{"id":45139,"date":"2006-01-29T00:01:22","date_gmt":"2006-01-28T23:01:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45139"},"modified":"2021-12-12T10:34:58","modified_gmt":"2021-12-12T09:34:58","slug":"das-konzert","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/01\/29\/das-konzert\/","title":{"rendered":"Das Konzert"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Konzert begann. Der Dirigent hob den Stab und brach ihn \u00fcber das Knie, das Orchester stand auf der d\u00fcnnen Eisdecke eines drei Meter hohen Wasserw\u00fcrfels in gl\u00e4sernen W\u00e4nden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Musiker stellten ihre Gehirne um.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Langsam zerlegten die Musiker ihre Instrumente, nach genauem Plan, dann zogen sie die Kleider aus, drehten sie zu dicken Seilen. Wie oft hatten sie die einmalige Choreographie ge\u00fcbt, immer und immer wieder, jede Bewegung des komplexen Zusammenspiels, auf Achtelnoten genau! Sie blieben genau im Takt, sie durften nicht zu schnell sich ganz hingeben ans Werk, sie mussten ihr Leben hinausz\u00f6gern. In den Proben war alles nur Schein, zehn Jahre lang simulierten und spielten sie wie Interpreten, die L\u00f6sungen suchten und nicht fanden, sie probten den Tod wie jeder Lebende, nur intensiver, bewusster. Sie sehnten sich nach dem Tag dieses Konzerts, sie wollten den ganzen Sinn, sie wollten nicht mehr spielen. Jetzt wurde es endlich ernst.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie l\u00f6sten die Saiten aus der gro\u00dfen Harfe, den Violinen, Celli, Bratschen und Contrab\u00e4ssen, dann demontierten sie das Klavier. Jede einzelne Aktion hatte einen bestimmten Bezug zum Ende, das sp\u00fcrte jeder in der ausverkauften Halle, sie durchschauten alle die Partitur des Prozesses, der auch ihr Leben betraf, das f\u00fchlten sie. Sie fesselten schon mit ihren Augen den Dirigenten, bevor die Streicher die miteinander verkn\u00fcpften Saiten wie Netze \u00fcber ihn warfen, dann banden sie sich selbst an Armen, Beinen und H\u00e4lsen, vernetzten und verdrahteten sich zu einem K\u00f6rper, zu einem Instrument, das immer harmonischer spielte. Aus den M\u00fcndern t\u00f6nte der Schmerz, der Gesang floss \u00fcber die Haut des Instruments. Das Publikum war erst unsicher, Raunen mischte sich f\u00fcr eine Zeit in die K\u00f6rperges\u00e4nge und verschmolz mit ihnen. Dann trat Stille ein, entsetzliche Stille, das Instrument explodierte, die Musiker strebten heftig auseinander, liefen hart bis zu den vier R\u00e4ndern des Glask\u00f6rpers, der ihr Stern war, und zogen die Saiten immer enger zu. Sie fielen aufs Eis, das Blut schoss durchs Herz, sie bissen die knirschenden Z\u00e4hne fest in die Seile am Rand ihres Sterns. Da wurde es leiser. Ihr Lied ging nach innen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die nackten K\u00f6rper gl\u00fchten wei\u00df und grell. Sie blendeten die Augen. Die Saiten zergliederten die K\u00f6rper in ungesehener Art, und in der Bewegung erschien das St\u00fcck wie die Summe aller m\u00f6glichen Akte. Kein Bildhauer sah bisher so den menschlichen K\u00f6rper. So sch\u00f6n und reizvoll erschien die Flut der H\u00e4ute, die Schwellung der Muskeln, die Drehung der Glieder &#8211; weil sie im Schmerz klangen. Feine Dr\u00e4hte verst\u00e4rkten elektronisch das Summen der Haut, die Reibung der Luft, das schlagende Herz, das rasende Blut. Die K\u00f6rpermusik drang in die Ohren und verteilte sich in den K\u00f6pfen der H\u00f6rer, die sich entkleiden. Einer nimmt die scharf gespitzte Stimmgabel und sticht sie in die aufgerissenen Augen des Nachbarn, aus denen die zersplitterten Bilder seines Lebens herausfallen, wie Glasscherben ins harsch kratzende Eis. Ein anderer rei\u00dft den Geigenbogen hoch und rammt ihn in die Gurgel der Sch\u00f6nen neben ihm, er zieht den Bogen rauf und runter, spielt ein schwarzes Thema, zers\u00e4gt den Rachen, die Luftr\u00f6hre, die Lunge zu lauter neuen Melodien. Noch ein anderer setzt die Fl\u00f6te am After einer Knienden an und st\u00f6\u00dft sie ihr so heftig in den Darm, dass spitzige T\u00f6ne aufs Eis spritzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vom Rand zur\u00fcck st\u00fcrzten sie zur Mitte des Eises. Im Zusammenprall ein einziger schriller Schrei, tierisch jetzt. Sie liefen wieder auseinander, zum Rand des Glases, zum Ufer des Todes. Nun schlugen die Schritte im Hin und Her einen melodischen Rhythmus aus dem Eis, aus den gespannten Saiten und zerfaserten Stimmb\u00e4ndern. Zuletzt sprangen sie mit der ganzen Kraft, die sie f\u00fcr die letzte Bewegung aufgehoben hatten, in alle Himmelsrichtungen \u00fcber die Glasklippen in die Tiefe. Langsam schrumpften die Lungen, sie gaben ein leises chorisches Zischen, bis in den zugeschn\u00fcrten Kehlen die letzten Saiten rissen, kleine K\u00f6rner fielen aus den weit ge\u00f6ffneten M\u00fcndern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Publikum war immer noch bewusstlos, in der langen Fermate des letzten Taktes fielen die Zuh\u00f6rer wie Dominosteine, Reihe um Reihe, starr zu Boden. Das Aufschlagen der nackten Leiber war der Applaus. Die hingeschmetterten Sch\u00e4del platzten, rissen auf, Perkussion jagender Pulse, zitternder Nervenstr\u00e4nge, innen trommelten die K\u00f6rper. Nur eine kleine Weile. Hirngesang. Stille. Stockdunkel mit einem Schlag.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sela.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Das Konzert begann. Der Dirigent hob den Stab und brach ihn \u00fcber das Knie, das Orchester stand auf der d\u00fcnnen Eisdecke eines drei Meter hohen Wasserw\u00fcrfels in gl\u00e4sernen W\u00e4nden. Die Musiker stellten ihre Gehirne um. 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