{"id":44698,"date":"2017-10-28T00:01:31","date_gmt":"2017-10-27T22:01:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=44698"},"modified":"2021-09-13T15:01:03","modified_gmt":"2021-09-13T13:01:03","slug":"mach-dein-ding-aber-pass-dich-an","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/2017\/10\/28\/mach-dein-ding-aber-pass-dich-an\/","title":{"rendered":"Mach Dein Ding! \u2013 Aber pass\u2018 Dich an!"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Gestern stolperte ich \u00fcber einen Beitrag auf <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/musik\/2017-10\/der-preis-der-anna-lena-schnabel-jan-baeumer-film\/komplettansicht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">DIE ZEIT online<\/a>, der mich gleicherma\u00dfen zornig und nachdenklich machte. Da erh\u00e4lt die junge Saxophonistin Anna Lena Schnabel den Preis \u201eECHO Jazz\u201c in der Kategorie \u201eNewcomer\u201c. Und der veranstaltende Sender NDR teilt ihr mit, sie solle auf der Preisverleihung mit TV-\u00dcbertragung keine Eigenkomposition spielen, sondern eine Fremdkomposition, die sich \u2013 als einzige Coverversion \u2013 ebenfalls auf ihrem neuen preisw\u00fcrdigen Album befindet. In der Begr\u00fcndung des Senders f\u00fcr diese Anweisung hei\u00dft es sinngem\u00e4\u00df, die Eigenkompositionen der Saxophonistin seien nicht so \u201egef\u00e4llig\u201c, sie m\u00fcsse daher kompromissbereit sein, dies sei ein Zugest\u00e4ndnis an das breitere TV-Publikum. Dies geschah im Juni 2017 in Hamburg.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Anlass f\u00fcr den Beitrag auf DIE ZEIT online ist eine jetzt von ZDF\/3sat ver\u00f6ffentlichte <a href=\"http:\/\/www.3sat.de\/mediathek\/?mode=play&amp;obj=69548\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">dreiviertelst\u00fcndige, gro\u00dfartig gemachte Dokumentation<\/a>,<span id=\"more-1845\"><\/span> die den gesamten Hergang der ECHO-Preisverleihung aus unterschiedlichen Blickwinkeln schildert. Neben der Musikerin selbst kommen sehr viele Beteiligte zu Wort, so dass sich ein recht rundes Bild ergibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Es spricht f\u00fcr die Musikerin Anna Lena Schnabel, ihr Standing, ihre Ehrlichkeit, ihre Pers\u00f6nlichkeit, dass sie tats\u00e4chlich \u00fcberlegt hat, unter diesen Umst\u00e4nden \u2013 n\u00e4mlich nicht ihre eigene Musik pr\u00e4sentieren zu d\u00fcrfen \u2013 den Preis abzulehnen, dann aber doch diesen Kompromiss eingegangen ist. Den inneren Konflikt sch\u00e4lt der Beitrag gut heraus.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dieses Beispiel aus dem f\u00fcr viele vielleicht randst\u00e4ndigen Thema \u201ePreisverleihung ECHO Jazz\u201c ging mir richtig nahe. Und das nicht nur, weil Jazzmusiker grunds\u00e4tzlich einen Sympathiebonus bei mir haben. Bin ich ein Jazz-Fan? Ja vielleicht, ich mag dort so Einiges, aber ein Purist bin ich nicht. Es gibt da noch z.B. Klassik, Metal und Anderes. Dennoch wei\u00df ich z.B. um den stilbildenden Einflu\u00df von John Coltrane, Miles Davis oder Keith Jarrett, und \u201eWinterschladen\u201c ist f\u00fcr mich kein Pudding, sondern ein gro\u00dfartiger Trompeter (<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Reiner_Winterschladen\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Reiner Winterschladen<\/a>).<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das scheint mir ein Symptom f\u00fcr unsere Zeit zu sein, die sich entwickelnde postindustrielle Gesellschaft, mit ihrer Aufmerksamkeits\u00f6konomie und dem kapitalistisch-informationstechnologischen Komplex \u2013 in der die Anbetung von Einschaltquoten und Clickrates das erste Gebot ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Auf der einen Seite hei\u00dft es von vielen Publizisten und Politikern \u2013 auch gern als Antwort auf Gleichschaltung und die \u201eVolksmythen\u201c und \u201e-vorstellungen\u201c der AfD genommen \u2013 wir seien eine Gesellschaft der Vielfalt und Toleranz, Vielfalt sei unsere St\u00e4rke. Von Plakatw\u00e4nden und aus Imagewerbungen f\u00fcr Produkte und Dienstleistungen schallt es fast gleichgeschaltet in einem fort, bis es einem zu den Ohren rauskommt, und meist an junge Leute adressiert, \u201eSei Du selbst!\u201c \u2013 \u201eSei individuell!\u201c \u2013 \u201eMach\u2018 Dein Ding!\u201c \u2013 und \u201eGr\u00fcnde \u2013 vrdmmt nch ml \u2013 ein StartUp!\u201c \u2013 \u201eDu kannst ein Gewinner sein!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Aufmerksamkeits\u00f6konomie produziert wenn nicht unmittelbar Gleichschaltung so doch kulturelle Verarmung. Und das gilt nicht nur f\u00fcr den Jazz oder Musik im Allgemeinen. Das Ph\u00e4nomen haben kennen wir auch aus der Literatur. Und es kann auch in der Wissenschaftsszene gefunden werden, z.B. an Lehrst\u00fchlen f\u00fcr Volkswirtschaft oder Philosophie, um nur zwei Bereiche zu nennen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eMainstream\u201c und \u201emassenkompatibel\u201c sind hier die von der Aufmerksamkeits\u00f6konomie eingeforderten Soll-Attribute.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und es hat etwas eklig Skandal\u00f6ses, wenn gerade eine \u00f6ffentlich-rechtliche Sendeanstalt mit ihren Kultur- und Bildungsauftr\u00e4gen eine Preistr\u00e4gerin ausdr\u00fccklich! n\u00f6tigt, sich anzupassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Man muss doch Kompromisse machen! So ist das Leben! Aus dem preisgekr\u00f6nten \u201eMach\u2018 Dein Ding!