{"id":45119,"date":"2019-01-02T00:01:07","date_gmt":"2019-01-01T23:01:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45119"},"modified":"2017-12-03T10:32:12","modified_gmt":"2017-12-03T09:32:12","slug":"der-schlingentisch","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2019\/01\/02\/der-schlingentisch\/","title":{"rendered":"Der Schlingentisch"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">\u201eEs ist eine eigent\u00fcmliche Anlage!\u201c, sagte der Cheftherapeut, als wir den fensterlosen Raum betraten. Er schaltete das Licht an.\u00a0 \u201eJedenfalls denkt das jeder, wenn er sie zum ersten Mal sieht.\u201c Er schaute hoch zu dem Tisch, der mit seinen vier Beinen unter der Decke des kleinen Raumes hing. (Oder stand er im umgekehrten Raum?) Sein Blick war fast z\u00e4rtlich. \u201eDie Klienten lieben sie alle\u201c, sagte er zu mir, \u201esie sagen manchmal, sie ist das Nirwana der Wirbel.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Metalltisch war hellgr\u00fcn lackiert, die Tischplatte engmaschig gegittert. Mehrere d\u00fcnne, aber sehr feste Seile waren in die L\u00f6cher eingehakt, um die Schlingen zu halten, in denen der K\u00f6rper nach oben gezogen wird. Unter dem Tisch stand ein einfaches Metallbett. \u201eDas ist der Schlingentisch\u201c, sagte er, \u201eein therapeutisches Hauptst\u00fcck unserer Philosophie der progressiven Relaxation.\u201c \u201eMich \u00fcberrascht eine so einfache Anlage\u201c, sagte ich. \u201eDie Ger\u00e4te in den anderen R\u00e4umen machten mir Angst, aber das hier erscheint mir wie die Umkehrung der Folter.\u201c \u201eSie t\u00e4uschen sich\u201c, meinte der Therapeut l\u00e4chelnd und schaute durch mich hindurch. Ich schwieg. \u201eIch nehme an, ich werde dort aufgeh\u00e4ngt\u201c, sagte ich dann. Ich zeigte nach oben. \u201eJa\u201c, sagte er. \u201eEs ist wirklich das Nirwana. In den Schlingen sp\u00fcren Sie keinen Schmerz mehr.\u201c \u201eGut\u201c, sagte ich, \u201eich bin vollkommen \u00fcberzeugt. Am liebsten w\u00fcrde ich auf der Stelle mit meiner Therapie beginnen.\u201c Der Therapeut schaute auf die Uhr. \u201eEs ist 20 Uhr, in einer Stunde schlie\u00dfen wir. Okay, ich h\u00e4nge Sie auf.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich zog meine Trainingssachen an. Das Zimmer war wei\u00df gekalkt, mehrere Neonr\u00f6hren an der Decke leuchteten den Raum taghell aus. Zwei St\u00fchle, ein paar Matten, das war alles. Wenn die schwere Metallt\u00fcr zuschl\u00e4gt und das Licht ausgeht, dachte ich, ist das hier eine richtige Blackbox, vielleicht ersticken auch alle T\u00f6ne. Ein solches Nirwana auf Zeit gefiel mir.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Therapeut, der sich inzwischen mit den Seilen und Schlingen befasst hatte, forderte mich nun auf, mich auf das Bett zu legen, mit dem Hintern in die breite Schlinge. Dann zog er die Schlinge an den Seilen hoch, sodass ich nur noch mit Kopf und Schulter auf dem Bett lag\u00a0 &#8211;\u00a0 eine kleinere Schlinge um die Waden zog die Beine dergestalt nach oben, dass die Oberschenkel fast senkrecht standen, die Unterbeine schwebten waagrecht. Das dauerte alles eine Weile. Schlie\u00dflich befand ich mich in einem ungekannten Gleichgewicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Meine Lage hat \u00c4hnlichkeit mit der eines Embryos, dachte ich,\u00a0 und als ich das Gewirr der Seile, die mich hielten, sah, dachte ich, so sieht also meine Geburt als Marionette aus. Aber das sagte ich dem Therapeuten nicht. Der fragte mich, wie ich mich f\u00fchlte. Ich sagte: \u201ePerfekt!