{"id":45141,"date":"2019-01-29T00:01:52","date_gmt":"2019-01-28T23:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45141"},"modified":"2019-01-29T05:50:58","modified_gmt":"2019-01-29T04:50:58","slug":"menschenmehl","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/01\/29\/menschenmehl\/","title":{"rendered":"Menschenmehl"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">Ich betrat die Apotheke, weil mich zwei feine Pulver im Schaufenster neugierig gemacht hatten. Die kleinen Kegel aus fein gemahlener Substanz, auf die R\u00fcckseite ge\u00f6ffneter Briefumschl\u00e4ge geschaufelt, schimmerten schwarzrot und elfenbeingrau. An der Stelle des Absenders waren gespreizte Frauenbeine zu sehen, hinter denen der liegende K\u00f6rper fast verschwand. Das Pulver war offenbar eine Botschaft f\u00fcr M\u00e4nner.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war nicht \u00fcberrascht, als der Apotheker mir erkl\u00e4rte, das einzige Aphrodisiacum, das wirklich wirke, sei aus Menschen gemacht. Ich wollte wissen, wie das funkelnde Menschenmehl zubereitet wird, und fragte, ob es aus Frauenk\u00f6rpern gewonnen werde. \u201eWas sonst\u201c, antwortete der Apotheker.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich war der einzige im Laden, wir waren allein, der Apotheker hatte Zeit und Lust mir die Herstellung des neuen Pr\u00e4parats, das nicht verschreibungspflichtig, aber ungeheuer teuer war, zu erkl\u00e4ren. An der Wand, wo die Waage stand, auf der wartende Kunden manchmal ihr K\u00f6rpergewicht messen, hing im nat\u00fcrlichen Ma\u00dfstab das Bild eines aufgeschnittenen Menschen. Die linke H\u00e4lfte zeigte das enth\u00e4utete Innere einer halben Frau, die rechte H\u00e4lfte einen halben Mann, der noch seine Haut trug. Der Mensch ist ein Kunstwerk, dachte ich. Er ist ja innen noch sch\u00f6ner als au\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWissen Sie\u201c, sagte der Apotheker, \u201eder Wert eines Menschen, der zu \u00fcber siebzig Prozent aus Wasser besteht, ist sehr gering.\u201c Er zeigte auf das Bild. \u201eBedenken Sie, wie teuer die Entsorgung eines Leichnams ist, selbst wenn Sie auf das feierliche Ritual einer Bestattung verzichten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIch wei\u00df\u201c, sagte ich. \u201eAber zum Gl\u00fcck ist der materielle Wert nur die eine Seite des Lebens.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas ist ein anderes Thema\u201c, sagte er. \u201eAllerdings l\u00e4sst sich der Wert eines frischen Schlachtk\u00f6rpers durch Veredelung enorm steigern. Wir nutzen die reichen Kenntnisse der Schlachth\u00f6fe, die es seit \u00fcber zweitausend Jahren gibt. Wichtig ist, dass richtig geschlachtet wird. Wir m\u00fcssen die Beute also fachgerecht t\u00f6ten. Zur Ausschaltung von Schmerz k\u00f6nnen wir den Schlachtk\u00f6rper vorher bet\u00e4uben, oder man durchtrennt das verl\u00e4ngerte Mark durch Genickstich oder Genickschlag. Zur Bet\u00e4ubung verwenden wir die Schlachtkeule, die Schlachtmaske, ein Beil mit hohlmei\u00dfelartig eingesetztem Bolzen, den Bolzenschussapparat, bei dem ein Schlagbolzen durch eine kleine Treibladung ins Gehirn getrieben wird, oder die Bet\u00e4ubungszange, die von den Schl\u00e4fen aus in k\u00fcrzester Zeit durch elektrischen Strom bet\u00e4ubt. Der schnellste Tod ist aus pharmazeutischer Sicht der beste. Er garantiert, wenn keine bitteren Hormone in Todesangst ausgesch\u00fcttet werden, die aromatische Qualit\u00e4t, die f\u00fcr das Liebespulver erforderlich ist.