{"id":45068,"date":"2018-11-27T00:01:21","date_gmt":"2018-11-26T23:01:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=45068"},"modified":"2022-03-01T15:55:06","modified_gmt":"2022-03-01T14:55:06","slug":"die-vermischung-der-bilder","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/11\/27\/die-vermischung-der-bilder\/","title":{"rendered":"Die Vermischung der Bilder"},"content":{"rendered":"<div class=\"field field-name-title\" style=\"text-align: justify;\"><\/div>\n<div class=\"field-name-body\">\n<p style=\"text-align: justify;\">K\u00f6nnen Bildgedichte die Grenzen von Sprache \u00fcberschreiten, vorausgesetzt, das reflektierende Ich ist sich dieses Risikos insofern bewusst, als es rechtzeitig die Augen schlie\u00dft und die zur Sprache gewordene, eben noch visuell wahrgenommene Welt in einem bildlosen Reflexionsstrang \u201eaufl\u00f6st\u201c? Barbara Zeizinger, seit vielen Jahren Mitglied der renommierten Darmst\u00e4dter Textwerkstatt, Autorin des Lyrikbandes \u201eWeitwinkel nah\u201c und des Romans \u201eAm wei\u00dfen Kanal\u201c und Mitglied mehrerer angesehener Literaturvereinigungen, ist sich dieses Spiels an der Grenze zwischen der sprachlichen Markierung von Welt und deren Aufl\u00f6sung bei dem Versuch, sie mit Bedeutung zu versehen, in mehrfacher Weise bewusst. Die Titelbezeichnungen der sechs Abschnitte, die den Gedichtband strukturieren, verweisen auf vage Zeiten, auf den Grundton B\u00fcchner, auf Grenzen, auf fragw\u00fcrdige Verh\u00e4ltnisse zwischen Subjekt und Objekt, auf Utopien, die selbst in Talk Shows untergehen oder auf aufgehobene Worte. Dieser fragw\u00fcrdigen Tendenz folgen auch die Bezeichnungen ihrer Gedichte, in denen Gedankenstriche in Augen auftauchen, von einem Johannes die Rede ist, der W\u00f6rter aus der Luft f\u00e4ngt, um mit ihnen wortlos zu kommunizieren. Selbst ein Sonntag im Oktober l\u00f6st sich wortlos auf, ein Zitat aus \u201eDantons Tod\u201c, in dem Gedanken sich gegenseitig beaufsichtigen, verweist auf ein Kind, das ausruft: \u201eIch sehe was, das du nicht siehst\u201c und hinter dem philosophisch aufgeladenen Begriff \u201aaufgehoben\u2018 l\u00f6st sich \u201edie Bedeutung deiner Worte \u2026 durch einen Blick (auf)\u00a0 als seien Gespr\u00e4che \/ mit mir verlorene Zeit\u201c (S. 70)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Nachdenken \u00fcber Sprache bewegt das vielschichtige lyrische Ich in vielen der vorliegenden Gedichte. Im Abschnitt \u201aGrundton B\u00fcchner\u2018, mit einem Zitat aus dessen Drama <em>Dantons Tod, <\/em>beklagt es sich \u00fcber \u201eSo viele Zeichen. \/ <em>Ich begreife nichts davon<\/em>, denke in ihr Schweigen \/ zwischen Gl\u00fcck und Ungl\u00fcck liegt das Meer.\u201c Die Verwendung der scheinbar nicht korrekten Pr\u00e4position <strong>in <\/strong>impliziert die Aufhebung des sprachlichen Vorgangs zugunsten einer Handlung, die zwischen Gl\u00fcck und Ungl\u00fcck sich im Meer aufl\u00f6st. Stattdessen legt ein kollektives Ich Erfahrungen mithilfe von Fotos aufeinander bis sich Bilder vermischen\u201c. Und das Ergebnis? \u201eWir werden Zeiten \u00fcben. Zukunftss\u00e4tze.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Vermischung der Bilder, ausgef\u00fchrt von einem kollektiven Ich, f\u00fchrt zur Frage nach der Beziehung zwischen dem Icon und einer Zeit, die h\u00e4ufig in den vorliegenden Gedichten in die Zukunft verlagert wird. Spricht doch die Dichterin in einem kleinen Poem, das Henry gewidmet ist &#8211; ohne die Benutzung einer expliziten Ich-Form &#8211; von einer Zeit dazwischen, nennt \u201eSekunden, Stunden, Jahre, \u2026 ,\/ In der ein L\u00e4ufer H\u00fcrden \u00fcberspringt.