\u201c wird so ein \u201ePass\u2018 Dich an!\u201c \u2013 Man kann es drehen und wenden, wie man will, das ist verlogen und produziert zus\u00e4tzlich bei den Betroffenen eine Schere im Kopf.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\u201eSei \u2013 im Jazz mehr oder weniger \u2013 massenkompatibel!\u201c Ich bin selbst auch nicht massenkompatibel, ich will es gar nicht sein und solidarisiere mich mit der Jazzmusikerin. (Sorry Helene Fischer, ich kenne Dich nicht pers\u00f6nlich, aber bei Deiner Musik muss ich kotzen.)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Und ja Sascha Lobo, Du fragtest unl\u00e4ngst in <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/netzwelt\/web\/woran-die-medien-wirklich-schuld-sind-sascha-lobo-kolumne-a-1173504.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Deiner Kolumne auf SPIEGEL Online<\/a>, ob und woran \u201edie Medien\u201c wirklich schuld sind. Meine Antwort, ja, sie sind wirklich \u201eschuld\u201c, manchmal. Und dass ich das mit meinen GEZ-Geb\u00fchren auch noch bezahle, macht es nicht besser.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das Beispiel Anna Lena Schnabel kann direkt in Beziehung gesetzt werden auf einen grunds\u00e4tzlichen Aspekt der Kulturkrise im postindustriellen Kapitalismus, auf den schon der Soziologe Daniel Bell hingewiesen hat.<\/p>\n<p>\u201eF\u00fcr die westliche, die kapitalistische Welt mag eine solche Entwicklung, um mit Habermas zu sprechen, zu einer \u201eMotivationskrise\u201c f\u00fchren. Meiner Meinung nach jedoch kommt hier noch ein umfassenderer Aspekt ins Spiel, eine \u201eKulturkrise\u201c, die sich allein aus der Tatsache ergibt, da\u00df durch die axialen Prinzipien der Wirtschaft Effizienz und funktionale Rationalit\u00e4t* betont und die Menschen auf Rollen und ihre Eignung daf\u00fcr festgenagelt werden sollen, w\u00e4hrend die Kultur Selbstverwirklichung und Selbstgenu\u00df fordert und sich dadurch in direkten Widerspruch zur techno-\u00f6konomischen Ordnung begibt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">*Effizienz und funktionale Rationalit\u00e4t, hier interpretierbar als die Anforderungen der Aufmerksamkeits\u00f6konomie, des Senders NDR an die Musikerin \u2013 im Gegensatz zum Versprechen der Selbstverwirklichung.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dennoch, habt Spa\u00df, und genie\u00dft mal wieder Musik, es muss ja nicht Mainstream sein.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">***<\/p>\n<h5><a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Trans.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-44220\" src=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/Trans.jpeg\" alt=\"\" width=\"200\" height=\"284\" \/><\/a>Weiterf\u00fchrend \u2192<\/h5>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\"><strong>TRANS-<\/strong> \u2026 Reflexionen \u00fcber Menschen, Medien, Netze und Maschinen, von Joachim Paul ist als ebook erschienen \u2013 nicht im epub-Format, sondern als pdf-Datei, die mit jedem g\u00e4ngigen pdf-f\u00e4higen Reader zu \u00f6ffnen ist \u2013 zu beziehen <a title=\"Link zum ebook-Shop von epubli\" href=\"http:\/\/www.epubli.de\/shop\/buch\/TRANS--Joachim-Paul\/29552\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier bei epubli<\/a>, exklusiv. Von einem Angebot auf anderen Verkaufsplattformen wurde abgesehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Totholz-Variante gibt es weiterhin, hier: <a title=\"Link zum Shop f\u00fcr die Totholz-Version\" href=\"http:\/\/www.epubli.de\/shop\/buch\/TRANS--Joachim-Paul-9783844255027\/27457\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">TRANS- als klassisches Buch<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Lesen Sie auch das Portr\u00e4t von Joachim Paul \u2192 <a href=\"http:\/\/www.editiondaslabor.de\/blog\/?p=16147\">Ein Pirat entert das Denken<\/a><\/p>\n<hr \/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Quellen:<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Beitrag in DIE ZEIT online, <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/musik\/2017-10\/der-preis-der-anna-lena-schnabel-jan-baeumer-film\/komplettansicht\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">hier<\/a>. Die <a href=\"http:\/\/www.3sat.de\/mediathek\/?mode=play&amp;obj=69548\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Doku<\/a> verbleibt etwa ein Jahr in der Mediathek von 3sat \u2026 (toll!)<br \/>\nAch ja, unbedingt nach \u201eAnna Lena Schnabel\u201c suchen, auch auf youtube wird man f\u00fcndig.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Quelle:<br \/>\nBell, Daniel; Die nachindustrielle Gesellschaft, orig.: The Coming of Post-Industrial Society \u2013 A Venture in Social Forecasting, New York 1973; Dt. Frankfurt\/ New York, 1975, S. 16f<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Gestern stolperte ich \u00fcber einen Beitrag auf DIE ZEIT online, der mich gleicherma\u00dfen zornig und nachdenklich machte. Da erh\u00e4lt die junge Saxophonistin Anna Lena Schnabel den Preis \u201eECHO Jazz\u201c in der Kategorie \u201eNewcomer\u201c. 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