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der kennt sich aber gut aus, dachte ich. Das muss er doch gar nicht alles so genau wissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDa wir das reine Fleisch brauchen, lassen wir den Schlachtk\u00f6rper durch Bruststich oder Halsschnitt erst einmal verbluten\u201c, sagte er. Er sprach ruhig. Die Augen, so kam es mir vor, sahen dabei ein wenig durch mich hindurch. Er schaute immer mehr in sich selbst hinein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eJetzt haben wir das Blut. Das wird weiterverarbeitet in einem unglaublich ausgekl\u00fcgelten Gerinnungsbad. Wir ziehen die Haut ab, die wird zu Rohleder verarbeitet und dann zerrieben. Stellen Sie sich einfach geriebenen Parmesank\u00e4se vor. Wir l\u00f6sen das Fleisch von den Knochen und ziehen die Sehnen heraus. Wir nehmen die Knochen, kochen das Mark heraus, mahlen Knochen und Sehnen zu Pulver. In der Kuttelei waschen wir den Darm, in der Organk\u00fcche reinigen und br\u00fchen wir die Leber, die Nieren, die Blase, den Magen, die Lungen, das Hirn und alles andere. Nichts geht verloren!\u201c Der Apotheker war begeistert.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eWir drehen das Fleisch durch den Wolf\u201c, erkl\u00e4rte er weiter, \u201edann trocknen wir es in hei\u00dfen Anlagen aus, genauso wie das Blut und das Hirnwasser, die Sekrete, die geriebene Haut, Sie erinnern sich an das Parmesanleder, den Darm, die Sehnen, Fingern\u00e4gel und Haare, Z\u00e4hne und Knochen &#8211; alles wird zermahlen! Aus dem Blut gewinnen wir das rote Pulver, aus dem anderen das braungelbe bis elfenbeingraue Pulver.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er, der am Ende einer langen Kette subtiler Veredelungsprozesse stand, wusste was er verkaufte. Aber es ist die Suppe der Medea.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eIhnen ist nichts Menschliches fremd\u201c, sagte ich ein wenig gereizt. Aber er merkte es nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSie sehen, der Mensch ist nun viel mehr wert als die Summe aller seiner Einzelteile\u201c, sagte er. \u201e\u00dcbrigens schlachten wir nur im November.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAus Tradition?\u201c, fragte ich, \u201eder November war fr\u00fcher der Schlachtmonat. Wenn die Ernte eingefahren war, dachten die Menschen an den Winter.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDas ist reiner Zufall\u201c, sagte er, \u201eder Schlachttermin ist heute nur an Lieferbedingungen gekn\u00fcpft. Da kenne ich mich nicht aus.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAber &#8211; \u201c Er lie\u00df sich nicht unterbrechen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDie Entwicklung des inzwischen sehr preiswerten Mittels hat horrende Kosten verursacht\u201c, sagte der Apotheker, \u201ezumal in der Versuchsphase. In den ersten Testreihen starben die Probanden massenhaft am \u00dcberschuss der Libido, weil\u201c &#8211; er l\u00e4chelte sp\u00f6ttisch, \u201eder Herzmuskel versagte.\u201c Nun gab er mir das Wort.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eAber das steht doch alles in keinem Verh\u00e4ltnis zueinander!\u201c Ich drehte mich um und ging. An der T\u00fcr rief ich noch: \u201eWo ist denn da der Fortschritt?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eDer Fortschritt\u201c, sagte er, \u201eliegt immer nur in der List der Geschichte. Etwas Besseres haben wir nicht.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich betrat die Apotheke, weil mich zwei feine Pulver im Schaufenster neugierig gemacht hatten. Die kleinen Kegel aus fein gemahlener Substanz, auf die R\u00fcckseite ge\u00f6ffneter Briefumschl\u00e4ge geschaufelt, schimmerten schwarzrot und elfenbeingrau. 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