{"id":44958,"date":"2009-09-23T00:01:52","date_gmt":"2009-09-22T22:01:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44958"},"modified":"2024-10-24T12:16:45","modified_gmt":"2024-10-24T10:16:45","slug":"gedichte-von-pablo-neruda","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/23\/gedichte-von-pablo-neruda\/","title":{"rendered":"Nachgelassene Gedichte"},"content":{"rendered":"<div>\n<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">In welcher Sprache f\u00e4llt der Regen auf kummergewohnte St\u00e4dte?<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Pablo Neruda<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"field field-name-title\" style=\"text-align: justify;\">Das dichterische Werk von Pablo Neruda hat in seiner thematischen und poetischen Vielschichtigkeit, \u00e4sthetischen Anziehungskraft und ideologisch-politischen Widerspr\u00fcchlichkeit weltweit hohe Anerkennung in dutzenden Sprachen gefunden. Im deutschsprachigen Raum hat es unter der Obhut des Romanisten und \u00dcbersetzers Karsten Garscha seit den 1980er Jahren eine besonders differenzierte Beleuchtung erfahren. \u201eDer Dichter ist kein verlorener Stein. \u00dcber Pablo Neruda\u201c bildete in der bei Luchterhand herausgegebenen Monografie (1983) den Auftakt zu Garschas intensiver Auseinandersetzung mit dem lyrischen und essayistischen Werk Nerudas und dessen Rezeption vor allem im Kontext der lateinamerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts. In zahlreichen Ausgaben einzelner Gedichtzyklen Nerudas (in der \u00dcbersetzung von Erich Arendt, Katja-Hayek Arendt, Fritz Rudolf Fries, Fritz Vogelgsang, Monika Lopez, Tias, vgl. Bd. 3, S. 876, nicht S. 879!) als bekannteste Nachdichter\/innen Nerudas) wie auch in literaturhistorischen und literaturwissenschaftlichen Publikationen wie \u201eExilerfahrung und Literatur. Lateinamerikanische Autoren in Spanien\u201c (1990) oder \u201eKulturelle Heterogenit\u00e4t\u201c in Lateinamerika\u201c (1991) hat er den Nachweis erbracht, im deutschsprachigen Raum der renommierteste Herausgeber und Kommentator des chilenischen Nobelpreistr\u00e4gers zu sein.<\/div>\n<div class=\"field field-name-title\" style=\"text-align: justify;\">In der Ende 2009 erschienenen dreib\u00e4ndigen Ausgabe der Gedichte Nerudas, deren Copyright bei der Stiftung Pablo Neruda und f\u00fcr die deutsche Ausgabe beim Luchterhand Literaturverlag liegt, verzichtet der Herausgeber auf eine kurze Einf\u00fchrung in Leben und Werk. Stattdessen ist in jedem der vorliegenden B\u00e4nde nach dem Abdruck der Gedichtzyklen dieselbe Chronologie der wichtigsten Lebensabschnitte von Pablo Nerudas und der Publikation seiner bedeutendsten Werke abgedruckt. F\u00fcrchtete der Herausgeber, dass die in einem Schuber geb\u00fcndelten B\u00fccher nur \u201eEinzelband\u201c-Leser finden werden? Selbst wenn ein Leser nur zu einem Band greifen w\u00fcrde, er f\u00e4nde au\u00dfer der Auflistung von Namen und Orten, die in den lyrischen Texten auftauchen, keinerlei Hinweise auf die Entstehung der jeweiligen Zyklen und deren Einordnung in das Gesamtwerk des Chilenen. Es w\u00e4re deshalb empfehlenswert gewesen, an den Anfang des ersten Bandes eine fundierte Einf\u00fchrung in Leben und Werk von Pablo Neruda zu geben. Sie h\u00e4tte die mit Jahreszahlen versehenen, der Chronologie ihrer Entstehung nach abgedruckten Gedichtzyklen in thematische und poetologische Kontexte eingebettet. Mehr noch: sie h\u00e4tte wichtige Hinweise auf die dynamische dichterische Karriere von Neruda und die in ihr angelegte, oft r\u00e4tselhafte Widerspr\u00fcchlichkeit und zugleich erstaunliche Modernit\u00e4t geliefert.