\u201c Er l\u00e4chelte und sagte dann nur noch: \u201eIch lasse Sie jetzt allein. Ich habe Dienstschluss. Mein Kollege wird Sie in einer halben Stunde wieder befreien.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als er den Raum verlassen hatte und die schwere T\u00fcr geschlossen war, f\u00fchlte ich mich immer wohler, und nach einigen Minuten wurde ich so m\u00fcde, dass ich am liebsten das Licht ausgemacht h\u00e4tte. Ich f\u00fchlte mich so frei von aller Last, so leicht wie nie zuvor. Ich wurde immer leichter, immer m\u00fcder, ich war nun Fisch oder Vogel, das war dasselbe. Erst kam der Halbschlaf, endlich war ich in den Schlaf gefallen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Als ich aufwachte, war es stockdunkel. Alles war still, nicht das geringste Surren zu h\u00f6ren. Die Maschinen in den anderen R\u00e4umen schwiegen. Die Beinbeuger, Spreizer, Nackenz\u00fcge, Brustpresser, R\u00fcckenstrecker, Bauchstrecker und Schulterndreher standen still, ebenso die Fahrradergometer, das Laufband, der Isokinetik-Adapter und der computergesteuerte Schleudersitz. Ich sp\u00fcrte mich nicht. Ich wusste nicht, wie sp\u00e4t es war. Es dauerte eine Weile, bis ich wieder wusste, wo ich war. Ich ahnte nur, es mussten Stunden vergangen sein, es war mitten in der Nacht, aber hier war es noch viel dunkler als in der Nacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Langsam kehrte mein Bewusstsein zur\u00fcck, und mit einem Male war ich hellwach. Der Verstand ging mir auf, ich begriff meine Lage. Das Nirwana war vorbei, die Gedanken machten mich schwer, so leicht ich in der dunklen Kammer auch gebettet war.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Wurde ich bestraft? Hatte mir der Cheftherapeut meinen scherzhaften Vergleich seiner Apparate mit der Folter so \u00fcbelgenommen, dass er mir eine \u00dcberdosis Nirwana verordnete? Ach was! Sein Kollege hatte mich vergessen. Oder hatte der Cheftherapeut vergessen dem Kollegen Bescheid zu sagen? &#8211; Die n\u00e4chsten Gedanken galten meiner Befreiung aus der entsetzlichen Lage. Aber ich dachte nicht mehr nach, ich f\u00fchlte nur noch. Ich h\u00e4tte die Schlingen mit meinen H\u00e4nden, die doch frei waren, einfach l\u00f6sen m\u00fcssen und w\u00e4re aus der Aufh\u00e4ngung ausgestiegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber meine Unruhe wurde immer st\u00e4rker, und auf einmal ergriff mich die Angst des Eingeschlossenen, ohnm\u00e4chtige Wut und schlie\u00dflich Panik. Ich wusste nicht mehr, was ich tat. Mit einem gro\u00dfen Schwung richtete ich mich j\u00e4h auf und griff dabei in die Schlingenseile, w\u00e4hrend meine Beine hochschleuderten. Die Seile, die die Beinschlinge hielten, wurden mitgerissen, mit dem Kopf geriet ich zwischen die Seile meiner Ges\u00e4\u00dfschlinge, die zur Schaukel geworden war. Die Seile der Beinschlinge verhedderten sich mit den anderen Seilen &#8211; so wird es gewesen sein, ich wei\u00df nicht, was ich tat -, die Seile schn\u00fcrten mir pl\u00f6tzlich den Hals zu! Ich konnte nicht\u00a0 ins Bett zur\u00fcckfallen, ich war gefesselt!