{"id":44729,"date":"2018-05-29T00:01:11","date_gmt":"2018-05-28T22:01:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44729"},"modified":"2022-02-23T13:24:03","modified_gmt":"2022-02-23T12:24:03","slug":"ausfluege-ins-unergruendliche-leben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2018\/05\/29\/ausfluege-ins-unergruendliche-leben\/","title":{"rendered":"Ausfl\u00fcge ins unergr\u00fcndliche Leben"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Feuer glimmen. Silben stieben auf. S\u00e4tze w\u00e4rmen mit ihren imagin\u00e4ren Bildern, die sich im Leser ausbreiten wollen. Denn nicht anders entsteht Lyrik. Der Dichter legt nur Scheite auf, h\u00e4lt die Flammen wach. Dr\u00fcckt sie wieder nieder, spr\u00fcht K\u00fchle, l\u00e4sst uns zuweilen starr zur\u00fcck. Um schon auf der \u00fcbern\u00e4chsten Seite wieder soviel Luft ins Wortfeuer zu geben, dass die Glut erneut zum Lodern kommt, Gesang sich ausbreiten kann, Rhythmus kr\u00e4ftig schl\u00e4gt, eine Stimme uns mitnimmt ins Helle: Andr\u00e9 Schinkels eindr\u00fcckliche Stimme. Bodenkunde. Einmal Mitteldeutschland durchgraben bitte. Luftfunde. Hab ich das je so betrachten k\u00f6nnen? Schattenschauspiel. Wer spielt wen. Ein Furiosum in 77 Teilen. Wer dieses Buch auf einen Ritt liest, wird atemlos zur\u00fcckbleiben. Wer sich Zeit l\u00e4sst zum Zur\u00fcckkehren, wird aus der Tiefe immer wieder ans Licht zur\u00fcck finden. Auf dem Weg von Liebe, die\u00a0 wie \u201edas Wehen verlassener Spinnennetze im Hinterhofviereck\u201c ist, bis zum Lob der Liebsten als \u201eLilie aus Lodern und Schnee\u201c.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Bodenkunde? Der Hallenser Dichter, im Vorberuf wirklich Arch\u00e4ologe, gr\u00e4bt in seinem neuen Gedichtband dem Leben nach. Nicht alles, was er findet, kann er deuten, kann er ordnen, mag er sich ins Innere nehmen. Denn da bleibt auch der \u201eGeschmack unserer Schuld auf der Haut\u201c. Noch einmal aufsteigen l\u00e4sst er die \u201eRosenk\u00e4fer im Wind der Verdammnis\u201c, Bilder, die weiter greifen, als der Verstand bereit ist, mitzugehn. Sich zur\u00fcckzieht, einzig den Klang noch schwingen l\u00e4sst. Das Schwebende, Schwingende aber ist rar in diesem Band, der Gedichte aus zehn Jahren versammelt. Ausfl\u00fcge werden zur inneren Einkehr. Von Sepien singt Schinkel, jenen merkw\u00fcrdigen Meerwesen, die ihre Farbe ihrem Gem\u00fctszustand anpassen k\u00f6nnen, ihrem Beutedrang. Deren Form nicht Fisch noch Krake gleicht, die gleichsam Unterwasserzwitterwesen sind, wie wir vielleicht unbeabsichtigt an Land, mit K\u00f6rpern, zum Verfall bestimmt, und Seelen, die sich selbst nur schwer erkennen k\u00f6nnen. Diese Texte z\u00e4hlen zu den intensivsten in diesem Band, weil sie das Ich in Bezug setzen zu anderer Kreatur, Grenzen zu verwischen trachten, Alp und Traum als Ma\u00dfe setzen f\u00fcr den eignen Tag. Und die eigene unb\u00e4ndige Liebessehnsucht, deren Erf\u00fcllung so selten gelingt \u2013 und vielleicht das Ende der Dichtung bedeutet.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Landschaft spielt hinein in Schinkels \u201eBodenkunde\u201c. Neunseenland vor den Toren, der Brocken. Kohle gebendes Schwarzland: ihm gewinnt er ein \u201eMooreichenlied\u201c ab. Im M\u00e4rkischen ist er auf der Suche nach dem \u201eTestton des Alls\u201c. Wer hat den bisher vernommen? B\u00f6rdelicht, unter dem selbst die Lerchen im Schlussangebot sind. Und dazwischen immer wieder der Einbruch der Zeit. \u201eHerbst, das Knacken der Haut wiederholt sich\u201c, hei\u00dft es in \u201eNovember VI\u201c. Mythen brechen ins Licht, schwer zu entziffern, zu vermuten nur, woher sie sich aufgemacht haben, vielleicht von \u201eden minotaurischen Weiden\u201c. Ist das das Leben? Bodenkunde: wer sieht, wo wir stehen, noch so viel wie der Dichter Andr\u00e9 Schinkel. Wer setzt der Liebe noch solche Denkm\u00e4ler wie \u201eDie D\u00fcnung des Leibs\u201c. Und dem Freunde Erinnerung wie in \u201eSostenuto f\u00fcr Wolfgang Hilbig\u201c. Schon allein dieses St\u00fcck Text-Musik macht Schinkels \u201eBodenkunde\u201c zum Ereignis. Ein Ereignis, auf das sich der Leser einlassen muss. Das ihn in den Bann zu ziehen vermag, anzieht, abst\u00f6\u00dft, ratlos zur\u00fcckl\u00e4sst, gro\u00df und sicher macht, klein und dem\u00fctig: Sprache, mit dem Boden eins, aus dem sie kommt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Bodenkunde<\/strong>, Gedichte von Andr\u00e9 Schinkel, Mitteldeutscher Verlag Halle 2017<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/cover-bodenkunde.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-44733 size-medium\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/cover-bodenkunde-197x300.jpg\" alt=\"\" width=\"197\" height=\"300\" \/><\/a><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das KUNO-Portr\u00e4t des Lyrikers\u00a0<a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=15175\">Andr\u00e9 Schinkel.<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Poesie ist ein identit\u00e4tsstiftende Element unsrer Kultur, lesen Sie auch KUNOs <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=25630\">poetologische Positionsbestimmung<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Feuer glimmen. 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