ner als je zuvor. Ich sah auch die Falle im Spiegel, die Gefahrenstelle, den Mann, der nach mir Ausschau h\u00e4lt, das Begehren. Ich empfand meine Operation immer mehr als ein Ereignis der erotischen Magie.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich zog mich an und ging, wie immer, zum Briefkasten. Der Brief von der Klinik. Ich dachte: Die Rechnung. Dann sah ich den Zettel am Paketfach. Ich \u00f6ffnete das Fach. Was ich da sah, traf mich wie ein Stromschlag &#8211; im Fach stand mein Kopf und starrte mich mit aufgerissenen Augen an, der weit ge\u00f6ffnete Mund lachte. &#8211; Ich fiel tot um.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,&nbsp;Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\"><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war die erste Nacht nach der Operation. Ich konnte nicht einschlafen. Trotz aller Mattheit war ich aufgeregt und neugierig darauf, wie ich aussehe, wenn alle Wunden verheilt sind. Aber jetzt war alles verbunden, der Kopf, der Hals, die Brust,&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/02\/02\/stangerbad\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":41,"featured_media":45126,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[866],"class_list":["post-45143","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-ulrich-bergmann"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45143","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/41"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=45143"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45143\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=45143"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=45143"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=45143"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}