<\/div>\n<div class=\"field-name-body\">\n<p style=\"text-align: justify;\">Solche offensichtlichen L\u00fccken in der vorliegenden volumin\u00f6sen deutschsprachigen Ausgabe sind nur dann zu f\u00fcllen, wenn die Poetik dieses Werkes unter Verweis auf Schaffensphasen und Lebensabschnitte aufgezeigt wird. Damit w\u00fcrde auch der so breit gef\u00e4cherte Rezeptionsprozess f\u00fcr ein gr\u00f6\u00dferes Publikum durchsichtiger, das mit dem Namen des Nobelpreistr\u00e4gers und dessen Schaffen vor allem den Befreiungskampf der lateinamerikanischen V\u00f6lker verbindet. \u00dcber andere wesentliche Themen in dem so breit angelegten Werkes jedoch nur l\u00fcckenhaft informiert ist und deshalb im Stich gelassen wird bei der Zuordnung der Gedichte. So verweisen die Titel der Gedichtzyklen im Band I: <em>Balladen von den blauen Fenstern,\u00a0 Zwanzig Liebesgedichte, Der rasende Schleuderer, Aufenthalt auf Erden, Spanien im Herzen, Der Gro\u00dfe Gesang, Die Verse des Kapit\u00e4ns<\/em>, entstanden zwischen 1919 und 1952, auf eine breite Palette von Orten, historischen Ereignissen wie auch von Br\u00fcchen in der poetischen Erfassung von realen und fiktiven Gegenst\u00e4nden. Eine aufmerksame Lekt\u00fcre der beiden ersten Zyklen aus Nerudas Jugendzeit, den Balladen aus den Jahren 1919\/20 und den Liebesgedichten (1924), w\u00fcrde zum Beispiel bei deren vergleichender Bewertung den eklatanten Bruch in der poetischen Anlage feststellen, ohne die besondere Bedeutung der Liebesgedichte sowohl f\u00fcr das Werk als auch f\u00fcr die einsetzende weltweite Anerkennung der Neruda\u2019schen Dichtung zu erkennen. Einige Beispiele sollen die enge Verbindung von poetischer Eleganz, ideologischer Verengung, Empathie und Irrtum in der Dichtung des Meisters verdeutlichen. Die begeisterte Aufnahme des Zyklus \u201aSpanien im Herzen\u2019 (1936-45) in <em>Der Gro\u00dfe Schleuderer <\/em>mit der leidenschaftlichen Beschreibung des Kampfes der Republikaner gegen die Frankisten in <em>Madrid<\/em> 1936: \u201eMadrid, einsam und erhaben, Juli \u00fcberraschte \/ dich in deiner Fr\u00f6hlichkeit \/ einer bescheidenen Bienenwabe; hell war deine \/ Stra\u00dfe, \/ hell dein Traum. \/ Schwarzes R\u00fclpsen \/ von Gener\u00e4len, \/ eine Woge \/ w\u00fctender Soutanen \/ brach ihre Schlammfluten, ihre Fl\u00fcsse Schleims \/ an deinen Knien.\u201c (Bd. 1, S. 234; \u00dcbersetzung: Fritz Vogelgsang). Oder <em>Der Gro\u00dfe Gesang<\/em> aus dem Jahr 1950 mit der Anrufung der V\u00f6lker S\u00fcd- und Mittelamerikas. Zu diesem Zeitpunkt ist Neruda bereits stark von der kommunistischen Ideologie beeinflusst. In \u201aDie Str\u00f6me des Gesanges\u2019 widmet er sich dem Leiden des kubanischen Volkes, vergleicht dessen Freiheitsdrang mit dem erfolgreichen Kampf der Roten Armee in China: \u201eMiguel, fern vom Gef\u00e4ngnis von Osuna, fern \/ der Grausamkeit, f\u00fchrt Mao-Tse-tung \/ deine zerfetzte Poesie in den Kampf, \/ unserem Sieg entgegen. \/ Und Prag, von Leben brausend, \/ erbaut den s\u00fc\u00dfen Bienenstock, den du besungen.\u201c (Bd. I, S. 683, \u00dcbersetzung: Erich Arendt). Und unter dem Eindruck der Verleihung des Stalinpreises 1953 widmet er sich in <em>Die Trauben und der Wind<\/em> (1954) den gigantischen Umgestaltungspl\u00e4nen der eben entstandenen kommunistischen Regimes in Ost- und Ostmitteleuropa und den alten europ\u00e4ischen Kulturen, in \u201aDer Wind \u00fcber Asien\u2019 begeistert er sich an dem Aufmarsch der chinesischen Volksmassen in Peking im Antlitz von Mao, in \u201aWeit ist die neue Welt\u2019 besingt er die V\u00f6lker der Sowjetunion, betrauert den Tod des Genossen Stalin und lobt den Kommunismus: \u201eMensch sein! Das ist \/ das Stalinische Gesetz! \/ Kommunist sein ist schwer. \/ Man mu\u00df es werden lernen.