<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Schw\u00e4rze der Nacht begann sich in mir auszubreiten. Ich strampelte und verrenkte mich, wie ich nur konnte, und je mehr ich mich bewegte, umso enger zog sich die neue Schlinge um meinen Hals zu. Ich sah nichts, meine H\u00e4nde griffen ins Leere oder zogen die Halsschlinge noch straffer. In letzter Todesangst erstarrte ich. Mir wurde kalt, ich hielt die Seile fest im Griff. Geklammert an die Halsschlinge bewegte ich mich nicht mehr &#8211; um atmen zu k\u00f6nnen. Jetzt eine falsche Bewegung &#8211; das war unmittelbarer Mord! Der Schmerz gab mir Kraft auf meiner Todesschaukel. Ich verkrampfte schlie\u00dflich so sehr, dass ich bald nichts mehr sp\u00fcrte, aber ich hielt mich wach, ich durfte nicht nachlassen, sonst war ich verloren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ich begann zu phantasieren. Mein Kopf zerschlug den gordischen Knoten! Der Raum drehte sich\u00a0 um, ich fiel auf den Tisch an der Decke, es wurde hell, die Schlingen zogen sich zur\u00fcck, alles fiel von mir ab, ich stand auf, ging zur T\u00fcr, aber die Klinke bewegte sich nicht, ich konnte die T\u00fcr nicht \u00f6ffnen. Das Licht der Neonr\u00f6hren wurde immer k\u00e4lter, bis ich erfror.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am n\u00e4chsten Morgen fanden sie mich.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Sie l\u00f6sten mich aus der Schlinge, kaum noch bei Bewusstsein, und legten mich auf das Bett unter dem Schlingentisch. \u201eSie sind frei!\u201c, sagten sie zu mir. In meinem Gesicht war kein Zeichen der erwarteten L\u00f6sung zu entdecken. Sp\u00e4ter, viel sp\u00e4ter, als ich auf beiden F\u00fc\u00dfen stand, brach ich beim ersten Schritt zusammen und verlor das Bewusstsein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hatte ich das Gehen verlernt? W\u00e4hnte ich mich im Paradies? Ich wei\u00df es nicht mehr. Im Paradies ist das Gehen bei Lebensstrafe verboten.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Kritische K\u00f6rper<\/strong> von Ulrich Bergmann,\u00a0Pop Verlag Ludwigsburg, 2006<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45119&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/KoerperCover-e1512293256786.jpg\" alt=\"\" width=\"185\" height=\"266\" \/><\/a>Ulrich Bergmann bezeichnet den Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> als \u201aCriminal Phantasy\u2019. Der Leser findet in diesen Kurzgeschichten eine f\u00fcr diesen Autor typische Montagetechnik, unterst\u00fctzt durch einen imagistischen Bildgebrauch und die Verwendung extremer Bilder. Von der Figurenzeichnung bis zum Handlungsablauf ist jederzeit klar, wie in diesem Zyklus die moralischen Grenzen verlaufen. Bergmann schreibt gegen den dr\u00f6gen Realismus der modernen Literatur an, und in der Tat besteht das Realistische seiner Literatur darin, das Grausame in seine Texte einflie\u00dfen zu lassen, wobei sie plausible Beschreibungen des Innen und des Au\u00dfen seiner Figuren auch ins Fantastische verl\u00e4ngern. Er erkl\u00e4rt uns eine Welt, in der sich die Bedeutung der Wirklichkeit nicht an der Oberfl\u00e4che erschlie\u00dft. Der Leser muss sich selber von der Abgr\u00fcndigkeit \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Lesen Sie auch zum Zyklus <em>Kritische K\u00f6rper<\/em> den <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15183\">Essay<\/a> von Holger Benkel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEs ist eine eigent\u00fcmliche Anlage!\u201c, sagte der Cheftherapeut, als wir den fensterlosen Raum betraten. 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