\u201c Mehr noch: sie bezeichnet sogar, lakonisch pointiert, alles was in dieser Zwischenzeit entstehen k\u00f6nnte, eine wachsende Baugrube, sogar ein Roman, allerdings nur \u201eaus ersten Gedanken\u201c geformt. Wie also \u201ef\u00fcllt\u201c sie die Zeit mit abgek\u00fcrzten Bildern? Sind ihre Reisen durch den afrikanischen Kontinent dabei hilfreich, wie im \u201eBlickpunkt\u201c, in dem ihr unmittelbarer Blick auf drei Elefanten durch ein fotografiertes Prisma nur im Millimeter-Ma\u00dfstab wahrgenommen werden kann und sogar \u2013 beim Vergleich mit einem Brecht-Gedicht &#8211; sich in Rauch aufl\u00f6st? Ist es die hinl\u00e4nglich &#8211; zumindest begrifflich vertraute &#8211; Relation von Raum und Zeit, die Barbara Zeizinger immer wieder zur\u00fcckweichen l\u00e4sst, wenn es um die Festlegung von Orten und Zeitfeldern geht? Wie zum Beispiel in \u201eEin Sonntag im Oktober\u201c, der so vertraut mit vielen bildlichen Assoziationsfeldern wie Nebelf\u00e4den und melancholischer Winterzeit einsetzt und so unvermittelt die Stunde negiert, in der ein lyrisches Ich sich irgendwo treffen will, obwohl es von niemanden erwartet wird. Nun k\u00f6nnte der Eindruck entstehen, dass die so aufgel\u00f6sten oder verk\u00fcrzten Bilder im irdischen Zeitfenster der Dichterin irgendwelche \u2013 von der Astrophysik vermittelnden zeitlichen und r\u00e4umlichen Kr\u00fcmmungen \u2013 Irritationen ausl\u00f6sen. Doch ein aufmerksamer Blick auf \u201eIch will den Himmel nicht vermessen\u201c kl\u00e4rt den aufmerksamen Rezipienten zumindest vorl\u00e4ufig auf. Im Gespr\u00e4ch mit einem autokommunikativen Ich (oder sogar mit einem Astrophysiker) gibt sie dort den Anspruch auf die Vermessung von kosmischen R\u00e4umen aus, weil die unz\u00e4hligen leuchtenden Sterne und Planeten zwischen Nordstern und Gro\u00dfem Wagen \u201eeinfach nur da sind\u201c. Und hier auf der Erde, wo \u201edie Zeit an der Bucht scheint zu verweilen. \/ wo \u201ees riecht nach Muscheln und Tang\u201c, wo ein wahrnehmendes Ich die Augen schlie\u00dft und nach dem Wieder \u00d6ffnen alles so vorfindet, wie es war? Hat die Zeit sich nur scheinbar aufgel\u00f6st? Nein, sie ist nur k\u00fcrzer geworden, weil jeder Augenblick knapper als ein Fl\u00fcgelschlag der Silberm\u00f6we ist. Und die anf\u00e4nglich verdr\u00e4ngten irdischen Bilder? Sie kommen wieder, dr\u00e4ngen sich in ein m\u00e4rchenhaftes Unterbewusstsein, von dem die Dichterin \u00fcberaus reichlich erf\u00fcllt ist. Und die leere Parkbank auf dem Umschlag des Gedichtbands mit dem Blick auf eine kunterbunte herbstliche Parklandschaft? In weiser Voraussicht hat die Dichterin dort nicht Platz genommen, denn wenn sie geblieben w\u00e4re, h\u00e4tte sie diese wunderbaren kleinen Poeme mit den aufgel\u00f6sten Bildern und der beinahe verschwundenen Zeit nicht geschrieben.<\/p>\n<\/div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=45068&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Cover.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 186px) 100vw, 186px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Cover.jpg 717w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/Cover-210x300.jpg 210w\" alt=\"\" width=\"186\" height=\"266\" \/><\/a><strong>W<\/strong><span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-autor-fix\"><span class=\"field-content\"><strong>enn ich geblieben w\u00e4re<\/strong>, von Barbara Zeizinger.\u00a0<\/span><\/span>Pop Verlag 2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00f6nnen Bildgedichte die Grenzen von Sprache \u00fcberschreiten, vorausgesetzt, das reflektierende Ich ist sich dieses Risikos insofern bewusst, als es rechtzeitig die Augen schlie\u00dft und die zur Sprache gewordene, eben noch visuell wahrgenommene Welt in einem bildlosen Reflexionsstrang \u201eaufl\u00f6st\u201c? 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