\/ Kommunistischer Mensch sein \/ ist schwerer noch, \/ und man mu\u00df von Stalin lernen \/ diese heitere innere Kraft, \/ seine konkrete Klarheit, \/ seine Verachtung \/ des leeren Sch\u00f6n-Geredes\u2026 \/ Er ging ohne Umschweif daran, \/ den Knoten zu entwirren. (Bd. II, S. 119, \u00dcbersetzung: Erich Arendt).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und im gleichen Zeitraum die <em>Elementaren Oden<\/em> (1954), die <em>Neuen Elementaren Oden<\/em> (1956). Was f\u00fcr ein Feuerwerk poetischer Huldigung der Natur, welche wunderbaren Einblicke in G\u00e4rten, Felsenlandschaften, Meerestiefen, Oden auf Tiere, ber\u00fchmte Dichter und Farben! Ein Beispiel belegt seine einmalige Position als Naturdichter, der gleichsam alle Elemente miteinander zu verbinden wei\u00df: \u201eGro\u00dfer Bienenschwarm! \/Ein und aus fliegt er, \/aus dem Karminrot, dem Blau, \/ Dem Gelb, \/ der zartesten Zartheit der Welt: \/Einzieht er in \/ eine Blumenkrone \/ voll Hast, \/ Gesch\u00e4fte zu treiben, \/ und kommt hervor \/ mit goldenem Kleid \/ und einer Unzahl \/ gelblicher Stiefel.\u201c (Bd. II, S. 712, \u00dcbersetzung: Erich Arendt). Es geh\u00f6rt zu den wunderbaren Einsichten in die Dichtung Nerudas, dass in ihr der Naturbegriff einer Reihe von Wandlungen ausgesetzt war. Manuel Duran und Margery Safir haben in ihrer Monografie \u201eEarth Tones. The Poetry of Pablo Neruda\u201c (Bloomington 1981) f\u00fcnf Perioden herausgearbeitet. In der vierten Periode, die mit dem <em>Canto General<\/em> einsetzt, \u201esucht Neruda die Natur in ihrem Urzustand. Er versucht die anf\u00e4ngliche Unschuld wieder herzustellen, das verlorene Paradies, er taucht in die urzeitliche Welt, in der Pflanzen und Tiere erst im Begriff sind, zu entstehen. \u2026 In diesem Band definiert Neruda einen einzigartigen Zugang zur Natur: die Personifizierung der Natur, dann und wann ihre Mystifizierung, Naturpoesie als Erz\u00e4hlweise wie auch als Beschreibung.\u201c (S. 72)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und in der f\u00fcnfte Periode? In den sprachm\u00e4chtigen Zyklen <em>Memorial von Isla Negra<\/em> (1964), <em>Die H\u00e4nde des Tages<\/em> (1968), <em>Weltende<\/em> (1969), <em>Beben des Meeres<\/em> (1970) wie auch in den postum publizierten <em>Die abgeschnittene Rose<\/em> (1974) und <em>Das gelbe Herz<\/em> (1974), <em>Das Meer und die Glocken<\/em> (1974) wie auch sein kleiner hellsichtiger Zyklus <em>2000<\/em> (1974) sp\u00fcrt ein sensibler Neruda-Leser, wie der \u00fcber Jahrzehnte in seinem Werk entwickelte Evolutionsstrang der Natur abbricht und die intensive Betrachtung der einzelnen Elemente einsetzt. <em>Die Steine aus Chile<\/em>, <em>Der Gesang der V\u00f6gel<\/em> individualisieren sich, der brennpunktartige Blick auf die einzelnen poetisierten Gegenst\u00e4nde \u00f6ffnet die Perspektive auf einen urspr\u00fcnglichen Zustand der Welt vor der Erfindung der Buchstaben. In einer \u201eparadiesischen\u201c Welt also, in der nach Neruda die Poesie wie Brot war, das die Bauern sich mit den Gelehrten geteilt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Doch Pablo Neruda war auch, ungeachtet seiner zeitweiligen ideologischen Verblendung, ein gro\u00dfer weiser Dichter, der ein bitteres Res\u00fcmee von seinem Jahrhundert geliefert hat. In \u201aDie Masken\u2019 aus <em>2000 <\/em>(1974) sagt er: \u201eHabt Erbarmen mit diesen Jahrhunderten und mit \/denen die gl\u00fccklich \/ oder geschunden sie \u00fcberlebten; was wir nicht schafften, \/ war niemandes Schuld, es fehlte am Stahl, \/ wir verbrauchten ihn f\u00fcr so viel nutzlose Zerst\u00f6rung, \/ f\u00fcr die Bilanz besagt dies alles nichts: \/ Die Jahre litten an Pusteln und Kriegen, \/ hinf\u00e4llige Jahre, wo die Hoffnung \/ auf dem Grund der feindlichen Flaschen zitterte \/ \u2026 \/ ich sch\u00e4me mich, wir haben die Scheu von Witwern: es starb die Wahrheit, sie ist verwest in so vielen Gr\u00e4bern.\u201c (Bd. III, S. 677, \u00dcbersetzung Monika L\u00f3pez).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Sp\u00e4twerk ist ein F\u00fcllhorn der Weisheit, der Einsichten in die unerbittliche, grausame Geschichte, deren Zeuge Pablo Neruda auf drei Kontinenten war. Die in freien Rhythmen gestalteten Verse \u00f6ffnen Blicke auf Felder, auf denen die Sieger der Geschichte wechselnde Masken tragen und als gewissenlose \u201eVolksf\u00fchrer\u201c Millionen blindw\u00fctig in immer neue Ungl\u00fccke gest\u00fcrzt haben. Solche Erkenntnisse verdichten sich seit Mitte der 1960er Jahre, als Neruda als Mitglied der KP Chile einerseits den Befreiungskampf der Bauern und Arbeiter gegen das sp\u00e4tfeudalistische Regime im eigenen Land mit aller Kraft unterst\u00fctzt, andererseits die Repressionsmechanismen der kommunistischen Staaten in Europa immer deutlicher wahrnimmt. Auch aus diesem Grund unterscheiden sich die Gedichte <em>Ausgew\u00e4hlte M\u00e4ngel<\/em> (1974) aus dem Nachlass des Dichters von dem poetischen Werk der 1960er Jahre. Es sind ironisch-sarkastische, oft aphoristisch verk\u00fcrzte Gedanken, die gleichsam aus dem Jenseits die einstigen Zeitgenossen bewerten, ihre Torheiten noch einmal in den Blick nehmen, wie in \u201aHier muss ich durch\u2019: \u201e<em>Was f\u00fcr ein heiler, heilverhei\u00dfender Genosse! \/ Runde um Runde dreht er in der Arena \/ meiner Republik, und mir scheint, \/ das L\u00e4cheln m\u00fcsse ihm l\u00e4ngst vergangen sein, \/ vom Bretterpodest gefallen, vom Fahrrad, \/ auf den Stierkampfplatz, in den Weltkampfring, \/ gr\u00f6\u00dfer noch unter dem politischen Licht, \/ aber nein, keineswegs: immer der Unbeirrbare, \/ der Tadellose mit dem strahlendem Gebi\u00df<\/em>.\u201c (Bd. III, S. 836, \u00dcbersetzung: Monika L\u00f3pez).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das hier vorliegende Werk von Pablo Neruda, das keine Werkausgabe ist, pr\u00e4sentiert auf knapp 3000 Seiten ein bislang einmaliges Zeugnis einer sprachm\u00e4chtigen Dichtung, die das 20. Jahrhundert in all seiner Dynamik und Vielschichtigkeit, seinen Irrt\u00fcmern und Grausamkeiten erfasst. Die jedem Band beigef\u00fcgten Namen und Daten k\u00f6nnen deshalb nur ann\u00e4hernd die historischen Bedingungen und pers\u00f6nlichen Umst\u00e4nde verdeutlichen, die in den mehr als zwanzig Gedichtzyklen die wesentlichsten inhaltlichen Komponenten bilden. Doch sie bilden die St\u00fctzpfeiler, an denen sich Neruda-Leser orientieren k\u00f6nnen, wenn sie mit wachsender Empathie und Lust die meist ad\u00e4quat \u00fcbertragenen Verse rezitieren. Denn laut, mit leidenschaftlicher Gestik und Mimik sollten sie gelesen werden. Der Meister wird ihnen auf jeden Fall zuh\u00f6ren, wie er bereits in der Parodie auf einen K\u00e4mpfer andeutete: \u201e<em>Ich seh euch doch von hier oben, \/ lauft ja ganz t\u00e4ppisch ohne meine F\u00fc\u00dfe, \/ ohne meinen Ratschlag<\/em>.\u201c (Bd. III, S. 845, \u00dcbersetzung: Monika L\u00f3pez).