{"id":45137,"date":"2006-02-07T00:01:04","date_gmt":"2006-02-06T23:01:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45137"},"modified":"2023-01-15T07:32:12","modified_gmt":"2023-01-15T06:32:12","slug":"schorf","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2006\/02\/07\/schorf\/","title":{"rendered":"Schorf"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sarah lachte laut in die d\u00fcnne Luft der sommerlichen Gedanken. Er will keine anderen G\u00f6tter haben neben sich, denkt er. Sie lachte ihn aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ihre Stimme hell vor ihm. Sie stand in einer Gruppe, alle ohne Gesicht. Sie sah Chris mit geschlossenen Augen an. Aber er sah nicht viel, Salz kitzelt den Kehlkopf, es kratzt die Seele aus der Gurgel. Ihre Haut zischt auf dem Bein ganz wei\u00df nach oben, rot untermischt von ihrer Stimme. Immer noch flie\u00dft die Gruppe in seine Augen. Er sagte leise: Geh jetzt nicht weg!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sarah sprang im Salz.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Diese Dinge sind nicht irreal, sie sind m\u00f6glich, das wissen alle, sie sind geheimnisvoll, aber sie ereignen sich t\u00e4glich, an vielen Orten, die sich nicht kennen. Du langweilst dich doch mit dir selbst, dachte er, geh mit Sarah ins Kino.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Was?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Chris spielte mit sich. Wer so sehr spielt, kann verlieren, sich selbst, oder gewinnen, einen anderen. Aber nur, wenn einer gut verlieren kann. Dann gewinnt er sich auf andere Art sogar wieder.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Er gewann. Er ging mit ihr ins Kino. Sie sah ihn die ganze Zeit an. Er war ihr Film. Er sah stur zur Leinwand, dachte Sarah weg, er wusste, dass sie ihn die ganze Zeit anstarrte, er fand das nicht falsch, es gefiel ihm, dass er nicht darauf reagierte. Er wollte unter der dunklen Kinokuppel nicht mit Mund und H\u00e4nden reden. Er fand toll, wie er sich beherrschte, wie er sich hier noch einmal steil nach oben trieb. Das merkte sie nicht, sie konnte das gar nicht wissen, nicht einmal ahnen. Aber er untersch\u00e4tzte seinen K\u00f6rper, er wusste damals noch nicht, dass der ganze K\u00f6rper denkt. Das Hirn ist ja nur ein kleiner Teil des K\u00f6rpers.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie gingen nach Hause, die Nacht war mild. Er hatte kein Bier getrunken, im Kopf aber schwappte der Lappen, die Zunge im Hirn, alles in ihm lallte, er war blind und sprang aus den Augen. Vor ihm Sarah in der wei\u00dfen Bluse. Im tiefblauen Rock steckte die H\u00fcfte. Er griff in die Henkel am Leib und hob die lebende Skulptur hoch, da schrie sie wieder auf, das Salz lachte Schaum in die Nacht, es wurde alles wei\u00df, sie liefen auf Schnee zur\u00fcck in ihre Zukunft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mitten auf der Stra\u00dfe wuchs ein altes Haus aus dem Asphalt, sie stiegen die Treppe hinauf in den Windfang, die Haust\u00fcr stand offen, er trug sie \u00fcber die Schwelle. Dann fielen sie ins Bett. Er sp\u00fcrte, wie er immer st\u00e4rker wurde und sich vor lauter Spannung nach innen bog, bis die Spitze sanft in den Nabel stie\u00df. Sarah lag hinter ihm. Sie schaute in den Flur.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Dinge sagen sich alle selber, dachte er, das Leben eine Formel des Nichts, wie eine Gleichung \u2013 links steht dasselbe wie rechts. Er sah zum Fenster hinaus auf die Stra\u00dfe, da fiel der Tag durch das Glas ins Zimmer, ein umgest\u00fclptes Nichts. Alles kann sich ereignen, dachte er, das Jetzt, das Immer und Nie, es ist ja genug Zeit und Raum da, durch alle Zust\u00e4nde zu gehen, auch die unm\u00f6glichen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Chris stand auf einer hohen Leiter in der linken oberen Ecke eines hohen B\u00fccherregals, direkt unter der Zimmerdecke. Das war weit oben! Er hatte keine Angst vor dem Fall. Unter ihm war alles viel zu klein. Eine helle Lampe, die er \u00fcber sich f\u00fchlte, strahlte den ganz schattenlosen Raum aus. B\u00fccherregale an allen W\u00e4nden. Hinter ihm \u00f6ffnete sich der Raum zu einem breiten Gang. Rechts unter ihm stand Sarah, \u00fcber einen Tisch gebeugt und sprach. Er war tief in den B\u00fcchern seiner Ecke. Sie sprach den Zauberberg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dann stieg er von der Leiter, lief an ihr vorbei, ohne sie anzusehen, sie bl\u00e4tterte das Tischtuch um wie die Seite eines Buchs. Er lief durch den Gang. Ich bin allein. Hinter mir, wo ich herkomme, ist es hell, ich schaue mich um, und alles leer. Ich gehe zur verschlossenen T\u00fcr. Da wohne ich! Er h\u00f6rte Schritte im Zimmer und lief weg, zur\u00fcck in die helle Wohnung. Der Tisch ist weg. Auf dem Boden liegt die Seite des Buchs, rot verkrusteter Schnee!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie gingen weiter durch ihre kurze Nacht. Sarah lachte ihn aus. Das gefiel ihm. Es gefiel ihm, weil sie ihn fand. Weil er sie nicht suchte und sich doch in ihr wieder fand.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Mein K\u00f6rper ist bei dir. Daher schwebe ich ein wenig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als sie sich verabschieden, nimmt sie seinen Kopf und gibt ihm einen Kuss auf die Stirn. Die schwere Zunge darin schnappt nach Luft und Fl\u00fcgeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im schwarzen Wasser die Barke, dicht am Steg. Kein Tau h\u00e4lt dich fest in lautloser Sonnenflut. Das ist nicht der Rhein. Aber Venedig ist das auch nicht. Ich sehe keine H\u00e4user, kein Ufer, nur die Bretter unter mir und das Boot auf dem eisglattschwarzen Wasser vor mir. Da sitzt sie und schaut ihn fest an. Sie tr\u00e4gt den tiefblauen Rock. Die H\u00e4nde liegen auf den Knien. Sie sagt nichts. Keine Bewegung. Ihr Gesicht ist so jung und so schmal. Das Gesicht zoomt nah heran, er sieht nur Augen und Mund, sonst nichts.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sonnenstille.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Sarah lachte laut in die d\u00fcnne Luft der sommerlichen Gedanken. Er will keine anderen G\u00f6tter haben neben sich, denkt er. Sie lachte ihn aus. Ihre Stimme hell vor ihm. Sie stand in einer Gruppe, alle ohne Gesicht. 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