{"id":44903,"date":"2017-11-13T14:02:47","date_gmt":"2017-11-13T13:02:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44903"},"modified":"2017-11-13T14:21:36","modified_gmt":"2017-11-13T13:21:36","slug":"notizen-svendborg-sommer-1934","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/11\/13\/notizen-svendborg-sommer-1934\/","title":{"rendered":"Notizen Svendborg Sommer 1934"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: right;\"><em><span style=\"color: #999999;\">Die Freundschaft Benjamin\u2013Brecht ist einzigartig, weil in ihr der gr\u00f6\u00dfte lebende deutsche Dichter mit dem bedeutendsten Kritiker der Zeit zusammenkam. Und es spricht f\u00fcr beide, dass sie dies wussten<\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><span style=\"color: #999999;\">Hannah Arendt<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Langes Gespr\u00e4ch in Brechts Krankenzimmer in Svendborg, gestern, kreiste um meinen Aufsatz <a href=\"https:\/\/www.texturen-online.net\/methodik\/benjamin\/autor-als-produzent\/\">Der Autor als Produzent<\/a>. Die darin entwickelte Theorie, ein entscheidendes Kriterium einer revolution\u00e4ren Funktion der Literatur liege im Ma\u00dfe der technischen Fortschritte, die auf eine Umfunktionierung der Kunstformen und damit der geistigen Produktionsmittel hinauslaufen, wollte Brecht nur f\u00fcr einen einzigen Typus gelten lassen \u2013 den des gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Schriftstellers, dem er sich selber zuz\u00e4hlt. \u00bbDieser\u00ab, sagte er, \u00bbist in der Tat an einem Punkt mit den Interessen des Proletariats solidarisch: am Punkt der Fortentwicklung seiner Produktionsmittel. Indem er es aber an diesem einen Punkte ist, ist er an diesem Punkt, als Produzent, proletarisiert, und zwar restlos. Diese restlose Proletarisierung an einem Punkt macht ihn aber auf\u00a0der ganzen Linie mit dem Proletariat solidarisch.\u00ab Meine Kritik der proletarischen Schriftsteller Becherscher Observanz fand Brecht zu abstrakt. Er suchte sie durch eine Analyse zu verbessern, die er von dem Gedicht Bechers gab, das in einer der letzten Nummern einer der offiziellen proletarischen Literaturzeitschriften unter dem Titel \u00bbIch sage ganz offen &#8230;\u00ab abgedruckt war. Brecht verglich es einerseits mit seinem Lehrgedicht \u00fcber die Schauspielkunst f\u00fcr Carola Neher. Andererseits mit dem Bateau Ivre. \u00bbCarola Neher habe ich ja verschiedenes beigebracht\u00ab, sagte er. \u00bbSie hat nicht nur gelernt zu spielen; sie hat bei mir z.B. gelernt, wie man sich w\u00e4scht. Sie wusch sich n\u00e4mlich, um nicht mehr dreckig zu sein. Das kam ja garnicht in Frage. Ich habe ihr beigebracht, wie man sich das Gesicht w\u00e4scht. Sie hat es darin dann zu solcher Vollendung gebracht, da\u00df ich sie dabei filmen wollte. Aber das kam nicht zustande, weil ich damals nicht filmen wollte und vor jemand anderm wollte sie es nicht machen. Dieses Lehrgedicht war ein Modell. Jeder Lernende war bestimmt, an die Stelle seines \u203aIch\u2039 zu treten. Wenn Becher \u203aIch\u2039 sagt, dann h\u00e4lt er sich \u2013 als Pr\u00e4sidenten der Vereinigung proletarisch-revolution\u00e4rer Schriftsteller Deutschlands \u2013 f\u00fcr vorbildlich. Nur hat niemand Lust, es ihm nachzutun. Man entnimmt einfach, da\u00df er mit sich zufrieden ist.\u00ab Brecht sagt bei dieser Gelegenheit, da\u00df er seit langem die Absicht hat, eine Anzahl von solchen Modellgedichten f\u00fcr verschiedene Berufe \u2013 den Ingenieur, den Schriftsteller \u2013 zu schreiben. \u2013 Auf der andern Seite vergleicht Brecht Bechers Gedicht mit dem von Rimbaud. In diesem, meint er, h\u00e4tten auch Marx und Lenin \u2013 wenn sie es gelesen h\u00e4tten \u2013 die gro\u00dfe geschichtliche Bewegung gesp\u00fcrt, von der es ein Ausdruck ist. Sie h\u00e4tten sehr wohl erkannt, da\u00df darin nicht der exzentrische Spaziergang eines Mannes beschrieben wird, sondern die Flucht, das Vagabondieren eines Menschen, der es in den Schranken der Klasse nicht mehr aush\u00e4lt, die \u2013 mit dem Krimkrieg, mit dem mexikanischen Abenteuer \u2013 beginnt auch die exotischen Erdstriche ihren merkantilen Interessen zu erschlie\u00dfen. Die Geste des ungebundenen, dem Zufall seine Sache anheimstellenden, der Gesellschaft den R\u00fccken kehrenden Vagabunden in der modellgerechten Darstellung eines proletarischen K\u00e4mpfers aufzunehmen, sei ein Ding der Unm\u00f6glichkeit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Benjami<a id=\"set-post-thumbnail\" class=\"thickbox\" href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-admin\/media-upload.php?post_id=44903&amp;type=image&amp;TB_iframe=1\" aria-describedby=\"set-post-thumbnail-desc\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"attachment-266x266 size-266x266 alignleft\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/42083.jpg\" alt=\"\" width=\"180\" height=\"266\" \/><\/a>ns Essay <em>Der Autor als Produzent<\/em> l\u00e4sst sich im Zuge der Debatten wiederlesen, ob das Web 2.0 wirklich mehr Partizipation m\u00f6glich macht. Auch Brecht habe den Standpunkt vertreten, \u201eMedienkonsument_innen sollten zu Produzent_innen werden. Die Produzent_innen sollten sich demnach das Medium \u2013 damals noch das Radio \u2013 aneignen und ihre eigene Meinung verbreiten. Die proletarische Partizipation lie\u00df auf Ver\u00e4nderung der vorherrschenden Meinungen und eine Teilhabe der Minderheiten an der Mitgestaltung der \u00d6ffentlichen Meinung hoffen\u201c, so Deborah Schmidt in ihrem Beitrag zu feministischen \u00d6ffentlichkeiten im Web 2.0 von 2011. Ein Mehr an Partizipationsm\u00f6glichkeiten habe allerdings nicht automatisch zur Folge, \u201edass alle die gleichen Zugangsvoraussetzungen haben und schon gar nicht, dass diese Partizipation emanzipatorischer ist und gesellschaftskritischer mit Inhalten umgeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Akademie der K\u00fcnste in Berlin zeigt unter dem Titel <strong>Denken in Extremen<\/strong> eine Ausstellung \u00fcber Walter Benjamin und Bertolt Brecht. Bis 28. Januar 2018<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Freundschaft Benjamin\u2013Brecht ist einzigartig, weil in ihr der gr\u00f6\u00dfte lebende deutsche Dichter mit dem bedeutendsten Kritiker der Zeit zusammenkam. 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