<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Gedichte aus dem Nachlass<\/span><\/p>\n<\/div>\n<div class=\"field-name-body\">\n<p>Unter den zahlreichen Publikationen des Luchterhand Verlags aus der Sammlung Pablo Neruda spielt die vorliegende Ausgabe eine besondere Rolle bei dem Bem\u00fchen um eine angestrebte vollst\u00e4ndige Publikation aller Gedichte des chilenischen Nobelpreistr\u00e4gers. Dar\u00edo Oses, Leiter der Bibliothek und des Archivs der Fundaci\u00f3n Pablo Neruda in Santiago, begr\u00fcndet in der Einleitung zu den nachgelassenen Gedichten diesen Anspruch wie folgt. Die 1986 gegr\u00fcndete Fundaci\u00f3n widme sich der Aufgabe, die von der Witwe des Dichters Matilde Urrutias zusammengetragenen Manuskripte zu bewahren und zu sch\u00fctzen. Im Falle der hier erstmals\u00a0 ver\u00f6ffentlichten einundzwanzig Gedichte aus dem Nachlass von Neruda, die ihr bei der Durchsicht aller Manuskripte entgangen waren, handelt es um meist handgeschriebene Texte, die in verschiedenen Heften, auf Einzelbl\u00e4ttern und sogar auf einer Speisekarte entdeckt wurden. Alle Gedichte, die aus unterschiedlichen Jahren stammen, sind in einem ausf\u00fchrlichen Anhang beschrieben. F\u00fcnf Gedichte aus diesem Bestand, abgedruckt auf einem hellen ockerbraunen Hintergrund, schm\u00fccken als Faksimiles den eindrucksvoll gestalteten Gedichtband. Auff\u00e4llig ist dort der rasch dahineilende Duktus seiner Handschrift, die verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig geringen Streichungen und die wenigen Hervorhebungen von Worten, deren Etymologie auf Toponyme oder Choronyme verweisen. Die meisten Faksimiles bezeugen einen Gedankenstrom, der die metaphernreichen \u201eBilder\u201c scheinbar m\u00fchelos \u00fcber das Papier schweben l\u00e4sst. Verweisen solche Vermutungen auf das Bekenntnis des Dichters, viele seiner Poeme habe er seiner Matilde gewidmet? Schon der erste Blick auf den Text Nr. 1 best\u00e4tigt diese \u00fcberlieferte Aussage von Neruda.<\/p>\n<p>Deine F\u00fc\u00dfe fasse ich im Schatten, deine H\u00e4nde im Licht, \/ und im Flug leiten mich deine Adleraugen \/ Matilde, die K\u00fcsse, die dein Mund mich lehrte,\/ lehrten meine Lippen das Feuer.\/ \u2026 \/ als ich meine Ohren an deine Br\u00fcste legte, \/ verk\u00fcndete mein Blut* deine araukanische Silbe.\u201c (S. 15)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Zeichen * erf\u00e4hrt an dieser Stelle die Anmerkung <em>unlesbar<\/em>. Das laut Kommentar zwischen 1959 und 1960 entstandene Liebesgedicht enth\u00e4lt leider keinen deutenden Verweis auf die \u201earaukanische Silbe\u201c, die auf eine balladenartige Dichtung der spanischen Renaissancezeit anspielt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Den ersten sechs Gedichte, die das Merkmal \u201aLiebesgedichte\u2018 tragen, folgen \u201eandere Gedichte\u201c, in denen unterschiedliche Topoi auftauchen. Sie sind unter anderen einem jungen Dichter gewidmet, warnen vor den leeren Eitelkeiten, mit denen auch reife Dichter \u00fcberh\u00e4uft werden, enthalten poetologische Reflexionen, setzen sich mit der \u00fcberbordenden Reiselust der reichen Chilenen und dem Verzicht der armen Landsleute auf ferne L\u00e4nder auseinander. Sie poetisieren sogar nach der Nachricht von den ersten Weltraumfl\u00fcgen sowjetischer Kosmonauten den \u201ereinen Weltraum \/ zwischen den Sternen, fein und feucht\u201c (S. 76).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Gedichte 8 bis 12 geh\u00f6ren in den Bereich der vielf\u00e4ltigen, umfangreichen Oden-Dichtung, die Nerudas Ruhm begr\u00fcndet hat. Sie erfassen ausgew\u00e4hlte Augenblicke, in denen Naturelemente ihre Pracht entfalten. Dazu geh\u00f6rt auch die Apotheose auf menschliche sichtbare Organe wie im Gedicht Nr. 10: <em>\u201eWundervolles Ohr, \/doppelter \/ Schmetterling \/ h\u00f6re \/ dein Lob\/\u2026\u201c<\/em> (S. 47). Oder das Gedicht Nr. 14, in dem das lyrische Ich von einem Pflanzenpferd spricht, von dem sich die \u201ewohlerzogenen Leute\u201c nicht rechtzeitig verabschieden, weil \u201e<em>der Mensch ist besch\u00e4ftigt heute \/ betrachtet nicht den tiefen Wald\/\u201c<\/em> (S. 55).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das einzige mit einem Titel versehene Gedicht \u201eAn die Anden\u201c widmet sich der bizarren Bergwelt rund um den Aconcagua, dem h\u00f6chsten Gipfel in S\u00fcdamerika, beklagt den Trauerflug der Kondore, singt aber auch ein Loblied auf die Chilenen, die im Fr\u00fchlingserwachen auch ihren nationalen Stolz wieder finden. Die zu Beginn der 1950er Jahre entstandene elementare Ode greift, wie Dar\u00edo Oses betont, die wiederholt im Werk Neruda auftretenden Themen wie Berglandschaft, Bergbau und die Insel Isla Negra auf. Sie zeugen nicht nur von der Vielseitigkeit seines Schaffens, sondern auch von dem klassenbewussten Engagement f\u00fcr die \u00c4rmsten unter den Chilenen. Dieser wesentliche Aspekt seines dichterischen Schaffens kommt in den nachgelassenen Gedichten kaum zum Tragen. M\u00f6glicherweise aber sind solche Texte w\u00e4hrend der Durchsuchung seines Domizils auf der Isla Negra zu Beginn des Milit\u00e4rputsches gegen Pr\u00e4sident Allende in den Septembertagen des Jahres 1973 beschlagnahmt und sp\u00e4ter vernichtet worden. Eine solche These von der gezielten Vernichtung bestimmter Aspekte des dichterischen Werkes w\u00fcrde auch auf die offizielle Stellungnahme der Milit\u00e4rjunta \u00fcber die Todesursache des Dichters verweisen. Pablo Neruda sei an Prostatakrebs gestorben. Eine Diagnose, die in den Oktobertagen des Jahres 2017 durch eine internationale \u00c4rztegruppe widerlegt worden ist. Ihr Untersuchungsergebnis enth\u00e4lt einen eindeutigen Befund: Der Literaturnobelpreistr\u00e4ger des Jahres 1971 ist w\u00e4hrend seines Krankenhausaufenthaltes im September 1973 vergiftet worden. Die auf der Originalausgabe Barcelona 2014 \u201eTus pies toco en la sombra\u201c beruhende deutschsprachige \u00dcbertragung der Gedichte von Susanne Lange wie auch die Einf\u00fchrung in das schwierige Feld der Quellensuche und die Bewahrung des wertvollen dichterischen Erbes durch den Leiter des Archivs der Fundaci\u00f3n enthalten noch keinen Hinweis auf diese \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde bei der Rettung von Manuskripten. Eine Feststellung, die m\u00f6glicherweise in der nahen Zukunft durch weitere faits accomplis korrigiert wird. Auf jeden Fall liegt mit dem ornamental gestalteten und durch Faksimiles dokumentierten Band ein weiteres Zeugnis f\u00fcr die poetische Meisterschaft aus dem Nachlass von Neruda vor, dessen Gedichte von der Nachdichterin Susanne Lange getreu und mit viel Empathie \u00fcbertragen worden sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-autor\"><span class=\"field-content\"><strong>Die Gedichte \/ Band 1-3<\/strong> von\u00a0<\/span><span class=\"field-content\">Pablo Neruda<\/span> <\/span> \u00b7 <span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-herausgeber\"> <span class=\"field-content\">Karsten Garscha (Hg.),\u00a0<\/span><\/span>\u00dcbersetzer: Erich Arendt, Katja Hajek-Arendt, Stephan Hermlin, Monika L\u00f3pez.\u00a0Luchterhand<span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-jahr\"> <span class=\"field-content\">2009<\/span> <\/span> \u00b7 <span class=\"views-field views-field-field-buch-medium-umfang\"> <span class=\"field-content\">2928 Seiten<\/span><\/span><\/p>\n<p class=\"hide-if-no-js\" style=\"text-align: justify;\"><a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44958&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Cover.jpg\" sizes=\"auto, (max-width: 168px) 100vw, 168px\" srcset=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Cover.jpg 316w, http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/Cover-190x300.jpg 190w\" alt=\"\" width=\"168\" height=\"266\" \/><\/a><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192 <\/strong>Die Redaktion blieb seit 1989 zum lyrischen Mainstream stets in <em><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1989\/01\/05\/lyrik-als-seismograph-an-der-epochenschwelle\/\">\u00c4quidistanz<\/a><\/em>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>\u2192<\/strong> 1995 betrachteten wir die Lyrik vor dem Hintergrund der Mediengeschichte als <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/1995\/01\/02\/laboratorium-der-poesie\/\"><em>Laboratorium der Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2005 vertieften wir die Medienbetrachtung mit dem Schwerpunkt <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2005\/01\/02\/transmediale-poesie\/\"><em>Transmediale Poesie<\/em><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 2015 fragen wir uns in der <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2015\/01\/02\/poetologische-positionsbestimmung\/\"><em>Minima poetica<\/em><\/a> wie man mit Elementarteilchen die Gattung Lyrik neu zusammensetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u2192 Lyrik lotet das Verh\u00e4ltnis zwischen dem Fremden und dem Eigenen aus. Ein Wort steht nie f\u00fcr sich allein, durch eine <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2024\/01\/01\/ein-leben-ohne-poesie-waere-moeglich-jedoch-sinnlos\/\">vielperspektivische Sicht<\/a> werden immer auch andere Begriffe einbezogen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In welcher Sprache f\u00e4llt der Regen auf kummergewohnte St\u00e4dte? Pablo Neruda Das dichterische Werk von Pablo Neruda hat in seiner thematischen und poetischen Vielschichtigkeit, \u00e4sthetischen Anziehungskraft und ideologisch-politischen Widerspr\u00fcchlichkeit weltweit hohe Anerkennung in dutzenden Sprachen gefunden. Im deutschsprachigen Raum hat&hellip;<\/p>\n<p class=\"more-link-p\"><a class=\"more-link\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2009\/09\/23\/gedichte-von-pablo-neruda\/\">Read more &rarr;<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":88,"featured_media":98673,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2093,1158],"class_list":["post-44958","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-literatur","tag-pablo-neruda","tag-wolfgang-schlott"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44958","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/users\/88"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=44958"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44958\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":106455,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/44958\/revisions\/106455"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media\/98673"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=44958"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=44958"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=44958"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}